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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XXII.

Schnell, Suschen, schnell! rief Herr Sybold von der großen Eisengitterpforte her, durch die man aus dem Garten auf die Straße sehen konnte, nach dem Platze am Springbrunnen eilend, wo seine Frau auf ihrer Lieblingsbank saß; es ist die höchste Zeit, wenn Du noch was sehen willst.

Ich will nichts sehen, sagte Frau Sybold, eine Stickarbeit ergreifend, die ihr noch eben müßig im Schoße gelegen, während sie gespannt auf das laute Geräusch von Menschenstimmen und Pferdehufen-Geklapper lauschte, welches von draußen in den morgendlich stillen Garten schallte.

Es ist wirklich der Mühe wert! Die halbe Stadt ist zusammengelaufen, es wird Dir hernach leid thun, sagte Herr Sybold.

Das ist meine Sache!

Dann erlaubst Du wenigstens –

Hier geblieben! rief Frau Sybold, ihre Arbeit neben sich auf die Bank werfend, nicht von der Stelle!

Ihr Gatte, der bereits wieder forteilen wollte, wendete sich mit einem Seufzer, der sehr gegen seinen Willen laut wurde.

Sehr artig von Dir, so zu stöhnen, wenn Deine Frau Dich freundlich bittet, ihr Gesellschaft zu leisten, sagte Frau Sybold.

Ich stöhne gar nicht; ich bin nur ein wenig außer Atem, erwiderte ihr Gatte, indem er zögernd neben ihr auf der Bank Platz nahm – ich dachte, es würde Dir ein bißchen Spaß machen.

Natürlich! sagte Frau Sybold, wie sollte es nicht! Fräulein von Seeburg, hoch zu Roß –

Frau Moor ja auch –

Als ob es sich um die handelte! Es ist ja nur die Eine, die Unvergleichliche, in die Ihr alle verliebt seid!

Bis über die Ohren! rief Herr Sybold, gezwungen lachend und plötzlich bei einem zornigen Blick, den ihm seine Frau zuwarf, feierlich ernst werdend.

Du lachtest doch auch, sagte er entschuldigend.

Mein Lachen und Deines sind himmelweit verschieden, sagte Frau Sybold. Ich habe Ursache zum Lachen.

Aber Suschen! Fräulein von Seeburg –

Wenn Du den Namen noch einmal aussprichst, lasse ich mich von Dir scheiden!

Aber Suschen –

Du solltest Dich schämen.

Aber –

Schweig! Du solltest Dich schämen, sage ich. Es ist ein Affront! Mich brüskiert sie, und Frau Banse wird eingeladen – die Bunzlauer Kaffeekannen-Fabrikantin, die positiv nicht bis fünf zählen kann und keine Silbe Französisch oder gar Englisch spricht und sich auftakelt –

Gott, das wollte ich Dir ja eben zeigen! rief ihr Gatte, kühn die willkommene Wendung ergreifend; sie ist heute schöner wie je. Einen Hut, sage ich Dir, mit roten und blauen Bändern, und einen apfelgrünen Paletot mit Nerzpelz bei fünfzehn Grad Réaumur im Schatten – neben der Frau Baronin im Wagen – Du solltest wirklich kommen – noch ist es Zeit –

Das Geräusch von der Straße her war lauter geworden; – lebhafte Stimmen und prasselndes Hufgeklapper. Man stieg zu Pferde oder war schon im Sattel.

Frau Sybold hatte sich schnell erhoben, ließ sich aber sofort wieder nieder.

Nein, murmelte sie, ich will nicht –

Nun ist es auch zu spät, sagte Herr Sybold kläglich.

In der That vernahm man das Rasseln des davonfahrenden Wagens, und abermals, aber jetzt in einer gewissen Gleichmäßigkeit, den Schlag der Eisen auf das Pflaster.

Sie sind weg, sagte Herr Sybold, auf das rasch matter werdende Geräusch lauschend.

Ich kenne auch jemanden, der bald weg sein wird, sagte seine Gattin; ich reise morgen.

Das sagst Du schon seit acht Tagen, murmelte Herr Sybold.

Und warum reise ich nicht? rief seine Gattin – doch nur Deinetwegen, weil Du mir täglich und stündlich vorjammerst, daß Du fort sollst, und amüsierst Dich doch so herrlich!

Das habe ich nie gesagt, protestierte Herr Sybold.

