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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XXXIII.

Drei Stunden später – die Stutzuhr über dem Kamin wies bereits auf Neun – schritt die Baronin, die Hände auf dem Rücken, langsam schwerfällig in ihrem Salon auf und ab, während der freundliche kleine deutsche Kellner und Gusting auf dem großen runden Tische vor dem Sofa die Theesachen für mehrere Personen, wie es schien, zurechtsetzten. Der kleine Kellner hatte sein unbedeutendes Gesichtchen in die allerernsteste Fassung gebracht, und Gusting schluchzte heimlich, so oft sie sich von der gnädigen Frau unbemerkt glaubte. Sie bewegten sich auf den Fußspitzen und setzten die Tassen und legten die Löffel mit möglichster Vorsicht hin.

Na, sagte die Baronin, warum habt Ihr Euch denn wie die Fliege in der Buttermilch? der drüben wacht von dem bißchen Geklapper nicht auf.

Gusting schluchzte laut; der kleine Kellner wischte sich mit der Serviette die Augen.

Ihr seid nicht recht gescheit, sagte die Baronin, sterben müssen wir alle und Thee trinken auch.

Sie murmelte die letzten drei Worte noch ein paarmal so vor sich hin, jedesmal mit größerem Nachdrucke; schien aber trotzdem nichts besonders Tröstliches darin zu finden, stöhnte vielmehr sehr vernehmlich, als sie jetzt, am Fenster, in die regenschwarze Nacht hineinstarrte, und rief, sich wieder ins Zimmer wendend, ärgerlich:

Nun aber macht, daß Ihr fertig werdet! Gusting, Dir gehst hinauf und sagst Herrn und Frau Banse Bescheid und bleibst dann oben bei den Kindern. Und Sie, junger Mensch, passen auf den Herrn Doktor und führen ihn hierher; er wollte in einer halben Stunde wiederkommen. Was ist denn das da?

Sie deutete auf ein zusammengefaltetes Papier, das neben der Zuckerschale lag.

Eine Telepesche, sagte Gusting mit einer von ihr selbst erfundenen und konsequent angewendeten Zusammenziehung, während gnä' Frau drüben waren.

Schon lange?

Vielleicht zehn Minuten, eh' gnä' Frau herüberkamen.

Warum hast Du es nicht gleich gesagt? Na – es ist gut.

Gusting und der Kellner waren aus dem Zimmer; die Baronin hatte die Depesche zur Hand genommen und betrachtete das zusammengefaltete Blättchen, indem sie es auf Armeslänge in der unmittelbaren Nähe der Lampe hielt. Nicht daß sie irgend Aussicht gehabt, auf diese Weise einen Buchstaben der Adresse zu lesen, oder an deren Richtigkeit gezweifelt hätte; aber für sie war eine Depesche noch immer wie ein Blatt, das, aus dem Buche des Schicksals herausgerissen, eigentlich in menschliche Hände nicht gehöre und von Menschenhänden nur erfaßt werden könne, nachdem man sich vorher zum wenigsten auf eine große Unannehmlichkeit vorbereitet.

Angela hatte sie im Laufe dieses letzten Jahres, wo so manche Depesche, meistens des unbedeutendsten Inhalts: Anfragen und Antworten über Hotelwohnungen und ähnliche Reisenotwendigkeiten, gegangen und gekommen waren, wegen dieser Schwäche verspottet; und das fiel ihr jetzt ein, während doch Angela selbst der Gegenstand ihrer Sorge war. Sie hatte sich heute ohne Unterlaß mit dem Gedanken getragen, daß dem Mädchen ein Unglück zustoßen werde. Was sie vorhin von dem Sterbenden erfahren, hatte das Beängstigende dieses Gefühls wahrhaftig nicht vermindert. Jemandem, der in so unerhörte, grausige Geschichten so tief verwickelt war, konnte geradezu alles begegnen. Wenn sie um fünf, ja wenn sie um sechs Uhr von Glion weggefahren waren, mußten sie längst hier sein. Was mochte es gegeben haben? Auf einen Radbruch oder ähnliche Kleinigkeiten wagte sie gar nicht mehr zu hoffen.

