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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XXI.

In dem Salon fand die Baronin Angela, die bei ihrem Eintreten mit aufgestütztem Kopfe an dem Tische vor dem Sofa saß und sich nun erhob und ihr entgegenkam. Zu jeder anderen Zeit würde die gute Frau den verstörten Ausdruck und die geisterhafte Blässe in dem Gesichte ihres Lieblings sofort bemerkt und sich eilfertig teilnehmend nach der Ursache erkundigt haben. Aber jetzt war sie selbst in tiefster Erregung, die sie vor Angela nicht verbergen konnte und auch nicht verbergen wollte. Zum erstenmale seit ihrem Zusammenleben zürnte sie dem Mädchen. Während sie, noch in halber Betäubung von der greulichen Scene mit der Lady und dem plötzlichen Erscheinen des Kapitäns, sich an dem Geländer die Treppe hinabarbeitete und durch die Korridore nach ihren Zimmern stampfte, hatte sie Zeit gehabt, zu überlegen, daß doch eigentlich Angela an allem schuld sei. Hätte das Mädchen ihr heute Morgen reinen Wein eingeschenkt und die Geschichte, die ganz gewiß nicht ohne Absicht so lang und ausführlich gewesen war, damit geschlossen: Und nun glauben Sie kein Wort von dem, was ich über den Kapitän gesagt; lassen Sie uns nach Vevey fahren, wo Lady Ballycastle ist und mein Kapitän mich erwartet, und versuchen, wie wir den alten Drachen herumkriegen, und Sie müssen uns dabei helfen – nun, wahrhaftig, sie würde nicht nein gesagt haben und dem alten Drachen mutig zu Leibe gegangen sein. Und mit ganz anderm Erfolge wie jetzt, wo sie zuletzt als eine dumme Gans, die sich was hatte weismachen lassen, oder als eine verlogene Person – sie hatte die schöne Wahl – dastand und mit langer Nase abziehen mußte.

Und das ist eine große Unannehmlichkeit, schloß die Baronin, eine verdammt große, versichere ich Sie, wenn man von der Natur eine Nase hat, die eines eher in ein Kartoffelfeld stecken könnte, als in anderer Leute Angelegenheiten, die einen ganz und gar nichts angehen, und die mich auch nicht wieder was angehen sollen, darauf gebe ich –

Die Baronin brach kurz ab. Das Wort konnte sie nicht geben – das hätte schlecht zu einem andern Worte gepaßt, das denn doch ein bißchen heiliger war. Sie warf einen scheuen Blick in das blasse, stumme Gesicht, aus dem sie die großen kummervollen Augen so vorwurfsvoll, wie ihr schien, angesehen, und lag dann in Angelas Armen und schluchzte: Sie machen es mir aber auch gar zu schwer, Sie böses Kind!

Angela hatte die ganz Erschütterte zu dem Sofa geführt und sich an ihre Seite gesetzt.

Sie, Beste, Edelste! Jawohl, ich mache es Ihnen zu schwer! Das habe ich mir eben selbst gesagt, als ich da saß und Sie erwartete, und mich fürchtete, Ihnen unter die guten, reinen Augen zu treten – ich, die ich nicht gut und rein bin, und das nie so tief und schwer gefühlt habe, als eben jetzt – o, mein Gott, mein Gott!

Sie rang die hocherhobenen Hände, die dann wieder schlaff in den Schoß zurückfielen; der Baronin verschwand beim Anblicke dieses Jammers der letzte leiseste Schatten von Unmut aus der mitleidigen Seele.

