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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

V.

Geben Sie mir das Salz, Miß Flinch, sagte Lady Ballycastle; danke – das ist recht; sie kommt schon wieder zu sich. Sehr wohl – wie befinden Sie sich, meine Liebe?

Sie wiederholte die Frage, die sie zuerst englisch gethan, französisch und, als sie auch jetzt keine Antwort erhielt, deutsch.

Ich danke Ihnen, murmelte Nanni, indem sie versuchte, die große Hand, welche ihr noch immer das Flacon mit dem Riechsalz unter die Nase hielt, wegzuschieben und sich aufzurichten. Ich bitte dringend um Entschuldigung – ich –

Erwähnen Sie das nicht, unterbrach sie die Lady. Einander zu helfen, ist Christentum, Humanität. Ich helfe, wo ich kann; es ist meine Erholung, es ist meine Passion.

Sie hatte das Flacon an Miß Flinch gegeben, welche kerzengerade, ohne eine Miene in dem wachsgelben Gesichte zu verziehen, einen Schritt entfernt stand, und entfaltete nun einen ungeheuren schwarzen Fächer, um denselben dicht vor Nannis Gesicht auf und nieder zu bewegen. Der starke Zug, der dadurch hervorgebracht wurde, war Nanni sehr unangenehm; sie wagte aber nicht, Einspruch zu erheben. Sollte dies die Dame mit dem großen Fächer aus dem Speisesaale sein, von der die Kinder erzählt hatten? Sie hätte es gern herausgebracht, schon um sich zu vergewissern, daß es sich nicht um eine junge Dame gehandelt; so sagte sie denn auf gut Glück:

Ich danke Ihnen recht sehr; Sie haben sich, glaube ich, auch meiner armen Kinder heute bei Tische so freundlich angenommen –

Die Lady klappte den Fächer zu und rief, zu Miß Flinch gewendet:

Habe ich es nicht gedacht! sie ist die Mutter von den Kindern – von den armen Kindern – hören Sie, Miß Flinch?

Sehr wohl, Mylady, sagte Miß Flinch.

Das ist interessant, sehr interessant, fuhr Lady Ballycastle, immer eifriger sprechend, fort; die Mutter von den hübschen armen Kindern, die Gattin des unhöflichen Gentleman, der ohne Zweifel ein grausamer Tyrann ist – hören Sie, Miß Flinch?

Sehr wohl, Mylady, sagte Miß Flinch.

Und läuft hier schreiend auf dem Korridor umher und fallt mir ohnmächtig in die Arme – das spricht Bände – das ist ein ganzer Roman. Hören Sie, Miß Flinch?

Sehr wohl, Mylady!

Sie haben so wenig Herz, wie Geist, Miß Flinch, und deshalb haben Sie auch keine Energie – können keine haben – ich habe Ihnen das schon hundertmal gesagt.

Sehr wohl, Mylady!

Nein, das ist nicht sehr wohl; das ist sehr übel, Miß Flinch. Man muß Energie haben. Man muß kühn und energisch sein wie der Samariter. Sehen Sie denn nicht, daß diese junge Frau eine Unglückliche ist, welche die kühnste Energie herausfordert? Ich sage Ihnen: sie ist schlimmer daran, als der Mann, der ausging und unter die Räuber fiel. Gehen Sie, Miß Flinch, Sie sind nicht wert, an dem guten Werke teilzunehmen, das ich an dieser unglücklichen jungen Frau ausüben will. Gehen Sie!

Die rauhe Stimme der Dame war so heftig und laut geworden, daß das Kristallgehänge der Armleuchter auf dem Tische erzitterte. Sie stand in ihrer ganzen Länge aufgerichtet da und deutete mit weit ausgestrecktem Arme nach der Thür; die Begleiterin machte eine tiefe Verbeugung und verließ das Zimmer. Die Lady ging, sich fächernd, ein paar Schritte hin und her, wendete sich dann und sagte, indem sie sich Nanni gegenüber auf einen zweiten Fauteuil setzte und eine Hand der jungen Frau in ihre beiden großen Hände nahm:

Nun, meine Liebe, erzählen Sie mir alles! Sagen Sie mir zuerst, daß Sie unglücklich sind – das ist der große Punkt.

