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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XXV.

Unterdessen hatte die Kavalkade und der Wagen mit den beiden alten Damen und den Kindern ein gut Teil der Entfernung zwischen Vevey und Glion zurückgelegt; ja, man wäre bereits in Glion gewesen, hätte Angela nicht noch in der letzten Minute angeordnet, daß man die Ufer-Chaussee vermeiden und den schöneren, wenigstens im Anfang schattigen, höher hinauf zwischen Gärten, Weinbergen und Villen sich hinziehenden, allerdings bei weitem längeren Weg einschlagen solle. Sie kannte denselben genau, von den Promenaden her, die sie während der letzten Tage wiederholt mit ihrem Verlobten zu Pferde nach dieser Seite unternommen. Von den vier anderen, deren Mietgäule aus Herrn de la Croix' Stall sich überdies mit den beiden Rassepferden des Brautpaares nicht messen konnten, war eigentlich nur Arnold ganz sicher im Sattel; Nanni hatte es, trotz vieler Uebung, in der Reitkunst nicht über eine gewisse dilettantische Fertigkeit gebracht, und geriet vor den Eigenheiten und Launen eines fremden Pferdes leicht in Verlegenheit; Bob gestand offen, daß er seit seinen sechs letzten römischen Jahren keinen Gaul zwischen seinen langen Beinen gehabt habe, und war klug genug gewesen, sich ein lammfrommes, aber auch sehr langsames Thier von Herrn de la Croix zu erbitten. Am schlimmsten sah es mit Benvenuto aus. Er hatte alle diese Tage mit den Heldenthaten geprahlt, die er früher und später, bei Tage und bei Nacht, auf jedem Terrain zu Pferde ausgeführt haben wollte, was doch nicht verhinderte, daß er beim Aufbruche mit dem rechten Fuß zuerst in den Bügel trat und schließlich nur mit Hilfe eines Groom und des Hausknechtes mühsam in den Sattel gelangte. Hier ging es ihm denn, alles in allem, besser, als man nach dem kläglichen Anfange erwarten mußte, da der verständige Stallmeister ihm ebenfalls ein vielerprobtes, vielgeduldiges Tier gegeben hatte, das, unbekümmert um die Mißhandlungen ungeschickter Reiter, mit stoischer Ruhe that, was es für seine Pflicht hielt oder was ihm gefiel. Diesmal gefiel es ihm, die Stelle unmittelbar hinter dem offenen Wagen nicht zu verlassen – zum höchsten Ergötzen der Kinder, welche von ihrem Sitze fortwährend Benvenutos hochrotes Gesicht über den Köpfen der Tante und Frau Banses auf und nieder schwanken und sie verlegen anlächeln sahen; und zur Verzweiflung Benvenutos, der außer den Spottreden Bobs nun auch noch seinen zugemessenen Teil des sehr reichlichen Staubes herunterschlucken mußte, welchen der Wagen auf den ausgetrockneten Wegen erregte und in so dichten Wolken über ihn schüttete, daß er bereits nach einer halben Stunde »kein bunter Vogel« mehr war, meinte Bob, man müßte denn etwa eine Saatkrähe so nennen.

Sie treiben es zu weit, Bob, sagte Edward.

Er war bis jetzt vor dem Wagen her neben Nanni geritten, sie in seiner gütigen Weise gelegentlich auf ihre Fehler aufmerksam machend, hatte sich nun nach den Damen im Wagen umsehen wollen und Bobs letzten Witz gehört. Ich habe Sie schon ein paarmal gebeten, den Mann gehen zu lassen, fügte er hinzu.

Mann nennen Sie das! sagte Bob, diesen Sack voll Eitelkeit, Dummheit, Einbildung, Feigheit, Albernheit –

Nicht so laut, Bob!

Ich will's ihm ins Gesicht sagen! rief Bob; überdies, der Kerl versteht kein Englisch.

Gleichviel, sagte Edward, so ist es der anderen wegen; er ist der Freund von Mr. und Mrs. Moor; wir sind auch den Freunden unserer Freunde bis zu einem gewissen Grade Respekt schuldig.