Ich möchte mir die Zunge abbeißen, rief sie; denken Sie, ich habe nichts gesagt, und ich habe ja auch nichts gesagt als dämliches Zeug. Solange die Welt steht, haben Liebesleute noch immer gesucht, die Sache erst einmal unter sich ins reine zu bringen; und am Ende ist es doch auch ihre Sache, und sie sind die nächsten dazu und müssen ausessen, was sie sich eingebrockt, mag's nun süß sein oder sauer. Und daß Sie mir's nicht sagen mochten, wenn ich auch überzeugt bin, daß Sie auf die alte Granske keine kleinen Stücke halten – na, darüber soll unter uns beiden nicht weiter gesprochen werden; und mir thut nur leid, daß Sie sich meinethalben so viel Kopfzerbrechen gemacht haben, obgleich ja das mit unserm Reiseschatten – hören Sie, Kind, das war, bei Licht besehen, eigentlich ein Meisterstück von Euch und rein zum Lachen, wenn man bedenkt, wie geschickt Ihr mich aufs Glatteis geführt habt, und wie plump ich alter Esel d'rauf gegangen bin. Na, nun habt Ihr glücklich die Partie beisammen und die Karten verteilt, und die Alte da oben muß klein beigeben, verlassen Sie sich darauf! Die Sorte ist mir freilich im Leben noch nicht vorgekommen; aber es wird auf der ganzen Welt mit Wasser gekocht, und beim Auskehren, da findet es sich. Bei der wird's sich auch finden; Ihr Kapitän sieht nicht aus, als wenn er mit sich spaßen ließe – wahrhaftig nicht, aber recht brav sieht er aus und gar nicht wie die anderen Engländer, denen wir unterwegs begegnet sind. Und wenn er mit der Alten nicht fertig wird, dann bin ich auch noch da; und das zweite Mal soll sie mir nicht die Thür weisen, so wahr ich Anne Marie Granske heiße. Also, Punktum: wir setzen's durch; und nun den Kopf in die Höhe! – und, na, sehen Sie, da haben Sie doch wieder ein Lächeln, wenn's auch noch ein bißchen sehr melancholisch ist.

Der herzliche Zuspruch der treuen Freundin hatte Angelas Herzensangst wirklich für einen Moment beschwichtigt, aber der nächste schon stürzte sie wieder in die alten Zweifelsqualen zurück. Wenn sie doch nur alles sagen dürfte! Aber das eine mußte sie sagen. Die Nachricht, welche Edward ihr über den Ausfall der Zusammenkunft mit seiner Mutter geben wollte, konnte jeden Augenblick hereingebracht werden; vielleicht zog er es vor, selbst zu kommen, wenn es nach seinem Wunsche gegangen war. Zu seiner sonstigen taktvollen Förmlichkeit stimmte das freilich ganz und gar nicht; aber in dem Aufruhr ihrer Seele wirrte alles durcheinander, nahm alles andre Gestalt und Farbe an. Ein günstiger Ausgang in Edwards Sinne, der ihr vorhin und eben noch als eine Unmöglichkeit gegolten, erschien ihr plötzlich als sehr wahrscheinlich, ja gewiß; und nun, indem sie das bleierne Gewicht, das auf ihrem Hirn zu lasten schien, mit einer letzten verzweifelten Anstrengung von sich zu ringen, das Wort: Ich habe mich mit ihm verlobt und erwarte ihn! herauszubringen versuchte, wurde an die Thür gepocht.

Herein! sagte die Baronin.

Es war der freundliche deutsche Kellner, welcher, nachdem er an der Table d'hôte serviert, seinen Dienst in den Parterre-Zimmern, den er vorhin an Jean abgetreten, wieder übernommen hatte. Er bitte die Damen um Verzeihung, wenn er störe; der fremde Herr, der das Billet im Bureau geschrieben, habe ihm Eile anbefohlen, und daß er das Billet dem gnädigen Fräulein selbst überbringe; der Herr habe auch für die Frau Baronin seine Karte beigefügt, und daß er um die Erlaubnis bitte, morgen der Frau Baronin seine Aufwartung machen zu dürfen.

Ist der Herr noch da? fragte die Baronin.

Nein, gnädige Frau; er ist dann gleich fortgegangen.

I, das ist ja schade, sagte die Baronin. – Na, Angela – Du kannst gehen, mein Sohn! – was schreibt er denn? Natürlich ist es von ihm; darauf will ich schwören, so gewiß, als ich den Namen hier auf der Karte ohne Brille nicht lesen kann und doch weiß, wie er heißt.

Angela hatte mit zitternden Händen das Billet erbrochen. Es enthielt nur dies:

»Sie hatten recht, Teuerste. Es war ganz vergebens. Die arme Mutter! Auf morgen mehr.«

Gott sei Dank! murmelte Angela.

Sie fing an, in dem Gemache hin und her zu schreiten, so in Gedanken versunken, daß die Baronin ihre Frage, was denn nun eigentlich in dem Billet stehe, nochmals wiederholen mußte. Angela übersetzte ihr die englischen Worte.