Aber Du thust es! rief Frau Sybold; denkst Du denn, daß ich Dir das nicht ansehe – königlich amüsierst Du Dich in dem wüsten Trubel – amüsiert Ihr Euch, Du und Dein Busenfreund, – der liebe Herr Banse.

Gott, was thun wir denn groß, sagte Herr Sybold; nach Tische, während Du Dein Nickchen machst, ein Stündchen im Billardzimmer –

Oder auch zwei, wie gestern Abend, mit den jungen Herren – und trinkt mit ihnen Kognak und lärmt und lacht, daß man's bis in das Konversations-Zimmer hört.

Na, es ist aber auch amü – ich meine, es ist auch zum Lachen, wie sie den Herrn Vogel aufziehen, die beiden anderen Herren Maler, besonders der Tausendsasa von Engländer – der Herr Swift, der es manchmal wirklich ein bißchen zu arg treibt, und immer mit der ernsthaftesten Miene – zum Totschießen, sage ich Dir, Suschen, so daß sich gestern der Herr Kapitän ins Mittel legen mußte; und mittlerweile hatte Herr Moor alle Drei, wie sie sich mit den Queues gegenüberstanden – der Swift hatte nämlich Herrn Vogel, der immer furchtbar mit seiner Fechtkunst renommiert, vorgenommen und stieß ihn fortwährend bald auf die Brust, bald auf die Rippen, daß der schöne braune Samtrock von oben bis unten mit runden Kreideflecken betupft war – was wollte ich sagen? Ja, Herr Moor hatte sie im Handumdrehen abgezeichnet und uns – Herrn Banse und mich – dazu, wie wir hinten auf dem hohen Divan sitzen und uns ausschütten wollen – ich sage Dir, sprechend ähnlich, auf ein Menu mit Bleifeder – er hat das Blatt dem Herrn Kapitän geschenkt, ich will den Herrn Kapitän ersuchen –

Ich will es nicht sehen, sagte Frau Sybold; ich will von Eurem schändlichen Treiben nichts hören; es ist ein Skandal, daß Du Dich auf so was einläßt. Und ich bitte mir aus: Du sprichst kein sterbendes Wort von alledem und erwähnst das süße Fräulein von Seeburg und die Frau Baronin und die ganze übrige Gesellschaft mit keiner Silbe, wenn Dein Busenfreund nun kommt, um uns vorzurenommieren; ich wundere mich schon, wo er so lange bleibt. Natürlich, da kommt er! mit einem Leichenbittergesicht, während er in seinem Herzen triumphiert – der alte Schleicher!

In der That sah Herr Banse, der eben jetzt aus dem Hause in den Garten trat, ernster aus wie sonst, machte auch keine Miene, sich dem Ehepaare zu nähern, wendete sich vielmehr, nachdem er eine Minute am Springbrunnen gestanden und in das Bassin geblickt hatte, wieder nach dem Hause.

Das ist aber stark, sagte Frau Sybold entrüstet, jetzt werde ich nicht einmal erfahren –

Soll ich ihn rufen? fragte ihr Gatte.

Wo Du Dich unterstehst, sagte Frau Sybold, das heißt –

Herr Banse, Herr Banse! rief Herr Sybold.

Du bist unausstehlich mit Deiner gräßlichen Neugier, sagte Frau Sybold.

Herr Banse, der bereits wieder bis zur Veranda gelangt war, wendete sich auf den Ruf und kam auf das Ehepaar zu.

Bitte um Verzeihung, sagte er, ich hätte mir schon vorhin erlaubt – ich wollte nur – aber es ist besser, ich spreche erst mit Fräulein von Seeburg –

Natürlich, sagte Frau Sybold, immer erst das gnädige Fräulein! Und worüber wollten Sie denn erst mit ihr sprechen, wenn man fragen darf?

Herr Banse hatte neben Frau Sybold, die trotz der höhnischen Worte bereitwilligst auf die Seite gerückt war, Platz genommen.

Ueber Herrn Lerma, sagte er. Ich blickte eben, als ich von der Hausthür kam, bei ihm hinein – Fräulein von Seeburg hatte mir noch im Wegreiten einen Gruß an ihn aufgetragen, und den wollte ich bestellen – aber Pedro kam mir entgegen: ich dürfe nicht hinein, Herr Lerma arbeite mit einem Notar – ich fürchte –

Ach was, sagte Frau Sybold, ungeduldig, zu ihrem Thema zu kommen; gerade solche alte schwächliche Leute leben hundert Jahre – was hatte denn das gnädige Fräulein für ein Kostüm –

Hundert Jahre, unterbrach sie Herr Banse, kopfschüttelnd; ich gebe ihm keine hundert Stunden mehr. Seitdem er vor einer Woche sein Zimmer oben an Fräulein von Seeburg abgetreten und in die Parterrezimmer neben der Baronin gezogen und es nun so bequem hätte, noch nicht ein einziges Mal in dem Garten trotz des köstlichen Wetters – und dabei will der eigensinnige alte Herr von keinem Arzte wissen; er sagt: die hätten ihn sein lebenlang gerade genug malträtiert. Aber ich will doch mit Fräulein von Seeburg sprechen; wenn die darauf besteht, thut er es.

