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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XXIII.

Das war ja eine kurze Visite, sagte Herr Banse zu dem Pfarrer, der ihm in der Glasthür zum Vestibül entgegengetreten war.

Ich bin nicht angenommen worden; haben Sie eine Minute für mich?

Aber gewiß.

Gehen wir ein wenig in den Schatten; die Sonne sticht heute entsetzlich.

Die beiden Herren traten in einen der Heckengänge des Gartens.

Ich bin in einer großen Bedrängnis, begann der Pfarrer; Ihnen, als dem treuen Sohne der Kirche und meinem persönlichen Freunde, darf ich mich mitteilen? Gut, ich weiß. Wie gesagt, ich bin nicht angenommen, trotzdem ich dringend um meinen Besuch zu dieser Stunde gebeten war. Die Lady sei in einer wichtigen Konferenz, und raten Sie, mit wem? Miß Flinch, die mich empfing, gestand es mir nach einigem Zögern, da ich es ihr auf den Kopf zusagte: mit meinem Herrn Amtsbruder von St. Marien. Ich hatte es geahnt; ich bin nicht das gefügige Werkzeug gewesen, dessen man bedurfte. Man hat sich nun an den Rechten gewendet, mein Herr Amtsbruder kennt keine Skrupel.

Und sollten Sie nicht allzu skrupulös sein, hochwürdiger Herr? Ich räume ja ein, daß die Zuwendungen –

Es handelt sich jetzt nicht mehr um einzelne Zuwendungen, deren Höhe und schnelle Folge mich allerdings trotz des notorischen Reichtums der Dame bereits stutzig gemacht hatten. Ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt. Gestern –

Nun?

Gestern hat Lady Ballycastle mir – ich meine unserer heiligen Kirche – ihr ganzes kolossales Vermögen bei Heller und Pfennig offeriert.

Das ist stark!

Nicht wahr? Sie werden begreifen, daß ich – als ein ehrlicher Mann – bei aller Anerkennung ihres guten Willens sie auf ihre weltlichen Pflichten aufmerksam machen zu müssen glaubte, gegen ihre Verwandten, gegen ihren Sohn. »Ich habe keine Verwandten, ich habe keinen Sohn«, erwiderte sie, und abermals in wilder Leidenschaftlichkeit: »Ich habe keinen Sohn! Er hat gethan, was er nicht durfte, was er nie zu thun gewagt, wenn mir mein Zugeständnis nicht durch eine schändliche Intrigue abgezwungen worden wäre.« Sie können sich mein Erstaunen denken. Eine Viertelstunde vorher hatte ich sie mit ihrem Herrn Sohn und dessen Fräulein Braut, die ich bei ihr im Salon traf, in der liebenswürdigsten Weise verkehren sehen. Und das ist zu wenig gesagt. Sie hatte gegen die junge Dame eine abgöttische Liebe und Verehrung an den Tag gelegt, oder, wie ich jetzt sagen muß, zur Schau getragen: sie mir als das Muster des weiblichen Geschlechtes gerühmt, sie den Stolz ihres Lebens, die Krone ihrer Hoffnungen und Wünsche genannt. Und nun! Freilich hatte mir vorher schon Fräulein Flinch über das Verhältnis zwischen den Damen gewisse Andeutungen gemacht, die ich mir indessen aus der Mißgunst und hämischen Natur der höchst widerwärtigen Person leicht erklärte und nicht weiter beachtete. Ich stehe vor einem Rätsel. Können Sie, der kluge, wenn auch manchmal etwas herbe Beobachter und Beurteiler der menschlichen Dinge, der Sie der Entwicklung dieses sonderbaren Dramas von Anfang an beigewohnt haben, mir eine Handhabe zur Lösung desselben bieten?