Nanni hatte von allem, was zwischen den Beiden gesprochen worden, kaum ein Wort verstanden, aber doch völlig begriffen, daß es sich um sie handle, und daß die Dame ihr wohlwolle. Die riesenhafte Gestalt mit der gewaltigen Habichtsnase unter den schwarzen buschigen Brauen und der sonderbaren weißen Haube auf den kohlschwarzen Haaren, die augenscheinlich falsch waren, machte eigentlich einen überaus komischen Eindruck auf sie, und es fehlte nicht viel, so hätte sie bei dem Gedanken, daß dies die Dame sei, auf welche sie noch eben eifersüchtig gewesen, laut aufgelacht. Auf der andern Seite aber imponierte ihr die groteske Erscheinung doch gewaltig. Das schwere schwarze, mit zweifellos echten Spitzen garnierte Seidenkleid, die im Lichte der Armleuchter funkelnde kolassale Brillantbroche, die demütige Begleiterin, die nicht, wie Fräulein Pilz – der sie übrigens lächerlich ähnlich sah – auf die Schelte, die sie bekommen, einen Schwall von Erwiderungen bereit hatte, sich im Gegenteil mit keinem Worte, keinem Blicke zu verteidigen wagte; dazu der große, prachtvolle Salon, offenbar der vornehmste des Hotels, die Menge der kostbaren Gegenstände, welche über die Tische und durch den ganzen weiten Raum zerstreut waren – sie hatte es ganz gewiß mit einer Engländerin aus dem vornehmsten Stande zu thun, auf deren Bekanntschaft jede ihrer Freundinnen in Berlin stolz gewesen wäre, und mit der sie sich ja auch glücklicherweise verständigen konnte, ohne zu ihrem bißchen Französisch Zuflucht nehmen zu müssen. Wie die Dame so Knall und Fall herausgebracht, daß sie unglücklich sei, war ihr allerdings ein rätselhafter Umstand, dessen sie sich aber nicht weiter schämen wollte. Sie war ja unglücklich – das durfte sie getrost selbst behaupten – und wie hätte sie es in Abrede stellen sollen, da es doch eben ihr Unglück war, durch welches sie das Interesse der vornehmen Dame erregte? Vielleicht war jetzt ein geeigneter Moment, in Thränen auszubrechen – die große Dame schien sogar etwas derart zu erwarten: aber die Thränen wollten wieder einmal nicht kommen. So holte sie denn einen tiefen Atemzug, drückte ihr Taschentuch in die Augen und murmelte: Sie haben grausam recht, ich bin unglücklich! so unglücklich!

Sagte ich es nicht, rief die Lady triumphierend. Ja, ja, ich habe scharfe Augen; Dank sei Gott, der mir die Organe gab, welche zur Ausübung des schweren Berufes gehören, den er auf meine schwachen Schultern zu legen für gut fand. Jetzt dürfen Sie aber nicht weinen, meine Liebe. Jetzt müssen Sie mir sagen, was ich wissen muß, damit ich Ihnen helfen kann. Ich bin Lady Eleonor Ballycastle von Ballycastle. Das wird Ihnen genügen. Und nun: Wie heißen Sie? Was ist Ihr Gatte? Wo leben Sie? Wohin gehen Sie? Wie lange sind Sie verheiratet? Waren das Ihre sämtlichen Kinder? Weshalb sieht keines Ihnen ähnlich? Das ist ein Versehen, welches Sie bei nächster Gelegenheit durchaus wieder gutmachen müssen. Die Kinder sind unsere Kinder, merken Sie sich das! und so müssen sie auch unsere Abbilder sein. Ich habe nur einen Sohn, aber das schwöre ich Ihnen, wenn ich ein Dutzend hätte, sie würden mir alle gleichen – alle! Denken Sie nicht so?

Aber ganz gewiß, erwiderte Nanni eifrig und mit dem Anscheine innigster Teilnahme, während sie sich heimlich über das sonderbare Deutsch, welches die Lady sprach, köstlich amüsierte und zugleich nicht ohne Schauder fragte, ob sie es am Ende gar mit einer Verrückten zu thun habe.

