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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XX.

Für Lady Ballycastle war die mächtige Gestalt des Sohnes bereits verschwunden, ehe die Thür sich hinter ihr schloß. In ihres verstörten Geistes Auge stand klar und scharf eine andere Gestalt, eine schlanke weibliche – und ihr galten die Worte, die sie jetzt nach einem tiefen Atemzuge halblaut herausstieß: Gott oder Teufel – du sollst nicht über mich siegen!

Die schlanke Gestalt zerfloß vor dem leise klingenden Geräusch, mit dem sich abermals die Metallringe einer Portiere auf ihrer Eisenstange bewegten. Es würde Miß Flinch sein. Hatte sie während der ganzen Zeit an der Thür gelauscht? Es war nicht viel daran gelegen; die Flinch wußte ja, wie die Sache stand; nur der Fußfall! – wie mochte da ihr gelbes Gesicht gehohnlacht haben! Sie wollte ihr bald das Lachen vertreiben, der dummen Person, dem schlechten Spürhund, der nichts von alledem gemerkt, sie unvorbereitet auf den Feind hatte stoßen lassen; nicht einmal den Schurken, den Swift, wieder erkannt hatte, sie, die sich rühmte, nach hundert Jahren ein Gesicht wieder zu erkennen!

Das war mit dem momentanen Klingen durch das siedende Gehirn der Zornigen geschossen, und jetzt vernahm sie, die noch immer, in ihre Züge den möglichst finsteren Ausdruck zu bringen, abgewendet stand, das Knarren der Dielen unter dem Teppich und das Schlürfen von Schritten; aber nicht von links, woher Miß Flinch kommen mußte, sondern von rechts. Und das war nicht Miß Flinch' Schritt, das war, als ob jemand einen schweren Gegenstand heranschleife.

Sie hatte sich gewendet und sah etwas, selbst ihr, die an sonderbar unheimliche Gesichte doch gewöhnt war, so Außerordentliches, völlig Unbegreifliches, daß sie nur eben mit leeren öden Blicken hinstarren konnte: den alten Señor Lerma in rotseidenem Schlafrock und Pantoffeln, der, von dem schwarzbraunen Diener mehr getragen als gestützt, von rechts quer durch das Gemach geführt wurde und, eben unter dem Kronleuchter angelangt und bemerkend, daß sie ihn erblickt, einen Moment stehen blieb, mit dem großen, weißbuschigen Kopfe ein Zeichen machte, um dann in des Schwarzbraunen Armen nach den Fauteuils um den Sofatisch weiter zu schlürfen.

Unbegreiflich! nicht, wie er hereingekommen – sie selbst hatte ja gestern angeordnet, daß ein sehr breiter Divan, der in ihrem Salon stand, zu dem alten Herrn, den sie umgerannt, und dem sie doch eine Höflichkeit schuldig war, in das nachbarliche Zimmer transportiert würde; man hatte das Möbel durch die Flügelthür, welche die Zimmer verband, tragen müssen, da die Eingangsthür zu Mister Lermas Zimmer vom Flur aus sich als zu schmal erwies; die Flügelthür war nicht wieder verriegelt worden – das alles war ja einfach genug und fiel ihr auch sofort wieder ein – aber was bedeutete es? Wie durfte der feine alte Gentleman zu dieser Zeit, in diesem Aufzuge, in dieser Weise – unaufgefordert, ungemeldet – bei ihr eindringen? Wollte er sie, die sich ihm so gnädig erwiesen, um Rat oder Hilfe bitten? sich etwa gar über die allzu laute Nachbarschaft beschweren? Nun, in diesem Falle hatte der Alte, der außer seiner Muttersprache sicher nur Französisch sprach, wenigstens von dem, was hier geredet worden, nichts verstanden!

Der schwarzbraune Diener hatte den Herrn aus seinen Armen in einen der Fauteuils gleiten lassen und entfernte sich, nachdem dieser ein paar für sie unverständliche Worte zu ihm gesagt, in der Richtung nach der Portierenthür zu Mr. Lermas Zimmer, an welcher er auf einem Sessel Platz nahm, die schwarzen Augen, die im Scheine der über ihm brennenden Lichter des Gaskandelabers manchmal auffunkelten, durch die Breite des Salons unverwandt auf den Herrn im Fauteuil drüben am Sofatische heftend.

Es war zu viel! Eine solche Verletzung aller Sitte konnte man selbst ausländischer Rohheit nicht verzeihen – mit hoch erhobenem Haupte, ein heftiges Wort auf den stolz geschürzten Lippen, schritt Lady Ballycastle aus Señor Lerma zu.