Wie wird er denn nicht, sagte Frau Sybold, er wird doch keine Ausnahme von der Regel machen! Soviel ich sehe, tanzt hier alles nach ihrer Pfeife – das ganze Hotel, ganz Vevey –

Die ganze Welt! sagte Herr Banse wieder mit seinem gewöhnlichen satirischen Lächeln. Spotten Sie nur, verehrte Frau! Sie kommen auch noch dran.

Nimmermehr! rief Frau Sybold entrüstet.

Hat meine gute Frau auch gesagt, als die Frau Baronin sie gestern Abend aufforderte, heute mit von der Partie zu sein. Nimmermehr! hat sie gesagt; na, und jetzt kutschiert die gute Lise mit ihrem »wie käme ich dazu« lustig mit der lustigen Gesellschaft in die Welt hinein.

Nun, sagte Frau Sybold, Sie dürfen es nicht übelnehmen, Herr Banse; aber die Frage, wie Ihre liebe Frau dazu kommt, scheint mir in der That einigermaßen berechtigt.

Herr Banse zuckte die Achseln:

Sie, nach deren Pfeife wir alle tanzen – wie Sie selbst einräumen – hat es gewollt – voilà tout.

Aber warum um Himmelswillen? rief Frau Sybold.

Ja, verehrte Frau, danach darf man nun wirklich nicht fragen; warum mußte vor drei Tagen zu der Fahrt nach Evian eigens ein Dampfer gemietet werden, trotzdem eine halbe Stunde später der gewöhnliche Dampfer von hier über den See lief und die Gesellschaft auch zur rechten Zeit zurückgebracht haben würde – und leer dazu; wer fährt jetzt noch nach Evian? Warum müssen für die acht Tage, die sie noch hier bleiben wollen, für sie und ihren Herrn Kapitän und für einen Groom drei kostbare Pferde in Genf gekauft werden, trotzdem Monsieur de la Croix zehn Schritt vom Hotel zwanzig ausgezeichnete Gäule in seinem Stalle hat und glücklich ist, wenn man sie ihm zu dieser Jahreszeit noch abmietet?

Ja, ja, sagte Frau Sybold ungeduldig, das verstehe ich zur Not alles, obgleich es ja eine sündhafte Verschwendung – sie will einmal partout die Prinzessin spielen; aber warum Sie Ihre liebe Frau –

Ei, ei, schon wieder ein Warum! sagte Herr Banse, mit dem Finger drohend. Nun, ich bin Ihnen am Ende eine Aufklärung schuldig, aber bitte, sprechen Sie nicht weiter davon – es soll vorderhand –

Kein sterbendes Wort, sagte Frau Sybold, auf der Bank näher rutschend; verlassen Sie sich darauf!

Ja, verlassen Sie sich darauf! sagte Herr Sybold, seinen Stuhl ebenfalls heranrückend, während Herr Banse, seinen Kopf zwischen beide steckend, sie mit den schlauen Aeuglein anblinzelte:

Meine Frau hat sich bei den Moors als Kindermuhme engagieren lassen.

Die Köpfe des Syboldschen Ehepaares fuhren nach den entgegengesetzten Seiten auseinander.

Gott soll mich bewahren! sagte der Gatte.

Und das haben Sie zugegeben? rief die Gattin.

Was sollte ich thun? sagte Herr Banse mit bekümmerter Miene; Fräulein von Seeburg kann die Moorsche Bonne nicht ausstehen, und was Fräulein von Seeburg nicht ausstehen kann, ist Frau Moor, die stets anbetend vor ihr auf den Knieen liegt, ein Greuel; folglich muß Fräulein Pilz Hals über Kopf fort; folglich mußte meine Frau, die ja Kinder so lieb hat, und an die sich die Moorschen während der paar Tage so attachiert haben, an ihre Stelle treten.