Ich darf noch mehr behaupten, fuhr die Lady fort, ich behaupte, eine Mutter hat es freilich nicht in der Gewalt, daß ihr Kind ihr ähnlich geboren wird, aber ich würde die Mutter verachten, welche nicht fähig wäre, es sich mit den Jahren ähnlich zu machen. Verstehen Sie, Missis – wie sagten Sie doch, daß Ihr Name sei?

Nanni nannte ihren Namen.

Also, Missis Moor – ein raisonabler Name übrigens, der sich leicht spricht und bei dem sich eine christliche Lady nicht die Zunge zu zerbrechen braucht, wie bei Euren anderen abominablen deutschen Namen – also, verstehen Sie, Missis Moor, ich spreche aus Erfahrung, Mein Sohn, Edward Gordon Ballycastle – er ist diesen Augenblick in Norwegen auf der Bärenjagd, und ich habe seit vierzehn Tagen keinen Brief von ihm gehabt, was mir grausame Sorge macht – mein Sohn war mir bei seiner Geburt so unähnlich, wie nur ein Kind seiner Mutter sein kann. Und jetzt, wo er kaum Dreißig ist, gleicht er mir, daß alle Welt sich darüber wundert. Wie finden Sie das?

Ich finde es sehr begreiflich, erwiderte Nanni mit großem Nachdruck.

Nicht wahr? rief die Lady. Sie fühlen, daß es so sein muß, daß es nicht anders sein kann. Aber weshalb kann es nicht anders sein? Ich will es Ihnen sagen: weil ich Energie habe – das ist es.

Sie hatte Nannis Hand längst losgelassen, lehnte sich jetzt in den Fauteuil zurück und wehte sich mit ihrem Fächer Luft zu, während ihre runden schwarzen Eulen-Augen mit einer unheimlichen Starrheit auf Nanni gerichtet waren, die den Blick, so gut es gehen wollte, auszuhalten suchte.

Sie ist ganz sicher verrückt, sprach Nanni bei sich.

Und wissen Sie, was Sie nicht haben? fragte die Lady.

Nanni schüttelte mit einem demütig-fragenden Lächeln den Kopf. Die Lady klappte den Fächer zu und rief:

So will ich es Ihnen sagen: Energie! Die fehlt Ihnen ganz und gar. Sie sind ein weiches, gutes Kind, das bei der kleinsten Widerwärtigkeit, die Sie trifft, in Thränen ausbricht, bei dem geringsten Schrecken in hysterische Krämpfe und Ohnmachten fällt – you poor little lack a daiscal creature! You don't speak English? Don't you?

Nanni war sehr erschrocken, als die Lady nun doch anfing, englisch zu sprechen, das sie womöglich noch weniger verstand als französisch. Sie verbarg ihre Verlegenheit, indem sie die gewaltige Hand, welche sie auf die Wange klopfte, ergriff und an ihre Lippen drückte und, wieder aufblickend, bescheiden lächelnd bat: Mylady möge doch die Gnade haben, weiter wie bisher deutsch zu sprechen; Mylady spreche es ja so vorzüglich.

Ja, ja, erwiderte Lady Ballycastle. Auch das verdanke ich meiner Energie. Mein Sohn ist in Deutschland gewesen auf – well! auf der Universität; ich niemals, ich hasse Deutschland, ich hasse die Deutschen. Sie haben nur Kopf und Phantasie, aber kein Herz, keine Energie, keine Konsequenz; sie sind verräterisch, treulos – alle, alle, Männer und Frauen – Männer und Frauen! Sagen Sie mir nichts dagegen – ich spreche aus Erfahrung. Wohin ein Deutscher seinen Fuß setzt, stiftet er Unheil; und wenn er es angestiftet, macht er sich aus dem Staube – heimlich, in der Nacht, wie ein Dieb, der er ist. So hat sie es auch gemacht, die Schlange, die ich sechs Jahre an meinem Busen genährt, die ich gehalten habe wie mein eigenes Kind, und die zum Dank dafür Lady Ballycastle werden wollte. Können Sie sich das vorstellen? Ein armes deutsches Mädchen, meine Dienerin, die ich mit meinem Gelde bezahlte!

Die Erinnerung an die freche und undankbare Deutsche schien die Lady in größte Aufregung zu versetzen. Ihr immer stark gerötetes Gesicht war ganz braun geworden; der Fächer beschrieb unter gewaltiger Geschwindigkeit stets wachsende Halbkreise. Nanni beeilte sich, zu versichern, daß sie das Benehmen des deutschen Mädchens abscheulich fände.

