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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

II.

Oben in dem Zimmer ward zwischen Frau Moor und der Bonne ein heftiger Streit geführt, den selbst das Eintreten des Zimmerkellners Jean, welcher Madame, die auf dem Sofa lag, die Suppe zu servieren begann, nicht unterbrach. Nanni verlangte, daß Richard sofort wieder hinab in den Speisesaal gebracht werde; Fräulein Pilz behauptete, es sei unmöglich, jedenfalls werde sie es nicht thun. Herr Moor wolle Richard nicht wieder haben, auch wenn er aufgehört habe zu weinen, was denn doch vorläufig noch nicht der Fall sei. Sie habe nicht Lust, sich von dem gnädigen Herrn vor der ganzen Gesellschaft ausschelten zu lassen, wie er es eben unten auf dem Flur vor den Kellnern gethan. Die müßten einen schönen Begriff von ihr bekommen haben; und sie müsse sagen, sie sei denn nun doch mit fürstlichen und gräflichen Familien auf der Reise gewesen, aber so etwas sei ihr noch nicht passiert. Warum sei die gnädige Frau nicht mit zur Table d'hôte gegangen, trotzdem sie der Herr so dringend darum gebeten? Sie für ihr Teil habe wahrscheinlich ärgere Kopfschmerzen, als die gnädige Frau, und wäre für ihr Leben gern mit den Kindern auf dem Zimmer geblieben, anstatt unten aufzuwarten, wie ein gewöhnlicher Dienstbote, und hernach Hals über Kopf davongeschickt zu werden, daß alle die Herrschaften gelacht hätten.

Fräulein Pilz packte und kramte, während sie so eiferte, an den Koffern, deren mehrere, zum Teil noch geschlossen. zum Teil bereits geöffnet, in dem Zimmer herumstanden. Nanni erklärte, daß sie den Lärm nicht ertragen könne; Fräulein Pilz meinte, dann müsse die gnädige Frau nur so gut sein und das Nachtzeug für die Kinder selbst heraussuchen; sie wisse so wie so nicht mehr, wie sie sich durchfinden solle. Gestern Abend alles ausgepackt, heute Mittag wieder alles eingepackt, heute Abend wieder alles ausgepackt – dazu gehörten mehr als menschliche Kräfte und menschliche Geduld.

Ich werde meinem Manne sagen, wie Sie sich benehmen, rief Nanni.

Fräulein Pilz lächelte ironisch.

Nun, sagte sie, ich habe, wie ich mir bereits zu bemerken erlaubte, mit Grafen und Fürsten verkehrt und mich immer gut benommen; und Ihr Herr Gemahl hat auch bis heute auf der ganzen Reise noch nie etwas an mir auszusetzen gehabt, und wenn er heute etwas gereizt ist, so wird er wohl seine Gründe dazu haben, welche die gnädige Frau vielleicht besser kennt als ich. Uebrigens darf ich die gnädige Frau wohl daran erinnern, daß ich jeden Augenblick bereit bin, zu gehen, wenn ich es der gnädigen Frau doch einmal nicht recht machen kann, und daß Richardchen außer den paar Löffeln Suppe, die er, mit Respekt zu sagen, wieder von sich gegeben, noch nichts gegessen hat – von mir gar nicht zu reden, die ich ja wohl kein Mittag brauche, obgleich ich seit heute Morgen sechs Uhr auf den Beinen bin.

Nanni, die sich trotz des Aergers, den sie über Fräulein Pilz empfand, den ersten Teller Suppe vortrefflich hatte schmecken lassen, warf einen Blick in die noch halbvolle Terrine.

Richard kann mit mir essen, sagte sie; nicht wahr, Riching, du willst mit Mama essen, von Mamas Teller?

Für den Kleinen hatte diese Aufforderung nichts besonders Lockendes; er hatte vorhin gehört, daß Mama nichts weiter als Suppe wolle, und unten waren sie bereits beim Fisch gewesen, als ihm das Unglück passierte, und Anning hatte ihm zugeflüstert, es gäbe hernach noch Braten und Mehlspeise, und anstatt von dem allen zu haben, wie Anning und Karling, sollte er noch einen Teller Suppe essen. Er rührte sich nicht von dem Kofferchen, auf dem er, das geliebte Windspiel zwischen den Knieen, noch immer schluchzend gesessen hatte, trotzdem die Mama ihre Aufforderung wiederholte.

