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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 109
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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13.

Lewin ging mit großen Schritten die Landstraße entlang, weniger seinen Gedanken Gehör gebend – er vermochte noch nicht, sie zu sichten – als mit seinem Seelenzustand beschäftigt, der jetzt so war, wie er ihn noch nie an sich kennen gelernt hatte.

Die Worte, die ihm von dem Bauern gesagt worden waren, brachten in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervor, der plötzlich erscheint, zusammengesetzt aus einer ganzen Schar gesonderter, unkräftiger Gedanken, die nicht aufhörten, ihn zu beschäftigen. Diese Gedanken hatten ihn, ohne daß er es merkte, schon während der Zeit, als er von dem Landverkauf sprach, beschäftigt.

Er fühlte in seiner Seele etwas Neues und empfand dieses Neue mit Befriedigung, doch ohne zu wissen, was es sei.

»Nicht für meine Notdurft allein soll ich leben, sondern für Gott. Für welchen Gott? Kann man etwas Unsinnigeres äußern, als das, was Fjodor sagte? Er sagte, man müsse nicht nur für seine Bedürfnisse leben, das heißt, für das, was wir verstehen, wozu wir Neigung empfinden, wonach uns verlangt, sondern für etwas Unbegreifliches, für einen Gott, den niemand begreifen, oder bezeichnen kann. Und was will ich? Habe ich die sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Wenn ich sie verstanden habe, zweifle ich denn an ihrer Richtigkeit? Habe ich sie thöricht, unklar und ungenau gefunden? Nein, ich habe ihn verstanden, und vollkommen so, wie er selbst versteht; er hat vollständig, und klarer verstanden, als ich Etwas im Leben verstehe, und nie im Leben habe ich daran gezweifelt, werde ich daran zweifeln können. Nicht ich allein aber, sondern jedermann, die ganze Welt, erkennt dieses Eine völlig und zweifelt nicht daran und ist damit einverstanden. Aber ich suchte Wunder, ich habe es beklagt, daß ich kein Wunder sah, welches mich überzeugte. Ein materielles Wunder hätte mich gelockt. Aber es giebt ja ein Wunder, das einzig mögliche, immerwährend vorhandene, mich von allen Seiten umgebende – und ich habe das nicht bemerkt! Fjodor sagt, daß Kiriloff nur für seinen Bauch lebt. Dies ist begreiflich und verständig. Wir alle, als vernünftige Wesen, können nicht anders leben, als für unseren Leib. Und da sagt nun dieser Fjodor plötzlich, daß es häßlich sei, nur für den Wanst zu leben; man müsse der Gerechtigkeit, für Gott leben, und ich verstehe ihn aus diesem Fingerzeig. Ich sowohl, wie die Millionen von Menschen, welche Jahrhunderte vor uns gelebt haben und jetzt noch leben, die Bauern, die Bettler am Geist und die Weisen, die, welche darüber gedacht und geschrieben haben, in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagend – wir alle sind in dem Einen einverstanden: Weshalb man leben muß, und was gut ist! – Mit allen Menschen habe ich nur eine feste, unzweifelhafte und klare Erkenntnis, und diese Erkenntnis kann nicht vom Verstand erläutert werden, sie liegt außerhalb desselben und hat keine Gründe, kann auch keine Folgen haben. Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es schon nicht mehr gut; wenn es eine Folge hat, eine Belohnung, so ist es gleichfalls nicht gut. Vielleicht liegt das Gute außerhalb der Kette von Ursache und Wirkung. Und ich kenne das; wir alle kennen es. Welches Wunder könnte es geben, das größer wäre, als dies? Habe ich denn wirklich die Lösung des Ganzen gefunden, sollten jetzt alle meine Leiden vorüber sein?« dachte Lewin, auf dem staubigen Wege hinschreitend, ohne die Hitze zu merken oder die Ermüdung, aber im Gefühl einer Abspannung von den langen Leiden.

Dieses Gefühl war ein so freudiges, daß es ihn ganz unwahrscheinlich vorkam. Er atmete schwer vor Erregung, und bog, ohne die Kraft, noch weiter zu gehen, vom Wege ab in den Wald und setzte sich in den Schatten einer Esche auf das nicht gemähte Gras. Er nahm den Hut von dem nassen Kopfe und legte sich, auf den Arm gestemmt, in das saftige, schwellende Waldgras.

»Ja, ich muß mir alles klar machen, und verstehen,« dachte er, starr auf das nicht niedergedrückte Gras blickend, welches vor ihm stand, und den Bewegungen eines grünen Blattlauskäfers folgend, der sich an dem Stengel eines Queckengrases erhob, in seinem Aufstieg aber durch ein Blatt gehindert wurde.

