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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XXXVII.

Die Baronin war bereits durch den halben Garten gestampft und hatte mit ihrer sonoren Stimme ein dutzendmal nach Gusting und den Kindern gerufen, ohne eine andere Antwort zu erhalten, als das Rascheln der dürren Blätter in dem Sturmwinde, der vom See her wehte. Sie war sehr ärgerlich. Bei dem Wetter nicht in dem Garten zu bleiben, wo doch noch immer Schutz war! und die pechschwarzen Wolken oben mit den schweflichten Rändern! Wenn's an einem Tage, wie der, dicht vor Sonnenuntergang so aussieht, als ob die Sonne nochmal durchwollte – das ist denn gerade das Rechte! Wo sie nur hingeraten waren? Die alberne Dirne wäre im stande und liefe mit ihnen, wenn sie's verlangten, die ganze Promenade hinauf in dem grausamen Winde! Da mußte man schon selber nach dem Rechten sehen; und schaden konnt's auch nicht, wenn man sich mal nach drei Tagen die alten eingerosteten Schwedenbeine wieder ein bißchen vertrat.

Die Baronin ging das Steintreppchen zur Promenade hinab. An der Quaimauer unmittelbar vor ihr stand der Kapitän und blickte auf den See hinaus. Sie hätte an ihm vorbeikommen können, denn er wendete ihr völlig den Rücken, und das Donnern der Wellen zwischen den großen Steinen hatte das Klirren der eisernen Gitterthür sicher übertönt. Aber sie schämte sich, daß sie selbst jetzt ihre Scheu vor dem braven Manne noch nicht überwunden hatte. Wenn sie sich auch einander nur schwer verständlich machten – was that denn das? Ueberdies mußte die Frage wegen der Abreise nun endlich ordentlich durchgesprochen werden. War doch nicht einmal – was sich freilich von selbst verstand – richtig gesagt, daß Angela vorerst mit ihr nach Granskewitz gehen würde.

So trat sie denn an ihn heran und rührte ihn, da er ihre Anwesenheit auch jetzt nicht bemerkte, an der Schulter. Der gewaltige Mann zuckte zusammen wie ein nervöses Mädchen und wendete sich zu ihr – nur für einen Moment; aber die Baronin hatte wohl gesehen, daß seine großen blauen Augen naß waren; und – dem beizte der scharfe Wind die Augen nicht!

Der guten Frau fuhr es wie ein zweischneidig Schwert durch die Seele, Also auch er! auch er!

In ihrer grausamen Verwirrung fing sie an, von den Kindern zu sprechen, die sie suchen wolle; und er erwiderte, daß man ihm im Hotel gesagt, auch Angela sei ausgegangen –

Es ist so ihre Zeit, wo sie am liebsten spaziert, sagte die Baronin, sie hat das immer gethan – und womöglich allein. Es ist sehr gut, daß sie wieder in ihre alten Gewohnheiten kommt – richtig ein Glück.

Der Kapitän, der ihr den Arm gegeben und nun seine langen Schritte sorgsam nach ihren kurzen abmaß, antwortete nicht; er hatte sie am Ende gar nicht verstanden. Sehr deutlich hatte sie in ihrer Seelenangst auch gerade nicht gesprochen, und der Wind pfiff einem ordentlich durch die Zähne, wenn man den Mund aufmachte. Dennoch sprach sie weiter – was sollte sie sonst thun? Besser doch so darauf lossprechen, als stumm neben ihm hergehen und immerfort im Gedanken das Wort hören, das er gewiß im Herzen, wenn nicht auf den Lippen hatte: Ich glaube jetzt an alles – an die Briefe und das übrige, und daß sie mir die Treue gebrochen!

Und dabei sprach sie fortwährend von Angela, als wenn es so sein müßte; als ob ihr Gott den Verstand geraubt, daß ihr doch nichts, gar nichts anderes einfallen sollte. Es war zum Verzweifeln; sie hatte alle Mühe, nicht in Weinen auszubrechen. Eben war sie dabei, auszumalen, wie hübsch es sein würde, wenn er gleich mit nach Granskewitz ginge, oder, wenn er durchaus erst einmal nach Hause müßte – das wäre am Ende nur in der Ordnung bei einem solchen Hausstand und den vielen Pächtern und all dem – ihnen wenigstens recht bald nachkäme – so zu Weihnachten –

Ich werde nimmer kommen, sagte er.

Er hatte es so ruhig gesagt, so gefaßt, und es klang so unsäglich traurig und hilflos in seinem gebrochenen Deutsch.

Der Baronin stand das Herz still.

Ich sage es Ihnen, fuhr er in demselben Tone fort, weil Sie sind Ihre beste, treueste Mutter; und ich bitte Sie, sagen Sie es ihr – ich kann es nicht.