Ich weiß wenig zu sagen, erwiderte Herr Banse nachdenklich, und das wenige trifft den Kernpunkt nicht; ich meine, wie der frühere Haß der Lady gegen die zukünftige Schwiegertochter – sie hatte ihren Gefühlen gleich bei dem ersten Zusammentreffen vor acht Tagen hier im Garten den brutalsten Ausdruck gegeben – und ihre Abneigung gegen die Heirat – die Flinch wußte am Abend, als dann der Herr Kapitän kam, und sie aus dem Salon geschickt wurde, uns unten im Konversations-Zimmer viel davon zu erzählen – ich sage: wie und durch welche Mittel dieser Widerstand gebrochen ist. Ich möchte auf eine jähe Laune der Hauptperson schließen, der ich nach dieser Seite das mögliche zutraue. Leugnen will ich allerdings nicht, daß, wenn die Aussöhnung, woran ich zweifle, eine ernstliche war, die junge Dame leider es darauf angelegt zu haben scheint, eine ihr etwa günstige Stimmung der Frau Schwiegermama in spe zu verringern oder in das Gegenteil zu verkehren. Ich sage das, offen gestanden, mit tiefem Bedauern. Wir haben hier alle, Jung und Alt, für die junge Dame geschwärmt; aber, ist ihr nun die glänzende Heirat zu Kopf gestiegen, war die Bescheidenheit des ersten Tages nur eine Maske – die Extravaganzen, in denen sie sich seitdem gefällt, und in die sie ihren Bräutigam und ihre ganze Umgebung – die kleine exklusive Gesellschaft meine ich, die sich hier um sie gruppiert – hineinzieht; – die Verschwendung zumal, die sie treibt, und zu der sie die Güte ihres Bräutigams mißbraucht – enfin, es ist ein Wandel zum Schlimmen bei ihr eingetreten, der vor aller Augen liegt und denen der Lady gewiß nicht entgangen ist. Hat die alte Dame nun, wie wir annehmen dürfen, bereits früher Befürchtungen nach dieser Seite gehabt, und sieht sie diese Befürchtungen, die sie aus welchem Grunde immer momentan zurückgedrängt, nun vollauf bestätigt, und folglich in der Ehe mit einer Dame von so unberechenbarem Charakter das Unglück ihres Sohnes und den Ruin des Vermögens, so wäre das ja vielleicht die Handhabe zur Lösung des Rätsels, nach welchem mein hochwürdiger Freund sucht.

Der geistliche Herr hatte der Auseinandersetzung des klugen Freundes, gesenkten Hauptes, die Hände auf dem schlanken Rücken, neben ihm herschreitend, mit tiefster Aufmerksamkeit gelauscht. Jetzt blieb er stehen und sagte, die Augen hebend:

Eine Handhabe – vielleicht – aber doch eine sehr gebrechliche, werden Sie mir zugeben, mein Freund. Denn welcher vernünftige Mensch rettet sein gefährdetes Vermögen dadurch, daß er es – weggibt? O ja! wenn ihm um sein Seelenheil ernstlich zu thun ist, wo denn freilich unter Umständen alle übrigen Rücksichten schweigen müssen. Ist das hier der Fall? Ich zweifle sehr; und Haß und Rachedurst schneiden nicht so, wüten nicht so, auch wenn sie noch so blind sind, gegen das eigene Fleisch. Selbst die Sache unserer Brüder in Irland gewönne wohl mehr, wenn das Vermögen der Ballycastle in den Händen der, wie ich annehme, hochangesehenen Familie bleibt, falls die leidenschaftliche politische Parteinahme, welche die Lady affichiert, anders ernsthaft zu nehmen – nein, mein Freund, dies alles scheinen nur Erklärungen. Ahnen Sie den eigentlichen Grund nicht, aus dem die Handlungsweise der Lady einzig und allein zu verstehen ist? wirklich nicht? Nun denn –

Der geistliche Herr versicherte sich mit einem schnellen Blick, daß sie unbeobachtet und unbelauscht in dem Heckengange seien, und sagte, trotzdem seinen Mund dicht an das Ohr seines Begleiters biegend:

Lady Ballycastle ist wahnsinnig.

Unmöglich! rief Herr Banse.