Abscheulich! rief die Lady. Abominable! Das ist das rechte Wort. Es gibt nichts Abscheulicheres als das Betragen dieses Mädchens. Sie mußte wissen, wie ich darüber denke. Wissen Sie, woher alles Unglück in der Ehe kommt? Wenn man unter seinem Stande heiratet, gleichviel ob die Frau es thut oder der Mann. Sie haben auch unter Ihrem Stande geheiratet, gestehen Sie es! Eine zarte Dame wie Sie – und ein schwarzhaariger, schwarzbärtiger Mann mit solchen brutalen Manieren – gestehen Sie es doch! Sie sind von guter Familie!

Mein Vater ist Gutsbesitzer – ein sehr reicher Gutsbesitzer, erwiderte Nanni mit Selbstgefühl. Ich habe vornehme Verwandte. Eine Schwester meines Vaters ist die verwitwete Baronin von Granske auf Granskewitz und wohnt ganz in unserer Nähe; meine Mutter ist längst tot – ich bin das einzige Kind –

Sehr gut, sagte die Lady; nun, und Ihr Gatte?

Mein Gatte ist Maler.

Was? rief die Lady.

Nanni wiederholte das Wort.

Ein Maler? fragte die Lady noch einmal; a painter? Habe ich recht verstanden?

Und sie machte mit dem schnell zusammengeklappten Fächer ein paar Bewegungen, ungefähr wie jemand, der mit einem Pinsel wütend über eine Leinwand hin und her fährt.

Nanni nickte.

Lady Ballycastle starrte ihr jetzt wieder gerade ins Gesicht, während sich ihr Mund zu einem höhnischen Lächeln verzog. Nanni schämte sich entsetzlich; es mußte also nach englischen Begriffen eine fürchterliche Schande sein, einen Maler geheiratet zu haben. Nun hatte sie es einmal gesagt; aber es ließ sich, vielleicht einigermaßen wieder gutmachen, wenn man die Umstände und Verhältnisse so schilderte, daß sie selbst an dem Unglück möglichst wenig Schuld hatte. So nahm sie denn jetzt mutig das Wort und erzählte die Geschichte ihrer Heirat und Ehe in ihrer Weise. Sie habe Arnold auf einem der Güter ihres Vaters – der Vater hatte nur eines, aber sie meinte, es klinge so besser – kennen gelernt, als er dorthin kam, um in der Umgegend Studien zu machen. Die Güter ihres Vaters lägen auf Rügen, welches eine Insel sei, in der Nähe eines der schönsten Punkte, und es wären schon vorher manchmal Künstler zu dem gleichen Zweck dorthin gekommen. Arnold, der sich ein paar Wochen erst in der Nachbarschaft, dann in ihrem väterlichen Hause aufgehalten, habe sich sehr um sie beworben. Der Vater sei darüber zuerst ganz außer sich gewesen, habe dann aber doch seine Einwilligung gegeben, als das Bild, das Arnold so zu sagen unter ihren Augen gemalt, auf der Ausstellung im Herbst desselben Jahres bedeutendes Aussehen erregt und Arnold die große goldene Medaille daraufhin bekommen habe. Dann sei sie mit dem Vater nach Berlin gereist, der das Bild, das in der That sein Gut vorstellte und von dem die Zeitungen so viel geschrieben, habe kaufen wollen und auch wirklich gekauft habe. Sie sei nie vorher in einer großen Stadt gewesen; Berlin habe ihr so gefallen; sie habe sich das Leben dort so schön gedacht; auch habe man dem Vater von vielen Seiten so viel Gutes über Arnold gesagt: daß er auf dem besten Wege sei, ein sehr berühmter Künstler zu werden und unendlich viel Geld zu verdienen. Das letztere sei denn nun freilich nicht eingetroffen. Im Gegenteil, Arnold habe von Jahr zu Jahr – sie seien nun sieben verheiratet – immer weniger gemalt und das Wenige immer schlechter. So sagten die Leute, die es doch wohl verständen, und daß Arnold wieder reisen müßte, wenn er nicht alles verlernen und ganz in seiner Kunst zurückkommen solle. Da hätten sie denn mit allen Kindern die Reise gemacht, über Frankfurt und Baden hierher an den Genfer See, wo sie eine Zeitlang bleiben und für den Winter nach Italien gehen wollten. Ihr aber sei die Reise schon jetzt vom Herzen leid, denn anstatt besser zu werden, wie sie gehofft, sei die Laune ihres Gatten von Tag zu Tag schlechter geworden, und sie wisse nicht, wie es noch enden solle.

