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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

VIII.

Mein Entschluß, nach England zu gehen, war nicht, wie Sie annehmen, das Resultat einer vernünftigen Ueberlegung. Die Mutter war tot – ich – ich – nun denn: ich mußte fort, wollte fort. Und wenn ich England wählte – mag sein, der Umstand, daß mir dort – in London – ein Onkel lebte, hat den Ausschlag gegeben, obgleich ich nichts von ihm erwartete und erwarten konnte. Auch hatte ich ihn nie gesehen, und die ganze Verbindung mit uns hatte in kurzen Briefen bestanden, die er gelegentlich mit meiner Mutter wechselte. In jüngeren Jahren hatte er allerdings dem Theater angehört als Sänger, wie meine Mutter als Sängerin. Etwas Bedeutendes hatte er nie geleistet, dazu früh seine Stimme verloren; sich dann ohne Erfolg als Schauspieler versucht; war bald von den Brettern in den Souffleurkasten hinab gestiegen, aus dem Souffleurkasten wieder hinauf in die Garderoberäume geraten, wo man ein Talent zum Frisieren bei ihm entdeckte, das er weiter kultivierte. Und so, als Haarkünstler, hatte ihn sein wechselvolles, klägliches Geschick irgend einmal nach London verschlagen, wo ihm dann endlich sein sehr bescheidener Glücksstern aufging. Wenigstens hatte er seinen kleinen Laden in einer der weniger vornehmen Straßen des Westends seit vielen Jahren tapfer behauptet und hauste dort in ein paar winzigen Hinterstübchen schlicht und recht mit seiner Frau – einer Engländerin, die eben so anspruchslos war, wie er selbst, und ihm im Laufe der Zeit eine schier endlose Reihe von Kindern geboren hatte.

Ich sehe noch das maßlose Staunen auf den guten Gesichtern hinter dem Ladentisch, als eines rauhen November-Abends die Nichte aus Deutschland unangemeldet eintrat. Lieber Gott, sie wußten so schon nicht, wohin mit ihrer Herde, die noch dazu in kürzester Frist um ein blondes helläugiges Lämmlein vermehrt werden sollte. Sie waren alle blond und helläugig wie die Tante; der Onkel hatte das braune Haar und die dunkelblauen Augen meiner Mutter, mit der er sonst freilich nichts gemein hatte, am wenigsten den hohen Sinn und Geist und die goldige Phantasie.

Aber herzensbrav wie er, sie beide, der Onkel und die Tante, waren, empfingen sie mich, nachdem sich der erste Schrecken gelegt, mit offenen Armen. Und wirklich konnte ich ihnen schon nach wenigen Tagen, als das erwartete Ereignis eintrat, ihre Gutthat einigermaßen vergelten, indem ich die Wöchnerin pflegte, ihre Stelle im Haushalt, wie es eben gehen wollte, vertrat und, trotzdem das keine kleine Aufgabe war, noch Zeit fand, hie und da dem armen Onkel hinter dem Ladentische in seiner großen Not beizuspringen.

Nicht als ob es dort eben allzuviel zu thun gab, gewiß nicht; aber der arme Mann geriet in die schrecklichste Aufregung, sobald sich nur die Ladenthür öffnete und ein Kunde hereintrat, da er sonst diese Seite des Geschäftes ausschließlich der Frau überließ, und mit Recht. Er hatte, trotz seines langen Aufenthaltes in England, die Schwierigkeit der Sprache noch immer nur zum kleinsten Teile überwunden; die Preise seiner Waren zu behalten, war ihm völlig unmöglich, und da er nicht das leichteste Exempel im Kopfe ausrechnen konnte, hatte er – wenn er nicht zufällig einmal das Richtige traf – beim Geldwechseln immer nur die Wahl zwischen der Sorge, seine Kunden wider Willen zu übervorteilen, oder der Furcht, von jenen übervorteilt zu werden. Ich konnte nicht nur rechnen, sondern kam mit meinem bißchen Englisch den Kunden gegenüber ganz wohl aus; und als gar einmal ein französisches Ehepaar sich in den Laden verirrte, und ich Rede und Antwort zu geben wußte und von den höflichen Leuten wegen meiner korrekten Aussprache belobt wurde, kannte das Entzücken des guten Mannes keine Grenzen. Er behauptete, daß mich ihm und seiner Frau der Himmel gesendet habe, daß von Stunde an sein Glück gemacht sei, und daß ich sie nie wieder verlassen dürfe. Ich dachte darüber anders. Ich sah, daß ich den braven Menschen eine schwere Last sein würde, sobald die Verhältnisse wieder in die regelmäßige Bahn eingelenkt; und wäre das auch nicht gewesen, ich konnte so höchstens meinen Unterhalt verdienen, und ich hatte, Gott sei Dank, nicht bloß für mich zu sorgen.

In kürzester Frist verausgabte ich das wenige Geld, das ich mitgebracht hatte, für Inserate, in welchen ich mich als Gouvernante, Klavierlehrerin, Gesanglehrerin, Gesellschafterin empfahl. Natürlich vergeblich. Einmal kam allerdings ein geistlicher Herr, der eine Erzieherin für seine Kinder suchte; er schien mit mir nicht unzufrieden, wollte auch über den vollständigen Mangel der Referenzen ein Auge zudrücken; als ich ihm aber seine Frage, ob ich fleißig in der heiligen Bibel lese und die Kirche besuche, der Wahrheit gemäß verneinen mußte, warf er mir einen strengen Blick zu und verließ, ein paar mir unverständliche Worte murmelnd, den Laden, in welchem die Unterredung stattgefunden hatte, zum Entzücken des Onkels, der währenddessen in einer Ecke sich den Anschein gegeben, Zahnbürsten zu sortieren, und zum Jubel der Kinder, die hinter der angelehnten Glasthür zum Wohnzimmer gelauscht hatten und nun hereinbrachen, mich im Triumph an das Bett der Mutter zu führen, welche mich mit Dankesthränen umarmte.