Er hatte sein Pferd zurückgehalten, um aus Hörweite und dem Bereich des Staubes zu kommen, der in der regungslosen, fast sommerlich heißen Luft nur langsam seitwärts in die Weinberge zog; Bobs frommes Tier war, ohne seine Hilfe, in dasselbe retardirende Tempo gefallen.

Mr. und Mrs. Moor sind nicht meine Freunde, sagte er mürrisch.

Das bemerke ich seit einigen Tagen zu meinem Erstaunen, erwiderte Edward; die kleine Frau – nun, sie will die Lady spielen und ist keine; und ich weiß an ihr nichts Rühmliches, als daß sie meine Braut anbetet. Aber ihr Gatte ist, ganz abgesehen von seinem Genie, das Sie ja selbst nicht hoch genug preisen können, ein unendlich liebenswürdiger Gesellschafter, ebenso geistvoll und unterhaltend, als taktvoll und bescheiden – ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, den ich höchlich schätze, und auf dessen Freundschaft ich stolz bin; und – Sie dachten zuerst nicht anders.

Zuerst! brummte Bob.

Und was ist seitdem geschehen?

Gar nichts.

Dann werden Sie mir zugeben –

Ich gebe Ihnen alles zu; aber ich kann nicht anders; übrigens werden Sie sich nicht mehr lange über meine schlechten Sitten zu ärgern haben: ich reise morgen.

Edward hielt sein Pferd mit einem Ruck an.

Das ist nicht Ihr Ernst.

Bei Jupiter, mein vollkommener Ernst und wohlerwogener Entschluß.

Sie wollen uns nicht nach Ballycastle begleiten? nicht auf meiner Hochzeit sein?

Nein, lieber Edward, ich bilde mir ein, ich habe meine Freundschaftspflicht gegen Sie erfüllt – non sine gloria, skandierten wir bei Mr. Wicklow. – Nun ist es Zeit, meiner sonstigen Pflichten zu gedenken, unter anderen: gegen mich selber. Man wird in Rom gar schnell vergessen, und mein Atelier auf der Via di Quattro Fontane ist schon zu lange verschlossen gewesen. Der Winter steht vor der Thür: die Saison, in der ich mein Heu mache. Es ist hoch nötig, nachdem ich zwei Monate hindurch gelebt wie Anakreons Cikade.

Sie haben Ihr Geld für mich depensiert, Bob –

Kein Wort weiter, Herr, wenn wir Freunde bleiben sollen! Und dann: Sie verwechseln die Personen: nicht von Horatio, von sich selber sagt Hamlet, daß er ein armer Mann sei.

Sie haben schon ein paarmal angespielt, Bob, auf das, was Sie meine Verschwendung nennen. Begreifen Sie denn gar nicht, welche Freude mir es gewährt, die Wünsche meiner Braut zu erfüllen, auch wenn dieselben – ich gebe es zu – Ihnen gelegentlich etwas extravagant erscheinen mögen?

Erscheinen? und nur mir? – gleichviel! wie kommt sie – sie zu – Wünschen, die so völlig im Widerspruch stehen mit ihrem sonstigen Fühlen und Denken, ihren Sitten und Gewohnheiten?

Und wenn es nur der stolze Geist wäre, der so gefühlt und gedacht hätte; wenn – ich kann das nicht so in Worte bringen, Bob, aber ich freue mich dieser Schwäche, ist es anders eine, von ganzem Herzen; ich sehe sie als eine Gnade des Himmels an, der nicht wollte, daß ich durch einen unermeßlichen Abstand zwischen ihr und mir ganz mutlos gemacht würde.

Edward lächelte still vor sich hin; Bob bearbeitete die Weichen seines Gaules ebenso schweigend mit den langen Beinen.

Gott segne Sie, Edward! sagte er plötzlich.

Edward blickte dem Freunde mit offenem Erstaunen ins Gesicht. Das »Gott segne Sie« hatte gar sonderbar geklungen. Bob mochte das selber fühlen.

Ich meine es so ehrlich, fügte er hinzu, wie nur je ein Freund des Freundes Glück gewünscht und vom Himmel erbeten hat, und hoffe, daß er Ihnen alles Glück gewährt, was Sie verdienen.

Ich weiß es, Bob; und zu diesem Glücke, gleichviel ob verdient oder unverdient, gehört auch, daß mein bester, mein einziger Freund auf meiner Hochzeit ist.