Du bist ein eigensinniger Junge, sagte Nanni, nun bekommst Du gar nichts, nun esse ich zur Strafe für Dich auch noch den zweiten Teller.

Richard, dem die verschmähte Suppe plötzlich als ein unermeßlich großes Gut erschien, das ihm hoffnungslos entrissen wurde – denn die Mama hatte sofort den Worten die That folgen lassen – konnte den jammervollen Anblick nicht länger ertragen und drückte, aufweinend, Lolo an seine Brust, die den lauten Jammer ihres kleinen Herrn leise winselnd accompagnierte. Nanni aß und schalt zwischendurch bald auf den Knaben, bald auf Lolo, bald auf Fräulein Pilz, die das Kinderzeug hartnäckig in dem großen Koffer suchte, während sie – Fräulein Pilz – es doch selber heute Mittag in den zweiten Reisekoffer gepackt habe. Fräulein Pilz hüllte sich in Schweigen und erreichte dadurch vollkommen ihre Absicht, die junge Frau nur noch gründlicher zu ärgern – zum größten innerlichen Ergötzen Jeans, der jetzt hereingekommen war, um die Suppe abzuräumen und, nachdem er auf die Frage, ob Madame noch etwas befehle, keine Antwort erhalten, das große Brett mit dem Geschirr – der leeren Terrine und der vollen Wasserkaraffe – auf der Handfläche über der linken Schulter balancierend, sich bereits der Thür genähert hatte, als diese aufgerissen wurde und Monsieur hereintrat, so schnell, daß Jean kaum Zeit behielt, auszuweichen. Es war klar: der Spaß mußte nun erst recht losgehen, denn hinter Monsieur, der die Thür aufgelassen, kamen auch die beiden andern Kinder, ebenfalls weinend, wie vorhin der Kleine, den die Bonne herauftransportiert. Jean zögerte deshalb noch ein wenig, entfernte sich dann aber schleunigst auf ein von Monsieur in scharfem Tone herausgestoßenes Sortez! das durch den Funkelblick der schwarzen Augen noch einen besonderen Nachdruck erhielt.

Was bedeutet denn das? rief die junge Frau, die sich halb aus ihrer liegenden Stellung aufgerichtet hatte.

Es bedeutet, daß Du besser daran gethan hättest, die Kinder oben zu behalten, wie ich Dich gebeten, anstatt sie mir in den Speisesaal mitzugeben, wohin sie nicht gehören, und wo sie nur zu den albernsten Scenen Veranlassung gaben.

Nanni starrte noch immer ratlos drein, Fräulein Pilz lächelte zufrieden, daß die gnädige Frau nun von dem Herrn so ziemlich dasselbe zu hören bekam, was sie selbst ihr vorhin gesagt; aber sie wurde plötzlich ganz ernst, als die schwarzen Augen zu ihr herüberblitzten.

Nehmen Sie die Kinder in die Kammer und geben Sie ihnen da zu essen, und essen Sie selbst, ich habe es unten bereits bestellt. Sehen Sie zu, wo Sie Platz finden.

Fräulein Pilz hatte vorhin erklärt, daß in der Kammer, wo drei Betten und ebensoviele Koffer standen, absolut kein Platz zum Essen sei; und da Nanni bei ihrer Migräne die Kinder nicht um sich dulden wollte, war eben das Arrangement, welches einen so üblen Ausgang nahm, getroffen worden. Jetzt wagte Fräulein Pilz keinen Widerspruch, sondern nahm Karlchen bei der Hand und hieß die anderen Kinder mitgehen.

Komm', Richardchen, komm', Annchen! Die gute Mama hat so arge Kopfschmerzen, und der Papa muß wieder in den Speisesaal hinab; aber wir bekommen auch schönes Essen – komm', Annchen, komm', Richardchen! Lolo muß auch mit, wir geben auch Lolo etwas ab, kommt, Kinderchen!

Sie ging voraus, die Kinder folgten – die beiden Knaben durch die Aussicht auf das »schöne Essen« beruhigt, während Annchen im Hinausgehen scheu nach den Eltern zurückblickte. Sie hatte, weil der Papa die Treppe hinauf und in dem langen Korridor kein einziges Wort sprach und doch gewiß furchtbar bös war, gemeint, sie sollten die Schelte oben von Papa und Mama zusammen haben. Und nun saß die Mama da und blickte vor sich nieder und sagte nichts, und der Papa stand abgewendet am Fenster und sagte auch nichts. Das war doch sonderbar.