Aber das Schicksal meinte es besser mit den guten Menschen, als sie selbst, wozu denn freilich nicht viel gehörte. Es war wenige Tage später, als mich die ängstliche Stimme des Onkels wieder einmal in den Laden rief, ich meinte schon, zu einem zweiten Examen nach meinen religiösen Prinzipien. Aber das war glücklicherweise nicht der Fall. Es handelte sich um ein gewöhnliches Geschäft. Die Dame – Sie können denken, daß es Lady Ballycastle war – wünschte ein Toupet von einer gewissen Farbe und Qualität, die sie dem Onkel nicht hatte begreiflich machen können, worüber sie denn bereits in großen Zorn geraten war, als ich eiligst eintrat. Sie wendete sich sofort an mich, indem sie sich dabei über die Unfähigkeit des Onkels, den sie für meinen Vater hielt, in einer Weise ausließ, die ich nicht dulden zu dürfen glaubte. Ich sagte ihr meine Meinung so ruhig, wie ich vermochte, und daß der alte Mann nicht mein Vater sei, sondern mein Onkel, für den ich aber den Respekt eines Kindes hege und von jedem in meiner Gegenwart verlange, es sei auch wer es sei. Ich werde nie das Gesicht vergessen, mit welchem die Lady dieser Auseinandersetzung zuhörte, die ich in meinem besten Englisch zu machen versuchte; ich glaubte, es würde sie ein Schlaganfall treffen. Sie schleuderte mir ein paar wütende Worte zu, die ich nicht verstand, rannte den galonnierten Diener, der an der Thür harrte, fast über den Haufen, stürzte in ihre Equipage und rollte davon – auf Nimmerwiedersehen dachte ich, hoffte ich.

Malen Sie sich mein Erstaunen, meinen Schrecken aus, als es bereits am nächsten Tage zu derselben Stunde die enge Straße heraufdonnerte, und derselbe Wagen vor dem Laden hielt, aus dem dieselbe Dame herausstieg, gestützt auf den Arm des Galonnierten, der indessen heute draußen vor der Thür bleiben mußte. Sie aber kam auf mich zu, die ich regungslos dastand, und rief: Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Fräulein! geben Sie mir Ihre Hand, wir müssen Freundinnen werden!

Ich that, wie sie verlangte, nicht aus gutem Herzen, sondern, daß ich es nur sage, weil ich die Dame, die sich gestern schon so sonderbar betragen, für eine Irrsinnige hielt, deren Aufregung ich durch Widerspruch nicht steigern wollte. In den nächsten fünf Minuten bat ich ihr heimlich diese Unterstellung ab, um nach weiteren fünf Minuten mir zu sagen, daß mein erster Eindruck doch der richtige gewesen; und so durch den Verlauf der ganzen langen Unterredung. Ja, was Ihnen unglaublich klingen wird und jedenfalls sehr bezeichnend für meine von Ihnen so oft gerühmte Menschenkenntnis ist: was ich während jener Stunde nicht ausmachen konnte, ist mir während der sechs Jahre, die ich bei ihr gewesen bin, eine offene Frage geblieben, die ich heute ebensowenig zu entscheiden wüßte, als im ersten Augenblick.

Für den Augenblick handelte es sich für mich um eine gute Stelle, und hier wurde mir eine angeboten, wie ich sie besser, daß heißt lukrativer niemals finden konnte. Die in allen möglichen überschwänglichen Ausdrücken wiederholte Versicherung der Lady, daß sie seit gestern – seit der Scene mit mir – nicht geschlafen, mein Bild sie fortwährend umschwebe, sie fortwährend den Ton meiner Stimme zu hören glaube; daß sie ein weiblicher Diogenes sei, der nach Menschen suche und endlich in mir einen gefunden habe; daß sie ohne diesen einzigen Menschen nicht mehr leben könne und wolle – alle diese und ähnliche Überspanntheiten, sage ich, ließen mich kalt, oder vielmehr, stießen mich ab; aber indem sie sich immer mehr in ihre Leidenschaft hineinredete und mein Schweigen oder meine Bedenken, die ich denn doch in der ersten Bestürzung äußerte, ganz anders auslegte, überbot sie sich selbst in ihren Anerbietungen, und ich weiß nicht, zu welcher Höhe sie noch die Summe, mit der sie mich erkaufen zu können glaubte, zuletzt gesteigert hätte. Und so dachte ich an die wimmelnde Kinderschar da hinter der Fensterthür, dachte an meine drei Brüder in der Heimat, und sagte Ja; schnürte mein winziges Bündel und folgte stehenden Fußes – denn sie wollte mich nun auch nicht eine Stunde länger entbehren – der Lady in ihren Wagen, in ihr prachtvolles Haus an dem Belgrave-Square.

So begann für mich die lange Episode meines Lebens, deren ausführliche Schilderung, wenn sie möglich oder mir möglich wäre, alle Gouvernanten-Romane in tiefen Schatten stellen würde. Da ist keine Extravaganz, zu welcher – ich finde nun doch keinen andern Ausdruck – ihre Tollheit Lady Ballycastle nicht verleitet hätte, und an der ich notgedrungen teilnehmen mußte. Wir haben einen Sommer auf einer verlassenen Orkney-Insel in der Weise des Robinson Crusoe gehaust und zu anderen Zeiten auf ihrem prächtigen Schlosse Ballycastle bei der Stadt gleichen Namens in Irland Feste gegeben, in denen, nach der Versicherung der Zeitungen, die Tage von Kenilworth wieder auflebten; wir sind gegen die Regierung in eine Fenier-Verschwörung verwickelt gewesen, wir haben einen Sturm wütender Fenier auf das Schloß mit gewaffneter Hand zurückzuschlagen gehabt; wir sind Monate nicht aus dem Hause gekommen, weil eine Schar von zwanzig angenommenen Waisenkindern unsere vereinte Pflege Tag und Nacht notwendig machte, und ebenso lange nicht in ein Haus, weil wir die ganze Zeit auf einer Segel-Jacht verbrachten, mit der wir alle französischen und spanischen Häfen des Mittelmeeres anliefen, ohne jemals ans Land zu steigen.