Leise! Seien Sie ganz offen: Sollten Sie wirklich noch nicht auf den Gedanken gekommen sein? Sie schienen doch etwas derart sagen zu wollen?

Herr Banse antwortete nicht sogleich. Es erfüllte ihn mit einer gewissen Furcht vor sich selbst, daß er vorhin in einem, wie ihm jetzt schien, frivolen Scherz die geistige Störung der Lady als eine Thatsache hingestellt, an die er selbst in der That keinen Moment geglaubt, um so weniger, als er den Ueberspanntheiten, zu welchen auch ein sonst geistig gesunder Engländer befugt sei, in der Weise von Leuten, die England und Engländer nur vom Hörensagen kennen, den weitesten Spielraum erlaubte. Er gestand das alles dem geistlichen Freunde, indem er andeutete, daß auch dieser über das Wesen jener wunderlichen Nation bisher nur sehr geringe Erfahrungen habe einsammeln können.

Hier bedarf es auch dergleichen nicht, entgegnete der Geistliche; hier bedarf es nur eines gewissen psychologischen Scharfblickes, den zu üben wir ja in unserem Berufe tagtäglich Gelegenheit haben. Und selbst nicht einmal dessen, einfach des gesunden Menschenverstandes. Ich darf und kann nicht alles sagen, was ich gesehen, gehört. Ich muß es als Beichtgeheimnis betrachten, trotzdem die Lady keine Tochter unserer Kirche ist und auch wohl niemals werden wird, und es ja ein Faktum ist, daß diese Unglücklichen sich selbst grausester Verbrechen bezichtigen, die sie nie begangen. Aber was würden Sie sagen, wenn eine Dame, mit der sie über die ernstesten, heiligsten Dinge sprechen, Sie plötzlich unterbricht, um Sie zu ersuchen, nicht fortwährend mit dem Kopfe an die Zimmerdecke zu stoßen, da dies ein Privileg sei, welches sie sich hier und überall reserviere?

Ist es möglich? sagte Herr Banse, mit Mühe ein Lachen unterdrückend.

Oder wenn die Betreffende Sie versicherte, daß es bei ihr nur der nötigen energischen Konzentration bedürfe, um jemanden rein aus der Welt und aus dem Leben wegzudenken?

Das war nicht bildlich gemeint? fragte Herr Banse, der alsbald seinen Ernst wiedergewonnen hatte.

Sie hätten die Augen sehen sollen, welche die Lady machte, als sie diese wahnwitzige Behauptung aufstellte! und bei der Gelegenheit, da sie ihr Gesicht dicht an meines gebracht, bemerkte ich auch in ihren schwarzen Augen jene unnatürliche Erweiterung der Pupille, die den Aerzten als eines der ersten Symptome der Geistesstörung gilt. Sie fuhr dann in jenem Tone noch geraume Zeit fort; sagte, sie werde demnächst eine eklatante Probe dieser dämonischen Energie ablegen, um so eklatanter, als die betreffende, aus der Welt und dem Leben wegzudenkende Person von einer ganz besonderen Zähigkeit sei, so daß sie sonst tödliche Kugeln dreißig Jahre lang mit sich habe herumtragen können; aber das bedinge doch schließlich nur einen größeren Aufwand der energischen Konzentration, an welcher sie es nicht fehlen lassen werde, wie sich die Welt sehr bald überzeugen solle. Dann komme als zweites Objekt die Abgottsschlange an die Reihe, welche sich in die Herzen der Menschen stehle und dieselben unter dem Scheine der Heiligkeit verrücke und verführe, nur daß dieser Heiligenschein vor der Macht ihres Denkens bereits sichtbar erblasse. – Ich glaube, besonders nach Ihren Mitteilungen, annehmen zu dürfen, daß unter diesem zweiten Objekte die junge Verlobte zu verstehen ist. Wer kann unter dem ersten gemeint sein? Es handelt sich, nach einer gelegentlichen Aeußerung der Lady, um einen alten Mann und hier in der Gesellschaft.