Das ist ein schlimmer, schlimmer Tag, sagte die Baronin und stöhnte wieder.

Sie hatte ihre Brille aus dem Futteral genommen und das ominöse Papier aus seiner verzwickten Faltung endlich frei. Ihr erster Blick galt der Unterschrift: Pilz!

Sie warf das Blatt zwischen die Tassen.

Die unverschämte Person! Ihr zu telegraphieren! Eine ellenlange Depesche, weil sie einen Unterrock oder so hat liegen lassen, der ihr nachgeschickt werden soll! Wenn ich dir die Ohrfeigen nachschicken könnte, die ich dir –

Sie starrte wütend auf das Papier. Wäre es ein Brief gewesen, sie hätte ihn nicht wieder angerührt, oder doch nur, um ihn da in das Kaminfeuer zu werfen, das eben an den Eichenscheiten aufzulecken begann. Aber eine Depesche! Man kann nie wissen – das sieht aus wie eine leere Patronenhülse, und die Ladung ist noch drin.

Sie rückte die Brille auf der Stumpfnase zurecht und machte sich entschlossen an das mühselige Geschäft – diese schändlichen lateinischen Depeschen-Buchstaben, die immer durcheinander rennen, wie Füllen in der Koppel! Nun fehlte nur, daß die Person Französisch depeschiert hätte, aber es schien Deutsch zu sein:

»Habe die Ehre, gnädige Frau, zu melden, daß Monsieur Vogel und Madame Moor soeben acht Uhr von Genf via Lyon nach Paris –«

Gott soll mich bewahren! murmelte die Baronin.

Die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen, ihre starke Hand zitterte. Es war eine neue Niederträchtigkeit der Person! – ein schändlicher Spaß, den sie sich machte – na! warte, du Racker! – weiter!

»Paris reisen, sehr vergnügt, daß Bagage hier vorgefunden und Anschluß erreicht, wie konstatieren kann, da selbst gesehen, daß Billets genommen und bezahlt aus Ledertäschchen, wenn in Kassette vermißt werden sollte, was auf Verlangen beschwören will, weshalb genaue Adresse bis übermorgen Hotel, de la Gare Nr. 95. Pilz

Die Baronin saß erstarrt. Wenn es auch absolut unmöglich war, daß sie, die sie heute Nachmittag in Glion verlassen – sie müßten denn gleich hinter ihr her – oben auf der Eisenbahn, während sie unten auf der Chaussee mit den Kindern – sie hatte sich so gehabt, als sie ihr die Kinder nach Granskewitz – heiliger Gott! ist solche Schlechtigkeit erhört – die armen unschuldigen Kinder, die oben schlafen, während ihre Mutter –

Da schlage der leibhaftige Teufel drein! schrie die Baronin, wütend mit der Faust auf den Tisch hauend, daß die Tassen und Teller klirrend und klappernd in die Höhe sprangen; und fuhr nun selbst in die Höhe, wie wenn der, den sie angerufen, in Person erschienen wäre. Die fehlte ihr noch gerade!

Lady Ballycastle, die, von ihr nicht bemerkt, eingetreten war und jetzt ein paar Schritte von ihr stand, nickte mit dem Kopfe, und lächelte dabei so greulich, daß es der Baronin trotz des feurigen Zornes, von dem ihre ehrliche Seele erglühte und ihr kraftvolles Blut in wilden Wogen rollte, eiskalt über den, Rücken lief. Sie warf unwillkürlich einen Blick nach dem kleinen weißen Knopf über dem Sofa in der Wand und schämte sich in demselben Moment der feigen Regung. Es war ja ein schlimmes Ding, allein mit einer Person zu sein, von der man das wußte! Aber sie hatte sich noch im Leben vor nichts und vor niemandem gefürchtet und wollte es nicht auf ihre alten Tage lernen; und wenn die Person verrückt war – und verrückt genug sah sie aus mit ihrem greulichen Grinsen, trotzdem sie in großer Abendtoilette war und sich von der Flinch Augenbrauen und Backen wohl noch extra hatte anpinseln lassen – um so ruhiger mußte sie selber sein und ihr in aller Ruhe sagen, was sie ihr auf alle Fälle über kurz oder lang würde sagen müssen.