Aber wenn man, was sich in diesen und ähnlichen Abenteuern austobte, Tollheit nennen muß, so war doch zweifellos eine gewisse Methode darin, eine Berechnung, die, wenn sie auch an und für sich wiederum nur von einem überspannten Sinne ausgehen konnte, doch ihr Ziel nicht verfehlte. Lady Ballycastle wollte von sich reden machen um jeden Preis. Ich bin überzeugt, sie würde, wäre sie auf einem Throne geboren worden, Reich und Leben aufs Spiel gesetzt haben, ihrer ungemessenen Eitelkeit zu fröhnen; denn Eitelkeit oder, wenn Sie wollen, die Sucht zu glänzen, war diejenige Leidenschaft ihrer Seele, welche entweder von vornherein die mächtigste gewesen war oder doch mit der Zeit die anderen unterjocht hatte; und wie denn das wohl so zu sein pflegt, hatten die Verhältnisse redlich das Ihre beigetragen, eine schlimme natürliche Anlage bis zum Uebermaße zu steigern.

Lady Ballycastle stammte aus einem uralten vornehmen englischen Geschlechte, dem der Glenvilles, und ein tyrannischer, von Schulden erdrückter Vater hatte sie, die ebenso durch ihre Schönheit wie durch ihren Geist berühmt gewesen sein soll, gezwungen, einem Manne ihre Hand zu reichen, der nichts Besseres als ein glücklicher Spekulant war – wie die Wohlwollenden sagten, während die Uebelwollenden ihn mit schlimmeren und schlimmsten Namen belegten und behaupteten, daß sein kolossales Vermögen durch jede nur mögliche Schurkerei und Niedertracht zusammengerafft sei, und der Mann wahrlich etwas anderes verdient habe, als die Baronetcy, mit welcher die Regierung so eigentümliche Verdienste belohnen zu müssen glaubte. Was an diesem Gerede wahr oder falsch, ich weiß es nicht; ich möchte aber annehmen, daß der böse Leumund, der noch nach so vielen Jahren über den Mann in der Gegend umging, zum größeren Teile gerechtfertigt war. Jedenfalls war die Ehe zwischen dem stolzen, überspannten englischen Mädchen und dem niedrig gesinnten irischen Plebejer entsetzlich unglücklich gewesen, und wenn auch schon im ersten Jahre ein jäher Tod das unnatürliche Band zerriß – Baron Ballycastle wurde in seinem eigenen Parke von rebellischen Hintersassen erschossen – in das Leben der Aermsten war ein finsterer Schatten gefallen, aus dem sie sich nicht wieder loslösen konnte. Für die Schmach, aus einer Glenville die Gattin eines baronisierten Schurken geworden zu sein, bot das ungeheure Vermögen keine Entschädigung, das ihr bei dem Eingehen der Ehe im Todesfalle des Gatten zum ausschließlichen Besitze zugeschrieben war. Mit ihrer Familie, welche sie zu dieser Schmach gezwungen, war und blieb sie zerfallen, und war und blieb mit sich selbst zerfallen, daß sie sich zu dieser Schmach hatte zwingen lassen. Dem Haß gegen ihre Familie gab sie bei jeder Gelegenheit den wütendsten, übertriebensten Ausdruck; und die brennende Scham, mit der sie das Bewußtsein des Verrates marterte, den sie an ihrem Selbstgefühl, an ihrem Stolze geübt, suchte sie zu übertäuben, indem sie für die Welt dieses Selbstgefühl ins Ungeheuerliche steigerte und mit ihrem Stolze den fanatischesten Götzendienst trieb.

Indem ich so das rätselhafte Wesen der Lady Ihnen und mir selbst zu erklären versuche und dabei – heute nicht zum erstenmale; aber doch wohl schärfer als sonst – fortwährend unwillkürlich Sie mit jener vergleiche, kommt es mir so recht zum Bewußtsein, daß zwei größere Gegensätze kaum möchten gefunden werden. Sie wohnen in der festen Burg, in der die Menschen wohnen, denen es nur um die Sache zu thun ist, und so können Sie eigentlich nicht irren. Oder wenn Sie irren, ist es ein unschuldiger Irrtum, dessen Folgen schwerlich großen Schaden anrichten, denn, den Irrtum erkennen und sich aus allen Kräften bestreben, in die rechte Spur der Sache zu kommen, aus der Sie sehr wider Willen abgewichen, ist für Sie Eines und dasselbe.

Wie ganz anders bei jener Frau, die im Grunde immer nur an die Rolle dachte, die sie spielte, spielen wollte, das Stück nur darauf hin ansah, ob es ihr zu der gewünschten glänzenden Rolle verhalf, und es fallen ließ, sobald sie zu bemerken glaubte, daß es ihr das Versprochene nicht hielt. So immer den Blick auf das Phantom einer eitlen Ehre gerichtet, dem sie nachjagte, war sie bei allem Geiste, den sie wirklich besaß, völlig unfähig, logisch zu denken, und trotzdem sie die Energie stets als die höchste der Tugenden pries, auch unfähig, konsequent zu handeln. Sie wunderte sich dann freilich manchmal selbst über ihre Mißerfolge, ohne aber jemals aus denselben die richtigen Lehren zu ziehen. Die Schuld lag niemals bei ihr, immer bei den anderen, die sich aus Bosheit oder Unverstand gegen die ihnen zugedachten Segnungen sträubten. Denn auch das gehörte zu den Requisiten ihrer Selbstvergötterung, daß sie stets und unter allen Umständen das Gute, das Beste für ihre Mitmenschen zu wollen und anzustreben behauptete, und unvergleichlich war der Scharfsinn, mit dem sie für sich selbst den Beweis davon zu führen verstand. Die üppigen Feste auf Ballycastle waren nichts als ein Opfer, das sie den darbenden Handwerkern der benachbarten Stadt brachte, und während sie ihre überreizten Nerven in der Einsamkeit unserer Klippen-Insel zur Ruhe wiegte, wollte sie den oberen Zehntausend nur ein Beispiel geben, wie wenig der wahre Mensch zum Leben bedürfe.

