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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XXXIX.

Wie ist sie zu den beiden Grabhügeln gekommen, auf denen vom Regen und Wind zerzauste frische Kränze liegen?

Sie fragt es sich und erinnert sich dunkel, daß jemand ihr gesagt hat: sie würde krank werden und müsse durchaus wieder an die frische Luft. War's der Doktor? war's die alte Frau Banse gewesen? Sie weiß es nicht.

Ist es Morgen- oder Abendrot, was da zugleich im Westen und Osten den Saum der schwarzen schweren Wolken purpurn färbt, und den pulvergrauen Dunst, der pfeilschnell unter den schwarzen Wolken hinjagt, mit schwefelgelben Lichtern durchzittert?

Ist es Winter worden, daß ringsum die Berge im Schnee liegen? Berge, die vorher gesehen zu haben sie sich nicht erinnert. Da der hohe, runde, mit dichtem Wald bedeckte, und da der langgestreckte, mit einzelnen Tannen betupfte, die jetzt der purpurrote Schein trifft, daß sie wie Fackeln aufflammen aus der Decke, welche sich noch eben in eintönigem Weiß breitete und jetzt mit einem zarten Rosa überhaucht ist.

In den Taxus-Pyramiden raschelt es; es saust durch die immergrünen Bäume; von den schwanken Zweigen der Trauerweiden wirbeln die letzten dürren Blätter; ihr schwarzes Kleid flattert um ihre Knöchel – es muß wohl sehr stürmisch sein; – seltsam, daß sie selbst von dem Winde nichts spürt.

Wie kommt sie in das dünne Wollkleid? Ist ihr doch, als hätte sie ein schweres Atlaskleid angehabt. Das würde sich so gut voll Wasser ziehen und sie mit hinab – da unten im See – in den sie ein paarmal hineingerudert ist – vom Hafenplatze aus, wo an der großen Landungsbrücke für die Dampfer der alte Schiffer die Ruderkähne zum Vermieten hat. Der alte Mann kennt sie wohl und sucht ihr stets sein leichtestes Boot und sagt, sie könne rudern wie ein Matrose. Er wird ihr auch heute trotz des bösen Wetters ein Boot geben – mit gutgemeinten Vorsichtsmaßregeln, die er, vermischt mit Schifferspäßen, durch den grauen Bart murmelt, und die sie mit ein paar freundlichen Phrasen erwidern wird: Mais, Pierre Gabérel, vous me connaissez – et moi, je m'y connais – je suis un vieux loup de mer – vous savez – und dann rechts ab, am Vorstadtufer hin, bis wo die Veveyse, die jetzt Hochwasser haben wird, pfeilschnellen Laufes in den See fällt; und da ist sie wohl in die Strömung geraten, die sie hinausgetrieben hat, weit, weit in den See – und da haben die Kräfte sie verlassen, und die Wellen sind in das kleine Boot geschlagen, und das Boot ist gekentert und gesunken – es ginge ja alles so natürlich zu – Pierre würde schwören, daß Mademoiselle sich so gefreut, einmal wieder die Planken eines Bootes unter sich zu haben – freilich, großer Gott, wenn er gewußt hätte – und Edward, die Baronin, alle kannten ihre Leidenschaft für den Rudersport – und sie hatte sich ja Bewegung machen sollen in der frischen Luft – keiner würde auf den Verdacht geraten – vielleicht Bob Swift – und er würde schweigen, wie er bisher geschwiegen.

Muß es denn sein? Willst nicht kommen zu mir, du Gewaltiger, wie du zu ihnen gekommen bist, die hier unten schlafen? Nimm, o nimm mich für die Alten und Kranken, die sich dennoch fürchten vor deiner Majestät, weil sie nicht wissen, wie sanft du bist und wie liebreich! für die Jungen und Schönen, denen du das karg zugemessene Maß der Freuden, an denen ihr Herz hängt, doch verkürzest! Ich bin lebenskrank und sehne mich nach dir! Ich habe auf keine kleinste Freude mehr zu hoffen und schmachte nach dir! Sei barmherzig und gnädig! Sei's nicht für mich! sei's für die Guten, die mich lieben ohne mein Verdienst!