Die Baronin rang nach einem Worte, es wollte keines kommen – keines. Er erwartete auch keines, sondern sprach so ruhig und traurig weiter in seinem hilflosen Deutsch:

Ich habe mir alles überlegt – alles! Es hat mir so weh gethan, aber es ist nicht anders. Ich sehe es klärlich – jetzt. Sie hat nie mich geliebt – mit der Liebe, mit der ich liebe sie. Sie hat Mitleid mit mir gehabt, weil ich sie liebte – so viel, aber Mitleid ist nicht Liebe. Bitte, sagen Sie ihr das, und daß ich nicht zornig bin auf sie – o, nein, nein! wenn ich auch bin sehr viel traurig, sehr viel –

Seine ruhige Stimme zitterte nun doch; er fuhr sich mit der freien Hand über die Augen.

So seltsam es der Baronin selbst erschien, aber ihr beklemmtes Herz schlug freier und sie atmete wieder leichter. Es war ja offenbar: er hatte den wirklichen Grund gesagt, der ihn an Angelas Liebe verzweifeln ließ: daß sie ihn eben nicht liebe, aber nur, weil sie gerade ihn nicht lieben konnte, nicht, weil sie einen andern liebte.

Als hätte er in ihrer Seele gelesen, hub er wieder an – immer in demselben stillen traurigen Tone:

Ich habe keinen andern Gedanken, glauben Sie mir! Meine arme Mutter – ich fürchte, sie hatte verloren ihre gesunden Sinne – lange vorher; und Miß Flinch ist eine schlechte Person – sehr schlecht. Sie hat mir geschrieben am nächsten Morgen einen langen Brief voll schlechter Lügen, den ich habe gelesen und geworfen in das Feuer. Nein, nein! eher will ich zweifeln an meinem eigenen Leben, als an ihr!

Gott sei Lob und Dank, dann kann auch noch alles gut werden! So rief es in der Baronin Herzen; und sie, die nun alle Scheu verloren vor dem guten Manne, der so fest an ihr Kind glaubte, sprach es aus in ihrer treuherzigen Weise; und welch ein wunderbares Mädchen Angela sei, und so schwer zu begreifen; und wie jetzt der Tod seiner Mutter, mit der sie sechs Jahre gelebt und so viel durchgemacht und durchgekämpft – die beiden, die sich zu hassen schienen und doch einander im tiefsten Herzensgrunde verstanden und geliebt – ihr in Kopf und Herzen herumgehe, und daß er Geduld haben müsse; und sagte alles, was ihr die Liebe zu Angela eingab und das innige Mitleid mit dem prächtigen Manne da an ihrer Seite.

Er schüttelte den Kopf.

Aber, rief die Baronin, glauben Sie denn, Angela würde Ihnen Ihr Wort nicht selbst zurückgeben, wenn es so stände, wie Sie meinen?

O ja, sagte er langsam; aber sehen Sie, für eine Lady ist das peinvoll – sehr! und – ich bin zu viel ein Gentleman, einer Lady eine Pein zu machen, wenn ich es kann vermeiden.

Und wenn ich Ihnen nun die Antwort bringe, daß Sie sich doch geirrt haben? rief die Baronin eifrig.

Er schüttelte wieder das Haupt. Ich habe mich geirrt – einmal! Für das zweite Mal – nein – o nein!

Aber, lieber Gott, was soll denn aus Ihnen werden, Sie armer, unglücklicher Mensch? rief die Baronin in heller Verzweiflung.

Jawohl, sehr unglücklich! sagte er; ich habe nie gehabt einen Vater, nie eine gute Mutter, nie einen Bruder, eine Schwester; ich soll nicht haben ein Weib und Kinder, mich zu lieben; doch sei Gott gelobt, er hat mir einmal gegeben einen schönen Traum.

Die Baronin durchschauerte es. Das war derselbe Traum, den ihr armer Sohn geträumt, und den er mit hinübergenommen in das Jenseits. Großer Gott, war denn dies Mädchen nur geboren, Unglück und Verderben zu bringen über alle, die sie liebten! Und war doch selbst so gut und liebevoll und barmherzig gegen alle Menschen; und gab, wo sie konnte, mit vollen Händen, alles, alles, was sie hatte; und nur sich selbst mochte sie nicht geben, konnte sie nicht geben – ihr Herz, ihre Liebe, gerade das, was sie alle von ihr wollten!

Ihr war, als wären die schwarzen Wolken droben eine Bleidecke, und die hätte sich auf ihren armen zerstückten Kopf gelegt. Sie konnte nichts mehr denken, und Worte allein – lieber Gott, das war wie die dürren Blätter, die der rasende Wind von den Kugel-Akazien an dem Fußwege fegte und in der grauen Luft herumwirbelte – wer weiß wohin!

So ging sie schweigend neben dem Schweigenden weiter die Promenade hinauf, auf der in der Ferne, wo die letzte Seitenstraße aus der Stadt mündete, ein dichter schwarzer Menschenschwarm quer über den Quai stand, wie eine Mauer, anstatt des Seiles, das da alle diese Tage ausgespannt gewesen war, die Leute von der gefährlichen Stelle fern zu halten.

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