Es gehörte sicher zu den Inkonsequenzen, welche in dem Fühlen, Denken, Handeln der Lady Ballycastle die Regel waren, daß sie, die es mit niemandem aushielt und bei der niemand aushielt, an mir ein so lang andauerndes Interesse nahm. Vielleicht war auch das wieder nur Egoismus; vielleicht fühlte sie mehr oder weniger deutlich – denn zum Bewußtsein hat sie es schwerlich jemals gebracht – daß sie, um nicht in ihrer Maßlosigkeit alle Fühlung mit der Wirklichkeit zu verlieren, einen Menschen haben müsse, der ihr weder aus dem Wege ging oder sie auslachte, wie die Unabhängigen, noch sich vor ihr niederwarf und sie anbetete, wie es ihre Mietlinge zum Scheine thaten. Ich glaube, daß die Tyrannen aller Zeiten sich ihre lustigen Räte aus demselben Grunde hielten. Nun freilich, Rat anzunehmen, war so wenig Lady Ballycastles Sache, wie ich dazu befähigt war oder mich berufen fühlte, ihr solchen zu geben; und zum Lustigsein und Lustigmachen habe ich, wie Sie wissen, verzweifelt wenig Anlage, dafür aber ein gewisses Talent und jedenfalls eine starke Neigung zum Disputieren und zum hartnäckigen Verfechten meiner Ansichten, sie seien nun wahr oder falsch.

In Ihrer Gesellschaft habe ich noch nie empfunden, eine wie zweischneidige Waffe diese unbequeme Anlage ist; in dem Verkehr mit der Lady lehrte es mich jede Stunde. Unser Verhältnis war von Anfang bis zu Ende eine meist von beiden Selten mit Aufgebot aller Kräfte und oft mit bewußter Grausamkeit fortgesetzte Fehde, die keinen Gottesfrieden kannte, höchstens längere oder kürzere Pausen, herbeigeführt und bedingt durch die Notwendigkeit, die erschöpften Kräfte für die nächste Gelegenheit zu sammeln. Da ich die Jüngere und vielleicht von Haus aus Kräftigere war, blieb der Sieg, wenigstens scheinbar, immer auf meiner Seite, und das war auch notwendig. Eine einzige augenfällige Niederlage, ein Zugeständnis nur meiner Schwäche würde den Zauber, den ich auf diese wunderliche Frau ausübte, gebrochen haben. Ich nenne es Zauber, denn ich bin überzeugt – und die Folge hat es ja bewiesen – daß sich in ihrer Seele für die jahrelange Demütigung ein tiefer Groll gegen mich angesammelt, daß sie mich haßte, wie ein wildes Tier seinen Bändiger und Peiniger hassen mag. Und ich? Nun ja, ich mag ihr wohl gelegentlich, wenn das Maß überlief, Haß mit Haß vergolten haben; aber das Mitleid mit der Unglücklichen gewann doch alsbald wieder die Oberhand, und – Ihnen darf ich es ja sagen: ich konnte bei meinem stets in Frage gestellten und immer wieder behaupteten, ja allmächtigen Einfluß auf die allmächtige Herrin von Hunderten armer und elender Menschen sehr viel Gutes stiften, sehr viel Thränen trocknen mit Hilfe eines alten, ehrwürdigen katholischen Pfarrers, Mister Wicklow, der mir ein väterlicher Freund und Berater geworden war. Und diese Rücksicht hielt mich auch, als die andere, wegen welcher ich ursprünglich das sonderbare Verhältnis eingegangen, im Laufe der Jahre immer mehr in den Hintergrund getreten, ja zuletzt ganz verschwunden war, da meine wackeren Brüder sich mit bewunderungswürdiger Energie inzwischen völlig selbständig zu machen gewußt hatten, und selbst aus dem kleinen Hause meiner Londoner Verwandten infolge einer Erbschaft, welche meiner Tante wider alles Erwarten zugefallen, die Not und die Sorge gewichen.

So kämpfte denn das wunderliche Paar vielleicht noch heute den tollen, unendlichen Krieg, wäre nicht jemand zwischen uns getreten, der die beste Absicht hatte, uns auf immer zu vereinigen, und uns gerade deshalb auf immer trennte. Sie brauchen Ihre lieben Augen nicht abzuwenden; Sie werden alsbald sehen, daß ich die Wahrheit gesagt habe und von Kapitän Edward Gordon sprechen kann, ohne daß meine Pulse schneller schlagen.

So, so, sagte die Baronin, die in der That bei der letzten Wendung von Angelas Erzählung sehr rot geworden war und nach dem Strickzeug gegriffen hatte, das schon längst müßig in ihrem Schoße ruhte; nun, das wird sich ja finden; ich bin furchtbar neugierig auf den Herrn. Ein bißchen spät kommt er jedenfalls.

Ich würde ihn früher haben auftreten lassen, fuhr Angela mit schwermütigem Lächeln fort, nur daß er leider erst jetzt aus Indien nach Hause zurückgeschickt wurde, Heilung von einem Leberleiden zu suchen, das ihm ein mehrjähriger Dienst in dem mörderischen Klima zugezogen.

Ich bin furchtbar neugierig, wiederholte die Baronin, ganz furchtbar. Und noch Eines, liebes Kind: Sie erzählen prachtvoll, das ist ja Ihre große Kunst; aber Sie haben einen schlimmen Fehler; Sie sagen Einem nie, wie die Menschen aussehen, und das will man doch auch wissen.

Verzeihen Sie, erwiderte Angela; mir stehen sie alle so leibhaftig vor der Erinnerung; darüber vergesse ich, daß ich Ihnen von lauter Schatten spreche. Indessen meine ich doch, das Aussehen der Lady habe ich Ihnen schon früher einmal zu schildern versucht. Und Edward Gordon? Nun, Mutter und Sohn sind sich so unähnlich wie nur möglich; aber es ist auch, wie mir Leute sagten, die den Vater noch gekannt hatten, Gott sei Dank kein Zug von diesem auf ihn gekommen, außer etwa das rotblonde Haar und die blauen Augen, die freilich bei ihm still und treuherzig blicken, während die Glenvilles sprichwörtlich von Haar und Augen schwarz sind, wie die Raben, weshalb denn nebenbei Lady Ballycastle, seitdem ihr Haar grau geworden, eine kohlschwarze Perücke trägt und sich die buschigen Brauen ebenso färbt.

Gott soll mich bewahren, sagte die Baronin, den Kopf schüttelnd; aber ich habe Sie durch meine dämlichen Fragen ganz aus dem Text gebracht. Das war denn wohl nicht immer schiere Seide gewesen, die Ihre Lady mit dem Herrn Kapitän gesponnen hatte?

