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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

VI.

Angela hatte sich bei der Baronin nur kurze Zeit verweilt. Die treffliche Frau hatte sie in ihrer gutmütigen Weise über den langen Spaziergang in der gewitterschwülen Luft ausgescholten und dann, nachdem sie ihr eine Tasse Thee aufgenötigt, darauf gedrungen, daß sie sofort ihr Zimmerchen aufsuche.

Sie sehen erbärmlich aus, liebes Kind; das geht nicht; ich habe mich nun einmal an Ihre klaren Augen und Ihren klaren Kopf so gewöhnt. Also, marsch zu Bett, und verschlafen Sie Ihren Kopfwehtag – Migräne nennt ihr das ja wohl? – gründlich. Hören Sie?

Und dann hatte sie ihr die Hand gereicht, und Angela, indem sie sich niederbeugte, die gütige Hand zu küssen, hätte die zitternden Kniee gerne noch tiefer gebogen, um, das Gesicht in dem Schoß der mütterlichen Freundin, zu beichten, was sie soeben Furchtbares erlebt; und wie eine Ahnung ihr sage, es werde aus dem Furchtbaren noch Furchtbareres folgen; und sie sich ratlos, hilflos fühle, wie noch nie in ihrem Leben.

Aber von alledem war kein Wort über die bleichen Lippen gekommen; und sie hatte sich aufgerichtet und war die Treppen zu ihrem Dachstübchen hinaufgewankt, einem Verbrecher gleich, dem die Absolution versagt wurde, und der zusehen mag, wie er die furchtbare Last weiter durch das Leben schleppe.

Schlafen! großer Gott! schlafen, während die Pulse in den Schläfen hämmern, daß es schier den Donner übertäubt, der draußen grollt und kracht, und die zuckenden Blitze nur ein Gegenbild sind der Anstrengung des Geistes, Klarheit zu bringen in die abgrundtiefe Nacht der Seele!

Abgrundtief, und doch nicht tief genug! Nicht so tief, daß sie die bleichen Schemen hätte bannen können, die daraus hervorschwebten und sich mit ihrem Herzblut letzten, und die Sprache wiedergewannen, die sie für immer verstummt glaubte: »Belüg' dich, wie du willst; du liebst ihn, wie du ihn je geliebt, liebst ihn mehr als je!«

Das war das eigentlich Entsetzliche; war's auch gewesen, was ihre Hand kraftlos gemacht hatte, als sie ihn von sich stoßen wollte; war's, warum sie ihm den Weg vertreten, als er sich auf ihren Befehl, der keiner war, zum Gehen wendete; war's, was sie all die verwirrten, sinnlosen Worte hatte sprechen lassen, deren sie sich kaum noch erinnerte, oder nur erinnerte, um sich jeder Silbe zu schämen in ihr elendes, jammerschweres Herz. Was hatte sie in sein eheliches Verhältnis hineinzusprechen gehabt? ihn zur Geduld, zur Versöhnlichkeit zu ermahnen? Was ging es sie an, daß er in dem Mädchen, das er aus schnöder Berechnung geheiratet, die Muse nicht gefunden, welche ihm seine Arbeit segnete? Seit wann waren die Musen käuflich? Und hatte sie mit alledem nur etwas Neues erfahren? Hatte sie nicht von der Baronin wiederholt gehört, daß ihre Nichte, die den talentvollen Maler gefreit, bei so viel Anmut und bestrickendem Reiz im Grunde ein unbedeutendes Geschöpf sei, das rechte Kind eines eitlen, egoistischen, hartherzigen Vaters? Hatte nicht unterwegs Benvenuto, der frisch von Berlin kam und so viel in ihrem Hause verkehrt – ahnungslos, wie tief sie es berühre – in seiner leichten Weise wiederholt geäußert: es sei ihm gar nicht so sicher, daß es ein sehr glückliches Leben, welches Arnold Moor führe, trotz des Aufwandes, den er sich bei dem Reichtum der Frau erlauben dürfe, und trotz der schönen Kinder, mit denen die schöne Frau im Tiergarten paradiere, und der prächtigen Villa und des mit allen möglichen Kostbarkeiten ausgestatteten Ateliers, in welchem er von Jahr zu Jahr weniger male, und das Wenige nicht annähernd auf der Höhe seiner ersten Leistungen?

