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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

III.

Unterdessen stürmte Arnold in den Abend hinein, sich eine Stunde Scheinfreiheit zu schaffen, wie der Traum sie dem Gefangenen vorgaukelt.

Und so wie im Traume sah er alles um sich her: die unansehnlichen Häuser der langen schmalen Gasse mit den bescheidenen Kaufläden zu ebener Erde, durch deren Fenster und offene Thüren hie und da bereits ein Licht schimmerte; spielende lärmende Kinder, große Mädchen, die Arm in Arm flanierten oder mit den Krügen auf den Köpfen langsam dahergeschritten kamen; junge Männer, die truppweise die Gasse durchstrichen oder vor den Weinkneipen standen, wenn es nicht noch eine abendliche Arbeit zu verrichten gab: das Abladen eines letzten Fasses von dem einrädrigen Karren, das Ausschirren des starkknochigen Gauls. Es war ein Schimmel von der mächtigen Percheron-Rasse; der Vater hatte ihm eben die Stränge auf den breiten Rücken gelegt und wendete sich zu den rüstigen Burschen, die am Karren schafften, während ein winziges Bübchen dem Schimmel mit einer Hand voll Heu, zu welchem das Tier den großen Kopf lüstern herabbog, nach dem Stalle voraustrippelte; in der Thür stand die Mutter, die müden Arme in die Hüften gestützt, mit den Ihren laute, freundliche Worte wechselnd – ein hübsches Motiv zu einem Genrebildchen. Was sollten ihm Motive zu Bildern, die er doch nicht malte oder die, wenn er sie malte, keinen Käufer fanden? Sie hatte völlig recht, er lebte ja nur noch aus ihres Vaters Tasche.

Und es von ihr hören zu müssen! – von ihr! Er knirschte die Zähne aufeinander, er schlug sich mit den geballten Händen vor die Brust – erschrocken wichen dem Eilenden, den sie für rasend halten mochten, die wenigen Passanten aus, welchen er hier zwischen den letzten Häuschen der Gasse noch begegnete. Er bemerkte es und hielt nun an sich, um den Leuten kein Schauspiel zu geben; für heute war mit der Scene im Speisesaal nach der Seite genug geleistet. Was war das für eine wunderliche Person gewesen, die riesenhafte schwarzgekleidete Dame mit dem ungeheuren Fächer, die da allein an seinem Tische gethront, als Richard und Aennchen ihm weinend entgegenliefen? Hatten sich die Kinder wirklich so abscheulich betragen, daß eine derartige Einmischung notwendig wurde? Und so hatte er sich wieder einmal um ihretwillen in dem neuen Hotel in der ersten halben Stunde für die ganze Dauer des Aufenthaltes lächerlich gemacht, nachdem ihre ewigen Querelen sie nach wenigen Stunden aus den behaglichen Zimmern des Monnet vertrieben. Weshalb Bel-Etage? Weshalb? Durfte man bei ihr jemals nach einem Grunde fragen? Oder gabs je einen andern, als ihre hohle Eitelkeit? Und so die Stunden, die Tage vergeuden in der sinnverwirrenden Jagd nach lauter Nichtigkeiten! ihm jede Stunde jeden Tages vergällen mit widerwärtigem Streite um irgend eine elende Bagatelle! Das graue Kleid! Natürlich wars nicht fein genug für die erste Entree; natürlich mußte es das olivenfarbene sein, das ihr abscheulich stand; natürlich mußte er den Schlüssel zum Koffer verloren haben, und natürlich mußte zuguterletzt die unvermeidliche Migräne zum stets bereiten Vorwande dienen.

Und sie wagte zu sagen, sie spreche wie sie denke. Sie mochte Gott danken, wenn er nicht sprach wie er dachte! Oder wußte sie es trotzdem? sie war so schlau – die Schlauheit ihre ganze vielgerühmte Klugheit – wußte sie, wie grenzenlos elend er war? daß er nach Freiheit schrie, wie der Hirsch nach Wasser? Würde sie ihm seine Freiheit zurückgeben? sie! geben! Das war ihre Sache nicht, aber festhalten, was sie besaß, um jeden Preis – und hier galts ja nur einer Künstlerseele, die geknickt und gebrochen wurde – was war denn das in ihren Augen? wärs eine Armspange gewesen, oder ein neuer Hut, oder ein Kleid von Gerson – eine Künstlerseele – pah!