Aber ich denke, Sie sind ein reicher Mann! rief Frau Sybold.

Was heißt reich, verehrte Frau! Ihr Herr Gemahl freilich, der sein Vermögen in preußischen Staatspapieren auf der Bank – aber ein Kaufmann, wie ich – ein Fabrikant – man weiß nicht, was passiert – und sicher ist sicher –

Nun ja, sagte Frau Sybold in herablassendem Tone, das ist es, und Sie müssen es am besten wissen; aber eine solche doch mehr als bescheidene Stellung, wenn ich auch zugebe, daß Ihre liebe Frau –

Aber Suschen, rief Herr Sybold, den ein kurzes Nachdenken und das verdächtige Zwinkern in den Augen des humoristischen Freundes aufgeklärt hatten – merkst Du denn nicht, daß Herr Banse seinen Scherz mit uns treibt?

Und er brach in ein lautes Lachen aus, in welches der andere in diskreter Weise einstimmte. Frau Sybold wurde dunkelrot und fuhr von ihrem Sitze auf.

Natürlich habe ich es gemerkt, sagte sie; ich wollte nur sehen, wie weit der Herr diesen Scherz treiben würde. Nun, da ich mich davon überzeugt, bitte ich die Herren, sich weiter ohne mich zu amüsieren.

Aber, verehrte Frau! sagte Herr Banse –

Ich bin Ihnen unendlich dankbar für Ihre Verehrung, der Sie einen so überaus delikaten Ausdruck zu geben wissen, sagte Frau Sybold, ihre Stickerei auf dem Tischchen zusammenpackend.

Aber, Suschen – sagte Herr Sybold.

Ich heiße Susanna, wenn's Dir recht ist, sagte seine Gattin – wir beide sprechen uns übrigens nachher. Jetzt kommst Du mir nicht nach, das rate ich Dir!

Herr Sybold, der gar keine Anstalt gemacht hatte, seiner davonraschelnden Frau nachzugehen, sank gebrochen auf den Stuhl zurück.

O weh! seufzte er.

Herr Banse nahm eine Prise und hielt die Dose dem Zerknirschten hin:

Contenance, Wertgeschätzter, Contenance!

Ja, das sagen Sie wohl! erwiderte Herr Sybold, seine Fingerspitze betupfend und vorsichtig an die Nase führend; Sie kennen meine Situation nicht.

Sie ist ja auch so undurchsichtig wie möglich, meinte Herr Banse; aber immerhin rate ich Ihnen, machen Sie ihr ein Ende!

Meiner Frau? rief Herr Sybold mit einem kläglichen Versuch, zu lachen.

Das ist recht, sagte Herr Banse; gewinnen Sie der Sache die scherzhafte Seite ab. Sie haben die Launen Ihrer Frau schon viel zu lange ernsthaft genommen; lachen Sie sie aus; Sie kommen weiter damit, glauben Sie mir.

Ich habe es schon wiederholt versucht, sagte Herr Sybold; es ist mir immer schlecht bekommen.

Dann fahren Sie ein paarmal mit einem Donnerwetter drein, aber einem ganz kräftigen; vielleicht hilft das.

Sie haben gut reden; Sie brauchen Ihre gute Frau weder auszulachen noch anzudonnerwettern; die thut ja alles, was sie Ihnen an den Augen absehen kann.

Meine gute Alte, sagte Herr Banse, ja, wahrhaftig, sehr schön war sie nie, und sehr klug ist sie bis auf den heutigen Tag nicht; aber wenn ich mich so in der Welt umsehe, in welche Misere schöne und kluge Frauen die verständigsten Männer hineinäugeln – ich denke jetzt dabei nicht im entferntesten an Ihre Frau Gemahlin und an Sie, Verehrtester! – es liegen ja andere Beispiele genug zur Hand, und die drastischer sind, weil es sich um junge Leute handelt, die ihr ganzes Leben, das heißt ihr ganzes Unglück noch vor sich haben.