Aber ihr Fuß haftete wie festgewurzelt am Boden; das Wort erstarb ihr auf den Lippen, das Fleisch krampfte sich auf den Knochen, und ein eisiger Schauer rieselte ihr den Rücken hinab. Kamen nun auch die Toten aus den Gräbern? Mußte sie in dem zu ihr emporgewendeten wachsbleichen Gesicht, aus welchem er mit der dürren zitternden Hand das mähnenartige weiße Haar von der Stirn hob, gespenstisch entstellt und doch so fürchterlich mahnend, die Augen, die Züge, das Lächeln des Mannes erkennen –

Eleonor, ich bin es wirklich!

Ein dumpfer gräßlicher Schrei, wie eines zum Tode Getroffenen, brach aus ihrer Brust; sie taumelte rückwärts, fiel hilflos schwer in den nächsten Fauteuil und lag da mit tief eingesunkenen, halbgeschlossenen Augen, unter deren dunklen Wimpern nur das Weiße gläsern hervorblickte, regungslos.

Nur ein paar Momente. Dann schnellte sie empor und stürzte, einem Tiger gleich, auf den Alten zu und prallte vor dem schwarzbraunen Diener zurück, der, unbemerkt von ihr und von dem Alten selbst, herbeigeeilt, sich zwischen sie und jenen geworfen und jetzt in der hocherhobenen Faust ein langes spitzes Messer zum Stoße bereit hielt.

Ich ahnte dergleichen, sagte Lerma, Sie sehen, Eleonor, so geht es nicht, ich bin zu gut bedient. Setzen Sie sich und erholen Sie sich. Wenn Pedros Gegenwart Ihnen zu peinlich ist, mag er im nächsten Zimmer – es ist ja wohl das von Miß Flinch? – bleiben und dort die Luft rein halten. Miß Flinch ist in diesem Augenblick unten im Hotel, um dort weiter zu spionieren; aber sie kann jeden Augenblick zurückkommen, und was wir zu besprechen haben, vertragen keines Dritten Ohren, am wenigsten die von Miß Flinch. Pedro hat für uns keine, er versteht keine Silbe Englisch.

Señor Lerma sagte Pedro ein paar spanische Worte, worauf dieser sein Dolchmesser einsteckte und mit einem finstern Blick auf Lady Ballycastle in das Zimmer von Miß Flinch ging.

Ein Wort von mir ruft ihn herbei, sagte Lerma mit Bedeutung; und nun, Mylady, da wir allein sind, lassen Sie sich sagen, daß der totgeglaubte Arthur Ritting nicht als Ihr Feind kommt, daß er als Señor Alphonso de Lerma, unerkannt von Ihnen, wie bisher, die paar Tage hier so weiter gelebt und dann auf nimmerwieder für Sie verschwunden sein würde, nur daß Ereignisse eingetreten sind, die mich gebieterisch zwingen, die Maske fallen zu lassen. Ja, sehen Sie mich nur immer an; ich glaube es gerne: es ist wohl eine böse Aufgabe, in dem elenden Krüppel, welchen Sie gestern wie ein Baby in sein Zimmer getragen und auf das Sofa gelegt haben, den wieder herauszufinden, der vor dreißig Jahren Sie, trotz Ihrer stattlichen Größe, noch immer überragte und stark genug war, mit Ihnen auf den Armen durch den reißenden Bally-Bach zu waten, ohne daß Ihres Kleides Saum benetzt wurde. Erinnern Sie sich, als der Förster Patrick plötzlich aus dem Walde auftauchte, und wir nur die Wahl hatten, ihm zu begegnen oder den Bach zu forcieren? Wir lachten und tanzten wie die Kinder, als wir drüben waren und uns unter den breitästigen Buchen und zwischen dem dichten Buschwerk in Sicherheit glaubten; wir ahnten nicht, daß die Falkenaugen des Mannes uns doch entdeckt hatten, und von dem Moment die Tage und Stunden unseres lichtscheuen Glückes gezahlt waren. Erinnern Sie sich, Eleonor?

Lady Ballycastle, die ihn noch immer regungslos angestarrt, machte eine krampfhafte Bewegung; in den gläsernen Augen zuckte es wie ein Blitz, der an schwarzem Gewölk her niederzüngelt.

Es sind keine lieblichen Erinnerungen für Sie, fuhr der Alte nach einer kurzen Pause fort, während derer seine Blicke nicht ohne Teilnahme an der gebrochenen Gestalt gehaftet hatten; auch nicht für mich – Gott weiß es! Aber ich muß sie schon wachrufen, denn sie allein geben mir das Recht, von Ihnen zu fordern, was zu fordern ich gekommen bin. Sie ahnen, was es ist?