Er war aus der engen Gasse heraus auf dem Promenadenwege, der die Chaussee begleitete, Rechts ein großes, von Baum und Busch umgebenes, mit hoher Mauer eingefriedigtes Gehöft, links auf ihren noch kahlen Terrains ein paar neue Villen, deren gardinenlose Fenster im matten Schein des Abendlichtes glänzten. Aber auch die letzten Häuser hatte er bald hinter sich – Gott sei Dank, er war allein auf der um diese Stunde verödeten Landstraße; und daß sie weiter und weiter vom See zurücktrat – es mochte gut sein, wenns auch bequemer gewesen wäre, so alles auf einmal los zu werden: den ehrlosen Jammer der Gegenwart und das Hereindrohen einer Zukunft, die den Wahnsinn in ihrem dunklen Schoße trug, und die herzzerfleischende Reue um das, was einstens war, was er an ihr gefrevelt, der Guten, Edlen, Großherzigen; und die Sehnsucht nach ihr, die unaussprechliche Sehnsucht! Nein, die nicht, die Sehnsucht nicht; die würde ihn in den Wahnsinn verfolgen, die könnte auch der Tod nicht vernichten; die würde er mit hinübernehmen dahin, wo sie vielleicht schon weilte, auf paradiesischen Fluren seiner schon harrte, ihm entgegenschwebte mit ausgebreiteten Armen, Himmelsglanz in den großen feuchten Augen: ich weiß, was du gelitten, und ich habe dir verziehen!

Nun verschlang die Erinnerung an sie jeden anderen Gedanken, jede andere Empfindung.

Die Natur um ihn her schien ihm nur ein Gefäß, das, wie groß und herrlich auch immer, doch ihr Wesen nicht fassen konnte, Scherben eines Spiegels, deren jede ihr Bild zurückwarf: droben der hohe, grau-blaue Himmel, drüben die steile Wand der Savoyer Alpen, neben ihm die weinfarbene Fläche des Sees, die kein leisester Anhauch der schwülen Luft furchte – sie überall, sie alles, die sein alles hätte sein sollen, die es noch war, – mehr als je!

So phantasierend, schwärmend, stürmte er weiter die Chaussee dahin, welche sich schon längst dem Ufer wieder genähert hatte und plötzlich an einem Felsen, der bastionartig aus dem Gelände vorsprang, ein plötzliches Ende zu nehmen schien. Aber der Felsen war nur die massive Basis eines Gartens in luftiger Höhe, dessen dunkle Baummassen hie und da das zierliche Geländer überragten. Um den Fuß des Felsens schwang sich in scharfer Kurve die Landstraße, welche nach der Wasserseite eine niedrige Mauer einfaßte; und plötzlich enthüllte sich dem eilig Schreitenden der östlichste Teil des Sees: die tiefe, von den steilen Ausläufern mächtiger Bergketten ummauerte Bucht, auf deren schmalem Ufersaum Städtchen dem Städtchen, Dorf dem Dorf liebend die Hand bot, bis wo das finstere Schloß von Chillon, jäh dem See entsteigend, die anmutige Kette zerriß, wie ein eiserner Scherge sich in den friedlichen Reigen bänderumflatterter Hirten drängt; im fernsten Grunde, das Ganze abschließend, und überblickend aus Regionen, zu denen Menschenlust und Menschenleid nicht hinaufreicht, der Alpenriesen erhabene Stirnen, magisch verklärt vom rosigen Schein einer Sonne, die den Sterblichen längst untergegangen war.

Von dem mächtigen Eindrucke des einzigen Bildes bis ins innerste Herz getroffen, stand Arnold festgebannt, aber alsbald ergriff ihn ein wütender Schmerz. Das wars, was er sollte, was er wollte, zu dessen Feier und Verklärung ihm ein gütiger Gott die Kraft gegeben! Und er – der Elende, hatte sie verloren, diese Kraft, nein! verkauft, verschachert um ein schnödes Linsengericht.

Thränen der Scham, der Reue, der Verzweiflung füllten die starren Augen; an die Ufermauer gelehnt, drückte er sein Antlitz in die Hände.