Freilich nicht, erwiderte Angela; ja, die wilde Launenhaftigkeit der unglücklichen Frau schien sich gerade das Verhältnis zu dem Sohne ausgesucht zu haben, um sich in ihrer abschreckendsten Gestalt zu zeigen. Sie hatte das arme Kind, das mehrere Monate nach dem Tode des Vaters geboren war, und dessen Geburt ihr allerdings fast das Leben gekostet, jahrelang nicht vor Augen sehen können; es erst in der Nähe unter Aufsicht des alten Pfarrers erziehen lassen; dann den Knaben nach Frankreich in eine Pension geschickt, aus welcher der Siebzehnjährige eines Tages nach Deutschland entwich zu einem Jugendgespielen, dem talentvollen Sohne eines benachbarten substantiellen Gutsbesitzers, der um diese Zeit in München die Maler-Akademie besuchte. Der junge Edward wollte ebenfalls Maler werden. Die Mutter war außer sich; sie drohte mit Enterbung, ja sie entzog dem Flüchtling von Stund' an jede Unterstützung. Ich glaube nicht sowohl, daß diese Maßregel den Trotz des Widerspenstigen brach – denn er gehört zu jenen, die ihren Willen durchzusetzen pflegen – als vielmehr die bald von ihm erlangte Einsicht in die Unzulänglichkeit eines Talentes, welches ihm ein Mittel hatte werden sollen, die mütterliche Tyrannei zu zerbrechen. Aber es bedurfte dessen gar nicht mehr, denn urplötzlich und bevor Edward nachgeben zu wollen erklärt, hatte sich die bis zum Haß gesteigerte Entfremdung der Mutter in das Gegenteil verwandelt. Sie konnte auf einmal ohne den einzigen Sohn nicht leben; sie bat, sie beschwor ihn, zu ihr zurückzukehren; sie überschüttete ihn, als er nun wirklich kam, mit Zärtlichkeiten; erwähnte gegen ihn seiner Münchner Flucht nie mit einer Silbe, und hatte sich für die anderen Leute ein etwas konfuses Märchen zurechtgemacht von einer jugendlichen Neigung, die Edward auf kurze Zeit nach Deutschland geführt. Er hatte inzwischen in Eton, einer vornehmen Schule, seine Studien wieder aufgenommen und hernach in Cambridge auf der Universität fortgesetzt. Sie gewährte ihm, drang ihm vielmehr ein fürstliches Jahrgeld auf; sah ihn bereits im Parlamente, wo er an der Spitze der Opposition die Gunst des Volkes im Sturme eroberte und nebenbei – was die Hauptsache war – seine englischen Vettern, die verhaßten Glenvilles, unter die Füße trat – eine lange pompöse Rechnung, die nur den einzigen Fehler hatte, daß sie ohne den Wirt, ich meine ohne Edward, gemacht war. Edward, der übrigens auf der Universität der Fleiß und die Ordnung selbst gewesen, auch seine Examina ehrenvoll bestanden, erklärte, daß er keinen Beruf zum Politiker in sich fühle, daß er Soldat werden und nach Indien gehen wolle. Es muß ein entsetzlicher Schlag für die stolze Frau gewesen sein, um so entsetzlicher, als sie das eigentliche Motiv, das den Sohn in die Ferne trieb, wohl kannte, obgleich es niemals ausgesprochen wurde. Edward, der sich immer nur Edward Gordon nannte, wollte in einem Lande leben, wo doch hoffentlich nicht jeder wußte, wie Maurice Gordon, der Eisenbahnkönig und große Güterschlächter, Baronet Ballycastle geworden war. Es läßt sich denken, daß Lady Ballycastle alles aufbot, den Sohn von seinem Entschlusse zurückzubringen, aber sie hatte schon den Trotz des Knaben nicht brechen können, und der Kampf mit dem zähen Willen des jungen Mannes war von vornherein hoffnungslos.

Aber um so schlimmer nagte an dem stolzen, leidenschaftlichen Herzen das demütigende Gefühl der erlittenen Niederlage; und ich bin überzeugt, die sich immer nur steigernde Heftigkeit ihrer wilden Laune, welche nach Edwards Entfernung von den Näherstehenden bemerkt wurde, und deren Zeuge ich, die ich unmittelbar nach der Katastrophe kam, alle diese Jahre hindurch gewesen bin, war mit die Folge der völligen Zertrümmerung ihrer stolzen Hoffnungen und Entwürfe. Sie mögen sich denken, wie diese Hoffnungen wieder aufflammten, wie die alten Entwürfe neues Leben gewannen, als Edward nun doch aus seiner freiwilligen Verbannung zurückkehren mußte. Alles ausgestandene Leid der langen, langen sechs Jahre war oder schien doch vergessen; sie brauchte nun nicht mehr einer Welt, deren Augen sie beständig auf sich gerichtet glaubte, den abenteuerreichen Beweis zu führen, daß ihre vielgerühmte Energie durch keine schlimmste Erfahrung zu brechen sei; die ganze Welt sollte jetzt nach Ballycastle kommen, um das rührende Schauspiel einer Mutter zu sehen, welche, an der Hand ihres einzigen Sohnes friedliche Fluren durchwandelnd, nach allen Seiten Glück und Segen spendet. Und Edward Gordon? Er erklärte sich bereit, fortan das Leben eines Landedelmannes zu führen und nach seinen besten Kräften für das Wohl der ihm Untergebenen zu arbeiten und zu sorgen. Aber dazu bedürfe er der Sammlung und nicht der Zerstreuung, der Einsamkeit und nicht der Gesellschaft, und wenn ihm die Mutter heute eine Gesellschaft nach Ballycastle lade, werde er morgen auf dem Rückwege nach Indien sein.

Das war nun nicht gerade hübsch von dem Herrn Kapitän, sagte die Baronin, er hätte der armen unglücklichen Frau, die doch immer seine Mutter war, wohl ein bißchen zu Willen leben müssen.

Ich gebe es zu, sagte Angela, aber ich darf das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn nicht anders darstellen, als es mir erschienen ist. Es war wohl hinüber und herüber zu viel versehen und gefehlt, als daß sich die Geister und Herzen der beiden jemals wahrhaft hätten finden können und achten lernen, von Liebe ganz zu schweigen, die – wie es auch immer in der unergründlichen Seele der Lady beschaffen sein mochte – bei Edward entschieden fehlte, und für welche die gleichmäßig kühle Höflichkeit, deren er sich in dem Betragen gegen seine Mutter befleißigte, wahrlich kein Ersatz war. Uebrigens würde er, wenn er auch sonst, wie die Engländer sagen, so gut war wie sein Wort, in diesem Falle wohl eine Ausnahme gemacht haben, oder es wäre ihm doch sehr schwer angekommen, die Drohung auszuführen, ich hätte denn eingewilligt, ihn nach Indien zu begleiten. Er war kaum acht Tage auf Ballycastle gewesen, und fast ebenso lange wußte ich, daß er mich liebte.