Lady Ballycastles weiße Lippen bewegten sich tonlos; sie schüttelte den Kopf und auch das nur mit sichtbarer Anstrengung.

Sie ahnen es nicht? Nicht, weshalb der Vater zu Ihnen kommt, nachdem Sie den Sohn verflucht und verstoßen haben?

Als hätte ein glühendes Eisen sie berührt, fuhr Lady Ballycastle halb aus ihrem Stuhle auf und sank mit einem dumpfen Stöhnen wieder zurück, die Augen, welche in herausforderndem Trotze aufgefunkelt waren, schließend in ohnmächtiger Wut.

Abermals folgte eine Pause; der alte Mann hatte seine eigene tiefe Erregung niederzukämpfen, und seine leise Stimme zitterte, als er nun sagte:

Ich habe jedes Wort gehört – da, in der halb offenen Thür, nachdem ich mich, durch seine tiefe Stimme, die mich wundersam an die eigene Stimme vor langen Jahren mahnte, aufgeschreckt, von meinem Leidenslager emporgerafft. Ich habe ihn gesehen – durch die Spalten des Vorhanges – zum ersten-, vielleicht zum letztenmale. Was ich dabei empfunden, Gott im Himmel weiß es, er, der die Sünden der Väter rächt bis in das vierte Glied.

Die zitternde Stimme brach; die durchsichtigen zuckenden Hände hatten sich gefunden und hielten sich fest; das stattliche Haupt neigte sich tief in schweigendem Gebet und hob sich jetzt langsam wieder.

Eleonor! Bis ins vierte Glied! Ist es nicht schauderhaft zu denken? Aber der strenge Gott ist auch ein barmherziger Gott; er wird es uns sein, wenn wir barmherzig sind.

Er ist es gegen mich nie gewesen, murmelte Lady Ballycastle.

Seine Wege sind allzumal dunkel, sagte der Alte sanft; aber am meisten wohl für den, der auf dunklen Wegen geht. Wir haben's gethan in dem freventlichen Hochmut unserer jungen Herzen; wie dürfen wir klagen, daß wir in die Disteln und Dornen geraten sind, die uns die Haut zerfetzten und das glühende Fleisch von den Knochen rissen und mich zurichteten, wie Sie mich hier sehen: ein Scheusal für die Gesunden, ein Greuel für mich selbst, Tag und Nacht gefoltert von Höllenqualen, eine lebendige Leiche, die ich schon längst getrosten Herzens dahin befördert hätte, wohin sie gehört: unter den schönen, kühlen Rasen, nur daß mir immer im entscheidenden Augenblicke etwas sagte: Thu's nicht! Es kommt noch ein Tag, an dem es dir vergönnt sein wird, abzutragen einen Teil der schweren Schuld, die du auf dich geladen! Warte auf den Tag! Er ist gekommen, der Tag, für mich und – für Sie, wünsche ich, hoffe ich, bete ich aus meiner Seele tiefstem Grunde, wenn Sie Ihr Ohr nicht verschließen gegen die Stimme, die so deutlich spricht, wie Gottes Stimme nur je zum Menschenohr und Menschenherzen gesprochen hat – durch meinen Mund, Eleonor, an dessen Lippen Deine Lippen hingen in dem furchtbaren Moment, der unsere Schuld besiegelte und unserer Strafe Maß bestimmte.

Und wieder bewegte sich Lady Ballycastle krampfhaft in ihrem Sessel; aber jetzt schlossen sich die Lider völlig über den starren Augen.

Unsere Schuld! Ich weiß wohl, Sie wollten damals von keiner wissen, soweit es Sie betraf. Sie sagten, daß Sie dem schlechten Manne, zu dem man sie gezwungen, keine Liebe schuldig seien, sowenig wie einem Räuber, der Sie auf der Landstraße an heimlichem Orte überfallen. Sie triumphierten, daß der Räuber, in dessen Gewalt Sie scheinbar waren, sich von Ihnen nach einem Vierteljahr noch der kleinsten Gunst nicht zu rühmen habe, während Sie Ihren Buhlen mit allen Wonnen einer Liebe überschauerten, die keine Grenzen zu haben schien. Glaubte er an diese grenzenlose Liebe? Eleonor, er glaubte nicht daran. Nicht, daß er Sie nicht geliebt hätte! Sie waren so schön, und sprühten von Geist und Leben, und wenn Ihre Schönheit und Ihr Geist nicht ausgereicht hätten – was sie vollauf thaten – den Kopf des armen deutschen Malers wirbeln zu machen, so hätt's die Eitelkeit gethan, sich der auserkorene Günstling der vornehmen Dame zu wissen, der stolzen Tochter von Englands stolzestem Geschlecht. Ja, mein armer Kopf wirbelte, und in meinem Herzen war eitel Jubilieren und Sonnenschein, wie an jenem Frühlingstage, als ich Ihnen zum erstenmale im Ballycastle-Park entgegentrat. Und doch ging durch dies jubelnde Herz ein banges Ahnen, wie oft zur stillsten Mittagstunde ein seltsam Raunen und Rauschen durch die Wipfel der Bäume schauert.