Als er es wieder hob, war es dunkler geworden; farblos streckten sich die Ufergelände; in kaltem Weiß ragten die Firnen in den graulichen Himmel; wie ein Bahrtuch breitete sich der See; von der schwärzlichen Fläche hob sich in feinen Umrissen eine weibliche Gestalt, die, kaum fünfzig Schritt von ihm entfernt, auf der niedrigen Ufermauer saß, halb von ihm abgewendet, sodaß er nichts von dem Gesichte sah, nur in scharfem Profil die schöne Büste, den schlanken Nacken und die edle Form des Kopfes.

Ein Schauer durchrieselte den atemlos Starrenden: es konnte ja nicht sein! Eine Ausgeburt des Wahnsinns, an dessen Pforten er eben geklopft! Und die Pforten thaten sich auf und zeigten ihm ihr Bild, wo doch nichts war als leere Luft, in die es alsbald zerfließen würde.

Aber es zerfloß nicht; das stockende Blut schoß zum Herzen zurück, dessen Klopfen ihm die Brust zu sprengen drohte; er wollte rufen – kein Laut kam über die starren Lippen; er wollte hin – die zitternden Glieder versagten ihm den Dienst.

Angela!

Eines Erstickenden Schrei, aber doch seltsam laut in der unendlichen Stille. Die Gestalt, ohne ihren Sitz zu verlassen, wendete den Kopf, das Gesicht ihm zu – im nächsten Moment war er bei ihr, kniete er vor ihr, ihre Kniee umklammernd, das Gesicht in ihr Gewand drückend, von Schluchzen, Weinen, Jauchzen zerrissene Worte stammelnd.

Sie hatte alles geschehen lassen, weil sie mußte. Ihre erste Regung, nachdem die Betäubung des Schreckens von ihr gewichen, war gewesen, ihn von sich zu stoßen, den Meineidigen, den Verräter. Dann waren die ausgestreckten Hände machtlos auf sein Haupt gesunken und hatten dagelegen wie zum Segen. Nun kam die Zorneswelle zurück, aber nicht mehr mit derselben Gewalt, nur noch eben stark genug, daß sie sich aus den sie umklammernden Armen losmachen und von der Mauer herabgleiten lassen konnte.

Auch er war aufgestanden und ging neben ihr, betäubt und verwirrt, kaum wagend, den Blick nach ihr zu wenden, die jetzt den Hut, welchen sie bisher am Arm getragen, aufsetzte, sodaß der breite Rand ihr Gesicht tiefer beschattete. Er dachte an sein Skizzenbuch, das ihm vorhin aus der Tasche geglitten und zu Boden gefallen war, aber er hatte, trotzdem sie nur erst wenige Schritte gethan, nicht den Mut, umzukehren; er fürchtete, er würde dadurch das verabschiedende Wort hervorrufen, das wohl schon auf ihren festgeschlossenen Lippen schwebte.

Und ebenso ängstigte ihn das grausame Schweigen, er hätte es so gern gebrochen, aber was sollte er sagen! Endlich konnte er die Qual nicht länger ertragen.

Sprich zu mir, murmelte er, ich bitte Dich!

Es dauerte eine Zeit, die ihm endlos dünkte, bis die Antwort kam:

Wir dürfen das Unglück, uns wiedergesehen zu haben, an dem wir schuldlos sind, nicht zu einer Schuld machen, die sich furchtbar an uns rächen würde.

Ein Schauer des Entzückens durchrieselte ihn bei dem Ton ihrer Stimme. Das war derselbe weiche, tiefe Klang, dem er einstmals gelauscht hatte, wie der köstlichsten Musik, den er sich diese sieben Leidensjahre so oft zurückzurufen versucht in trübsten, jammervollsten Stunden, wie Saul nach Davids Saitenspiel rief, wenn er fühlte, daß der Wahnsinn übermächtig werden wollte in seiner verdüsterten Seele.

O sprich, sprich weiter, murmelte er wieder – aus Mitleid, aus Barmherzigkeit sprich! Du kannst nicht wissen, wie es mich erquickt; Du ahnst nicht, wie grenzenlos elend ich bin!

Hätte ich es nicht geahnt, ich sähe es jetzt. Und gerade darum laß uns scheiden. Ich kann Dir nicht helfen, und mein Los wird nicht leichter dadurch, daß ich Dich elend weiß. Ich bitte Dich, geh'!

Sie machte den Versuch, stehen zu bleiben, setzte aber doch ihren Weg fort, als er nicht darauf achtete, sondern mit noch lebhafteren Schritten vorwärts eilte.