Nanni hielt sich das Taschentuch vor die Augen; die Lady, welche während der ausführlichen Erzählung sich erhoben und, von Zeit zu Zeit unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd, mit langen Schritten den Salon auf und ab gemessen hatte, blieb jetzt mit verschränkten Armen vor ihr stehen und rief:

Das überlassen Sie mir, ich werde mit ihm reden! Lady Ballycastle wird mit ihm reden; er soll mir nicht wieder entkommen, wie unten im Speisesaal. Wo ist er?

Nanni beichtete nun, wie Arnold vor einigen Stunden fortgegangen sei; wie sie sich deshalb geängstigt und in ihrer Angst einen Koffer, den man die Treppe heraufgetragen, für eine Bahre mit seiner Leiche angesehen habe. Sie hatte schon vorhin die Farben nicht geschont, und die Wirkung, welche sie augenscheinlich damit auf die Lady ausübte, ermutigte sie zu immer kühneren Leistungen.

Ja, rief sie, Sie haben grausam recht, Mylady, ich bin die unglücklichste Frau von der Welt! Und wenn meine Kinder nicht wären, ich lebte schon lange nicht mehr. Meine Kinder, meine armen Kinder!

Sie hatte sich bei diesen Worten der Lady zu Füßen geworfen, indem sie ihr Gesicht mit den vorgehaltenen Händen in deren Schoß drückte, war dann wieder aufgesprungen und nach der Thür geeilt.

Halt! rief die Lady; wo wollen Sie hin?

Zu meinen Kindern!

Ich gehe mit Ihnen.

Nanni sah sich um den schönen Schlußeffekt gebracht. Ueberdies – Arnold konnte zurückgekommen sein; die Aussicht auf eine Scene zwischen dem Jähzornigen und dieser energischen Dame hatte nichts Reizendes. Und wenn auch Arnold noch immer nicht heimgekehrt war – das schnarchende Fräulein im Nachtkamisol auf dem provisorischen Ruhebette, dazu die Unordnung in dem Zimmer mit den herumstehenden Koffern und den umhergestreuten Sachen –

Sie sind so gütig, sagte sie; aber die Kinder schlafen schon – ein andermal – morgen –

Nonsense! rief Lady Ballycastle; was du heute thun kannst, sollst du nicht bis auf morgen verschieben. Und schlafen? Schlafende Kinder sind ein Anblick für die Götter. Kommen Sie!

Sie hatte bereits die Thür, neben der Nanni noch immer zögernd stand, aufgestoßen und schritt voraus; es blieb Nanni nichts übrig, als ihr nachzueilen und sie zu ihrem Zimmer zu geleiten, das an dem andern Ende des langen Korridors lag. Eine große Last fiel ihr vom Herzen, als sie, hinter der Lady eintretend, wenigstens Arnold nicht fand. Sie beeilte sich, die Lichter auf dem Kaminsims und auf der Spiegelkonsole zu entzünden und Lady Ballycastle wegen des wüsten Aussehens des Zimmers um Entschuldigung zu bitten. Sie seien erst seit heute Nachmittag hier, und eine furchtbare Migräne und ihr Herzenskummer hätten ihr nicht erlaubt, Ordnung zu schaffen. Ob Mylady nicht die Güte haben wolle, auf dem Sofa Platz zu nehmen, bis sie die Bonne, welche bei den Kindern schlafe, geweckt und vorbereitet?

Das ist alles unnötig, meine Liebe, sagte die Lady, ich will nicht die Bonne sehen, sondern die süßen Engel. Wo sind sie? Ah, dort?

Sie hatte die Tapetenthür nach der Kammer entdeckt und schritt wieder vorauf, die Thür ohne weiteres aufreißend, zur Verzweiflung Nannis und höchster Verwunderung von Fräulein Pilz, die nicht, wie Nanni annahm, zu Bett gegangen, sondern über der Arbeit auf ihrem Stuhle eingeschlafen gewesen war und jetzt, von demselben emporfahrend, so gut es gehen wollte, die Miene einer treuen Kinderpflegerin annahm, welche man zu jeder Zeit des Tages und der Nacht auf ihrem Posten findet.

