Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
Schließen

Navigation:

*

XXVI.

Arnold war anfänglich mit Angela, seiner Frau und Edward, dann, als Angela voranjagte und nicht gefolgt sein wollte, mit den beiden andern geritten. Dann hatte sich der Gurt von Nannis Sattel gelockert, Edward war abgestiegen, denselben fester zu ziehen; Arnold war unter dem Vorwande, daß sein Pferd nicht stehen wolle, eine Strecke fortgetrabt, bis eine kesselförmige Senkung, durch die der Weg führte, ihn aufnahm und vor den Blicken der ihm Folgenden verbarg. Da hatte er das schnelle und willige Tier in Galopp gesetzt, war durch die Senkung gejagt, den nächsten Hügel hinauf, hinab, abermals durch eine Senkung, eine bedeutendere Anhöhe empor, in die der Weg unter manchen Biegungen so tief einschnitt, daß er manchmal nur wenige Schritte vor sich sehen konnte. So mußte er sein keuchendes Pferd mit aller Macht parieren, als er, in eine besonders scharfe Kurve biegend, plötzlich auf Angela traf, die ihrerseits, dem möglichen Anprall auszuweichen, ihren Renner, den sie dem Kommenden entgegen gewendet, zurückriß. Sie hatte, während sie in der Schlucht dem schnell sich nähernden Hufschlag lauschte, sich klopfenden Herzens gefragt, ob Arnold wohl den Mut haben würde, ihr zu folgen, und ihr Herz hatte aufgejauchzt, als sie das geliebte, schöne, von dem tollen Ritt erhitzte und trotzdem bleiche Gesicht erblickte, aus dem die schwarzen Augen ihr entgegenloderten, daß sie in süßem Schrecken die eigenen Augen senken mußte und ihr Zittern nur verbergen konnte, indem sie ihr Pferd wieder in die alte Richtung nahm. Und während er jetzt an ihre Seite kam, hatte sie an ihren Zügeln zu ordnen und sagte, wie vor Anstrengung atemlos, in abgebrochenen Sätzen mit klangloser Stimme:

Sie sind seitdem ein guter Reiter geworden – unter der Leitung Ihres Herrn Schwiegervaters wohl – man hat ja so viel Gelegenheit auf dem Lande. Ich hatte, als ich nach Ballycastle kam, nie in einem Sattel gesessen – Lady Ballycastle war damals noch eine der kühnsten Reiterinnen Irlands – eine elegante Reiterin trotz ihres schweren Körpers – und da sie ohne mich nicht leben konnte, mußte ich natürlich schleunigst in die Geheimnisse der Kunst einzudringen suchen, was mir denn ja, nach dem Urteile erster Kenner, zum Beispiel meines Verlobten, ganz passabel gelungen sein soll. In Deutschland –

Halt ein!

Er hatte es mit wilder Heftigkeit gerufen. Es war wie ein Ton aus ihrer eigenen Seele durch die plappernde Lüge, mit der sie ihre Herzensangst zu betäuben suchte; um so stolzer waren Haltung und Blick, als sie sich jetzt im Sattel aufrichtete.

Sie vergessen, mit wem Sie sprechen.

Laß die Komödie! rief er zornig, wir haben jetzt keine Zeit dazu! Seit acht Tagen bin ich zum erstenmal mit Dir allein – vielleicht nur für ein paar Minuten – wir haben einander eine Welt zu sagen.

Sie irren sich völlig, was mich betrifft; ich habe Ihnen gar nichts zu sagen – kein einziges Wort.

So ich Dir desto mehr. Warum Du's gethan: aus Rache oder einfach, um Deiner Phantasie ein paar festliche Tage zu bereiten – es kommt nichts darauf an. Aber Du sollst einsehen, daß Du eine Thorheit, ein Verbrechen begangen hast, und daß Du umkehren mußt –

Und das will ich denn auch, sagte sie, ihr Pferd wendend.

Er hatte das seine blitzschnell herumgeworfen, quer über den nicht allzu breiten Weg, indem er ihr zugleich in den Zügel fiel.

