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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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XXXVIII.

Waren, seitdem es geschehen, drei Tage verflossen, wie sie sagten, oder eine Ewigkeit? War es gestern, daß sie Eleonor Glenville und den alten Lerma auf dem Kirchhof von St. Martin bestattet, oder vor Jahren? War sie heute Vormittag oder wann bei dem Notar gewesen, der Herrn Lermas Testament aufgesetzt, und hatte das eben ererbte Vermögen, wie es stand und lag, im Falle eigenen Todes, der Baronin Granske auf Granskewitz verschrieben, mit der ausdrücklichen Hinzufügung, dieselbe möge und solle damit schalten ganz nach Ermessen; und sie bitte sie um Verzeihung der neuen Mühe, die sie ihr damit bereite, und danke ihr nochmals aus Herzensgrunde für alle Liebe und Güte, die sie ihr im Leben bewiesen? War es fortwährend Tag oder immerdar Nacht? – Angela wußte es nicht.

Sie wußte nur eines sicher: daß sie sterben müsse und sterben wolle.

Für sie hatte das festgestanden, als sie sich aus Arnolds Armen riß, und das Licht des Sternes, den sie hatte fallen sehen, über den Sumpf zitterte, in welchem sie im nächsten Momente versunken wäre – rettungslos.

Aber der Stern war doch einmal gefallen und würde sich nie wieder heben; ein furchtbarer Flecken war doch vom Sumpf auf sie gespritzt, und mit dem Flecken konnte sie nicht leben.

Ein Weib, das liebt, gibt sich dem Manne ganz und behält nichts für sich und schämt sich nicht. Es war ihr immer ein unergründliches schauerliches Myster gewesen, dessen letzten Schleier doch so viele gelüstet hatten. Sie mußte wohl daran glauben, und daß es ein heiliges sei.

Aber nur dem schuldlosen, dem liebenden Weibe!

Wehe ihr, die schuldig herantritt! wehe ihr, die sich ihrer Schuld bewußt wird in dem Momente, da sie an den Schleier rührt; und daß sie es nicht in heiliger Liebe, nur im Taumel und Wahnwitz der Sinne gethan; und daß der Mann, dem sie sich ganz zu eigen geben will, mit Seele und Leib – der geheiligte, geliebte Priester des Musters – nur noch ein Zerrbild ist dessen, den sie einst geliebt; und sie so verblendet, das Zerrbild nicht zu sehen, oder es gesehen, und so von ihrem Genius verlassen, so stumpf und verstockt, nicht davor zurückzuschaudern –

Und dieses unwürdigen Mannes wütende Küsse hatte sie getrunken, erwidert! Dieses Mannes Hand hatte auf ihrem Busen gelegen –

Und ihre Lippen sollten den Kuß empfangen dürfen von eines ehrlichen Mannes Munde? an diesen Busen sollte ein ehrlicher Mann ruhig sein Haupt lehnen?

Ein Mann, der so ehrlich war, so königlich groß gesinnt, daß für ihn die Möglichkeit des Verdachtes an der Treue derer, welcher er einmal Glauben geschenkt, nicht existierte; der das, was man ihm als Beweis ihres Verrates aufdrängen wollte, mit gelassener Hand dem Feuer gab; der, wenn sein bester Freund zu ihm träte und spräche: Sie hat dich verraten! und wenn sie selbst käme und spräche: Ich habe dich verraten! an des Freundes, an ihrer, an der eigenen Vernunft – an allem eher zweifeln würde, als an ihrem Herzen. Und wenn er denn gar nicht mehr zweifeln könnte, kein Wort des Zornes, des Vorwurfes für sie haben, sondern nur hingehen würde, um vor Gram zu sterben.

Und wenn sie ihn jetzt wenigstens geliebt hätte mit jener Liebe, die mächtiger ist als der Tod und vielleicht auch mächtiger als das Bewußtsein der Schuld in einer Seele, die von dieser todesmächtigen Liebe ganz erfüllt und sich der Unermeßlichkeit ihres Liebeschatzes bewußt ist und mit unermeßlicher Zärtlichkeit die Schuld tilgen und den Ahnungslosen glücklicher machen will, als noch je ein Mann gewesen – um seinethalben würde sie diese Liebe mit Wonnethränen begrüßt haben, hatte sie diese Liebe mit brünstigen Gebeten vom Himmel erfleht. Aber der Himmel war taub gewesen. In ihrem Herzen hatte sich nichts geregt – nur demutreiche, ehrfurchtsvolle Opferwilligkeit. Mit der kann man das Leben hingeben auf einen Schlag; aber dem andern sein Leben geben durch lange, endlose Jahre, Tage und Nächte, daß er nicht einmal merken sollte, daß es ein Opfer ist – das kann man nicht.

Auch wenn niemand auf Erden wäre, dem man nicht begegnen und ins Auge sehen, ja an den man nicht denken darf, ohne daß die Liebesglut zu einem Aschenhaufen zusammensänke, ohne daß der Opfermut schmachvoll gebrochen würde.

Er hatte es neulich überlebt, wenn anders – wie ihr jetzt eine Stimme sagte, die es fürchterlich ernst und streng mit der Wahrheit nahm – nicht trunkene Tollheit, vielleicht nur ein gemeiner Unfall war, was sie für eine That der Verzweiflung genommen, und überlebte vielleicht auch dies.