Na, begann sie, da Sie mir einmal die Ehre erweisen, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ich erwarte Herrn und Frau Banse, wie alle diese Abende, und den Herrn Doktor, der – na, ja! – und die Gesellschaft von Glion wird ja wohl auch endlich kommen, und sie sollen eine Tasse Thee finden nach der bösen Fahrt. – Hier, auf dem Sofa, wenn's Ihnen recht ist?

Sie hatte den Tisch ein wenig abgeschoben, um der Lady einen bequemen Zugang zu verschaffen. Lady Ballycastle rührte sich nicht von der Stelle.

Bemühen Sie sich nicht! Ich bin nicht gekommen, mit Ihnen Thee zu trinken; ich bin gekommen wegen des Herrn auf Nummer Sieben. Ich höre, er ist tot; ich will ihn sehen; Sie sollen mich hinführen.

Sie –

Die Baronin hatte sagen wollen: Sie sind verrückt, verbesserte sich aber und sagte: Sie sprechen wohl nicht im Ernst?

Ich thue es, sagte Lady Ballycastle, in treuem Ernst. Ich muß ihn sehen – tot, wissen Sie, starr tot, ohne einen Funken von Leben. Die Leute können lügen, ich will Gewißheit haben. Man will mich nicht hineinlassen; Mr. Delajoux sagt, er dürfe nicht; der schwarzbraune Schuft von Diener hat mir an der Thür mit dem nackten Messer gedroht; Sie sind bis zuletzt bei ihm gewesen, Sie sollen mich hinführen.

So unsinnig, gottlos und grauenhaft die Baronin das an sie gestellte Ansinnen fand – Lady Ballycastle hatte alles so ruhig, ordentlich in einem geschäftsmäßigen Tone vorgebracht und sich dazu in einem so gemessenen Tempo gefächert – die Baronin wurde wieder einmal vom Zweifel befallen, ob sie es nur mit einer grundschlechten oder völlig verrückten Person zu thun habe. So erwiderte sie nach einer kleinen Pause:

Wenn es Ihnen darauf ankommt, zu wissen, ob der arme Mann tot ist – ich sage Ihnen, er ist tot, und ich wünsche allen Menschen ein so sanftes, gottergebenes Sterben.

Die gespannten Züge der Lady verzerrte wieder das greuliche Lächeln.

Das klingt ganz gut, sagte sie, und Sie sind eine Lady. Ladies sprechen die Wahrheit; aber eine Lady thut der andern auch einen kleinen Gefallen – noch dazu, wenn sie in so intimer Relation stehen, wie wir – fast verwandtschaftlich – bitte, bitte, liebe Lady Granske, führen Sie mich hin!

Sie war einen Schritt näher getreten und lächelte immer greulicher, wobei sie in einer sonderbaren Weise, die wohl Zutrauen erwecken sollte, mit dem Kopfe nickte.

Das hilft Ihnen alles nichts, sagte die Baronin, die Faxen kenne ich; und ich sage Ihnen ein für allemal: Sie kriegen ihn nicht zu sehen.

In den schwarzen, starren Augen der Lady zuckte ein wilder Blitz, aber das Lächeln auf dem verzerrten Munde blieb, und die tiefe, rauhe Stimme klang so dünn, wie eine schlechtgespielte Flöte, als ob gar nicht sie, sondern ein anderer Mensch spräche:

Es ist ja nur um unsere liebe Angela; Sie müssen wissen – der tote Mann – wir wollen annehmen, daß er tot ist – war ihr schlimmster Feind; o, so schlimm, Sie glauben es nicht! und der durchaus nicht wollte, daß sie meinen Sohn heiratet. Da wäre es nun eine so große Genugthuung für mich, wenn ich ihn tot sehen könnte – nur einen Moment, wissen Sie – einen Moment!