Aber die fremde Dame, in der sie sofort die vornehme Engländerin erkannte, welche sie an der Table d'hôte gesehen, hatte keinen Blick, geschweige denn ein Wort der Anerkennung so treu erfüllter Pflicht. Sie war nach dem ersten Schritt in das Zimmer stehen geblieben und rief:

Good gracious! welch horrible Luft! Oeffnen Sie! schnell!

Sie begleitete diese Worte mit einer energischen Geste nach den Fenstern. Nanni und Fräulein Pilz blickten einander bestürzt an.

Oeffnen Sie, wiederholte die Lady, ich ersticke!

Thun Sie es, Fräulein, sagte Nanni mit einem Achselzucken hinter dem Rücken der Lady, die sich nun zu den Betten gewendet hatte, deren Einrichtung sie offenbar mehr interessierte, als die Kinder selbst. Das eine Bett war zu kurz, das zweite nicht breit genug, diese Decke war zu schwer, jenes Kopfkissen zu steil. Sie sagte das mit überlauter Stimme, indem sie an Decken und Kissen zerrte und schob, daß die Kleinen anfingen, sich ungeduldig hin und her zu werfen, Lolo erschrocken von seinem warmen Lager zu Füßen Richards herabsprang und zu bellen begann, während in dem Zuge, der durch das nun geöffnete Fenster hereinstieß, die beiden Lichter auf dem Tische zu erlöschen drohten und Lappen und Papierschnitzel aus Fräulein Pilz' Arbeitskorb in der Stube umherflogen.

Das thut nichts, rief die Lady, das ist sehr gut, sehr gesund.

Schließen Sie das Fenster, Fräulein, – augenblicklich!

Nanni war bei dem Tone von Arnolds Stimme erschrocken zusammengefahren, und selbst Lady Ballycastles Miene war nicht mehr ganz so zuversichtlich, als sie, langsam sich umwendend, den Mann erblickte, der da auf der Schwelle stand. Das schwarze, lockige Haar hing ihm in nassen Strähnen in die bleiche Stirne, unter der die dunklen Augen unheimlich funkelten; wie das Haupthaar war der Bart wirr und zerzaust; die regengetränkten, beschmutzten Kleider schienen am Körper zu kleben. Mit dieser wüsten Erscheinung stand in einem schauerlichen Kontraste die höfliche Gebärde, mit der er jetzt die beiden Damen aus dem Schlafzimmer in das andere Gemach nötigte, um dann hinter den Eingetretenen die Thür zuzumachen.

Ich bitte um Entschuldigung, meine Damen, sagte er, indem er sich verbeugte, aber ich komme eben von draußen, und mein Aussehen wird bezeugen, daß es eine etwas unfreundliche Nacht ist, der man schlafende Kinder nicht gerne aussetzt, zum wenigsten bei uns in Deutschland, Mylady, wie man darüber auch in England denken mag. Ich bedauere, heute binnen wenigen Stunden zum zweitenmale eine Differenz unserer beiderseitigen Ansichten über Kindererziehung und Kinderpflege konstatieren zu müssen, aber Mylady wird mir bezeugen, daß ich die Gelegenheit dazu in keinem der beiden Fälle gesucht habe.

Er begleitete diese Worte mit einem Lächeln, das den Zorn der Lady fast noch mehr erregte, als die Worte, von denen sie, schnell wie sie gesprochen wurden, kaum die Hälfte verstanden hatte. Die runden schwarzen Augen funkelten unter den schwarzen Brauen über der gewaltigen Habichtsnase, die noch krummer und spitzer zu werden schien, während auf den zornbleichen Wangen dunkelrote Flecke kamen und gingen. Sie klappte den nur halb aufgezogenen Fächer mit einem Ruck zusammen und sagte mit heiserer Stimme:

Genug, Sir! Eine englische Dame bedarf keiner Lektion von einem Deutschen, um zu wissen, daß jedermann Herr in seiner Wohnung ist.