Sie hatte ja alles gewußt und – es hatte sie nicht froh gemacht, als sie es – eines nach dem andern – hörte, nicht mit Schadenfreude erfüllt – sie hatte sich nur still gesagt: es konnte nicht anders kommen; es mußte so enden, und du mußt es nehmen, wie der Mensch zu nehmen hat, wovon er sich bewußt ist, daß es ohne seine Schuld gekommen ist.

Daran hatte sie sich gehalten, festgeklammert; nun war es, als ob auch diese letzte Stütze breche, während sie jetzt, am Fenster sitzend, in die Blitze starrte, jetzt in dem Zimmerchen mit gerungenen Händen auf und nieder schritt.

Sieben Jahre waren es nun; sie hatte gewähnt, daß es – wenn nicht vergeben und vergessen–doch eingesargt sei in einem festen Schrein trotziger Selbstgerechtigkeit, den nichts zu sprengen vermöge, und jetzt wandelte es wieder auf Erden – nicht als Gespenst der Erinnerung – nein, leibhaftig in des geliebten unseligen Mannes teurer Gestalt!

Unselig durch ihre Schuld! Ja, sie wußte es jetzt, als ob der Donner es ihr in die Ohren schmetterte, als ob die Blitze es ihr ins Herz brännten, daß es da stehe bis an ihr Lebensende mit Flammenlettern: Durch deine Schuld, weil du, die du dich des heiligen Geistes voll dünktest und seine Göttin sein und nicht dulden wolltest, daß er die reinen Schwingen seines Genius mit Erdenstaub beflecke, doch schwach genug warst, ihm deine Liebe zu gestehen; und wiederum zu lieben wähntest, wie nie ein Weib geliebt, und als er nun, verletzt durch deinen spröden Sinn, deine phantastischen Grillen, in einer jener wilden Künstlerlaunen, in einem Moment nur zu erklärlicher Verzweiflung an deiner Liebe, hinging und um das reiche Mädchen freite, das ihm lachenden Auges auf rosigen Lippen ihre Liebe entgegentrug – hast du da deines Herzens bittere Not herausgeschrieen: Thu's nicht! thu's nicht! – ich sterbe, wenn du's thust! Hast du da nicht die zuckenden Lippen zwischen die Zähne geklemmt, daß kein Laut des Jammers darüber gehe, der dein Herz zerriß? Ein Laut, ein Blick würde den Weichen, Lenkbaren wieder zu deinen Füßen, in deine Arme zurückgebracht haben – du konntest es deinem Stolze nicht abgewinnen, dieses ungeheure Opfer, und nun siehe, Hochmütige, dein Werk! und preise die süße Ophelia selig, die keinen Teil hatte an der Zerstörung von Hamlets edlem Geist und doch das Entsetzliche nicht ertrug und sich vor ihm in ihr kühles, nasses Grab rettete!

Sie sprang von dem Bette empor, auf das sie sich geworfen, ihr Schluchzen und Stöhnen in den Kissen zu ersticken, und stürzte aus dem Zimmer auf den Korridor und stand da, sich das wirre Haar aus dem Gesicht streichend, verstört in den langen, schmalen Gang hineinstarrend, der nur auf wenige Schritte von einem einzigen kleingeschraubten Gaslichte matt erhellt war und sich zuletzt in Grabesnacht verlor. Was hatte sie gewollt?

Beschämt schlich sie in ihr Stübchen zurück und schloß und riegelte hinter sich zu, als könnte sie so sich vor sich selbst bewahren und schützen.

Sie war an das offene Fenster getreten, das thränenheiße Antlitz in der feuchten Nachtluft zu kühlen. Drunten an der Mauer des Hotelgartens rauschten die Wellen; dann und wann flimmerte ein mattes Licht über die bewegte Fläche des Sees. Droben am Himmel war nicht mehr alles Finsternis; zwischen den schwarzen Massen trat hie und da auf Momente ein blinkender Stern hervor. Gab's denn noch Sterne?