Aber die Thür hatte sich kaum hinter ihnen geschlossen, als Nanni den Kopf hob und in bitter scharfem Tone rief:

Ich dachte mir doch, daß Du mir die Stunde Ruhe nicht gönnen würdest! Und natürlich verlohnt es sich nicht der Mühe, mir zu erklären, was das alles nun heißen soll. Aber ich weiß es schon – ich weiß es schon!

Wenn Du es weißt, verlohnt es sich der Mühe des Erklärens nicht.

Du brauchst mir nicht die Worte im Munde umzudrehen! Ich spreche, wie ich denke; und das ist mehr, als manche Leute von sich sagen können.

Ich sage gar nichts und versichere Dich: ich denke auch nichts; es ist weitaus das Beste.

Er hatte es mit ruhiger, fast apathischer Stimme gesagt, indem er sich vom Fenster ins Zimmer wendete und Hut und Ueberzieher, die auf einem Koffer lagen, ergriff.

Was willst Du nun?

Dir eine Stunde Ruhe verschaffen.

Du willst ausgehen?

Wie Du siehst.

Das Diner konnte doch eben erst angefangen haben.

Mir ist der Appetit vergangen.

Und ich werde nicht erfahren, was es gegeben hat?

Eine Kinderstuben-Scene, die mir im Speisesaale vor ein paar Dutzend Menschen deplaciert schien, und der ich deshalb kurz ein Ende machte.

Kurz ein Ende machte! ja wohl, und ob dabei das schöne Geld für fünf Kouverts zum Fenster hinausgeworfen wird –

Drei ein halb Kouverts – die Kinder zahlen nur die Hälfte. Adieu!

Drei ein halb oder fünf – das ist ganz gleich – für Dich, es kommt ja doch aus Papas Tasche.

Arnold, der bereits den Thürgriff in der Hand hatte, wendete sich blitzschnell und machte einen Schritt in das Zimmer zurück, den rechten Arm erhoben, mit funkelnden Augen, bebenden Lippen. Aber der Arm sank herab, der Blitz in den schwarzen Augen erlosch jäh, wie er aufgezuckt war; über die Lippen kam nur ein dumpfer unartikulierter Laut. Dann hatte er die Thür aufgerissen und war hinaus.

Nanni hatte keine Bewegung gemacht, ihn aufzuhalten oder zurückzurufen. Freilich: das Letzte hätte sie nicht sagen sollen – es war ihr so herausgefahren; er hatte es sicher sehr übelgenommen – er war ja immer so entsetzlich empfindlich, wenn sie darauf anspielte. Richtig war es doch; es konnte ihm gar nichts schaden, daß er es einmal wieder zu hören bekam. Und sie würde es trotzdem nicht gesagt haben, wenn er ihr ein gutes Wort gegeben hätte, das sie doch wahrhaftig erwarten durfte. Nein, nein! Es geschah ihm ganz recht – es war ja auf der Reise nur noch schlimmer geworden. Wäre sie doch mit den Kindern zu Hause geblieben oder nach Faschwitz zum Papa gegangen! Sie hätte sich da furchtbar gelangweilt, aber amüsant war es doch wahrhaftig auch nicht, hier im Hotel allein zu sitzen zwischen all den Koffern. Und wenn der Mensch kam, der den großen Koffer aufmachen sollte – sie verstand die Leute so schlecht, würde ihm vielleicht gar nicht sagen können, was sie wollte, und Fräulein Pilz' Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Und das nach der Scene, die sie eben mit der widerwärtigen Person gehabt! Es war abscheulich von Arnold. Und da fing Fräulein Pilz richtig wieder an, mit den Kindern zu schelten, und Lolo zu bellen, und sie mußte sich über Fräulein Pilz und die Kinder und Lolo ärgern, während er einen schönen Spaziergang machte. Es war zu schändlich, wie er sie behandelte; sie war zu unglücklich!

Die junge Frau hatte sich in das Sofa zurücksinken lassen. Sie hätte gern geweint, um für sich selbst den Beweis zu haben, wie unglücklich sie sei. Aber die Thränen wollten auch diesmal nicht kommen. Er behauptete ja immer, daß sie kein Herz habe, weil sie nicht um jede Kleinigkeit weinen konnte. Als ob das Weinen zum Unglücklichsein gehörte. Und sie fühlte sich doch so tief unglücklich.

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