Sie kniet an den frischen Gräbern seiner Eltern und betet brünstiger und brünstiger und wartet auf eine sanfte Stimme, die antworten soll, woher sie auch komme, ob vom Himmel, ob aus der eigenen Brust.

Sie schüttelt traurig das Haupt und erhebt sich.

So muß es denn sein.

Sie verläßt den Friedhof, vorbei an der Kirche, um die der Sturm heult. Das ist die Donnerstimme, die ihr Antwort gibt, und der sie folgen will.

Sie schreitet die breiten Treppen hinab; sie sieht nicht vom Boden auf, und der sausende Wind übertönt das Rascheln der dürren Blätter unter den Füßen eines Mannes, der ihr schon vom Hotel gefolgt ist, und, während sie auf dem Friedhof war, hinter einem der Mauerpfeiler an der Kirchenwand gestanden hat, regungslos in dem unbarmherzigen Wind, der in der Nische wirbelt. Wenn keiner ahnt und weiß, was sie vorhat, er ahnt und weiß es. Und will sie davon zurückhalten, wenn es möglich ist, und, wenn es nicht möglich ist, mit ihr sterben.

Und das ist der Grund, weshalb er nicht von Vevey fort darf, dem Elenden, um den sie sterben muß, eine Kugel durch das Verräterherz zu jagen. Erst hat er gemeint, sie könne leben, wenn jener stürbe; dann hat er sich gesagt: andere vielleicht, sie nimmer. So mag der Verräter leben, solange sie lebt.

Er folgt ihr in sicherer Entfernung durch die Gasse, die auf den Hafenplatz führt. Auf dem Platze beschleunigt er seine Schritte und verringert die Entfernung; er fürchtet, sie zwischen den Menschen, die über den Platz eilen, aus dem Auge zu verlieren.

Die Menschen rennen alle in einer Richtung – nach der Ecke links, wo die Quai-Promenade auf den Platz mündet, und wo sich an der Stelle ein dichter, schwarzer Knäuel angesammelt hat, der mit jedem Moment dichter wird und schon die ganze in den See vorspringende Ecke des Platzes anfüllt. Er weiß, um was es sich da handelt. Was kümmert es ihn? Mag doch der ganze Quai zum Teufel gehen!

Ihn kümmert nur die eine geliebte Gestalt, welche seine scharfen Augen durch die wimmelnden Menschen verfolgen, und die jetzt quer über den Platz auf die Landungsbrücke zugeht, aber, dicht vor derselben, links abbiegt auf den Menschenknäuel zu, der fast schon bis zur Brücke steht, und in dem Knäuel verschwindet.

Sie hat ihn gesehen, als sie sich, unmittelbar vor ihrem Ziele – den Booten, deren größere bereits auf das Ufer gezogen sind, aber ein paar kleinere schwanken noch auf den Wellen – wendet, instinktiv, wie ein gescheuchtes Wild sichert, ehe es in das Versteck schlüpft. Sie weiß aus der Richtung, von welcher er kommt, daß er ihr schon vom Friedhofe her gefolgt ist; sie weiß, als hätte es ihr ein Gott gesagt, warum er ihr gefolgt ist – er, der einzige, den sie nicht zu täuschen hoffen darf.

Und doch zu täuschen hofft – für diesmal wenigstens – indem sie sich in den Menschenschwarm wirft – in eine Lücke, die sich gerade vor ihr aufthut und hinter ihr schließt.

Und dann steht sie in der ersten Reihe des dichten Schwarmes, und vor ihren Füßen und derer, die neben ihr stehen, liegt ein dicker Strick, der gerissen, weil die Brüstungsmauer, an welcher er, der Häuserseite gegenüber, befestigt war, nach dem See zu ausgewichen und so tief eingesunken ist, daß sie nur noch um ein paar Fuß den Promenadendamm überragt.