Und dazu sagen Sie: Gott sei Dank! rief die Baronin erstaunt, und Ihr Gesicht ist ordentlich hell geworden – das verstehe ich nicht.

Sie können es auch nicht, sagte Angela, kaum wissend, was sie sprach.

Sehr freundlich! Aber ich möchte es gerne, wenn es zu verstehen ist.

Ich kann den reichen Mann nicht heiraten, ich habe ein Grauen vor seinem Reichtum, er muß arm sein, – mit mir, oder ich werde das unglücklichste Geschöpf auf Erden.

Sie ging noch immer auf und ab; die Baronin, die sich wieder auf das Sofa gesetzt hatte und sie mit verwundert teilnehmenden Blicken beobachtete, schüttelte den Kopf.

Hören Sie, liebes Kind, sagte sie; das ist mit Ihrer Erlaubnis Unsinn und überspanntes Zeug. Von der Luft kann kein Mensch leben, Ihr prächtiger großer Kapitän erst recht nicht; der würde sich verteufelt umsehen, wenn er eines schönen Tages keine Butter zum Brot hätte; und ich dächte, Sie hätten's doch schon an Ihren lieben bescheidenen Eltern erlebt, was das mit der Armut für ein Elend ist. Und wenn ich auch noch immer da bin, und vor dem Riß stehe – ich weiß nicht einmal, ob Sie sich von mir würden helfen lassen wollen. Er gewiß nicht. Und ich an seiner Stelle würde es auch nicht, und dann haben wir die Bescherung. Nein, liebes Kind, da möchte ich schon lieber, wenn die da oben wirklich nicht zur Vernunft kommt, Ihr kämt dazu, solange es noch Zeit ist, und ließet hübsch bleiben, was Euch auf diese Weise nimmer mehr zum Glück ausschlagen kann.

Glück! rief Angela; wer spricht von Glück!

Die Baronin saß ganz starr:

Ja aber, liebes Kind, sind Sie nicht recht bei Sinnen? Sie wollen doch nicht heiraten, um unglücklich zu sein, und den Mann, den Sie heiraten, unglücklich zu machen? So was hab' ich all mein Lebtag nicht gehört! Als ob das Unglück darauf wartete, daß wir sagen: Komm' mal her! und nicht schon von selber käme! Ei, Kind, wissen Sie, das ist geradewegs gottlos, so zu denken und zu reden, oder bloß zu reden; denn richtig denken können Sie das doch nicht.

Wohl denke ich's! rief Angela, in immer leidenschaftlicherer Bewegung das Gemach durchmessend, – nicht, ihn unglücklich zu machen! Im Gegenteil, er soll glücklich sein, was er denn so nennt, was die Menschen so nennen. Er soll sein Glück ganz, er soll es voll haben; er soll zufrieden sein. Ich! – was kann ich dafür, daß ich nicht mehr an Träume glaube? daß ich längst weiß: es wird das Herrlichste nie zur Wirklichkeit? Glück! Wie ich das Wort schon hasse! Der Name für die Spiegelung, nach der die armen Menschen lechzend rennen durch dieses Lebens Wüste! Oder wo wäre es denn, das Glück? In der schönen Kinder glänzenden dunklen Augen – ja! – in den kleinen, heißen, begehrlichen, neidischen Herzen schon nicht mehr – ich hab's erfahren, als ich heute Mittag mit ihnen spielte. Oder soll ich den alten Mann fragen, der die halberloschenen Augen mit den zitternden Händen vor dem mitleidslosen Strahl derselben Sonne schützte, zu der er einst in seiner Jugend Tagen, als zu seines Glückes Spenderin und Zeugin, die Arme betend emporgehoben haben mag? – Wo, wo ist es? In dem Ringen des Ehrgeizes, der nie befriedigt wird? – in dem gedankenlosen Buhlen mit der eigenen Schönheit, die morgen schon verwelkt? – im Hochgefühl der Geisteskraft, die uns im Stich läßt, wo wir ihrer am meisten bedürfen? – in der Liebe? Es steht geschrieben: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; wer darf aufstehen und sagen, daß er nie gegen das Gebot gesündigt, daß er es nicht entheiligt mit jedem zweiten Atemzug? – In der Ehe? Es steht geschrieben: So du deines Nachbars Weib ansiehst, ihrer zu begehren, hast du schon die Ehe gebrochen – wenn das keine hohle Phrase ist, sondern der wahren Sittlichkeit lautere Quelle, wo wäre das reine Herz ihrer Wasser nicht getrübt, entweiht, besudelt? Nein, nein! diese Rücksicht auf ein Glück, das auf Erden niemals war und ist und sein wird, soll mich nicht schrecken, es komme nun, was kommen mag – es gehe nun, wie's gehen will – hinauf oder hinab. Tasten und irren, und weiter tasten und wieder irren – wenn es denn unser Schicksal und Erbteil ist von Anbeginn – ich will es nicht besser haben und nicht besser treiben wie die andern.