Versuch's noch einmal, und bei Gott –

Sie wußte, daß es keine leere Drohung war, was er da Unverständliches durch die Zähne knirschte; und sie wunderte sich über sich selbst, als sie ihn jetzt widerstandslos ihr Pferd herumdrehen ließ. Was konnte ihr Besseres werden, als von seiner Hand zu sterben?

Du siehst, es ist nicht wohlgethan, mit einem Verzweifelten sein Spiel zu treiben, fuhr er, sich mühsam zu größerer Ruhe zwingend, fort; ich sage: Du sollst Dein Verbrechen wieder gutmachen.

Es ist keines, sagte sie trotzig; er ist ein Mann, der besten Liebe wert.

Und wäre er ein Engel vom Himmel – es ist für Dich kein Entschuldigungsgrund: Du liebst ihn nicht, und so wächst Dein Verbrechen in dem Maße seines Wertes.

Ich liebe ihn.

Du lügst. Du liebst den Mann nicht – jetzt nicht, und wirst ihn in alle Ewigkeit nicht lieben. Eh' werden Sonne und Mond zusammenkommen. Wie Du es Dir auch zurechtlegen magst – es ist unmöglich. Es ist gegen Deine Natur. Du kannst Dich nicht für diese steifleinene Moral und Alltagsweisheit begeistern; Du kannst nicht Deine Blütenzweige in diese trocken nüchterne Atmosphäre strecken, ohne daß sie verdorren – Angela, Angela! Es ist ja Mitleid, was aus mir spricht. Ich hab's erfahren – diese langen, fürchterlichen Jahre hindurch: wie's allmählich kam; und ich mich anfänglich wehrte und zu mir sagte und mir zuschwor: es soll nicht sein und soll dir nichts anhaben! und du willst dir, ist gleich alles sonst verloren, deine Schaffungskraft wahren und deine Kunst! Und ich doch fühlte, daß es wie ein Mehltau auf mich fiel: mir erst die Worte zu den Gedanken zu fehlen begannen – ich suchen mußte, mühsam, immer mühsamer, um doch nicht die rechten zu finden; – und nun mein Denken stumpf wurde und mein Empfinden; – und nun meine Phantasie ihren Flug tiefer und tiefer nahm, wie ein verwundeter Vogel; – und nun die Finger erlahmten, und die Linien nicht mehr flossen, und die Farben ihre Leuchtkraft verloren; – und die Leute standen und die Köpfe schüttelten und sagten und fragten: Was ist das nur mit ihm? und ich nicht herausschreien durfte: Sie ist es, sie, deren Hauch für mich ausdorrender Samum ist! sie, die mit jedem ihrer Worte, die ihr so reizend findet, mir Herz und Hirn lähmt! die mich mit ihrer banalen Alltäglichkeit, ihren Dutzendgedanken, ihren Kammerjungfergefühlen erstickt und erwürgt und töten wird, nachdem sie mich wahnsinnig gemacht! O Angela! versündige Dich nicht so wissentlich gegen der Liebe heiligen Geist! Er ist auch ein Geist der Rache, der zur Strafe für den Frevel, den wir an ihm verüben, die Seele langsam qualvoll tötet, bevor er den armseligen Leib zerbricht.

Du weisest, wie schlechte Prediger, den Weg, den Du selbst zu gehen nicht verstandest, murmelte Angela.

Bin ich darum ein weniger guter Warner? rief er, bin ich nicht gerade darum vor allen Menschen berufen, Dein Gewissen wach zu schreien? Ich will's, bis Du mich hörst. Und regt sich Dein Gewissen nicht, wenn Du mir alle Schuld des Unglücks, das über uns gekommen, aufbürdest? Fühlst Du Dich wirklich ganz frei ums Herz, denkst Du der unseligen schönen Tage? Hast Du Geduld mit mir gehabt, wie Du es mußtest, wenn Du mich wahrhaft liebtest? O Angela, Du warst mit Deinen siebzehn Jahren mir so unendlich überlegen – mit Deinen glänzenden Gaben, die mich blendeten und erschreckten; mit Deinem reichen Wissen, das mir imponierte und lästig war zu gleicher Zeit, – dem armen, schlecht erzogenen und doch früh verwöhnten Künstler, der durchs Leben geflogen im lustigen Zickzack, wie eine Schwalbe, und so im Fluge seine paar jämmerlichen Kenntnisse aufgefangen hatte. Ich sollte ernst sein, fleißig, unermüdlich, wie Du; sollte immerdar anbetend im Tempel der Gottheit knieen, dessen Priesterin Du warst. Aber was Dir Atmen und das Leben selbst, war mir eine schwere Last. Und Du hattest nie ein gütiges Wort, mir diese Last zu erleichtern! Ich habe die Briefe noch, die Du mir nach Rügen schriebst – ich durfte sie ja behalten! – Wie sie damals meine Eitelkeit verletzten, meinen Stolz demütigten – davon spreche ich nicht – aber ich lese sie jetzt mit dem Auge des Mannes, der Welt und Menschen kennen gelernt hat, und noch heute sage ich: So konnte kein Mädchen schreiben, das liebt.