»Was habe ich entdeckt?« frug er sich, das Blatt entfernend, um das Insekt nicht zu hindern, und ein anderes Gras biegend, daß der Blattlauskäfer auf dasselbe hinüberlaufen könne. »Was freut mich denn so? Was habe ich denn entdeckt? Ich habe nichts entdeckt! Ich habe nur erkannt, was ich weiß. Ich habe jene Kraft erkannt, die nicht nur in der Vergangenheit liegt, die mir das Leben gegeben hat und mir auch jetzt das Leben verleiht. Ich habe mich vom Irrtum befreit und den Herrn erkannt! Früher sagte ich, daß sich in meinem Körper, in dem Körper dieses Grases und dieses Käfers – da, er hat nicht auf das Gras gewollt, die Flügel ausgebreitet und ist fortgeflogen – nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein Stoffwechsel vollzieht. In uns allen aber, gleich wie in jenen Espen, in den Wolken und den Nebelflecken, vollzieht sich eine Entwicklung. Woher stammt diese Entwicklung? Auf was geht sie? Es ist eine endlose Entwicklung, ein Kampf. Ganz ebenso nun kann eine gewisse Richtung, ein Kampf in dem Unendlichen sein. Und da habe ich mich gewundert, daß mir trotz der größten geistigen Anstrengungen auf diesem Wege, dennoch nicht der Gedanke des Lebens geoffenbart worden ist! Jetzt spreche ich es aus, daß ich den Gedanken meines Daseins kenne: Leben für Gott und für die Seele! Und dieser Gedanke ist ungeachtet seiner Klarheit geheimnisvoll und wundersam. So ist auch der Gedanke des gesamten Seins,« sprach er zu sich selbst, sich auf den Leib wälzend und Grashalme in Bündel zusammennehmend, wobei er sich hütete, sie zu zerknicken. In Kürze wiederholte er sich nun selbst den ganzen Gang seiner Gedanken während der letzten beiden Jahre, dessen Anfang klar war; der deutliche Gedanke an den Tod bei dem Anblick des geliebten, hoffnungslos kranken Bruders.

Zum erstenmale, damals klar erkennend, daß es für jeden Menschen, und auch für ihn, in Zukunft nichts als Leiden, Tod und ewige Vergessenheit geben werde, entschied er, daß er so nicht weiter leben könne, und sich sein Leben entweder so abklären müsse, daß es nicht mehr als der böse Streich eines Satans erscheine – oder er sich erschießen müsse, Er that indes weder das Eine noch das Andere, sondern lebte ruhig weiter und fuhr fort, zu sinnen und zu spüren; hatte sogar gerade in dieser Zeit geheiratet, erlebte viele Freuden und fühlte sich glücklich, wenn er nicht an den Zweck seines Daseins dachte.

Was aber bedeutete das? Es bedeutete, daß er rechtschaffen lebte, aber schlecht dachte. Er lebte – ohne dies zu erkennen – von jenen geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, und dachte, ohne diese Wahrheiten anzuerkennen, ja, sie geflissentlich umgehend.

Jetzt wurde es ihm klar, daß er leben konnte nur dank jenen Überzeugungen, in denen er erzogen war.

»Was würde ich gewesen sein, und wie hätte ich mein Leben verbracht, hätte ich diese Überzeugungen nicht gehabt, nicht gewußt, daß man für Gott leben muß und nicht für die eigenen Bedürfnisse? Ich hätte geraubt, gelogen, gemordet. Nichts von dem, was die höchsten Freuden meines Lebens ausmacht, würde für mich vorhanden gewesen sein.«

Aber trotz der größten Anstrengungen seiner Vorstellungskraft, konnte er sich doch nicht jenes tierische Geschöpf vorstellen, welches er selbst gewesen sein würde, wenn er nicht erfahren hätte, wozu er lebte.

»Ich habe die Antwort auf meine Frage gesucht, aber diese Antwort kann nicht das Denken geben, welches in unmeßbarem Verhältnis zu der Frage steht. Die Antwort hat mir das Leben selbst gegeben in meiner Erkenntnis dessen, was gut und schlecht sei. Aber diese Erkenntnis habe ich nicht durch Etwas erworben, sondern sie ist mir gegeben gewesen zugleich mit allem, gegeben deswegen, weil ich sie von nirgendsher nehmen konnte. Woher habe ich sie genommen? Bin ich durch meinen Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und ihn nicht erwürgen darf. Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was mir schon in der Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand nicht! Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches fordert, das man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche hindern, beseitigen soll. Dies ist die Lehre des Verstandes, aber die Nächstenliebe konnte der Verstand nicht lehren, weil das unverständig gewesen wäre.«

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