Hier ist kein alter Mann, erwiderte Herr Banse, außer mir, und ich habe, soviel mir bekannt, keine Kugel im Leibe, und nun gar seit dreißig Jahren! – Dann freilich noch unser Brasilianer – Sie werden ihn in seinem Rollstuhle hier im Garten oder auf der Promenade gesehen haben – aber der ist schon seit acht Tagen in sein Zimmer gebannt und bettlägerig; und er ist mit Lady Ballycastle, soviel ich weiß, nur ein einziges Mal in Berührung gekommen, allerdings in eine sehr unliebsame: sie lief den armen Krüppel nämlich auf dem Korridor um, ich glaube, ich habe es Ihnen seinerzeit erzählt.

Ich erinnere mich, sagte der Pfarrer.

Es entstand eine Pause; die Blicke des geistlichen Herrn glitten über die Fenster der Bel-Etage.

Ich möchte wissen, ob mein Herr Amtsbruder noch immer bei ihr ist.

Lassen Sie uns einmal im Hause nachfragen!

Die Herren schritten auf die Glasthür zu, als aus derselben Pedro heraustrat und, Herrn Banse wahrnehmend, schnell die Stufen herab auf ihn zukam. In den beweglichen Zügen des Mannes lag ein Ausdruck von Bekümmernis und Angst.

Es ist doch nichts passiert? rief ihm Herr Banse auf französisch entgegen.

Pedro schüttelte den Kopf. O nein, sagte er, es ist nur –

Er machte ein Zeichen mit den Augen, Herr Banse sprach ein paar Worte mit ihm und wendete sich wieder zum Freunde.

Sie müssen mich entschuldigen, Hochwürdiger. Herr Lerma läßt mich eben bitten, bei Abfassung eines notariellen Aktes – seines Testamentes, wenn ich den Mann recht verstanden – als Zeuge zu figurieren.

Gehen Sie, lieber Freund, oder – wir gehen zusammen; ich wollte mich so wie so empfehlen.

Pedro, der in dem Begleiter Herrn Banses sofort den Geistlichen erkannt hatte, war an denselben herangetreten und hatte ihm die Hand geküßt.

Es steht schlecht um Ihren Herrn, mein Sohn, sagte der Geistliche.

Ich fürchte, hochwürdiger Herr.

Wenn er eines nicht weltlichen Beistandes bedarf –

Er ist nicht von unserer Konfession, hochwürdiger Herr –

Ah, sagte der Geistliche mit einem erstaunten Seitenblick zu Herrn Banse, der durch diese Mitteilung ebenfalls sehr überrascht schien.

Man war in das Vestibül getreten, wo sich eine Minute vorher zwei Herren getroffen hatten, von denen der eine barhaupt, sich ungeduldig umsehend, aus Herrn Lermas Zimmer, der andere sehr eilfertig von der Straße hergekommen war.

Ah, Herr Kollege! sagte der Barhäuptige.

Sie hier, Herr Kollege? sagte der andre, doch nicht etwa in derselben Angelegenheit, zu der man mich eben schleunigst citiert hat?

Ich denke nein. Mein Klient heißt Herr Lerma –

Ah, mein Klient ist eine Dame – Mylady Ballycastle –

Ah, gratuliere, Herr Kollege!

Nun, nun, wir werden sehen –

Ich warte hier auf – da sind sie! A revoir, Herr Kollege, heute Abend im Klub –

A revoir!

Die Herren schüttelten sich die Hände; der von der Straße begann eilig die Treppe hinaufzusteigen; der Barhäuptige wendete sich zu den vom Garten Kommenden.

Der Geistliche hatte im Hereintreten noch eben die ihm wohlbekannte Gestalt des anderen Notars auf der Treppe gesehen.

Ich dachte es mir, murmelte er – und dann leise zu Herrn Banse: Ich fürchte, mein Freund, es werden in diesem Augenblicke hier im Hause zwei Testamente gemacht.

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