Ja, ja, ja! rief sie, in flammendem Eifer; so konnte ein Mädchen schreiben, das liebt, an einen Mann, der sich auf Liebe versteht; an solche freilich nicht, die sie verstehen wie Du! Mätressenwirtschaft so neben der ehelichen her! – wenn sich's darum handelte, da könntest Du mitsprechen – wie man die Tage auszunützen hat und – die Nächte!

Sie hieb ihren Renner mit der Gerte über den Hals und riß ihn, als er mit mächtigem Sprunge ansetzte, jäh zurück, daß das edle Tier hoch aufbäumte.

Schmach über mich, daß ich das denken muß! Daß es mir wider Willen über die Lippen kommt! Wer hat mir die reinen Gedanken vergiftet? Wer die Zunge so schamlos gemacht? Du, Du, der mir in den Weg trat, den ich frei von Dir wähnte für immer! Du; der mir nicht aus dem Wege wich, ob ich ihn gleich darum anflehte! Du, der Du, als ich sinnlos genug war, auf Dein Bitten zu hören, und mich Dir nahte, und that – in heiliger, reiner Absicht, Gott ist mein Zeuge! – was ich gethan: Dich zu retten, vielleicht auch mich – mich wieder nicht verstandest, wie Du mich nie verstanden hast! Und mir das Schauspiel Deiner unkeuschen Ehe vorführtest wie zum Hohn: und um das Maß voll zu machen, mich alltäglich, allstündlich mit heimlichen Blicken quältest, mit kluggestellten Worten, die nur für mich berechnet waren, mich so den Ehebruch beizeiten zu lehren, in welchem Du vor Gott, der ins Herz sieht, immerdar lebst. Und Du wagst mir von Moral zu sprechen und dem heiligen Geist der Liebe! Geh' hin, thue Buße in den Armen Deiner Frau! oder trinke Dir wenigstens in ihren Küssen Vergessenheit – für Dich und für sie – Ihr habt es beide nötig! Ihr seid eines des andern wert!

Sie hatte gesagt, was sie nicht hatte sagen wollen, was gesagt zu haben sie mit brennender Scham erfüllte. Aber es war heraus. Warum zwang er sie zu solchen Abscheulichkeiten? Mochte er sehen, wie er damit fertig wurde!

Er war bei ihren letzten Worten totenbleich geworden.

Ich weiß es erst seit heute, murmelte er durch die zusammengeklemmten Zähne – in der Stunde vor dem Aufbruche – und wenn auch der elende Bube – gleichviel! Eines ist doch gewonnen: ich bin frei.

Wovon?

Von der letzten Verpflichtung, der letzten Rücksicht ihr gegenüber. Ich bin frei, und Du – Du mußt frei werden – heute noch.

Sie blickte ihn mit großen, hohnvollen Augen an:

Ich glaube, Du sprichst im Fieber!