Sie meinen die Moors? sagte Herr Sybold näher rückend, hat die Pilz wieder –

Die Pilz ist abgesetzt, auch bei mir, sagte Herr Banse, und ich bedauere sehr, daß ich mich im Anfange, um uns die Langeweile zu vertreiben, ein bißchen zu weit mit dem Lästermaul eingelassen habe. Es war gar nicht nötig; denn, wie es da steht, kann man zur Not mit seinen eigenen Augen sehen. Mir thut der junge Mann aufrichtig leid. Er ist ja ein leidenschaftlicher, wilder Mensch; aber die kleine Frau weiß ihn doch auch gar nicht zu nehmen. Wie hätte wohl eine andere mit einem Funken gesunden Menschenverstandes im Kopfe – vom Herzen gar nicht zu reden – ihren Mann in solchem Zustande nach zwei Tagen aus dem Bett gelassen! Mit der Wunde war das nicht so schlimm, – man sieht sie ja kaum noch unter dem schwarzen Pflaster und dem schwarzen Haar, – aber der Doktor sagt: er sei auf dem schönsten Wege zu einem gesunden Hirnfieber gewesen, und das könne noch jeden Moment eintreten, wenn er fortfahre, so weiter drauflos zu leben. Alle Tage zu Wagen, zu Pferde, auf der Eisenbahn, auf dem Dampfschiffe, zu Fuß bergauf und bergab die gefährlichsten Touren und am Abend im Konversations-Zimmer den Damen den Hof gemacht und gesungen und Klavier gespielt und dann mit den Herren Kollegen und dem Kapitän bis tief in die Nacht hinein Champagner getrunken – das ist doch der reine Wahnsinn! Und sie sieht es ruhig mit an und lächelt dazu – der Teufel soll die Sorte Lächeln holen!

Na, na! sagte Herr Sybold.

Es ist auch wahr, rief Herr Banse; denn warum kann sie lächeln, als weil es ihr gleichgültig ist, was daraus entsteht; und warum ist es ihr gleichgültig, als weil er ihr gleichgültig ist; und warum ist er ihr gleichgültig? weil ihr ein anderer nicht gleichgültig ist.

Sie meinen Herrn Vogel?

Ich meine gar nichts; ich denke mir nur so mein Teil; man hat ja nichts weiter zu thun, als so ein bissel zu denken, wenn man hier den ganzen Tag herumflaniert und dem lieben Herrgott die Zeit stehlen muß, weil es dem Herrn Hausarzt gefallen hat, herauszuhören, daß es auf der linken Lunge nicht mehr ganz richtig ist.

Herr Banse blickte grimmig drein und trommelte dazu auf dem Deckel seiner Dose.

Fangen Sie jetzt auch an? sagte Herr Sybold erschrocken, ich habe mir immer eingebildet, die Welt könnte untergehen, und Sie würden dazu lachen.

Würde ich auch, sagte Herr Banse, so im allgemeinen; im speziellen kommen noch Dinge vor, bei denen einem Geduld und Lachen vergehen.

I, mit Ihrer Lunge, sagte Herr Sybold.

Ach was Lunge! sagte Herr Banse, hier im Herzen thut's mir weh.

Auch das noch? rief Herr Sybold.

Ja, auch das noch! richtig weh, wenn ich sehen muß, wie ein solches Mädel, so ein Prachtmädel –

Frau Moor?

Herr, wollen Sie mich zum Narren halten? rief Herr Banse ganz entrüstet; wollen Sie mir einreden, daß Sie nicht ebenfalls bis über die Ohren in sie verliebt sind?

Um Gotteswillen, sagte Herr Sybold, schreien Sie doch nicht so! Wenn jemand – wenn meine Frau –

Ei was! sagte Herr Banse, um so schlimmer für Ihre Frau, wenn Sie Ihnen das übelnimmt. Meine Alte findet es ganz in der Ordnung; sie ist selbst in sie verliebt; alle Welt ist es; Delajoux spricht, wenn er mich attrappieren kann, von nichts als von ihr. Der alte Brasilianer, weiß es Gott, ich glaube, er ist nur vor Liebe zu ihr so krank. Waren wir nicht, als sie vor acht Tagen hier plötzlich wie eine Sonne aufging, alle aus dem Häuschen? Und als noch an demselben Abend sich das Gerücht verbreitete – die Flinch hatte es kolportiert – daß der Herr Kapitän angekommen sei und bei der Frau Mutter mit einem Fußfall um das Mädchen gebeten habe, und von derselben, statt des Segens, mit einem Fußtritte regaliert worden sei, sind wir nicht alle wütend gewesen und haben am folgenden Mittag zwei Flaschen Champagner –

Meine Frau weiß bis heute nicht, weshalb wir die getrunken haben, kicherte Herr Sybold.

Und ich sage Ihnen, ich hätte sie nicht getrunken, wenn ich gewußt hätte, daß es so kommen würde, brummte Herr Banse.

Was, so, kommen würde? fragte Herr Sybold erstaunt; es geht ja doch alles ganz prächtig!