Aber es ist keine Gefahr, daß jemand den Strick, der auf dem Boden liegt, überschreite. Denn der Promenadendamm bis dicht an die Häuser, die glücklicherweise auf dem lebendigen Fels stehen, klafft in weiten Rissen, in denen die Köpfe von Pfählen ragen aus trüben schäumenden Wassern, welche sich mit jeder Welle, die heranrollt und zurückweicht, heben und senken–ein Beweis, daß die Futtermauer, auf der die Brüstungsmauer liegt, zerborsten, wenn sie überhaupt noch da ist und nicht bereits in den See gerutscht, so daß die Brüstungsmauer nur noch sozusagen in der Luft schwebt, oder in dem Wasser – comme vous voulez! – so sprechen die Leute, die neben ihr stehen und sich ihre Beobachtungen mitteilen, ohne daß einer darauf achtet, wer sein Nachbar, und ob der auf ihn hört oder nicht. Aller Blicke, aller Sinne sind nur auf das grausige Schauspiel gerichtet: des Kampfes der Elemente gegen das, was Menschenwitz ihnen abgerungen, und sie wieder haben wollen und sie wieder haben werden, eh' noch die Nacht siegt, die da am Horizont hinter blutroten Wolken mit dem müden Tage kämpft.

Und drüben, durch die Länge der gefährdeten Strecke getrennt – da, wo sie an jenem Abend der Bauwächter angehalten – steht abermals eine schwarze Wand von Menschen, welche dasselbe grause Schauspiel anstarren und dieselben vagen Reden führen, und auch jeden Augenblick erwarten, daß das, was zwischen ihnen hüben und denen drüben ist – die klaffende, bröckelnde, von auf- und abrollenden Wassern durchsetzte Promenade, über die sie so oft ahnungslos sicheren Fußes gegangen und in schnell rollenden Wagen gefahren – ein Stück schäumenden Sees sein wird, dessen Wellen bis an die Fundamente der Häuser branden, wie jetzt noch an die zu einer schlanken unregelmäßigen Kurve ausgebogene Brüstungsmauer, deren klaffende Quadern und verschobene Deckplatten wie durch ein Wunder zusammenhalten. Nur daß sich keine Möve darauf setzen darf, oder –

Das Wort stockt dem vierschrötigen Bürgersmanne im offenen Munde, der sich zu einem breiten Lachen verzieht. Und hier und da aus der beweglichen Menge schallt lautes Lachen und Hé! Holà! en avant! kss! kss! wie auf der Galerie, wenn auf der Bühne ein Kulissenschieber sichtbar wird und aus der Tragödie eine Komödie macht.

Von drüben ist aus der Menge einem kleinen Knaben, der sich mit seinen Geschwistern und dem Mädchen, das sie begleitet, bis in die vorderste Reihe durchgedrängt hat, die Mütze vom Kopfe geweht; und die Mütze fliegt und tanzt über die klaffenden Spalten des Dammes; und hinter der Mütze fliegt und tanzt ein feines graues Windspiel; und Mütze und Windspiel fliegen und tanzen umher, hinüber, herüber – und spielen Haschens – herüber, hinüber – hinüber über den äußersten weitesten Spalt bis auf die sinkende Brüstungsmauer– sapristi!

Kss! kss! allez! Hop-là!

Sie schreien und lachen, und plötzlich wird es totenstill.

Die Kehle schnürt sich dem lautesten Schreier zusammen; das vergnüglichste Herz schlägt kaum noch in der gespannten Brust; die Augen stieren nach dem kleinen, schwarzlockigen Knaben, der da von drüben auf der sinkenden Brüstungsmauer entlang gelaufen kommt, dem Windspiele entgegen, das, mit der Mütze im Maul, in schlanken Sprüngen an ihm vorbeischießt und jetzt an dem Ende der Mauer und wieder auf der Promenade ist, ehe das Kind, das schon bis zur Mitte der Mauer gekommen, sich nur umgewendet hat.