Sie hatte, als sie abermals anfing zu sprechen, auf einem der Fauteuils Platz genommen, die um den Tisch standen, und der von der Sofa-Ecke, in welcher die Baronin saß, zufällig am weitesten entfernt war. Während sie sprach, war sie von jenem ersten auf einen zweiten, von diesem auf einen dritten gerutscht; es waren nur noch zwei Stühle zwischen ihnen.

Die Baronin blickte ihr fest in die glühenden Augen und sagte:

Ich habe noch vor einem Jahre einen tollen Ochsen bändigen können, und mit Ihnen, so lang Sie sind – und so stark Sie sein mögen, werde ich heute noch fertig – Sie verstehen mich. Also machen Sie keine Dummheiten und bleiben Sie sitzen, wo Sie sind! Und nun hören Sie mal zu, was ich Ihnen sagen will, damit Sie wenigstens so weit zur Vernunft und Einsicht kommen, daß Sie nicht von neuem solche Geschichten anfangen, die den armen jungen Leuten bloß das Leben sauer machen, ohne daß es Ihnen was hilft. Denn – nun passen Sie aber auf! – wovon Sie glauben, daß es mit Herrn Lerma ins Grab gehen wird – und bloß deshalb möchten Sie ihn ja tot sehen – das weiß ich jetzt – alles, vielleicht besser, als Sie selbst es noch wissen nach den langen dreißig Jahren. Und ich weiß es nicht nur aus dem Munde des Sterbenden, sondern habe es von dem alten Herrn geschrieben mit seinen eigenen zitternden Händen – kurz und bündig – aber es steht alles drin: wie's gewesen ist und wo und wann; und außerdem die Briefe, die Sie ihm damals geschrieben, und die andere Leute lesen können, wenn ich es auch nicht kann, und sonstige Papiere, die über Herrn Lermas Herkunft und wahren Namen und dergleichen mehr Auskunft geben, alles wohlverwahrt in einem schönen kleinen Kasten. Und in dem soll es liegen bleiben und kein Mensch es zu lesen kriegen, und ich selbst werde kein Sterbenswort sagen von dem, was ich, Gott sei's geklagt, nun weiß, vorausgesetzt, daß Sie Ihre Einwilligung zu Angelas und Ihres Sohnes Heirat nicht zurückziehen, den jungen Leuten auch sonst keine Schwierigkeiten und Fisematenten machen, zum Beispiel Ihr Vermögen an die Pfaffen verschleppen oder sonst um die Ecke zu bringen suchen, sondern sich gegen sie vernünftig und ordentlich betragen, wie es einer Mutter zukommt. Sobald Sie aber das Gegenteil thun oder nur Miene dazu machen – soll ich mir ein paar gute verständige Freunde der jungen Leute nehmen, zum Beispiel den Herrn Wicklow bei Ihnen zu Hause und den alten Herrn Banse hier, und soll ihnen alles mitteilen und sagen und mit ihnen beraten, was wir mit den Papieren thun wollen, um Sie zur Raison zu bringen und den jungen Leuten vor Ihnen Ruhe zu verschaffen. So! das wär' es ungefähr, was ich Ihnen zu sagen habe, und jetzt wissen Sie Bescheid!

Die Baronin hatte, um die wichtige Sache ordentlich vorzubringen, und weil sie sich in die Seele der unglückseligen Person hinein schämte, während sie sprach, nur immer vor sich niedergeblickt. Nun hob sie doch ihre Augen und erschrak über das entsetzliche Gesicht, das sie anstarrte und kaum noch dasselbe zu sein schien: um zwanzig Jahre gealtert, wie überzogen mit einem aschigen Grau, auf dem die Schminke gräßliche rote Flecke machte; von der ganzen Person nichts geblieben als die schwarze Perücke und die schwarzen Brauen und die schwarzen Augen, die aber auch ganz blöde dreinstierten.