Mag sein! so spricht bei mir aus dem Fieber die Wahrheit, die Du ja so liebst, daß Du sie auch bei kaltem Blute sprechen kannst und also auch wohl wirst hören können. Wahrheit aber ist, daß Dein – unser Geheimnis anfängt, sehr durchsichtig zu werden. Der Mensch, dem ich – ja, da war ich im Fieber! – er hat ihnen – ihr und ihm – verraten, daß er Dir das Billet von mir gebracht hat, und ich ihn dazu bestochen habe. Er hat ihnen auch sonst als Spion gegen uns gedient, uns auf Tritt und Schritt verfolgt, ihnen jedes aufgefangene Wort zugetragen. Jetzt hat er das Blatt gewendet und sie an mich verraten. Es scheint, daß die Pilz in der Sache besonders geschäftig gewesen und mit dem Menschen sehr vertraut geworden ist. Sie hat ihm unter anderm gesagt, es sei gewiß, daß wir uns vorher gut gekannt haben müßten. Ein Baumeister, der jetzt Italien bereiste – es kann nur Hollmann sein – mit dem Vogel korrespondiert, und dem Vogel von seinem Aufenthalte hier und auch von uns berichtet, hat natürlich zurückgeschrieben, er habe uns beide in Deiner Eltern Hause oft zusammen gesehen und lasse uns grüßen. Vogel hat den Gruß nicht bestellt – sehr erklärlich: sie wollen noch zwingendere Beweise haben, um dann einen großen Schlag zu thun und mir, vielmehr uns, die Schuld zuzuwälzen. Wir müssen ihnen zuvorkommen.

Uns – wir – ich verstehe nicht. Was geht das alles mich an?

Was es Dich angeht?

Ja! bin ich verantwortlich für die unsinnigen Handlungen eines Fieberkranken? für einen Brief – für hundert Briefe, die er mir schreibt? Soll ich zittern vor der Aussage eines bestechlichen Kellners? oder darum sorgen, ob ich in dem Kreise Deiner Frau einen guten oder bösen Leumund habe? Der Kreis ist schon etwas groß geworden – ich weiß. Auch die Baronin gehört bereits dazu, die mich seit Tagen mit ängstlichen, vorwurfsvollen Blicken verfolgt, und doch nicht offen zu reden wagt, wie keiner es wagen wird. Und wir reisen in drei Tagen nach England! Was kümmert's mich, was sie hinter mir her in Deutschland schwätzen!

Die Welt ist sehr akustisch heutzutage; das deutsche Geschwätz könnte ein sehr lautes englisches Echo finden.

Ich werde dort unter Gentlemen leben, die für die Aussage von Kellnern kein Ohr haben. Oder willst etwa Du in die Schranken treten? Du hast ja meine Briefe noch, sagst Du. Nun, dann werde ich Dich verleugnen und die Briefe verleugnen, und mein Wort wird Deines und aller Welt Gerede in die Luft schnellen.

Jetzt muß ich Dich fragen, ob Du im Fieber sprichst.

Ich war nie bei klareren Sinnen. Was ich gesagt, habe ich wohlbedacht, mit voller Ueberlegung gesagt. Und kein Mensch soll mir seinen Willen aufzwingen dürfen und mich hindern, zu thun, was ich will, – keiner! Du so wenig wie ein andrer. Denkst Du, es war Furcht vor Dir, daß ich vorhin nicht umkehrte und Dir mein Pferd überließ, wie ein Kind, das nicht reiten kann? Dazu bin ich doch meiner und meines Pferdes zu sicher. Allez.

Sie hieb ihren Renner und flog die steile Böschung des Eisenbahndammes hinauf, durch welchen der Weg in einen niedrigen Tunnel führte, vor dem sie eben gehalten hatten. In einem Nu war sie oben und hielt mitten auf den Schienen. Das dumpfe Donnern des zwischen den Bergen herankommenden Zuges, welches sich schon wiederholt hatte vernehmen lassen, war mit jeder Sekunde lauter und lauter geworden. Der Mann, welcher die Barriere eines Nebenweges, der in der Entfernung von ein paar hundert Schritten über den Bahnkörper führte, eben geschlossen, schrie und kam, immerfort schreiend und mit dem roten Fähnchen winkend, herbeigelaufen: der Renner, der die nahende Gefahr witterte, bäumte; sie riß ihn herunter und zwang den seitwärts Drängenden wieder auf die Schienen. Arnold hatte vergeblich versucht, sein Pferd die Böschung hinauf zu treiben; er schrie, er flehte – der Boden bebte unter dem Zuge, welchen noch immer der vorspringende Fels, um den er in scharfer Kurve biegen mußte, verdeckte, – jetzt ein gellender, langgezogener Pfiff – er sah schon das Entsetzliche geschehen – als sie mit einem mächtigen Satze von der Böschung herab wieder an seiner Seite war, während der Zug über die Stelle, auf der sie noch eben gehalten, rasselte und bereits nach wenigen Sekunden in dem tiefen Einschnitte der Hügel auf der andern Seite verschwand.