Plötzlich wird das Kind sich der Gefahr bewußt, in die es ahnungslos gerannt. Anstatt dem Windspiele nachzulaufen, wie jedermann erwartet, jedermann gehofft, steht es regungslos – hinter sich die donnernde Brandung, vor sich einen ellenbreiten Schlund, aus dem die schwarzen Wasser aufwallen und gurgeln – auf der schmalen Zinne der Mauer, die ihm wie ein Faden erscheinen mag, die ja auch nur ein Faden ist, der jeden Moment reißen kann – und es streckt die kleinen Arme aus; man hört durch das Tosen der Wellen und das Brausen des Windes sein klägliches, schreiendes Weinen.

Jeder hört's, jeder!

Und wenn's mein eigen Kind wäre – murmelt der Mann neben ihr.

Es hatten sich in der letzten Minute ein paar Menschen vor sie gedrängt, und sie hatte die tanzende Lolo und die tanzende Mütze nicht mehr gesehen; erst das Wort des Mannes neben ihr und das Entsetzen, das sich auf allen Gesichtern ringsum malt, hatten ihr gesagt, daß da noch etwas anderes vorging, etwas Furchtbares.

Dann hatte sie's gesehen: das Kind auf dem schwankenden Damm –

Daß es sein Kind – sie hat nicht Zeit daran zu denken; – daß sie sterben will und die Gelegenheit so günstig – es ist ausgelöscht aus ihrer Seele, als wär's nie gewesen. Wohl steht auch ihr das Herz still in der Brust während der paar Momente, die sie braucht, sich den Hut vom Kopfe und die Handschuhe von den Händen zu reißen und zwischen den Menschen vor ihr durchzuschlüpfen; aber nur in der Qual der Angst, es könnte zu spät sein!

Gott sei gelobt! Noch nicht! Noch haben die Wellen das Kind nicht fortgerissen; noch hat der Schwindel es nicht in den gähnenden Abgrund geschleudert. Es steht noch immer da, mit ausgestreckten Aermchen. Und nun ist sie mit einem Sprunge auf der Mauer und fliegt auf der Mauer hin und ist bei ihm und hat's in ihren Armen und trägt's geradeaus weiter den schmalen, unebenen Pfad, der unter ihr schwankt und zittert, und preßt die Zähne aufeinander und das Kind an ihre Brust, und sieht nicht rechts, nicht links, nur geradeaus, wo die sinkende Mauer, wie auf der Seite, von der sie gekommen, mit dem sichern Terrain noch immer zusammenhängt.

Und jeden ihrer fliegenden Schritte begleiten Hunderte und aber Hunderte von Menschenherzen mit bangem Klopfen und Segenswünschen, die darum nicht weniger innig sind, weil kein Laut über die angststarre Lippe kommt; und plötzlich zerreißt ein Schrei – ein einziger Schrei der Hunderte und aber Hunderte eben noch still betender Menschen – das Donnern der Brandung und des Windes Heulen: zwischen ihr, an der aller Blicke hangen, und der Stelle, von der sich schon ein Dutzend Arme ausstrecken, sie in Empfang zu nehmen, schlägt ein Stück der Mauer – ein zwanzig Fuß oder dreißig – um, wie eine Speiche im Mühlenrade, und verschwindet in der hohen Welle, die sich noch höher bäumt und auch über das stehengebliebene Stück der Mauer wegrollt, welches noch weiter seitwärts ausweicht, so weit, daß zwischen ihm und dem zerbröckelnden Rest des Quais ein weiter Schlund klafft, in welchen hinab die zurückbrandende Welle, unter der Mauer weg, schäumend und siedend seewärts wütet.

Sie ist verloren, muß verloren sein!

Noch nicht. Noch hängt die Mauer auf dem andern Ende an dem Quai. Sie hat, auf den Knieen, mit der einen Hand sich an die überragenden Deckplatten krampfend, mit der andern das Kind gegen den Busen drückend, dem furchtbaren Schwalle standgehalten und richtet sich jetzt auf und eilt nach der Seite, von der sie gekommen ist – zu spät!