Dein Los! Also habe ich doch noch einen Teil daran? Du hast mich nicht ganz verstoßen, ganz vergessen? Du hast Dir gesagt: er wußte nicht, was er that, und hast – nein, nein! nicht verziehen! das kannst Du nicht, das verlange ich nicht, das wäre mehr als menschlich. Nur hassen sollst Du mich nicht, nur mir nicht zürnen. Haß und Zorn – sie müssen schwinden vor dem Anblick der Hölle, in die mich mein Wahnsinn gestürzt hat. Ja, der Hölle – es ist das rechte Wort! Höllenfeuer ist's, was in mir gebrannt hat all diese sieben Jahre und mich ausgehöhlt hat zu einem Schatten meiner selbst, zu einem öden leeren Gespenst, das nichts mehr vermag, nichts mehr erstrebt, nichts mehr will, als sich vollends vernichten, nur daß ich selbst dazu nicht mehr das bißchen nötige Kraft auftreiben kann. Und zu denken, was ich an Deiner Seite geworden wäre, umschwebt, umwogt von Deiner süßen, heiligen Nähe, wie von einer zugleich milden und doch starken Sonne, in der jeder winzigste Keim sich froh und freudig an die Himmelsluft drängt und sich zur Blüte entfaltet, zur vollen Frucht entwickelt – das zu denken, wie ich es täglich, stündlich thue – noch eben, als ich da in den Abend hineinlief – ein Verzweifelnder, Ausgestoßener, an dessen Fersen sich die Erinnyen heften, den vom Selbstmord nur ein Wunder retten konnte. Ist dies kein Wunder? Ich finde Dich, die ich in England, in weiter Ferne glaubte. Es ist nicht auszudenken – ich kann's nicht fassen – ich gehe hier neben Dir, ich spreche zu Dir; ich höre das Rauschen Deines Gewandes, ich sehe Dein Antlitz wieder, die lieben, geliebten Züge, die mir vorschweben im Wachen und im Traum, aus dem ich weinend erwache –

Erwache, um Gotteswillen!

Sie hatte es, stehen bleibend, laut gerufen, indem sie zugleich beide Hände zur Abwehr, zur Beschwörung ihm entgegenstreckte.

Geh'! ich bitte nicht mehr – ich befehle es!

Es war das erste Mal, daß sie sich Aug' in Auge sahen, Ihre von dem breiten Hutrand und vom Abendschatten zugleich umdüsterten Züge erschienen ihm wie in Nacht getaucht; aus seinem bleichen Gesichte, das dem letzten matten Schimmer der Dämmerung zugekehrt war, flimmerten die schwarzen Augen in gebrochenem Scheine wie die eines Sterbenden. Und so wie eines Sterbenden zuckten die Lippen, über die kein Laut kam. Er wendete sich und ging.

Arnold!

Und zum zweitenmal« in angstvollem Schrei: Arnold!

Er blieb stehen.

Wohin gehst Du?

Was kümmert's Dich!

Sie war wieder an seiner Seite, vor ihm, ihm den Weg vertretend.

Versprich mir –

Nichts, laß mich!

Sie hatte seine beiden Hände ergriffen, die er heftig frei zu machen suchte; sie rangen fast miteinander. Ein junges Landmädchen, das, von ihnen unbemerkt, des Weges gekommen war und jetzt an ihnen vorüberstrich, blickte erstaunt auf das seltsame Paar und drehte im Weiterschreiten wiederholt den Kopf. Sie hatten sich losgelassen und standen sich gegenüber, atemlos, regungslos, während in ihren zuckenden Herzen Zorn und Liebe den fürchterlichen Kampf weiterkämpften.

Ich hatte unrecht, begann sie endlich leise; wir können so nicht scheiden. Geh' mit mir noch ein Stückchen des Weges – dann mag's sein.

Sie gingen wie vorhin in der Richtung nach Clarens, er an ihrer Seite, aber weiter als vorhin von ihr entfernt, zornig auf sich selbst, daß er ihr folgen mußte, daß er nicht die Kraft hatte, sich loszureißen, daß sie dieselbe Macht über ihn übte, unter der sich sein Stolz damals schon vergebens aufgebäumt, bis er sich einbildete, er zerbreche ein Joch, als er mit ihr brach.