Viel zu prächtig geht's, rief Herr Banse; das ist's ja eben. Herr meines Lebens! Ich sehe sie noch, wie sie an dem ersten Mittage – erinnern Sie sich wohl? Wir saßen hier – Sie, Ihre Frau und ich – hatte schon das putzige Ding von Kammermädchen so ein bissel ausgehorcht, aber gesehen hatte ich die Damen noch nicht; sie kamen da aus der Thür, Arm in Arm – Ihre Frau mokierte sich noch darüber – und standen dann längere Zeit auf der Veranda – ich werd's mein Lebtag nicht vergessen: die hohe, schlanke Gestalt in dem schmucklosen knappen Kleide – ein schmales, weißes Krägelchen und die Manschetten, sonst ganz schwarz, und die großen blauen Augen blickten so traurig aus dem lieben blassen Gesicht – ich habe noch an dem Abend mit meiner Alten gesprochen, wir hätten schon so oft gesagt: wir wollten ein hübsches, gutes, bescheidenes Mädchen adoptieren, das uns pflegen möchte auf unsere alten Tage, und dem wir ein hübsches kleines Kapital hinterließen, denn für die lieben Verwandten bliebe doch noch genug, und das sei das Mädchen, das wir brauchten, oder wir fänden nie eines; und meine gute Alte – sie hatte sie hernach auch im Garten gesehen, wie sie mit den Moorschen Kindern spielte – schaut mich groß an und sagt: das ist ja dasselbe, was ich auch gedacht habe! und fällt mir weinend um den Hals, und es ist beschlossene Sache, und wir reden die halbe Nacht darüber und bringen alles in die schönste Ordnung – ich möchte mir die letzten Haare ausraufen, daß ich so dumm sein konnte!

Wer hätte das aber auch geglaubt! sagte Herr Sybold; heute ein armes adeliges Gesellschaftsfräulein und morgen –

I, das ist es gar nicht, unterbrach ihn Herr Banse; ich habe meine Flasche an dem nächsten Mittag ehrlich auf ihr Wohl getrunken und mich ihres Glückes von Herzen gefreut. und gewundert habe ich mich schon gar nicht; hätte mich auch nicht gewundert, wenn ein richtiger Prinz gekommen wäre, obgleich mancher von unseren Prinzen nicht so viel Thaler auszugeben haben mag, wie so ein reicher Engländer Pfund Sterling. Nein, das ist es nicht. Aber daß sie, die aussah wie die liebe Bescheidenheit selbst, einen solchen Hochmutsteufel in sich barg, einen richtigen Gierteufel, der nicht genug haben kann, und dem nichts schön und kostbar genug ist –

Gott, wenn man im Rohre sitzt, sagte Herr Sybold; jede in ihrer Lage würde es thun.

Und wenn alle es thäten, rief Herr Banse, sie dürfte es nicht, bei ihr finde ich es abscheulich, geradezu grauenhaft. Es geht auch nicht mit rechten Dingen zu, das lasse ich mir nicht ausreden; hab' auch so zu der Frau Baronin gesagt, die selber den Kopf schüttelt und meint, das Mädchen sei wie ausgetauscht; und das letzte Stück weiß sie noch gar nicht. Ich bin vorhin bei Monsieur Margot – der Geburtstag meiner Alten ist übermorgen, und weil sie ja jetzt Knall und Fall in die vornehme Gesellschaft gekommen ist, will ich ihr anstatt der alten Brosche, die ich ihr als Bräutigam geschenkt, eine neue kaufen. Monsieur Margot legt mir denn so verschiedene vor; wir kommen über dem Handel ins Plaudern, und er zeigt mir ein Collier von Brillanten und Perlen, das habe vor einer Stunde Herr Kapitän Gordon für sein Fräulein Braut gekauft. – Was kostet das? frage ich. Er nennt mir eine Summe, so unsinnig, daß ich ganz starr bin. Er lacht und sagt, das kostet es jetzt; wenn es fertig ist, kostet es gerade nochmal so viel. – Wieso, sage ich, wenn es fertig ist? ist es denn das nicht? – O ja, sagt er, für das gewöhnliche Publikum; aber Mademoiselle hat einen exquisiten Geschmack. Sie fand mit einem Blick, daß das Collier unendlich gewinnen würde, wenn die mittelsten drei Brillanten doppelt so groß wären. Ich sagte ihr, das sei völlig richtig, aber ich hätte den Schmuck für den Verkauf gemacht und müsse fürchten, damit sitzen zu bleiben, falls ich durch die Größe und Schönheit der Brillanten den Preis zu hoch steigerte. – Was soll ich Ihnen lange erzählen: sie befiehlt auf der Stelle, daß die alten Brillanten ausgebrochen und neue eingesetzt werden. Und was mich dabei wunderte, sagt Monsieur Margot: sie hat sich während der ganzen Verhandlung nicht einmal zu dem Herrn Kapitän, der neben ihr stand, gewandt; ihn nicht einmal um seine Meinung gefragt; auch nicht, als ich den doch schon immer ganz anständigen Preis verdoppeln mußte. – Na, nun frage ich Sie, hätten Sie das dem Mädchen zugetraut?