Er hat geschworen, so wahr ihm Gott helfen möge in seiner letzten Stunde, daß sie es nicht erfahren solle, murmelte sie.

Sie hat nichts erfahren, sagte die Baronin, und wird auch nichts erfahren, wenn Sie sich vernünftig betragen; begreifen Sie das nicht?

In den schwarzen Augen zuckte wieder ein Funke von dem alten bösen Feuer, und in der Stimme war wieder ein Ton von dem alten bösen Klange:

Ihr habt eines vergessen. Wenn ich nun, mag daraus kommen was will, ehe ich den Hochmutsteufel regieren lasse in Ballycastle an meiner Statt, alles sage und drucken lasse, wie es ist: daß ich Maurice Gordon, den schuftigen Tyrannen, totgeschossen habe; und daß er nicht Maurice Gordons Sohn, sondern der Sohn von einem deutschen Abenteurer ist und auf keinen Pfennig Anspruch hat, weder von dem Vermögen von Charles Gordon noch von Maurice Gordon – seht Ihr denn nicht, daß ich die Schlange noch jeden Augenblick zertreten und zerbrechen kann – so!

Und sie knickte hohnlachend den Ebenholzfächer mitten durch.

Die Baronin verspürte eine entschiedene Neigung, dem schwarzen grinsenden Satan da drüben ihre große Theemaschine an den Kopf zu werfen; aber sie bezwang sich und sagte ruhig:

Sehen Sie, liebe Frau, Sie haben schon ein bißchen viel gelogen in Ihrem Leben und auch sonst ein bißchen viel unsinniges und unvernünftiges Zeug angestellt, so daß man am Ende auf den Verdacht kommt, es sei nicht ganz richtig in Ihrem Kopfe, wenn Sie selber hingehen und all die greulichen Dinge von sich erzählen, und Ihren braven Sohn, der doch nichts dafür kann, Ihre Sünde wollen büßen lassen und ihm ganz unnötigerweise die Schande anthun und überhaupt Ihr Nest so gräßlich beschmutzen, wie es der schlechteste Vogel nicht thut. Aber freilich, Ihnen ist ja wohl alles zuzutrauen; und der gute Mann, der nun ausgelitten hat, kannte Sie nach der Seite hin, und seinen Sohn, den Herrn Kapitän, muß er auch ganz gut gekannt haben, daß er im stande ist, es gar nicht darauf ankommen zu lassen, was die Richter sagen, sondern sich gleich für die ganze Bescherung bedankt, und sie Ihnen vor die Füße wirft. Na, und da hat der gute Mann, der nicht Kind und Kegel hat, Angela sein ganzes Vermögen bei Heller und Pfennig verschrieben – so an die Million Dollars, wenn Sie wissen, wieviel das ist. Ich weiß es nicht, aber Herr Banse sagt, es ist ein mächtiger Packen Geld in Preußisch-Kurant. Sehen Sie, davon können dann die jungen Leute soweit ganz gut leben; und mich soll's freuen, wenn's so kommt und unter die ganze alte, greuliche Geschichte ein dicker Strich gemacht wird, und die Kinder ihr Leben von vorne anfangen dürfen, ohne daß Sie Ihren Segen dazu zu geben brauchen, an dem wohl so wie so nicht viel gelegen ist.