Er hatte es mir nicht in Worten gesagt; aber es gibt ja da so viele Zeichen, die beredter sind, als alle Worte. Und hier war kein Mangel an solchen Zeichen, wenn ich mir auch den Anschein gab, sie nicht zu bemerken, und wünschte, daß auch Lady Ballycastle möglichst lange im Dunkeln über ihres Sohnes Gefühle blieb. Denn jetzt hatte der Plan für das Glück seiner Zukunft eine andere Form angenommen oder sich doch, in Ermangelung anderer Aussichten, in dieser einen zusammengefaßt: Kapitän Gordon sollte die größte Heirat in den Vereinigten Königreichen machen, und dadurch alle die bitteren Täuschungen und brennenden Schmerzen sühnen, die ihr sein Mangel an Ehrgeiz bis dahin bereitet. Ihr diesen geträumten Himmel zu schließen, war ganz sicher das Schrecklichste, was man ihr anthun konnte, und so mußte man denn auch von dem Ausbruche ihres Zornes bei der Entdeckung das Schlimmste gewärtigen. Ich würde das nicht gefürchtet haben, wenn mich der Preis des Kampfes gelockt hätte. Es war nicht der Fall: ich liebte Kapitän Gordon nicht.

Die Baronin that einen tiefen Atemzug und schien plötzlich wieder von ihrer Arbeit ganz in Anspruch genommen, während Angelas Blicke für ein paar Momente mit einem Ausdrucke des Mitleids und des Kummers auf dem guten, verlegenen Gesichte ruhten. Es war die Wahrheit, was sie gesagt, aber die ganze Wahrheit war es nicht. Sollte sie weiter sagen: Ich liebte grenzenlos, hoffnungslos einen Andern? und den Schrecken, die Bestürzung sehen auf dem guten, verlegenen Gesichte?

Sie schüttelte leise den Kopf; auf der feinen Stirn war die Wolke wieder aufgestiegen, und als sie jetzt fortfuhr, hatte ihre Stimme wieder den verschleierten apathischen Ton, in welchem sie ihre Erzählung begonnen.

Er besaß manche Eigenschaften, die ihn der Liebe der besten Frau wert erscheinen ließen. Er war tapfer, treu, beharrlich, wahrheitsliebend, einer niedrigen Handlungsweise völlig unfähig: ein Gentleman in der vollen englischen Bedeutung des Wortes. Aber alle diese Vorzüge wurden in meinen Augen – ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrücken soll – ungenießbar gemacht, ist zu viel; aber vielleicht, ihres Duftes beraubt – durch einen schlimmen Umstand: Kapitän Gordon langweilte mich. Ich fühle, es klingt das frivol und undankbar; aber ich finde, wie ich auch suche, für das seltsame Gefühl, das mich jedesmal in seiner Nähe beschlich, kein anderes Wort. Er war, wie Sie sich denken können, keineswegs ununterrichtet; er hatte sogar ungewöhnlich viel gelesen; überdies hatte er die halbe Welt gesehen, über die Menschen und ihr Treiben nachgedacht; wenn er sprach, was freilich nicht eben häufig geschah, war alles, was er vorbrachte, wohlerwogen, und selbst die Form, die Darstellung gewiß nicht künstlerisch, aber, wie man sie von einem gebildeten Manne erwarten durfte, vielleicht, weil er so ruhig und überlegt sprach, noch ein wenig über das Durchschnittsniveau hinaus; aber – Sie wissen, was ich meine, ich will das böse Wort nicht wiederholen.

Ich ging mit mir zu Rate, was unter diesen Umständen meine Pflicht sei. Eine Aenderung meiner Gefühle gegenüber Kapitän Gordon war für mich ausgeschlossen, und damit, hätte auch alles sonst anders gelegen, wie es lag, die Möglichkeit, daß ich jemals sein Weib werden könne. Kam es also zu einem Aussprechen, so war das Resultat vorauszusehen: die tiefste Kränkung eines edlen Mannes und die schauerlichste Scene mit einer Hochmütigen, welche ich tödlich beleidigte, gleichviel ob ich die Liebe ihres Sohnes erwiderte oder zurückwies.

Eine heimliche Flucht, die mit Hilfe des alten Pfarrers leicht zu bewerkstelligen war, bot sich als bequemstes Mittel, das ich denn doch nach einiger Ueberlegung verwarf. Es schien mir meiner nicht würdig, und es hätte den geschürzten Knoten wohl für den Moment zerschnitten, aber nicht endgiltig gelöst. Gerade um das letztere war mir zu thun. Wie ich Kapitän Gordon kannte, würde ihn ein beliebig vorgeschützter Grund, den ich etwa brieflich zurückließ, nicht befriedigt haben. Ich ersehnte jetzt den leidigen Augenblick, ja, suchte ihn herbeizuführen, indem ich meinem Betragen gegen ihn eine Färbung gab, die er als Erwiderung seiner Liebe deuten durfte; und machte, eine schlechte Schauspielerin, wie ich bin, die Sache dadurch nur schlimmer. Den Vorsichtigen, Gewissenhaften schien die nahe Aussicht eines Sieges, den er noch in weiter Ferne geglaubt, eher einzuschüchtern, als zu ermutigen, um so mehr, als mein Benehmen, das mir nicht das Herz, sondern die Berechnung diktierte, nicht anders als inkonsequent und widerspruchsvoll sein konnte. Aber während er, gewissermaßen erschrocken, seine Augen abwendete, und Lady Ballycastle ihr blinder Hochmut vor jedem leisesten Verdacht schützte, entging keine meiner Mienen, keines meiner Worte der lauernden Aufmerksamkeit einer andern Person, die mich seit dem ersten Moment mit ihrem tödlichen Hasse beehrte und ebenso lange auf ein Mittel sann und eine Gelegenheit erharrte und erspähte, mich aus einer Stellung zu verdrängen, aus welcher ich sie verdrängt hatte.