Gab's denn noch eine Hoffnung?

Auf dem kurzen Wege freilich nicht, den sie eben hatte gehen wollen. Was, das schlimm war, wäre so nicht schlimmer geworden? Und wollte sie auch an die gute Frau unten nicht denken, die wohl verlangen durfte, daß sie nicht ohne Abschied ihr entlief, wie ein gewissenloser Dienstbote – würde Arnolds Herz leichter schlagen, wenn er erfuhr, daß sie einer Wiederbegegnung mit ihm für immer aus dem Wege gegangen, ihr Wiedersehen auch zugleich ein Abschied für die Ewigkeit gewesen? Würde er für die Zukunft die verlorene Schaffensfreude wieder gewinnen, wenn jede erhabene Natur, die seine Kunst herausforderte, ihm die Erinnerung des majestätischen Alpensees erweckte, welcher das Grab des Mädchens geworden, das er einst geliebt?

Nein, nein, es war ja der Tod nur die bittere Frucht eben jener Liebe, die nichts kennt, als ihre Freuden, ihre Schmerzen, und immerfort Opfer zu bringen glaubt, während sie wollüstig alles, zuletzt das Leben selbst, dessen höchste Blüte und Verklärung sie sein soll, mit gieriger Wut in sich schlingt. Schon das Geständnis, daß sie nicht glücklich sei, nur noch mit halbem Herzen lebe, war Feigheit und Verrat. Sie mußte dem Mutlosen, Schwankenden voranschreiten auf dem steilen Pfade demütig-stolzer Entsagung; ihn durch ihr Beispiel lehren, daß der Mensch, der seiner Pflicht lebt, niemals ganz unglücklich sein kann; das hohe, reine Glück für ihn erst da beginnt, wo er aus voller Ueberzeugung auf persönliches Glück ein für allemal verzichtet. Sie hatte sich ja von Herzen seit Jahren zu dieser herben Weisheit bekannt und nach ihren Lehren zu leben versucht. Es war nur in der ersten Ueberraschung, im ersten Schrecken gewesen, daß sie die hohe Herrin verleugnet; es sollte nie wieder geschehen, nie! Sie durfte, sie wollte der Begegnung mit Arnold nicht ausweichen; er sollte, er mußte sich überzeugen, daß sie ruhig sei, daß er es um ihrethalben ebenfalls sein dürfe; daß sie selbst den Anblick seines häuslichen Glückes ertragen könne, mehr noch: daß sie dieses Glück fordere, von ihm verlange, und wenn es ihm aus eigenen Kräften unerreichbar bliebe, ihn lehren wolle, wie es zu erreichen sei.

Und am offenen Fenster auf den Knieen, die Arme erhoben zum Himmel, aus dessen schwärzlichem Blau jetzt unzählbare Sterne herniederfunkelten, versuchte sie sich leidenschaftlichen Dranges hineinzudenken in das Rechte und den Weg zu finden, den sie gehen müsse, dem geliebten Manne das verscherzte Glück, die verlorene Kraft, sich selbst wenigstens die Ruhe des Gewissens zurückzubringen.

Ein Frieden, eine Stille, wie aus einer anderen besseren Welt war über sie gekommen; und nun, da der Sturm in ihrer Seele ausgetobt, machte der jugendstarke Körper seine Rechte geltend. Bleischwere Müdigkeit ergoß sich durch ihre Glieder; noch halb entkleidet sank sie auf ihr Lager; sie wollte ihr Gebet wiederholen, aber die Gedanken verwirrten sich; landschaftliche Bilder tauchten vor ihr auf und verschwanden wieder, und sie wunderte sich, wie seltsam es sei, daß es alles englische Erinnerungen waren, die seit Jahresfrist in ihrer Seele geschlummert. Und dann waren es wieder nur Gesichter aus der englischen Zeit: die Lady, die eine fürchterliche Grimasse machte, Edward Gordon, der sie aus treuen Augen vorwurfsvoll anblickte, und dann versank sie in tiefen, traumlosen Schlaf, aus dem ein lautes Klopfen an der Thür sie erweckte.

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