Ein paar Minuten waren sie so schweigend dahingeschritten. Warum sprach sie nicht? Und was würde sie ihm sagen, als was er ohnedies wußte: daß er kein Recht habe, zu klagen, daß er sich sein Schicksal selbst bereitet! Vielleicht ihn ausfragen nach seiner Frau, nach den Kindern; ihn demütigen bis in den Staub des Weges.

Es brach aus ihm heraus:

Was zögerst Du? Zerschmettere mich, ich verdiene es, aber mach' ein Ende!

Sie schüttelte wehmütig den Kopf:

Nicht so, nicht so, sagte sie mit weicher Stimme, wir wollen einander nicht durch wilde Leidenschaft mit heftigen, bösen Worten noch tiefer betrüben und verwirren. Das Unglück ist ja schon viel größer, als ich je gedacht, und das hat mich so fassungslos gemacht. Großer Gott, darauf war ich nicht vorbereitet; darauf nicht! Das darf nicht sein, und es ist auch nicht. Wenn es wäre, so hätte ich umsonst gerungen, so müßte ich den Kampf von neuem beginnen, einen tausendmal fürchterlicheren Kampf, in dem ich unterliegen würde, hoffnungslos, rettungslos. Nein, nein, nein! sage mir, daß es nicht ist! daß Du nicht unglücklich bist, so unglücklich! sage mir, daß Du Deine Frau liebst, trotz alledem; sie ist jung und anmutig – und Eure Kinder sollen so schön sein – ich hörte es in Italien von einem Maler aus Berlin, der Euch kannte – wie solltest Du sie nicht lieben, die Schuldlosen, und sie, die sie Dir unter Schmerzen geboren! Du hast sie bei Dir – nicht wahr – in Vevey – Du kommst von da – und heute hat's mit Deiner Arbeit nicht aus der Stelle gewollt – der Kopf war Dir eingenommen, Dein Sinn verdüstert – es hat eine Differenz zwischen Euch gegeben – das kommt ja vor – es wurden unfreundliche, heftige Worte gewechselt – man meint sie nicht so, und doch fallen sie wie Feuerflocken in die schwälende Laune – Du reißt Dich los – eilst ins Freie – findest den Trost, die Erquickung, Befreiung nicht, die Du suchtest. Und da muß Dir Dein Unstern mich Aermste in den Weg führen. Die unerwartete Begegnung raubt Dir vollends die Besinnung. Auf den dunklen Grund der Gegenwart zaubert Deine Phantasie in leuchtenden Farben das Bild der Vergangenheit, deren Thränen und Schmerzen Du vergessen hast, wie Du morgen vergessen haben wirst – nein, nein! vergessen wirst Du diese Stunde so wenig wie ich. Aber daß wir uns ihrer ohne Scham und Reue erinnern – das liegt bei uns. Und so soll sie nun im voraus gesegnet sein, und nun – lebe wohl!

Sie wollte, stehen bleibend, ihm die Hand reichen; den Blick starr vor sich niedergerichtet, sah er es nicht und zog sie, heftig weiterschreitend, wider ihren Willen mit sich fort. Auch hatte er zuletzt nicht mehr gehört, was sie sagte. Seine ganze Seele war in dem einen verschlingenden Verlangen, sie zu halten, für immer. Aber wie? wie? Sollte er vor ihr niederfallen, ihre Kniee umklammern, sie beschwören, mit ihm zu fliehen? sie an sich reißen mit Gewalt, mit ihr hinausstürmen in die weite Welt, in die tiefste Einsamkeit, in die kein Späherauge je dringen könnte! mit ihr sterben – gleichviel! nur sie nicht wieder von sich lassen!

Er atmete tief und schwer, die Hände zum abendlichen Himmel erhebend, unverständliche Worte murmelnd, schneller und schneller ausschreitend, so daß sie Mühe hatte, ihm zur Seite zu bleiben. Seine stumme Leidenschaftlichkeit ängstigte sie mehr, als vorhin seine wilde Rede. Wie um Gotteswillen sollte das enden! Schon waren sie zwischen den Häusern von Clarens; durch das rötliche Laub der Kastanien schimmerten Lichter aus geöffneten Fenstern und Balkonthüren; einzelne Gestalten begegneten ihnen, jetzt ein kleiner Trupp junger, schwarzgekleideter Damen, lustig schwatzend, lachend und plötzlich verstummend, als sie an ihnen vorüberstrichen; in wenigen Minuten mußten sie das Hotel erreichen – sie raffte all ihren Mut zusammen und blieb stehen.