Zwar war Miß Flinch – so hieß die Person – niemals etwas andres für Lady Ballycastle gewesen, als eine Sklavin, welche jede krauseste Laune der Gebieterin, jede tiefste Demütigung, jede grausamste Mißhandlung mit stumpfer und doch schlau berechneter Geduld ertrug. Auch hatte sie niemals auch nur annähernd auf jene den Einfluß ausgeübt, dessen ich mich rühmen durfte; die lange Liste der Funktionen, welche sie in dem unmittelbaren Dienste der Lady und in dem ungeheuren Haushalte versehen, war durch meine Dazwischenkunft in keiner Weise verkürzt worden; und wenn sie nur noch heimlich und gelegentlich, nicht mehr wie früher vor versammeltem Volke täglich und stündlich, beladen mit fremden Sünden und Mißgriffen, in die Wüste getrieben wurde, so hatte sie das einzig meiner energischen Fürsprache zu verdanken, das heißt, sie hatte noch einen triftigen Grund mehr, mein Verderben, oder was sie dafür ansah, zu wünschen, und wenn es sich machen ließ, herbeizuführen.

Der langersehnte Moment schien gekommen. Gordons Liebe war der Gebärdenspäherin längst kein Geheimnis mehr; sie hatte mit der Denunziation nur gezögert, um die Summe meiner Schuld bis zum Uebermaße anschwellen zu lassen, und dies Uebermaß war da, schien da zu sein, nun, da ich, deren Haltung bisher selbst vor diesen schadenfrohen Augen tadellos gewesen, ein Benehmen an den Tag legte, das für die Rachgierige natürlich nur eine Deutung hatte. Ihre Mitteilung, zu der sie den rechten Moment abzupassen wußte, und welche sie durch eine lange Reihe kunstvoll geordneter Fakta beweiskräftig zu machen verstand, war der Funke, der in ein Pulverfaß fliegt. Was soll ich versuchen, Ihnen die Scene in all ihren widerwärtigen, greulichen Einzelheiten vorzuführen! Wie entsetzlich dieselbe war, mögen Sie daraus abnehmen, daß ich ein paar Sekunden lang schwankte, ob ich mir die Genugthuung, die völlig in meiner Hand lag, verschaffen und der Lady erklären solle, sie setze ohne Not die ganze Hölle in Bewegung, ich liebe Kapitän Gordon nicht, würde ihn niemals lieben und ergreife mit Freuden die Gelegenheit, aus einer Situation zu kommen, welche mir längst unerträglich geworden. Ich hatte im Hereintreten Miß Flinch in das Nebenzimmer verschwinden sehen; ich wußte, daß sie ihrer Gewohnheit gemäß hinter der Portiere lauschte, jedes meiner Worte, und wären sie noch so leise gesprochen, hören würde. Sie durfte es nicht hören; ich durfte vor diesen schamlosen Ohren Gordons edle Liebe nicht entweihen. Es war das vielleicht übertriebene Großmut, denn durch mein Schweigen mußte ich gerade herbeiführen, was ich vermeiden wollte. Aber ich konnte nicht anders. Und so erwiderte ich denn, als ich endlich zu Worte kam, mit aller Ruhe und Festigkeit, die ich aufzubieten vermochte, daß, wie es sich ja auch in Wirklichkeit verhielt, Kapitän Gordon den Empfindungen, die er etwa mir gegenüber hege, nie mit einer Silbe Ausdruck gegeben, und daß ich jedem andern, außer ihm, das Recht abspreche, von mir ein Bekenntnis meiner Gefühle zu fordern; daß im übrigen, wie Mylady begreifen werde, nach diesem Auftritt meines Bleibens in Ballycastle keine Stunde länger sei, und ich der Mutter überlassen müsse, wie sie dem Sohne mein Fortgehen motivieren wolle. Damit verließ ich das Zimmer.

Während der Wagen, welchen ich bis zur nächsten Station verlangt hatte, zurechtgemacht wurde, packte ich meine Sachen, ohne eines der zahllosen kostbaren Geschenke, mit denen mich Lady Ballycastle im Laufe der Jahre überhäuft hatte, anzurühren; schrieb ein paar Abschiedsworte an Mr. Wicklow und schwankte, ob ich auch an Edward Gordon – ich habe vergessen, zu sagen, daß er sich glücklicherweise zur Zeit in den schottischen Hochlanden auf der Jagd befand – schreiben sollte. Aber was hätte ich ihm schreiben können! War ich doch im Grunde froh, daß mir jenes traurige Bekenntnis erspart war und hoffentlich für immer erspart blieb, wenn es mir gelang, spurlos für ihn zu verschwinden. Ich durfte es hoffen: er kannte von meinen Familienbeziehungen in London oder gar in Deutschland nichts; ich glaube, er wußte nicht einmal, von wo ich gekommen. Ein paar Tage Vorsprung hatte ich auf jeden Fall. Nichtsdestoweniger beeilte ich meine Abreise auf alle Weise, nahm mir dann sogar die vielleicht unnötige Mühe, von der direkten Tour abzulenken, vermied auch London zu berühren, und fühlte mich doch nicht eher sicher, als bis ich den Boden des Kontinents unter den Füßen hatte und mich ein Zufall, den ich ewig segnen werde, mit Ihnen in Brüssel zusammenführte.

Angela schwieg; die Baronin, welche ihr Strickzeug längst definitiv beiseite gelegt, blickte, die Hände im Schoß gefaltet, still vor sich nieder, dem Nachklang der melodischen Stimme in ihrem Herzen lauschend, ganz im Banne des Zaubers, welchen das seltsame Mädchen vom ersten Tage an auf sie geübt, den sie aber doch nie so tief wie jetzt empfunden hatte: als etwas Unbegreifliches, Unwiderstehliches. Und dann dachte sie ihres armen Jungen, und wie er sie geliebt; und wie seine Liebe hoffnungslos von Anbeginn, gleich der des englischen Kapitäns, der doch ein so guter, braver, bescheidener Mensch gewesen zu sein schien – so ganz in der Weise wie ihr armer Junge – und sie seufzte tief.