Sie bewegte sich mit majestätischen Schritten nach der Thür, hatte dieselbe aber noch nicht erreicht, als ihr Arnold den Weg vertrat.

Verzeihung, Mylady, es war durchaus nicht meine Absicht, Ihnen eine Lektion zu erteilen, noch viel weniger, Sie aus diesem Zimmer zu vertreiben, auf das ich selbst nicht den geringsten Anspruch mache. Sie sehen selbst, wie unmöglich ich in dem derangierten Zustande meiner Toilette für die Gesellschaft von Damen bin. Auch kam ich in der That nur, mir den Schlüssel zu meinem Zimmer zu erbitten, den ich dort auf dem Tische liegen sehe. Ich habe die Ehre, mich den Damen zu empfehlen und Ihnen eine gute Nacht zu wünschen.

Er hatte den Schlüssel ergriffen, machte eine tiefe Verbeugung, in welche sich die beiden Damen teilen mochten, ebenso wie in das kalte ironische Lächeln, welches, als er jetzt den Kopf erhob, um seine Lippen spielte, und den flammenden Blick, der aus den großen dunklen Augen über sie hinzuckte.

Im nächsten Momente hatte er das Zimmer verlassen; Nanni stand in tödlicher Verlegenheit da, scheu zur Lady aufblinzelnd, von der sie nach dem skandalösen Benehmen Arnolds einen schrecklichen Ausbruch erwartete. Wirklich begann diese in offenbar großer Erregung unter manchen heftigen Gestikulationen zwischen den Koffern hin und her zu schreiten, bis sie plötzlich mit scharfer Wendung vor sie hintrat, die schwarzen Augenbrauen halb auf die niedrige Stirn heraufziehend, mit dem Fächer wie mit einem Kommandostabe nach der Stelle deutend, wo Arnold gestanden:

Childe Harold!

Nanni hatte die in sonderbar hohlem Tone über ihren Kopf weg gesprochenen Worte nicht verstanden und blickte fragend zu der Lady auf.

Childe Harold! wiederholte diese laut und ärgerlich. Begreifen Sie denn das nicht, meine Liebe? Sehen Sie das nicht? Diese bleiche Stirne, diese geisterhaften Locken, dieses satanische Lächeln, diese königliche Art, zu stehen und zu gehen! Nun, ich sah niemals in meinem Leben etwas so Stupendes von Aehnlichkeit!

In der That, sagte Nanni in bescheidenem Tone, aber im Innern erschrocken und wütend über die plötzliche Wandlung, welche in der Gesinnung der Lady vor sich gegangen war, oder zu gehen schien.

In der That, rief die Lady, es ist mir unten nicht aufgefallen, aber einen Löwen muß man in der Wüste sehen – Childe Harold an der Küste, schauend aufs Meer, wenn der Sturm seine Locken zerzaust und der Salzschaum seine Kleider durchnäßt: Roll on, thou dark and deep blue ocean, roll! Ja, meine Liebe, das ist etwas andres, etwas ganz andres; mit einem solchen Manne kämpfen Sie vergebens.

Sie war bereits an der Thür, als sie sich noch einmal wendete:

Folgen Sie meinem Rate, meine Liebe: unterwerfen Sie sich! Der Kampf ist nur für die Starken, nicht für die Schwachen. Machen Sie Ihren Frieden mit ihm! Er ist tausendmal der Stärkere. Er hat in seinem kleinen Finger mehr Energie, als Sie armes, schwaches Ding in Ihrem ganzen Leibe. Und Energie, meine Liebe, sehen Sie, Energie – das ist alles, alles. Gute Nacht!

Sie war aus der Thür gerauscht, die sie hinter sich aufließ.

Nanni schloß die Thür, setzte sich auf das Sofa und starrte, die Ellbogen auf die Kniee stemmend, vor sich nieder.

Die verrückte Person! Und ich dachte, sie würde ihm die Augen auskratzen! Es ist immer die alte Geschichte: gib nach, Nanning, er ist dir über, und du bist doch nun einmal mit ihm verheiratet – wenn das selbst Papa sagt, obgleich er ihn nicht ausstehen kann! – Machen Sie Ihren Frieden mit ihm! – Er kann lange warten, bis das geschieht. Er soll nur kommen und mich zur Rede stellen, wie ich die alte malle Hexe – Ich habe sie nicht zu den Kindern gebracht, sie ist mir voraufgelaufen, ich konnte sie nicht zurückhalten – das muß mir selbst Fräulein bestätigen; ich brauche mir nichts vorzuwerfen; aber er! Eine solche abscheuliche Scene! Und wie er aussah! gräßlich! ein wahrer Skandal!