Wir sprechen noch darüber; und nun geben Sie Ihrem Gaul die Sporen, und sehen Sie nach, warum der Wagen da unten hält. Ich folge Ihnen schon.

An dem Fuß des langgestreckten Hügels, auf dessen Höhe sie sich befanden, hielt der Wagen vor dem Eingange eines kleinen, in die Weinberge gebetteten Dörfchens. Durch die Staubwolken, welche den tiefeingeschnittenen Weg noch immer erfüllten, konnte man nicht wohl unterscheiden, um was es sich da unten handeln mochte. Edward that, wie ihm Bob gesagt, und sprengte bergab; Bob ließ auch die beiden Grooms, die hinterher ritten und, während die beiden Herren oben hielten, ebenfalls in einiger Entfernung gehalten hatten, an sich vorüber, und hieß sie sich dem Zuge anschließen, der sich auch alsbald wieder in Bewegung setzte und in dem Dörfchen verschwand.

Und als er sich zwischen den Weingärten auf der sonnigen Höhe nun ganz allein sah, zog Bob aus der Innentasche seines Reitrockes ein kleines, zusammengefaltetes Damentaschentuch hervor und betrachtete es so sorgsam, als hätte er es eben gefunden und müsse herausbringen, welche Buchstaben da in der Ecke mit feinstem weißen Zwirne unter der Adelskrone eingenäht seien. Ach, und es war schon seit Tagen in seinen Händen, das unglückselige Tuch; und der grelle Sonnenschein sengte die Buchstaben nicht heraus und verwandelte sie auch nicht, und sie standen gerade so, wie im Scheine der Kerzen seines Schlafgemachs: »A. v. S.«; und er wußte, wie der volle Name zu den Initialen hieß und wem das Tuch gehörte.

Er konnte nicht daran zweifeln, wenn er gleich eine Welt darum gegeben, hätte er's gekonnt.

Drei Tage war's! Da hatten sie – die ganze heutige Gesellschaft, ohne die Frau Banse und die Kinder – einen Ausflug nach Schloß Blonay gemacht – zu Wagen, die man in den beiden großen, zusammengewachsenen Dörfern S. Legier und La Chiesaz verließ, um den Ueberschwang malerischer Reize und köstlicher Motive, welche hier jeder Blick bot, bequemer zu genießen und besser auszubeuten. Wenigstens hatte er das letztere zu thun versucht und sich von der Gesellschaft entfernt, um in einer Seitengasse ein Bauernhaus flüchtig zu skizzieren, das in seiner barocken Holz-Architektur mit den hundert Wirtschaftsdingen auf den ringsum laufenden Balkonen und den endlosen Schnüren gelber Maiskolben unter dem schattigen Dache womöglich noch origineller war, als die anderen. Während er da auf einer Bank unter einer mächtigen Kastanie saß und fleißig zeichnete, war von der Hauptstraße her, das Gäßchen herauf, eilig ein junges Mädchen gekommen, in dem Hause verschwunden und nach ein paar Minuten wieder herausgetreten. Er hatte diesmal genauer hingesehen und sofort die hübsche Dirne erkannt, die ihm am vorigen Samstag, als er Edward in Chexbres abholte, auf dem Wege zwischen der Station und dem Dorfe das Skizzenbuch Arnolds gegeben und auch ein Damentaschentuch geben wollte, mit dem er sie ihr eigenes Stumpfnäschen zu putzen bat, da er nichts damit anfangen könne. Dies Tuch, aber nicht mehr zerknittert, sondern sauber gewaschen und gebügelt, hatte das Mädchen jetzt in der Hand; und sie wollte an ihm, der hinter dem Heiligenbilde an der Bank verborgen gesessen, vorüber, als sie ihn ebenfalls bemerkte und mit lebhaftem Erröten der runden Wangen und freudigem Ausrufe begrüßte. Sie hatte plötzlich ihre Eilfertigkeit vergessen und mußte durchaus dem freundlichen Herrn erzählen, daß sie für den Winter zur Pflege einer kranken Tante hier nach Chiesaz übergesiedelt sei mit all ihren sieben Sachen und gewiß auch dem schönen Taschentuch, welches sie wohl gern behalten hätte, um es an ihrem Hochzeitstage im nächsten Frühjahre zu tragen, aber nun doch der Besitzerin zurückgeben müsse. – Der Besitzerin? hatte Bob, noch immer ganz ahnungslos, gefragt. – Nun ja, der schönen jungen Dame, die sie – Louison – eben vor dem Wirtshause neben dem Wagen habe stehen sehen mit dem schönen schwarzen Herrn, der natürlich ihr Gemahl sei, wenn sie sich auch an dem Abende, als sie ihnen zwischen Clarens und Vevey unter dem Garten des Herrn Ollon begegnete, ein bißchen gezankt hätten. Und dabei habe wohl Monsieur sein Buch mit all den schönen Bildern und Madame ihr Taschentuch verloren. Er – Bob – habe das Buch gewiß längst an den Gemahl von Madame zurückgegeben, der ja, als sie – Louison – vorletzte Woche am Freitag die Herrschaften auf dem Dampfschiffe von Villeneuve nach Clarens traf, nicht zugegen gewesen sei, sondern die Frau Gemahlin wohl in Clarens erwartet habe. Aber nun, so gern sie auch mit Monsieur plaudere – der übrigens heute lange nicht so freundlich sei, wie neulich – müsse sie sich doch beeilen, Madame, die am Ende sonst weiterfahre, ihr Eigentum zurückzugeben. Damit hatte sie fortgewollt; er aber hatte sie gebeten, ihm die Kommission anzuvertrauen: er werde dieselbe getreulich ausführen; und, was den Finderlohn betreffe – hier sei etwas für das nun wieder aus ihrem Besitz gehende Taschentuch, und wenn noch ein wenig für das Hochzeitskleid übrig bleibe, so sei's um so besser. Die runden Backen der armen Kleinen hatten jetzt geradezu gebrannt, aber er war unerbittlich gewesen, hatte die zwei Zwanzig-Francsstücke, die sie nicht nehmen wollte, auf die Bank gelegt, seine sieben Sachen zusammengerafft und war davongestürzt, als ob das Haus von Louisons Tante und ganz La Chiesaz mitsamt S. Legier hinter ihm brenne.