Ich dächte, sagte Herr Sybold, es wäre in einem Stil mit den prachtvollen Garderoben aus Genf, den Reitpferden, dem Dampfschiffe vorgestern nach Evian –

Und das die Gesellschaft heute Abend auch von Montreux abholen sollte; bloß daß meine Frau erklärt hat: wenn's nicht nötig wäre, führe sie auf keinem Dampfschiffe; und so wollen denn die Frau Baronin, sie und die Kinder per Wagen zurückkommen.

Hören Sie, sagte Herr Sybold, näher rückend – nun aber in allem Ernste; – meine Frau läßt mir sonst keine Ruhe: – wie kommt Ihre Frau zu der Einladung heute? Ich habe ja wohl bemerkt, daß die Frau Baronin und Fräulein von Seeburg sie wiederholt im Garten angesprochen haben; aber von da bis zu einer förmlichen Einladung …

Ist doch nur ein Schritt, erwiderte Herr Banse lächelnd; aber Scherz beiseite: mit der Kinderfrau hat es seine Richtigkeit – für heute. Die Pilz hat sich aus Rache, daß ihr gekündigt ist, krank gemeldet; und da Fräulein von Seeburg den Kindern die Ausfahrt versprochen, und die Frau Baronin bei ihrer Schwerfälligkeit mit der kleinen Bande nicht fertig wird, hat sich meine Alte erboten, ihr Beistand zu leisten, was denn auch freundlich acceptiert ist. Unter diesen Bedingungen, sehen Sie, kann Ihre Frau auch in die vornehme Gesellschaft kommen. Uebrigens hat meine Frau jetzt die persönliche Bekanntschaft von Lady Ballycastle ebenfalls gemacht.

Herr Sybold saß mit offenem Munde da. Die persönliche Bekanntschaft? stammelte er. Wann denn? Wie denn? Wo denn?

Vor drei Tagen im Sprechzimmer des Ursulinerinnen-Klosters, wohin meine Alte gegangen war, ihr Scherflein für die armen Mädchen beizutragen, die unentgeltlich von den guten Nonnen unterrichtet werden. Wir sind fromme Katholiken, wie Sie wissen –

Weiß, weiß, sagte Herr Sybold; aber ich denke, Lady Ballycastle ist keine?

Was nicht ist, kann noch werden.

Das ist doch nun Ihr Ernst nicht, sagte Herr Sybold, mißtrauisch seinem Gegenüber in das Gesicht sehend.

Als gutem Katholiken ist mir um jede Seele zu thun, die der heiligen Kirche zurückgewonnen wird – auch um Ihre, Verehrtester; nur habe ich leider bei Ihnen noch kein kleinstes Zeichen entdecken können, welches mich darauf schließen ließe, daß der Heilprozeß seinen Anfang genommen. Haben Sie zum Beispiel der Armen und Kranken in Vevey und Umgegend gedacht und dem Magistrat hundert Pfund zur Unterstützung derselben überwiesen?

Das fehlte mir noch gerade! sagte Herr Sybold lachend.

Freilich! Haben Sie sich weiter erinnert, daß in den Tabakfabriken von Vevey achthundert Arbeiterinnen beschäftigt sind, deren Zustand in intellektueller, sozialer und moralischer Hinsicht fast alles zu wünschen übrig läßt? Und haben Sie zur Aufbesserung speziell dieser Klasse zweihundert Pfund in die Hände der Väter der Stadt niedergelegt?

Ach, machen Sie doch keinen Spaß! sagte Herr Sybold; und das alles hätte Lady Ballycastle gethan?