So saß die junge Frau brütend, grollend, versuchend, sich die Angst wegzusprechen, mit der sie der bevorstehenden Scene entgegensah, bis, je längere Zeit verstrich, ohne daß sich sein hastiger Schritt vernehmen ließ, eine andere Angst – dieselbe, die sie während des Gewitters empfunden – sich ihrer mehr und mehr bemächtigte. Wenn er zum zweitenmale das Hotel verlassen hatte und diesmal, um nicht wiederzukommen!

Sie war an das Fenster geeilt und starrte in die Nacht hinein. Das Gewitter war vorüber, auch regnete es nicht mehr. Nur der Wind raschelte in den Blättern, und an der Quaimauer leckte und plätscherte es ununterbrochen. Pah! sagte sie, ähnlich sähe es ihm freilich, mir den Schrecken zu machen und mich hier in dem fremden Lande hilflos und allein zu lassen mit den Kindern und der widerwärtigen Pilz; aber für heute hat er sich ausgetobt und schläft ruhig in dem schönen breiten Bett, während ich mich um ihn ängstige. Morgen –

Sie ließ die Rouleaux herab, löschte die Lichter auf dem Kamine, verriegelte die Thür und begann sich vor dem Spiegel auszukleiden.

Morgen würde der Tanz wieder beginnen – natürlich! Und wenn er erführe, daß sie der alten Engländerin so viel erzählt – und die tolle Person sagte es ihm wieder – sie schien ja solchen Narren an ihm gefressen zu haben – dann war alles aus – das würde er ihr nie vergeben – das mußte vermieden werden – um jeden Preis. Aber wie, wie? Ja, ja, sie mußte mit ihm Frieden machen, ihn wieder gut machen, vor morgen –

Sie hatte das Haar für die Nacht zurechtgesteckt; plötzlich zog sie die Nadeln wieder heraus, daß die schimmernden Wellen von allen Seiten auf die Hüften herabflossen –

Er hatte sie einmal so gemalt – im ersten Jahre – aber gerade deshalb war es nicht das Rechte.

Sie griff mit beiden Händen in die blonde Flut und schlang sie im Nacken zu einem mächtigen lockern Knoten zusammen.

So, mit erhobenen Armen, von denen die Aermel des Frisiermantels weit zurückgeglitten waren, stand sie vor dem Spiegel und lächelte ihr Bild an, daß die weißen Zähne schimmerten, und bog sich näher an das Glas, daß die zum Kusse gespitzten Lippen die Lippen des Spiegelbildes fast berührten.

Das lächelnde Gesicht wurde plötzlich wieder ernst. Wenn er nun nicht aufmachte! und irgend einen Verwand mußte sie doch haben für den ersten Augenblick – irgend etwas, wenn es auch nur ungefähr wahrscheinlich klang! Etwas mit den Kindern? Richard hatte heute Abend blaß ausgesehen – es war zu gewagt und ging auch nicht ohne die Pilz. – Die Kleider! – Das war's! Sie konnte ja fragen, ob sie ihn genierten oder dergleichen – es würde schon gehen.

Sie hatte den Frisiermantel abgestreift, war in den seidenen Schlafrock geschlüpft, der über der Stuhllehne hing, und stand horchend an der Kammerthür. Nichts regte sich; Fräulein Pilz hatte sich zweifellos hingelegt und schlief.

Nun lauschte sie an der Thür, welche auf den Korridor führte – alles still.

Leise öffnete sie und schaute hinaus.

Der Korridor war, wie sie erwartet, leer, die Lichter bis auf je eines an den beiden Enden verlöscht. Sie hatte nur wenige Schritte bis zu der Seitentreppe, die sie am Abend, als sie die Kleider hinausschafften, benutzt hatten. Sie wußte den Weg ganz gut: oben war es die zweite Thür linker Hand.

Noch einmal lauschte sie, spähte sie nach allen Seiten; dann huschte sie hinaus.

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