Was hatte er erfahren müssen! die fürchterlichste Bestätigung einer seltsamen Furcht, die in ihm für einen Moment aufgestiegen, als er in Arnolds Skizzenbuch ihr Porträt sah; die er dann auf ihre Versicherung, daß sie Arnold nicht kenne, als eine Absurdität hatte fallen lassen, und die, – als Arnold nun bereits am dritten Tage sich in die Gesellschaft mischte und die Kosten der Unterhaltung mit solcher Freigebigkeit bestritt, daß den anderen Herren fast nichts mehr beizutragen blieb, und mit Angela die belebende Sonne und Mittelpunkt und Glanz der Gesellschaft wurde und blieb – ja, da war die wunderliche Furcht wieder über ihn gekommen, die völlig verrückte, die so sinnreich und gierig aus den kleinsten, unscheinbarsten Dingen: einem hingeworfenen Worte, einem Blicke, der sich nicht beobachtet glaubte, einem Nichts seine entsetzliche Nahrung sog. Und nun war es ihm auch freilich kein Zufall mehr, daß aus dem Skizzenbuche, welches Arnold wiedernehmen mußte, und dessen sich jener an dem ersten Tage auf einem gemeinschaftlichen Ausfluge bedient hatte, das geheimnisvolle Blatt verschwunden war, als er – Bob – es gelegentlich und scheinbar absichtslos durchblätterte; und dann – beim zweiten Ausfluge – einem neuen Buche Platz gemacht hatte, trotzdem es noch leere Blätter in Fülle bot.