Das alles und noch einiges, was der Pfarrer von St. Ursula, der nebenbei bereits seit den drei Jahren, die wir den Winter hier zugebracht haben, unser Beichtvater ist, besser weiß als ich. Ich kann Ihnen sagen, der gute Mann – er ist wirklich ein guter Mann – glaubte vor acht Tagen, als die Sache ihren Anfang nahm, der Himmel habe sich aufgethan über dem Ursulinerinnenkloster und seiner Kirche; jetzt – denkt er vielleicht nicht mehr so.

Aber warum?

Fragen Sie ihn das lieber selber!

Herr Banse deutete nach der Gartenpforte, von deren Treppe eben die schmächtige schwarze Gestalt eines geistlichen Herrn mit blassem, bartlosen, scharf geschnittenen Gesichte auftauchte und langsam leisen Schrittes den Weg heraufkam.

Ist es Ihr Ernst? flüsterte Herr Sybold eifrig; soll ich ihn daraufhin ansprechen?

Nun, gewiß!

Aber ich kenne ihn gar nicht.

Das schadet nichts. Sie sind ja so gewandt!

Herr Sybold trat, während Herr Banse sitzen blieb, wie zufällig dem geistlichen Herrn entgegen und grüßte. Der Geistliche erwiderte den Gruß mit großer Höflichkeit und versuchte in dem schmalen Gange an dem fremden Herrn vorbeizukommen. Herr Sybold glaubte die Unterhaltung am besten durch eine Bemerkung über das schöne Wetter einleiten zu können.

Der Geistliche lächelte.

Ihr Weg führt Sie jetzt öfter in unser Hotel, warf Herr Sybold hin, innerlich sehr glücklich über die brillante Wendung und sehr zufrieden mit seinem mühelosen Französisch.

Der Geistliche hob die gesenkten Lider ein ganz klein wenig von den schwarzen Augen und lächelte abermals.

Du mußt ihn kräftiger anfassen, dachte Herr Sybold, und laut sagte er: Ich höre, Ihre Besuche gelten einer Dame, welche auch sonst das Interesse unsrer kleinen Gesellschaft hier in hohem Grade in Anspruch nimmt.

Die schwarzen Augen blitzten für einen Moment voll auf und über den Frager hin; dann hatten sich die Lider noch tiefer gesenkt als zuvor, und um die schmalen Lippen schwebte ein ausdrucksvolleres Lächeln.

Ich bedauere außerordentlich, aber ich habe nicht die Ehre, den Herrn zu verstehen.

Er hatte es mit dem verbindlichsten Tone gesagt und die Worte mit der anmutigsten Verbeugung begleitet, um nun seinen Weg nach dem Hause in demselben langsam vorsichtigen Schritte fortzusetzen und in dem Hause zu verschwinden. Herr Sybold kehrte niedergeschlagen zu seinem Freunde zurück, der aus der Laube die Scene beobachtet hatte.

Meine Frau muß doch recht haben, sagte er kleinlaut, mein Französisch reicht nicht aus; manchmal verstehen mich die Leute ganz gut und manchmal, wie eben, ganz und gar nicht.

Nun, sagte Herr Banse, zum Lohn für Ihre Bescheidenheit will ich Ihnen auch den wahren Grund mitteilen, weshalb Hochwürden bei den Geschenken, welche Lady Ballycastle seiner Kirche macht, nicht recht geheuer ist. Aber Sie müssen mir versprechen –

Keinem Menschen! beteuerte Herr Sybold.

Auch nicht Ihrer Frau!

Der zuletzt!

Nun denn: Lady Ballycastle stellte die Gegenbedingung, daß der Papst sie heiraten müsse.

Das glaubt meine Frau nicht, sagte Herr Sybold entschieden.

Und Sie dachten, ich würde Ihnen die Wahrheit sagen?

Herr Banse hatte sich erhoben; um seinen nicht kleinen Mund zuckte ein Lächeln, das Herrn Sybold sehr an das erinnerte, welches er eben auf den schmalen Lippen des geistlichen Herrn gesehen hatte.

Die Kölnische wird angekommen sein, sagte Herr Banse; gehen Sie mit hinein?

Ich danke, sagte Herr Sybold kurz.

Dann also bis auf bei Tisch!

Ich glaube, der Mensch hat die Stirn, auch mich aufziehen zu wollen, murmelte Herr Sybold, dem sich Entfernenden zornig nachblickend. Suschen hat recht: wir hätten uns mit den Plebejern nicht so weit einlassen sollen! Da! nun trifft er auf den Schleicher von Pfaffen! Natürlich, gleich und gleich gesellt sich gern! Die werden sich schön über mich lustig machen!

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