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Anna Karenina. Zweiter Band

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Zweiter Band - Kapitel 101
Quellenangabe
typefiction
authorLeo N. Tolstoj
titleAnna Karenina. Zweiter Band
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
year1920
firstpub1920
translatorHans Moser
correctorhille@abc.de
secondcorrectorxtrip@gmx.net
senderwww.gaga.net
created20100723
projectideb1c5a0a
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4.

Während des Aufenthalts in der Gouvernementsstadt ging Sergey Iwanowitsch nicht ans Buffett, sondern schritt auf dem Bahnsteig auf und nieder.

Als er zum erstenmal am Coupé Wronskiys vorüberkam, bemerkte er, daß das Fenster zugezogen war, bei nochmaligem Passieren desselben indessen erblickte er die alte Gräfin am Fenster, welche Koznyscheff zu sich rief.

»Ich fahre auch mit und begleite ihn bis Kursk,« sagte sie.

»Ich habe schon gehört,« antwortete Sergey Iwanowitsch, an ihrem Fenster stehen bleibend und in dasselbe hineinblickend. »Welch schöner Zug von ihm,« fügte er hinzu, nachdem er bemerkt hatte, daß Wronskiy nicht im Coupé war.

»Ja, was blieb ihm nach seinem Unglück zu thun übrig?«

»Welch furchtbares Ereignis!« sagte Sergey Iwanowitsch.

»O, was habe ich durchgemacht; aber bitte, tretet doch ein! – O, was habe ich durchgemacht!« wiederholte sie, nachdem Sergey Iwanowitsch eingetreten war und sich neben ihr auf das Polster gesetzt hatte. »Das vermag sich niemand vorzustellen. Sechs Wochen hat er mit niemand gesprochen und nur erst dann gegessen, wenn ich ihn darum angefleht. Nicht eine Minute durfte man ihn allein lassen. Wir haben alles weggenommen, womit er sich hätte ein Leids anthun können; wir wohnten in der niederen Etage; es ließ sich eben nichts voraussehen. Ihr wißt ja, daß er sich schon einmal ihretwegen geschossen hat,« sprach sie, und die Brauen der alten Frau zogen sich finster zusammen bei dieser Erinnerung. »Ja; sie hat geendet, wie solch ein Weib enden mußte. Selbst den Tod hat sie sich gemein und niedrig erwählt!« –

»Wir dürfen nicht richten, Gräfin,« sagte Sergey Iwanowitsch seufzend, »doch ich begreife, wie schwer dies für Euch gewesen sein muß.«

»O, sprecht nicht davon! Ich wohnte auf meinem Gute, und er war gerade bei mir. Da bringt man ein Billet. Er schreibt Antwort und sendet sie ab. Wir ahnten nicht, daß sie schon da auf der Station war. Abends – ich hatte mich soeben zurückgezogen – erzählt mir meine Mary, daß sich auf der Station eine Dame unter dem Eisenbahnzug gestürzt hätte. Dies traf mich wie ein Donnerschlag! Ich erkannte das müsse sie gewesen sein, und das erste, was ich sagen konnte war: Nur ihm nichts mitteilen! – Doch hatte man es ihm schon gesagt. Sein Kutscher war dort gewesen und hatte alles gesehen. Als ich auf sein Zimmer kam, war er nicht mehr bei Sinnen – er war furchtbar anzusehen. Kein Wort hat er gesprochen und ist fortgesprengt. Was dort geschehen ist, ich weiß es nicht, aber sie haben ihn wie einen Toten gebracht. Ich hätte ihn nicht erkannt. – › Prostration complète!‹ erklärte der Arzt. Dann brach fast eine Tobwut aus. Doch, was soll ich da erzählen!« sprach die Gräfin mit der Hand abwehrend. »Eine entsetzliche Zeit! Nein, was Ihr auch sagen mögt, es war ein schlechtes Weib! Und was waren das auch für verzweifelte Leidenschaften! Das mußte auf etwas Absonderliches hinauslaufen und sie hat es auch bewiesen. Sie hat sich vernichtet und zwei edle Männer – ihren Gatten und meinen unglücklichen Sohn!«

»Was sagt denn ihr Gatte dazu?« frug Sergey Iwanowitsch.

»Er hat ihr Kind zu sich genommen. Mein Aleksander war in der ersten Zeit mit allem einverstanden, doch jetzt quält es ihn furchtbar, daß er einem fremden Menschen seine Tochter übergeben hat. Sein Wort zurücknehmen aber kann er nicht. Karenin kam auch zum Begräbnis, doch bemühten wir uns, ihn nicht Aleksander begegnen zu lassen. Für ihn, den Ehemann, war es immerhin doch noch leichter zu ertragen. Sie hat ihn ja erlöst, aber mein armer Sohn hatte sich ihr so ganz dahingegeben. Alles hatte er für sie aufgegeben, seine Carriere, mich, und dabei hatte sie noch nicht einmal Mitleid mit ihm, sondern hat ihn mit Berechnung noch völlig gemordet. Nein, was Ihr auch sagen mögt, selbst ihr Tod – ist nur der Tod eines abscheulichen Weibes, das keine Religion besaß! Möge Gott mir verzeihen, aber ich muß ihr Angedenken hassen, wenn ich auf den Untergang meines Sohnes schaue.«

»Und wie trägt er es jetzt?«

»Gott hat uns geholfen – dieser serbische Feldzug ist gekommen. Ich bin ein greises Weib, und verstehe nichts davon, aber Gott hat ihm dies gesandt. Mir als Mutter ist es natürlich entsetzlich, und, was die Hauptsache ist, man sagt ce n'est pas très – bien vu à Pétersbourg – aber – was thun! Dies allein nur konnte ihn wieder aufrichten. Jaschwin – sein Freund – hat alles verspielt und sich nach Serbien begeben; er ist zu ihm gekommen und hat ihn überredet. Jetzt beschäftigt ihn die Sache doch. Unterhaltet Euch, bitte, mit ihm, ich will ihn zerstreuen. Er ist so schwermütig. Unglücklicherweise hat er auch noch Zahnschmerzen bekommen. Über Euch wird er sich recht sehr freuen. Bitte sprecht mit ihm; dort drüben geht er.«

Sergey Iwanowitsch sagte, es würde ihm Freude machen und begab sich auf die andere Seite des Zuges.

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