Die Baronin war im ganzen bis hierher mit sich nicht unzufrieden gewesen; ja, sie hatte sich, wie schwer ihr auch ums Herz war, doch ein wenig gefreut, daß ihr gesunder Menschenverstand, mit dem sie im Handel und Wandel des gewöhnlichen Lebens, oft zu ihrer eigenen Ueberraschung, den Nagel auf den Kopf traf, ihr auch in dieser schwierigen Sache helfen zu wollen schien. Aber das letzte hätte sie nicht sagen sollen! Es war doch schließlich die Mutter! an einem Muttersegen war wohl immer gelegen, und wie konnte einer wissen, wie es in der armen verstörten Seele aussah, und ob sie ihren Segen nicht bloß deshalb verweigerte, weil sie darum gebeten sein wollte, und keiner sie darum bat. Das mußte sie um so tiefer kränken, je hochmütiger sie war, und auch, um so schlechter sie war. Denn je schlechter die Menschen sind und je miserabler ihnen deshalb zu Mute ist, um so eifriger sind sie danach aus, daß ihnen die anderen Menschen alle mögliche Ehre anthun. War ihr doch selbst so miserabel zu Mute, daß sie die leibhaftige Tante von einem so abscheulichen Geschöpfe wie Nanni sein sollte! Ja, ja, es war schändlich von ihr, sich aufs hohe Pferd zu setzen und die unglückliche, malle Person so abzukanzeln. Wie dicht Hochmut vor dem Falle kommt, das konnte man doch wahrhaftig an der deutlich genug sehen!

Das ging der Baronin durch den Kopf; und nun war in ihrem braven Herzen nichts als Mitleid mit der Unglücklichen, vor der sie selbst am ersten Abende einen so heillosen Respekt gehabt, und die sie nun vor sich sah, ihrer Macht und Herrlichkeit entkleidet, wie eine himmelhohe Pappel, in die der Blitz geschlagen, und die nun zersplittert und zerzaust auf dem Boden liegt.

Ja, ja, sagte sie, ich kann mir denken, wie schauderhaft Ihnen zu Mute ist, mit dem, was Sie auf dem Gewissen haben, und dem Toten da nebenan, den Sie doch einmal lieb gehabt, und um dessenwillen Sie wohl zumeist gethan, was Sie gethan, und der nun auch noch auf seinem Sterbebette Ihnen Widerpart gehalten hat. Aber warum? Weil Sie partout nicht wollen, was Ihre verdammte, wollte sagen, klare Pflicht und Schuldigkeit ist; oder wenigstens die jungen Leute in Ruhe lassen, die doch Ihre Kinder sind und sich gewiß wie gute Kinder gegen Sie betragen werden. Ich kann sagen, ich halte auf den Kapitän große Stücke, und was Angela betrifft – na, ich will Ihnen ehrlich gestehen, ich bin in letzter Zeit mit ihr gar nicht zufrieden und weiß nicht, was ihr im Kopfe steckt; aber das ist nur so ein Uebergang bei ihr und wird sich alles zurechtziehen. Daraufhin kenne ich sie, wenn ich sie auch manchmal nicht begreife, weil ich wohl zu dämlich bin; aber lieb hab' ich die Dirn, und alle Welt hat sie lieb, und ich möchte darauf schwören: Sie auch; Sie wissen es man nicht, wie die Leute sagen, daß man einen vor lauter Liebe auffressen –

Die Baronin brach ab, denn die da drüben lachte plötzlich auf. Oder eigentlich war es kein Lachen, sondern ein greuliches Gurgeln, wie eines Ertrinkenden. Und so arbeitete es auch in dem Gesichte, wie wenn einer in Gefahr ist, zu ersticken und mit aller Macht ringt, sich Luft zu verschaffen. Die Baronin meinte nicht anders, als der Schlag werde die Unglückliche treffen, und wollte sich eben hinter dem Tische hervorarbeiten, als jene sich straff in ihrem Fauteuil aufrichtete und mit wütender Stimme rief:

Lassen Sie mich allein! setzen Sie sich nieder, wir sind noch nicht zu Ende! Setzen Sie sich nieder, sage ich!

Die Baronin that, was die andere verlangte, in der Hoffnung, der Anfall werde um so schneller vorübergehen, je weniger sie sich ihre Sorge merken lasse. Wo nur die Banses so lange blieben! Sie hätten längst hier sein können – und der Doktor! Im schlimmsten Falle war da die elektrische Klingel über ihr an der Wand.