Und doch hätte die verrückte sinnreiche Furcht sich vergebens an seinem festen Herzen gequält und abgemüht, wäre das Verhältnis zwischen Angela und Edward gewesen, wie es sich seiner Ansicht nach darstellen mußte, auch wenn er die Neuheit der Situation, die Fülle seltsamster Nebenumstände, des Freundes zurückhaltende Natur, des schönen Mädchens unberechenbares Wesen in allen denkbaren Betracht zog. Mochte immerhin die romanhaft schnelle Metamorphose der blutarmen Gesellschafterin in die Braut eines der reichsten Erben der Vereinigten Königreiche auch diesen sonst so klaren Kopf ein wenig verrückt haben, daß die Bescheidene, Hochgesinnte wie ein übermütiges verwöhntes Kind nach dem Schönsten und Kostbarsten griff und sich des Glanzes, den die Anbetung ihres Verlobten um sie breitete, nicht ersättigen konnte – einmal mußte doch ein dankbar inniger Blick von den schimmernden Gaben zu ihm, dem Geber, hinübergleiten; einmal mußte doch ein anerkennend warmes Wort diesen sonst so beredten Lippen entfallen – er harrte von Stunde zu Stunde auf diesen Blick, dieses Wort, harrte um so sehnsuchtsvoller, je weniger der Freund das Ausbleiben auch der bescheidensten Zeichen dankbarer Liebe zu empfinden schien. Kann wirklich – hatte er sich gefragt – Liebe so blind sein? und wird sie erst sehend, wenn ihr das nötige Quantum Eifersucht beigemischt ist? Steigt diese Sehkraft mit der Eifersucht? Dann freilich war für ihn das Herz des geliebten Mädchens von Kristall. Und sein eigenes dazu.

Er wußte jetzt, daß er sie liebte; daß er sie geliebt hatte vom ersten Blick, den er auf dem Bahnhofe in Rom in ihr feines, bleiches Gesicht, in ihre großen, schwermütigen Augen that; daß die vier Wochen lange Maskerade auf der Reise nur ein Kampf seines sehnenden Herzens mit der Freundespflicht gewesen; wußte jetzt, was das aus Freude und Jammer seltsam gemischte Gefühl bedeutet hatte, als er nach jener inhaltschweren Unterhaltung mit ihr auf der Veranda des Hotels zu Edward eilte, ihm zu verkünden, daß »alles über sein Erwarten gut stehe«. Sein Erwarten! Großer Gott! Wenn es so gut stand, weshalb hatte er dann, als er an dem Nachmittage nach Genf fuhr, Edwards Gepäck nach Vevey zu schaffen, einsam in seinem Koupee geweint wie ein Kind, und war, obgleich er noch an demselben Abend zurück konnte, in Genf geblieben, um die ganze Nacht in seinem Hotelzimmer auf und ab zu gehen und sich tausendmal zu fragen, ob er nicht besser thäte, weiter nach Rom – irgend wohin zu fahren, und so von dem, was sich nun an den Borden des Leman abspielen würde, nichts mehr zu sehen und zu hören. Daß er's nicht gethan! daß er nun doch am nächsten Morgen zurückgekommen –

Und des geliebten Freundes treues Auge von Glück strahlen zu sehen, aus seinem ehrlichen Munde dies Glück bestätigt zu hören – nun, Bob Swift wußte auch, daß er zähe Nerven hatte und sich zwar an Edwards Hochzeitstage betrinken, aber jedes Glas auf das Heil und Glück des jungen Paares leeren würde, aber –

Da saß er in der flimmernden Hitze mutterseelenallein zwischen den Weinbergen auf seinem geduldigen Gaul, tausendmal Durchdachtes noch einmal durchdenkend; träumend, brütend; starrend auf ein armseliges Päckchen gefalteter Leinwand, in dessen Ecke unter einer Krone A. v. S. verschlungen stand. Wenn's ihr gehörte – und wie mochte er daran noch zweifeln! – wenn sie seinen Edward verriet – daß der, mit dem sie ihn verriet, nicht weiter leben solle, das war keine Frage, das verstand sich von selbst; – aber eine wohlaufzuwerfende war's – und er hatte sie sich während dieser Tage unzählige Male gestellt und grübelte jetzt wieder darüber: – ob seine Freundespflicht nicht auch noch das Furchtbare von ihm verlange, Edward alles zu sagen, und, wenn ihm das nicht möglich sei – und es schien unmöglich, er hatte es ja eben erst mit so kläglichem Resultate versucht – wenigstens sie zu warnen. Vielleicht daß es für sie nur eines einzigen Zurufes bedurfte, sie von dem Schwindelpfade, den sie jetzt ging, zurückzuschrecken.