Nun, dann treiben Sie's in Teufels Namen – verzeih' mir Gott! – wie die's da oben treiben, meine saubere Nichte und der Thunichtgut von einem Samtrock, die sich auf dem Sofa küßten und herzten, zehn Schritte von dem kranken Manne, den wohl das Wundfieber dumm gemacht, daß er das Schmatzen nicht hörte und die Küsse des Samtrocks nicht auf den Lippen schmeckte, die ihm die schlechte Dirne eine Sekunde darauf zu kosten gab. Ja, treiben Sie's so, und die ganze Welt mag's so treiben, wenn ich das von der hören muß, die mein armer Junge geliebt hat mit seinem letzten Atemzuge!

Die Baronin drückte die beiden Fäuste, mit denen sie bei den ersten Worten kräftig auf die Sofalehne geschlagen, bei den letzten in die Augen und fing bitterlich an zu weinen. Angela stand wie zur Bildsäule erstarrt. Was hatte sie gehört? Die Frau, der sie den Gatten erhalten wollte, eine Buhlerin! wie der Mann, den sie liebte, den sie retten, und vor dem sie sich retten wollte, im Herzen schon die Ehe gebrochen! Diese Ehe, die sie neu erschaffen und zum Tempel heiligen wollte, vom Giebel bis zum Grunde ein unsauberes Haus! Die Kinder vielleicht schon, die sie der holden Flamme des elterlichen Herdes nicht berauben wollte, nicht sicherer über ihre Abstammung wie Zigeunerbrut – und darum, darum wollte sie thun, was Tausende vor ihr gethan, aber sie nicht durfte: sich einem Manne vermählen, den sie nicht liebte, im Herzen die Liebe zu einem anderen Manne, dem ihre Seele gehörte, nach dem sich alle ihre Sinne drängten, daß sie sterben wollte, durfte sie nur einmal, einmal wieder an seinem Halse hangen, sich satt küssen an seinen holden Lippen – nein, nein, es durfte nicht sein, jetzt nicht mehr – das machte sie aus einer Nebenbuhlerin zur Richterin und Rächerin; das gab ihr die Freiheit zurück, die volle Freiheit; sie mußte sie, wollte sie haben! Aber wie es ihm beibringen? erklären? Sie sei nicht vorbereitet gewesen, überrascht worden, habe sich übereilt? – Das sah ihr zu unähnlich; er würde es nicht glauben. – Sie habe ihn nur prüfen wollen, als sie ihn anflehte, ihre Armut zu teilen; in Wahrheit stehe ihr der Sinn nach fürstlichem Reichtum und Macht – er kannte sie zu gut und wußte recht wohl, daß sie es bitter ernst gemeint, und – er war ja jetzt arm; es war »ja alles vergeblich gewesen«. – Sie würde sich nie vermählen ohne den Segen und Beistand der Mutter? – Aber sie hatte ja geschworen, daß sie nichts thun würde, diesen Segen zu erlangen, diesen Beistand zu erflehen, und könnte sie es durch ein Wort! – Und doch, hier war die einzige Möglichkeit: sie hatte sich besonnen auf ihre Pflicht – der Kinder Pflicht, denen der Mutter Fluch das Haus niederreißt, das des Vaters Segen baute. Das würde er verstehen, er, der eines Vaters Segen immer schmerzlich entbehrt, der eben noch sie, die ihn von sich gestoßen, mitleidig frommen Herzens eine »arme« Mutter genannt. – Es war eine Lüge – es würde ihr furchtbar schwer ankommen; aber ohne Lüge war keine Rettung; und dies wog immer noch federleicht gegen das andere.