Wie verstohlen der Blick war, den sie auf den weißen Knopf geworfen, Lady Ballycastle mußte denselben bemerkt haben. Sie sagte:

Sorgen Sie lieber, daß wir allein bleiben! Was wir zwei zu verhandeln haben, verhandelt sich besser ohne Zeugen. Sie denken, Sie haben Lady Ballycastle nieder – nieder – so tief – so! – Und die schöne junge Dame kann mit ihren stolzen Füßen auf mir herumtreten so! – Wir werden sehen, wir werden sehen! Ich will einen Handel mit Ihnen machen – einen ehrlichen Handel. Sie sagen, Sie haben meine Briefe – an den Mann, und was er geschrieben hat über mich, und Sie können damit machen nach Ihrem Belieben. Well! Geben Sie mir die Sachen, und ich will Ihnen dafür diese Briefe geben!

Sie hatte in die Tasche gegriffen und ein kleines Packet herausgenommen, welches mit einem Gummibande zusammengehalten war und aus mehreren Briefen zu bestehen schien, die sie an den Ecken ein wenig auseinander bog, wie ein Packet Kassenscheine, wobei sie lachte, aber diesmal nicht laut, sondern in sich hinein, was womöglich noch grauenhafter anzusehen und anzuhören war.

Die Baronin überlief ein Schauer. Das war keine Verrücktheit; – sie hatte ganz ordentlich und sogar sehr deutlich und langsam gesprochen – das war eine neue Teufelei, die sie sich bis zuletzt aufgespart hatte.

Was sind das für Briefe? fragte sie, und sie wunderte sich selbst, wie ruhig sie das vorbrachte, während ihr doch das Herz bis in die Kehle schlug.

Von unserem lieben Kinde, erwiderte Lady Ballycastle, das Band abstreifend und die einzelnen Briefe durch die Hände laufen lassend, unserer teuren, teuren Angela. Von wem sonst? Was gehen mich Briefe von anderen Leuten an? Aber ihre Briefe – die sind kostbar! An wen sie auch gerichtet sind – diese hier – sehen Sie – diese sind an Mr. Moor – vier niedliche Briefe, kann ich Ihnen sagen, voll von Pathos und Humor und Liebe und all solchen Dingen; und wenn ich die Briefe meinem Sohne gebe, so würde er ebenso gern Miß Susan oder Miß Nelly von der Gasse heiraten, als Miß Angela, denn Miß Nelly und Miß Susan, die lügen nicht, sondern sagen ganz frei, daß sie heute den Mann haben und morgen den andern, und denken nicht an Heiraten – die armen disreputierlichen Dinger; während unser liebes Kind nicht Mum sagt und den einen in aller Heimlichkeit liebt und den andern in aller Oeffentlichkeit und Respektabilität heiraten will, – heiraten, wissen Sie, meine Liebe! Was sagten Sie, meine Liebe?

Aber die Baronin hatte gar nichts gesagt und konnte auch jetzt nicht sogleich antworten. Alle diese Tage hatte sie sich gegen die Stimme gewehrt, die ihr zugeraunt, daß an Nannis Behauptungen doch etwas Wahres sein möchte; daß der Mensch, der Jean, der an dem ersten Tage einen Brief von Arnold an Angela gebracht haben wollte, doch am Ende nicht gelogen; der Baumeister in Rom, Benvenutos Freund, der behauptete, er habe Arnold oft und oft in Angelas elterlichem Hause getroffen, die Geschichte nicht aus der Luft gegriffen – und nun, und nun! Vier Briefe an den Unglücksmenschen!

Sie warf einen verzweifelten Blick auf die Briefe, mit, denen Lady Ballycastle noch immer spielte.

Die Briefe sind alt, rief sie, ich sehe es!