Sie saß auf ihrem Renner, der an allen Gliedern zitterte, ruhig, bleich; nur ein schnelleres Heben und Senken des schönen Busens verriet die innere Bewegung. Oder war es nur das Blut, das der Kampf mit dem Pferde in Wallung gebracht?

Arnold fragte es sich, schaudernd in einem Fieber, das ihm noch immer eiskalt durch die Glieder rann und sein Herz zusammenkrampfte. Und dann überkam ihn die alte gräßliche Empfindung seiner gänzlichen Ohnmacht diesem Wesen gegenüber. Nur stärker als je zuvor, bis zur schmachvollen Vernichtung jedes Selbstgefühls. Und jetzt war's nicht mehr Liebesleidenschaft, wovon seine Augen, die er starr auf sie gerichtet hielt, funkelten.

Sie verstand den Blick wohl und lächelte spöttisch und wendete sich von ihm nach dem Wärter, der jetzt herbeigelaufen kam. Er schalt auf Madame ein, daß sie die Unvorsichtigkeit gehabt, sich auf einem wilden Pferde, einem Durchgänger von einem Pferde, so nahe an die Bahn zu wagen; in demselben Atem gratulierte er ihr zu ihrer wunderbaren Rettung, und – wer nun den Schaden an der zertretenen Böschung tragen werde? Die Aufregung machte das Patois, in welchem der Mann sprach, noch schwerer verständlich. Ein paar Landleute, die eben den Tunnel hatten passieren wollen, waren herangetreten und hörten mit offenem Munde zu. Andere kamen. Es war bereits ein kleiner Haufe beisammen, in der Weise dieses Volkes den merkwürdigen Fall eifrig diskutierend, durcheinander sprechend, sich zum Wärter um nähere Auskunft wendend, Monsieur beglückwünschend, Madame bedauernd. Angela, die immer dichter umdrängt wurde, wollte Arnold, der in einiger Entfernung hielt und wie geistesabwesend vor sich hin stierte, das Wort nicht gönnen, sie aus der peinlichen Situation zu befreien. Da sah sie Edward von dem Dorfe her, das sie vorhin passiert und das sie sonderbarerweise erst jetzt bemerkte, heranjagen. Sofort galoppierte sie ihm entgegen: sie sei mit dem Pferde, das, vor dem herankommenden Zuge scheu geworden, auf den Bahnkörper geraten; er möge die Güte haben, sie mit ein paar Goldstücken bei dem Wärter auszulösen. In Edwards Miene kämpfte die Freude über die ungewöhnliche Herzlichkeit ihres Empfanges, und daß er ihr einen, wenn auch noch so kleinen Dienst leisten durfte, mit dem Schrecken über die Gefahr, der sie offenbar ausgesetzt gewesen war. Er that, ohne weiter zu fragen, wie sie ihm geheißen; der Wärter wollte das viele Geld nicht nehmen und nahm's dann doch: pour boire à la santé du bon Monsieur et de la belle et courageuse madame, son épouse – Edward errötete bis in die Stirn und bat, nun aufbrechen und den anderen entgegenreiten zu wollen, die mittlerweile ebenfalls aus dem Dorfe heraus waren und bereits an der Stelle hielten, wo sich der Weg nach Glion abzweigte.

Allons! rief Angela und jagte voraus.

Edward, der nur für die Geliebte Augen gehabt, war im Begriffe, ihr zu folgen, als er sich seiner Höflichkeitspflicht gegen Arnold erinnerte, der noch immer ein paar Schritte abseits hielt. Er parierte sein Pferd.

Well, Mr. Moor! sagte er mit freundlich aufforderndem Lächeln.

Arnold fuhr zusammen und hob den düsteren Blick zu dem, lächelnden Gesichte des schönen stattlichen Engländers.

Mechanisch setzte er sein Pferd in Bewegung.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.