Mochte er! Der Arnold von heute ging sie nichts mehr an.

Hatte es je einen andern gegeben?

Nein! und was sie dafür genommen, war nichts gewesen, als ein Trugbild ihrer Phantasie von dem Manne, den sie lieben könnte.

Und hatte diesem Trugbild alles geliehen, was ihr selbst als das Höchste galt: Leidenschaft und Begeisterung für die Kunst, und unendliches Sehnen und rastloses Streben nach dem Vollkommenen. Und hatte es so geliebt.

Und noch immer geliebt, als sie hätte erkennen müssen, daß es ein Trugbild war; und hatte ihm seinen Treubruch vergeben, den er, wie sie sich vorlog, nur begangen, um, von der gemeinen Sorge um die Notdurft des Lebens ein für allemal befreit, nur seinem Genius zu leben. Und so ihn immerdar gegen ihre bessere Einsicht in Schutz genommen; und die Trennung und Entfernung waren nur wie klare Alpenluft, in der alles größer und schöner und prächtiger erscheint; und seine Mißerfolge waren eine Quelle des Mitleids für sie und des Zweifels, nicht an ihm, sondern an ihr selbst, ob sie nicht ein schweres Unrecht an ihm gethan, als sie ihn ließ, der doch von ihr, von dem doch sie nicht lassen konnte.

Und nun, als sie ihn wiedersah, und die Wirklichkeit sich nicht länger einwiegen lassen wollte von gaukelnden Illusionen, sondern sich aufbäumte in ihrer ganzen grausamen Häßlichkeit, und mit mitleidslosen Händen das Trugbild in Fetzen riß – – da war der Wahnsinn über sie gekommen, wie über die Priesterin, deren Tempel in Flammen aufgeht; und hatte retten wollen, wo doch nichts mehr zu retten blieb, und sich in die Flammen gestürzt, in das Feuermeer, das – nur ein Sumpf war, über welchem ihr Stern erdenwärts fiel, nie wieder zu steigen.

Ihr Stern nur?

Waren nicht alle Sterne mitgefallen?

Und sie sah den Himmel, wie er ewig war und ewig sein wird: ein hohles Nichts; und darunter die platte öde Erde, über welche Schatten huschen, die sich Menschen nennen und es tragen, daß sie geboren sind, um zu sterben und zwischen Wiege und Grab den nichtigen Kampf um ein nichtswürdiges Dasein zu kämpfen. Und über die Wüstenweite darf niemand den Blick erheben, will er nicht wahnsinnig werden, wie die Unglückliche, die nun tot war, und deren glühende Augen sie im Leben so oft auf sich geheftet gesehen, als wollte sie sagen: Du und ich, wir gehören zusammen, wir Thoren beide, die wir an Sterne glauben. Ich nenne meinen Stern: Leben, um zu herrschen! Du den deinen: Leben, um dem Genius zu dienen! – und ist eines wie das andere Lug und Trug und Gaukelspiel.

Nein! Nein! hört es nicht, ihr Unsterblichen! Ihr seid! ich glaube an euch, ob ihr mich gleich verworfen habt! Besser, von euch verworfen sein, als euch nie geahnt, sich nie an eurer unendlichen Schöne berauscht, nie nach eurer Herrlichkeit gerungen zu haben!

Nur in einem seid ihr allzu grausam: daß ihr den, der sich zu euch hinaufkämpfen wollte mit jeder Fiber seines Wesens und im Kampfe unterlag, nicht sterben laßt; ihn zwingt, weiter zu leben mit gebrochenem Mut und geschändeten Waffen, oder selbst für sein Teil dem Leben, das Würde und Wert für ihn verloren, ein Ende zu machen.

Wie?

Es war das einzige Problem, das noch zu lösen war, so schwierig deshalb, weil es gelöst werden mußte und sollte, ohne den guten Menschen, die um sie trauern würden, das Gedenken an sie unnötig zu belasten: der trefflichen Frau, von der sie so mit ganzem Herzen geliebt wurde, die sie liebte mit dem Stückchen, das ihr noch von ihrem Herzen geblieben; deren stumme Blicke sie fortwährend anflehten: Sag' mir alles! und der sie doch nichts sagen konnte, trotzdem jetzt auf den Lippen der Gütigen sich das förmliche Sie in ein mütterliches Du verwandelt: Willst du der Mutter nicht das trotzige Herz erschließen?

Trotzig! Großer Gott! und sie hätte die Stelle küssen mögen, auf die ihr ehrlicher Fuß trat!

Wie sie innigst danach verlangte, die Hand des gütigen Mannes einmal – ein einzigmal! – an ihre Lippen drücken zu dürfen.

Es durfte nicht sein!

So möge sich Gott deiner erbarmen! und du nie ahnen, warum ich sterben mußte, wie du nie ahnen magst – was für mich völlige Gewißheit – daß du in dem fremden Herrn, den dein Auge nie geschaut und dem du, freundlich wie immer, mit den näheren Freunden die letzte Ehre erwiesen, deinen Vater bestattet hast – neben dieser – deiner Mutter Gruft!

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