Alt oder neu! On revient toujours – fragen Sie Ihre Nichte, die kann Ihnen auch von neuen Briefen erzählen.

Meine Nichte! Großer Gott!

Der Baronin war jetzt erst das Verständnis gekommen für das, was in der Depesche der Pilz über das Ledertäschchen stand. Nanni hatte es ihrem Manne heimlich aus der Kassette genommen und selbstverständlich auch die Briefe!

Die Schande der Nichte, und daß Angela, ihr Augapfel, das gethan – es war zu viel, zu viel! – Sie wollte den Jammer niederkämpfen; es gelang ihr nicht, und, die Hände in die Augen drückend, brach sie in lautes Weinen aus.

So sah sie wenigstens das wahnsinnige Lächeln nicht, mit dem Lady Ballycastle unter seltsamen ruckweisen Handbewegungen etwas oben von der Zimmerdecke zu holen und zu zerren schien, bis sie es zu sich herab und dann noch tiefer bis unter sich auf den Teppich gebracht, so daß sie den Fuß darauf stemmen und es so festhalten konnte; und sich nun in der Freude ihres Sieges reckte und dehnte und dazu mit dem zerbrochenen Fächer vor dem triumphglühenden Gesichte hin und her fuhr.

Und so lag auch der Hohn des Triumphes in ihrer Stimme, als sie jetzt sagte:

Weinen Sie nicht, meine Liebe! Die Sache wird dadurch nicht anders. Sehen Sie, ich könnte diese Briefe – die ich übrigens nicht von Ihrer Nichte habe, wenn Ihnen das lieber ist, sondern von der Miß Pilz, und ein schweres Geld haben sie mich gekostet – ich könnte diese Briefe an meinen Sohn geben, ohne daß Sie ein Recht hätten, das zu thun, womit Sie mir drohen. Denn wenn ich auch durch diese Briefe die Heirat zwischen meinem Sohne und Miß Angela unmöglich mache – ich thue es doch nicht in dem Sinne, welchen der tote Mann vorausgesetzt hat, sondern ich handle nur, wie jede Mutter an meiner Stelle handeln würde, und jeder ehrenhafte Vater auch. Sie begreifen das? Nicht wahr? Well! und so ist es schiere Güte von mir, wenn ich die Briefe Ihnen gebe und dafür meine Briefe zurück haben will und das andere, wissen Sie. Und jetzt sagen Sie Ja, und sagen Sie es schnell, denn ich habe keine Zeit zu warten, und ich will nicht warten.

Die Baronin hatte sich mit einem letzten energischen Ruck die Augen abgewischt.

Nein, sagte sie, nein, und wenn Sie es ehrlich meinten und den Handel ehrlich hielten, nein! Ist Angela schlecht, so will ich auch nicht die Hand dazu bieten, daß sie den Herrn Kapitän heiratet. Dann sage ich selbst: Sie haben, Gott sei's geklagt, recht, und keine Mutter würde es leiden; dann geben Sie meinetwegen die Briefe Ihrem Sohne; er wird wissen, was er zu thun hat.

Sie wollen also nicht? schrie Lady Ballycastle.

Nein! rief die Baronin.

Dann werde ich Sie nehmen beim Wort und die Briefe geben an meinen Sohn, sowie er heimkommt.

Und sie stampfte, von dem Stuhle aufspringend, heftig auf den Boden.

Thun Sie, was Sie nicht lassen können! rief die Baronin, den Tisch zurückstoßend; mag es dann kommen, wie Gott will!

Sie war, um den Tisch herum, dicht vor die Rasende getreten.

Und Gott läßt sich nicht spotten, Sie grinsendes Teufelsweib, das lachen kann, wenn die Unschuld zu Fall kommt. Pfui! pfui über Sie! Und wenn Sie auch mall und verrückt sind, so sind Sie es vor purer Schlechtigkeit. Und Ihnen wäre besser, Sie hätten einen Mühlstein um den langen dürren Hals und lägen im Meere, wo es am tiefsten ist!

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