Ich wußte, daß Sie mich nicht mehr so lieb haben würden, wenn ich Ihnen dies erzählte, sagte Angela.

Die Baronin hob die klaren, treuen Augen und erwiderte ruhig:

Das glauben Sie doch selbst nicht, liebes Kind: aber leid thun Sie mir, schrecklich leid. Soll ich einmal ganz offen reden? Ich darf's ja wohl jetzt, wo ich – der liebe Gott weiß es – sicher bin, daß ich dabei keinen andern Gedanken habe, als Ihr Glück. Und das werden Sie nie finden, liebes Kind, wenn Sie nicht ein bißchen weniger von dem Manne fordern, den Sie lieben sollen. Einen solchen Mann, wie Sie ihn sich vorstellen, gibt's auf der ganzen Welt nicht; und eine Ehe, wie Sie sich denken, gibt's auch nicht. Die Ehe, wenn den jungen Leuten der Himmel noch so voll Geigen zu hängen scheint, ist immer ein Wagestück; aber wer nicht wagt, gewinnt nicht, und wenn es eine gibt, die alles wagen kann und alles gewinnen – dann sind Sie es. Sie können einen Prinzen heiraten, meinetwegen einen Kaiser, und es wird gut gehen, denn Sie haben nicht bloß das Herz auf dem rechten Fleck, Sie haben auch den Verstand, wenn's sein muß, für zwei; das brauchen die Männer, das verlangen die Männer, und sind unglücklich, wenn's nicht der Fall ist; verstehen Sie: innerlich, denn sonst haben sie ja natürlich die Weisheit allein erfunden. Und sehen Sie, daß es bei mir hier oben nicht langte, das war mein Unglück und das Unglück meines armen Mannes. Nicht daß ich bloß eine Pächterstochter war und er ein vornehmer Herr, und auch nichts gelernt hatte, obgleich es ja freilich besser gewesen wäre, ich hätte französisch parlieren können und all das; darüber kommt ein Mann zur Not weg; aber – sehen Sie, da haben Sie vorhin etwas gesagt, wofür ich Ihnen heimlich recht böse gewesen bin. Sie haben gesagt, der Herr Kapitän habe Sie gelangweilt. Als ob das etwas so Schlimmes wäre für eine Frau, notabene, wenn der Mann sonst ein braver Mann ist, versteht sich. Dann ist er, glauben Sie mir, auch der klügsten Frau noch in tausend Dingen über, und sie muß zu ihm hinaufsehen und Respekt vor ihm haben, und schließlich hat sie ihre Wirtschaft und ihre Kinder und mag Gott danken, wenn alles gut geht und sie immer den Kopf oben behält. Aber umgekehrt, wenn der Mann einer von denen ist, wie's ja so manche gibt und wie meiner war: daß es ihnen immer im Herzen rumort und in ihrem Kopfe immer Feuerwerk ist und blitzt und leuchtet, und sie nicht wissen, wo sie mit all ihren Einfällen und Gedanken und Plänen hinsollen, und kommen nun zu ihrer Frau, und die versteht sie beim besten Willen nicht und weiß gar nicht, wo das nur hinaus soll, und sagt in ihrer Dummheit etwas, woraus der andere gleich sieht, daß sie ihn nicht verstanden hat, oder sagt auch gar nichts, weil sie noch gerade klug genug ist, zu wissen, daß es doch nur eine Dummheit sein würde – sehen Sie, dann geht das wahre Unglück los, und der Mann läuft aus dem Hause, als ob's da brennte, und spielt und trinkt und wütet ins Leben hinein, das ihm wie Wermut und Galle schmeckt, und kommt zurück in seinem Geschäft und stürzt sich in Schulden und Elend, und seine arme dumme Frau und seine unschuldigen Kinder –

Halten Sie ein, um Gotteswillen!

Angela war von dem Sofa aufgesprungen und hatte mit erhobenen Händen, als wollte sie ein Schreckliches abwehren, ein paar Schritte ins Zimmer gethan. Jetzt sanken die Arme herab, sie wendete sich langsam:

Und da ist keine Rettung?

Die Baronin schüttelte den Kopf:

Ich weiß keine. Was Gott in seiner Allwissenheit zusammengefügt hat, soll der Mensch in seiner Kurzsichtigkeit nicht scheiden – das ist ein altes Wort und ein wahres Wort, die Leute mögen sagen, was sie wollen. Ja, und es soll auch kein Dritter da hineinreden und hineinpfuschen – denn er macht es meistens nur noch schlimmer, als es schon ist.

Als es schon ist! murmelte Angela; so brauchen wir auch nicht mehr nach Vevey zu gehen.

Sie stand mit starren Augen, wie im Traume; die Baronin erhob sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit.

Potztausend! rief sie, das hätte ich bald vergessen! Es ist die höchste Zeit. Natürlich gehen wir hin, Sie wetterwendisches Ding! Ich will Ihnen doch zeigen, daß ich auch Energie habe, wie Ihre Lady sagte, und nicht unter dem Pantoffel von meinen Gören stehe und unter Ihrem auch nicht.

Sie war zu Angela getreten und hatte ihr das Haar aus der Stirn gestrichen.

Wie das mal wieder da glüht! Ja, ja, die Luft in Vevey wird ihnen gutthun – mir auch – wir fangen hier nur beide Grillen. Und nun marsch, allons! Gusting soll Ihnen helfen, und hernach schicken Sie sie zu mir; wir müssen in einer halben Stunde fertig sein.

Angela hatte sich noch immer nicht geregt; plötzlich ging es wie ein elektrischer Schlag durch ihren Körper; sie bewegte sich langsam nach der Thür. An der Thür wendete sie sich; die Augen hoben sich mit einem seltsamen, halb zürnenden, halb Hilfe flehenden Ausdrucke zu der Baronin, um die Lippen zuckte es; aber es kam kein Wort. Sie schüttelte ein paarmal den Kopf, wendete sich wieder und war gegangen.

Die Baronin blickte ihr traurig nach.

Armes Kind, wo soll das noch hinaus! und hernach machen sie bei all ihrer Klugheit eine dicke Dummheit. Sie hätte nur ruhig den Herrn Kapitän heiraten sollen, wenn's mein Junge doch einmal nicht sein konnte. Und – na, ich sollte nur der Herr Kapitän sein – ich wüßte, was ich thäte.

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