Auch da, ehe sie das Ende erreicht, kurz vor dem Ende, bröckelt ein Stück der Mauer ab und verschwindet vor ihren Füßen.

Aber es ist nur ein kleines Stück im Vergleich zu dem drüben. Mit dem Kinde in den Armen kann sie den Sprung nicht wagen – es ist unmöglich – ohne das Kind – sie könnt's gewiß, die schlanke, elastische Gestalt – und auch hier strecken sich starke Arme ihr entgegen, und starre Augen glühen sie an und heisere Stimmen rufen: Sauvez-vous! Sauvez-vous!

Sie steht einen Moment vornüber gebeugt und mißt die Entfernung mit sicherem Blick; mit einem zweiten sucht sie den in der Menge, dem sie's anvertrauen will. Wie ein Lächeln fliegt's über ihr bleiches, todesmutiges Gesicht: den hat ihr Gott gesendet, es muß gelingen!

Und sie biegt sich rückwärts und krümmt sich zusammen, wie ein Bogen sich krümmen muß, bevor der Pfeil von der Sehne fliegt; und, wieder aufschnellend, schleudert sie das Kind in Bobs Arme und stürzt, in dem fürchterlichen Gegenstoß, rückwärts von der schmalen Mauerzinne, hinter ihr, mit ihr alles, was noch von der Mauer blieb, und mit der Mauer der hundertfach geborstene Damm der Promenade in einen fürchterlichen Strudel, aus dem baumlange Balken aufschießen und wieder hinabgewirbelt werden – hinab in die unermeßliche Tiefe, die sich mit Schaum bedeckt. Und im nächsten Moment tanzt der Schaum auf der berghohen Welle, welche über die Unglücksstätte weg hoch an den Wänden der Häuserzeile hinaufleckt.

Es ist geschehen – so schnell – sie haben's gesehen mit den leiblichen starren Augen; aber keiner kann's fassen.

Und nun hebt ein leises Weinen an unter den Weibern, eine und die andre jammert laut; Männer, die seit vielen Jahren keine Thräne gekannt haben, fahren sich über die nassen Augen und sagen dem Nachbar ein Wort, irgend eines, bloß um die Rührung zu überkommen. Einer weint nicht und sagt kein Wort. Wenn er weinen könnte, wären's Thränen der Wut; wenn er sprechen könnte, wär's ein grimmer Fluch.

Um des Kindes willen, dessen Vater er töten wollte und nun nicht mehr töten darf – dahin, dahin all die Schönheit und Anmut des schlanken, jungfräulichen Leibes, der sich noch eben regte und bewegte in seiner Götterstärke! Dahin, dahin, als wäre sie nie gewesen, diese Welt von Liebe und Edelsinn und höchster, reinster Geisteskraft! Ja, steht nur! steht und glotzt auf die Stelle, wo das alles versunken zu den blöden Fischen! heult und weint euch satt und geht nach Hause und eßt euer Abendbrot und legt euch schlafen und sorgt und plackt euch morgen weiter durch das miserable Leben! Und lügt euch weiter vor, es sei des Lebens wert!

Eine Hand legt sich auf seine Schulter; er fährt wild herum und sieht des eigenen Schmerzes Bild in des Freundes edlen Zügen, auf dem bethränten Antlitze der Frau, die ihr Mutter war; das Kind, für das sie ihr Leben hingegeben, schaut zu ihm auf mit großen unschuldigen Augen. Er faßt des Freundes beide Hände mit festem Drucke, umarmt die gute Frau, als wär's die eigene Mutter, und hebt laut weinend das Kind empor und küßt es, als wär's sein eigen Kind.

Will der Himmel der Erde das heilige Opfer verkünden, das ein Mensch der Menschheit gebracht? Glorreich flammt's auf in dem glühenden West; die Wolken droben sind ein unermeßlich Feuer, das ringsum von den hohen Bergaltären lodert; der weite See unten strahlt den Glanz zurück; und purpurn, wie gefärbt von dem teuren Blut, rauscht die Woge über Angelas Grab.

 

Ende.

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