Aber, Kind, hören und sehen Sie denn nicht mehr?

Die Baronin hatte sie am Arme gerüttelt und hielt ihr jetzt den Brief hin, den sie an der Thür Lady Ballycastles Kurier abgenommen.

Ich konnte den Menschen nicht recht verstehen – aber an Sie ist es, die Hausthürbuchstaben kann ich selbst ohne Brille lesen; ich glaubte erst, die tolle Person schickte mir eine Herausforderung. Na, nun, Kind, lassen Sie's gut sein, und seien Sie mir wieder gut! Es war ja eine Dämlichkeit von mir, daß ich das ernsthaft nahm. In so einem Kopf wie Ihrem, da rumort manches, was in meinen dummen Schädel nicht paßt, und das poltert denn so heraus wie der Donner aus den Wolken, und, wenn's heraus ist, ist der Himmel wieder klar. Nun passen Sie mal Achtung, was ich Ihnen sage. Die Alte oben gibt klein bei – nicht auf einmal und ganz – das thun die Menschen partout nicht – aber so ein bißchen für den Anfang. Man wolle sich die Sache erst beschlafen; morgen ließe sich ja mehr darüber reden; aber erst müßte Fräulein Hoffahrt: Bitte schön! sagen und Frau Dünkel hübsch das Händchen bieten. Na, Kind – alles was recht ist – sie ist doch die Mutter, und alte Leute sind wunderlich – die schon gar – na, und nun machen Sie Ihren Brief auf!

Die Baronin setzte sich auf das Sofa, strich ihr Kleid nach beiden Seiten glatt, als könne sie damit auch den verzwickten Handel glatt und schier machen, und blickte, während ihr gutes Herz ängstlich klopfte, mit einem ermutigenden Lächeln Angela in das blasse Gesicht:

Lesen Sie's erst in aller Ruhe – denn natürlich ist es wieder Englisch – und dann übersetzen Sie 's mir, das heißt, was ich zu wissen brauche.

Angela, die am Tische neben der Lampe stand, hatte den Brief geöffnet und zu lesen begonnen. Die schlanken, weißen Hände, die das Blatt hielten, begannen zu zittern und immer stärker zu zittern – sie konnte nicht weiter lesen.

Ist es denn so schlimm? sagte die Baronin.

Angela schüttelte den Kopf, hob das Blatt und ließ es nach wenigen Momenten wieder sinken.

Das arme Gör! murmelte die Baronin, und dann nur so durch die Zähne: Ich drehe dem alten Drachen das Genick um.

Mit einer gewaltsamen Anstrengung hatte Angela das Blatt abermals genommen und zu Ende gelesen. Jetzt legte sie es langsam nieder auf den Tisch, sank in den nächsten Stuhl, und saß da, den Kopf vornüber gebeugt, die Hände schlaff in dem Schoß, mit einem Ausdruck in dem blassen Gesichte, den sich die Baronin durchaus nicht erklären konnte. Es war wie verhaltenes Weinen und zugleich wie Lächeln über einen recht tollen Spaß – so was hatte die Baronin noch nie in einem Menschenangesichte gesehen.

Ei was! sagte die Baronin; heraus damit! Sie will mit ihrem Dickschädel partout durch die Wand, und rast und tobt wie eine malle Hexe, die sie ist!

Das sonderbare Lächeln in dem blassen Gesichte trat noch mehr hervor; aber es war eigentlich kein Lächeln mehr, sondern eine Verzerrung, wie vor dem Eintreten einer Ohnmacht.

Ihnen ist schlecht, liebes Kind! rief die Baronin ängstlich.

Im Gegenteil, sagte Angela mit einer Stimme, welche die Baronin noch nie gehört zu haben glaubte, sehr gut! sehr gut! Warum auch nicht? Sie hat alles bewilligt; sie freut sich so darauf, mich Tochter zu nennen!

Ihr Haupt sank an der Baronin Brust.

Ich dachte es, murmelte die Baronin; es ist zu schnell gekommen. Weiß Gott! sie ist heil ohnmächtig. Gusting! Gusting! Wo steckt denn nur die dumme Dirn? – Gusting!

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