Und er sollte es nicht über sich gewinnen, er, der für sie sein Herzblut Tropfen für Tropfen da in den Staub des Weges –

Er war abgestiegen, hatte das Tuch, es ein wenig zerknitternd, in den Staub gelegt – eben wie ein Tuch, das einer Dame beim Reiten entglitten und auf den Weg gefallen ist – es nun wieder in die Tasche gesteckt, den Gaul bestiegen und zu einem Trabe hügelabwärts aufgefordert, zu welchem sich jener um so williger zeigte, als das lange Stehen in der stechenden Sonne hinter den verschwundenen Gefährten auch seine Geduld einigermaßen erschöpft hatte.

Der Aufenthalt vor dem Dorfe war dadurch veranlaßt worden, daß die Baronin, die den Uebermut der Kinder gar nicht mehr zügeln konnte, Benvenuto gebeten hatte, endlich einmal hinter dem Wagen wegzubleiben. Sie hatte es bereits mehrmals gethan und sagte es jetzt in einem sehr entschiedenen, ja ärgerlichen Tone, über welchen die gute Frau Banse ordentlich erschrak. Benvenuto stammelte Entschuldigungen, indem er zugleich rechts und links an den Zügeln riß und durch heisere Zurufe und Schlenkern mit den Beinen das Pferd an den Wagen vorbei zu bringen versuchte. Das störrische Tier ließ alles ruhig über sich ergehen, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Benvenuto gebärdete sich wie ein Besessener. Die Kinder kreischten vor Lust. Nun hatte die Baronin halten lassen und den Diener neben dem Kutscher auf dem Bocke gefragt, ob er reiten könne, was der Mann bejahte. Dann helfen Sie dem Herrn vom Pferde und reiten Sie es, er kann dafür Ihren Platz nehmen. Der Befehl war ausgeführt worden, nicht ohne einige Schwierigkeit, denn Benvenuto hatten die Angst, die Anstrengung, die Hitze und der Staub so kraftlos gemacht, daß er halb ohnmächtig aus dem Sattel glitt und erst nach manchen vergeblichen Ansätzen auf den hohen Bock gelangen konnte. Und während er da in halber Ohnmacht saß und die Kinder über den »Schneemann« jubelten und Richard, der auf den Sitz gestiegen war, ihm – in Erinnerung eines derben Wortes, das den zornigen Lippen der Großtante entglitten – etwas, das ein Eselskopf sein sollte, auf den breiten eingepuderten Rücken malte, worüber denn selbst die gute Frau Banse in Lachen ausbrach, mußte nun auch Nanni, die eine Strecke voraus gewesen und das Alleinreiten ungemütlich fand, umkehren und die Grausamkeit haben, in das Jubeln der Kinder und das Lachen der Frau Banse aus voller Kehle einzustimmen. Selbst Edward, der jetzt herangesprengt kam, lachte; die beiden Grooms, die hinter Edward hielten, schnitten verzweifelte Grimassen, ihr Lachen zu verbeißen; und der Kutscher neben ihm sagte in ermutigendem Tone: Parbleau, Monsieur, une affaire sacrée; mais vous vous en êtes tiré fièrement!

Der Zug hatte sich wieder in Bewegung gesetzt; man hatte das Dorf Chatelard passiert, und der Kutscher fragte, ob die Herrschaften nun den längeren Weg über Clarens und Montreux, oder den kürzeren, freilich weniger bequemen über Chernex und Sonzier direkt auf Glion fahren wollten? Im letzteren Falle müßten Monsieur und Madame, die voraus seien, davon avertiert werden, und daß sie nur bis zur Eisenbahn reiten möchten, wo eben der direkte Weg links abgehe. Monsieur und Madame waren Angela und Arnold, von denen die erstere schon seit geraumer Zeit, der letztere seit einigen Minuten hinter den Hügeln verschwunden war. Der Vorsprung konnte kein unbedeutender mehr sein. Edward rief den Groom, der sein Pferd schon in Bewegung gesetzt hatte, zurück: er wolle selbst nachreiten; man möge an der Kreuzungsstelle nicht warten, im Falle er bis dahin die beiden nicht eingeholt haben sollte und ihnen weiter auf der Straße nach Clarens nachreiten müßte.

Er lüftete den Hut; bat Bob, der mittlerweile herangetrabt war, an der Seite von Mrs. Moor zu bleiben, und sprengte davon.

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