Keinen Schritt weiter, Arnold! Wir müssen scheiden.

Er zuckte zusammen, einem Nachtwandler gleich, der angerufen wird.

Wo sind wir? fragte er, verwirrt um sich blickend. In Vevey?

In Clarens, wo ich wohne mit einer Dame, einer Deutschen, deren Gesellschafterin ich bin. Sie wird sich bereits wundern, wo ich so lange bleibe. Auch bei Dir wird man sich ängstigen, und Du hast noch einen weiten Weg.

Wann sehe ich Dich wieder?

Niemals!

Du wirst es nicht verhindern!

So wirst Du es.

Es war in einem Tone gesagt, dessen Kraft und Bestimmtheit ihn zugleich empörten und ernüchterten.

Er fühlte, daß die Entscheidung gekommen war.

Ich werde es schwerlich können, erwiderte er. Ich bin nicht allein; ich habe, wie Du richtig vermutet, Frau und Kinder bei mir – in Vevey, im Hôtel du Lac, wir haben unseren Aufenthalt auf eine Woche mindestens festgesetzt. Ueberdies – ich will arbeiten, muß arbeiten, Studien machen, umherschweifen – wie kann ich verhindern, daß ich Dir begegne, wir uns treffen – in Gesellschaft vielleicht – gewiß. Das ist ja ganz ungefährlich, unverfänglich; ich bin auf der langen Reise noch keinem Bekannten begegnet und treffe sicher hier niemanden, noch dazu aus jener Zeit. Meine Frau weiß von nichts, ahnt nichts, hat Deinen Namen nie gehört; wir könnten in demselben Hotel leben, an derselben Tafel essen – wen gehts was an außer uns? Und auch nicht uns. Ich habe Dich nicht aufgesucht, Du nicht mich. Es ist nicht unsere Schuld, daß die Welt so eng ist.

Er hatte das alles gesagt, ohne ein Wort zu betonen; als ob es sich von selbst verstünde, als ob sie gar nicht anders als ihm Recht geben müsse. Aber ihr leises Ohr hörte durch den gezwungen kühlen, nüchternen Ton die Angst, die sein Herz durchzitterte, und das brach den Unwillen, der sich in ihrem Busen mächtig regte.

Es ist vergebens, sagte sie. Du kannst Dich nicht belügen, daß Du recht hast, und nicht mich. Laß mein erstes Wort auch mein letztes sein: hüten wir uns, das Unglück, uns wiedergesehen zu haben, das wir nicht verschuldet, zu einer Schuld zu machen, an der wir zu Grunde gehen. Zum letztenmale, leb' wohl!

Deine Hand! Deine Hand!

Sie legte zögernd ihre Hand in die seine; die seine war fieberheiß, eiskalt die ihre. Seine Finger schlossen sich fest und fester; sie fühlte sich zu ihm gezogen; seine schwarzen Augen, in die das Licht aus einem Fenster in der Nähe fiel, glühten dicht vor den ihren; sein fliegender Atem umwehte ihre Wange. Ihr Herz stand still, ihre Kniee zitterten, die Sinne wollten ihr vergehen. Dann mit einem mächtigen Entschluß hatte sie sich losgerissen und flog die dunkle Promenade unter den Kastanienbäumen hinauf bis zu dem hell erleuchteten Portale ihres Hotels. Dort blieb sie atemlos stehen, scheu sich umblickend, ob er ihr gefolgt sei. Es kam jemand, aber von der andern Seite – der junge Engländer – ihr »Reiseschatten«, und wie ein Schatten glitt er an ihr vorüber, ohne zu grüßen, – er hatte sie nicht erkannt.

Sie preßte die Hände auf das klopfende Herz, warf einen zweiten langen Blick in die Promenade; nur dürre Blätter, die ein plötzlicher Windstoß aufgetrieben, tanzten wirbelnd im Scheine der Hotel-Laternen zwischen den braunen Stämmen. Sie schwankte nach der Thür. Der Portier, der sie, hinter den Scheiben stehend, hatte kommen sehen, öffnete; sie trat in das Haus. Die Thür fiel krachend ins Schloß. Durch die Halle dröhnte es wie von einem Schuß, der draußen abgefeuert war.

Pardon! Mademoiselle, sagte der Portier, es war nicht meine Schuld – der abscheuliche Wind!

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