Die im Anfang matte, fast tonlose Stimme des alten Mannes hatte, je länger er sprach, einen immer reicheren Klang gewonnen; die Rede, die vorhin langsam und vorsichtig tastend gewesen, als müsse er die englischen Worte aus dem Gedächtnis mühsam zusammensuchen, floß jetzt ununterbrochen, schnell, wie ein übervoller, mächtig gegen seine Ufer drängender Strom.

Es ziemt dem elenden Krüppel nicht, die Erinnerungen von Stunden wachzurufen, die dahin sind und vergangen wie der Mondschein, der auf den weiten Wiesen von Ballycastle-Park lag, wenn der Liebende nächtens auf stillverschwiegenen Pfaden zu der Geliebten schlich; dahin, wie das langgezogene Schluchzen der Nachtigallen in den Erlenbüschen, wenn ihn das Grauen des Tages aus ihren Armen gerissen hatte, und er, berauscht von ihrer Küsse Glut, ein überseliger Mann, dem Frührot entgegenschritt – in solchen Stunden mochte wohl die warnende Stimme schweigen; aber sie sprach laut und feierlich, als in dem gewitterschwülen Hochsommer unserer Liebe die Nachricht aus Deutschland kam, die mich an das Bett des sterbenden Vaters rief, und Sie mich nicht wollten ziehen lassen, auch nicht für wenige Tage – die wenigen Tage, die es noch währte, bis er, dessen Namen Sie trugen, zurückkehrte von England, wohin er in rasender Wut geeilt war, sich bei Ihren stolzen Verwandten zu beklagen, daß der Handel, den er eingegangen, so ganz zu seinem Nachteile und seiner Schande ausschlug; darauf zu bestehen, daß der Handel so oder so rückgängig gemacht werde. Wie darfst du fragen nach Vater oder Heimat, wenn deine Herrin vaterlos und heimatlos ist? Deines Herzens Angstschrei gilt mir nicht mehr, als des ungeduldigen Pferdes Wiehern, das da gesattelt an der Parkpforte scharrt; deine unsterbliche Seele will ich haben wie deinen sterblichen Leib – das, Eleonor, hörte ich heraus aus dem kosenden Flehen, der leidenschaftlichen Bitte, der wütenden Verzweiflung, mit der Sie in jener letzten Stunde an meinem Halse hingen – der unseligen Stunde!

Er hatte die zitternden Hände wieder gefaltet und saß so da, still, zusammengekrümmt; Lady Ballycastle warf sich, wie von grausamen physischen Schmerzen gepeinigt, in ihrem Sessel hin und her.

Ich that's, Sie zu retten, stöhnte sie, sein zweiter Schuß hätte Sie getötet; er war so nahe, und Sie zögerten; ich glaubte Sie verwundet. Da riß ich Ihnen die Pistole aus der Hand und schoß ihn nieder.

Der alte Mann hob den Kopf.

Machen Sie's mit dem Himmel aus, wen Sie niedergeschossen, ob ihn, der das Leben Ihres Geliebten bedrohte, ob den Kerkermeister, dessen Tod Sie freimachte. Ich habe kein Recht, zu entscheiden, kein Recht, Sie anzuklagen. Sie thaten, was ich im nächsten Augenblick gethan haben würde, hätte ich's gekonnt. Sie glaubten mich verwundet? Ich war's, so schwer, daß ich noch heute nicht weiß, wie ich in den Sattel und nach Wicklow-Hall gekommen bin. Das Pferd, das mir Mr. Wicklow geliehen, hatte eben den gewohnten, in der Dämmerung des Morgens menschenleeren Weg genommen und trug den Ohnmächtigen, Blutüberströmten sicher in des entsetzten Freundes mitleidige Hände.

Und da, in der einsamen Pfarre, habe ich zwischen Leben und Tod gelegen sechs Wochen lang, während Sie mich in Deutschland wähnten; von niemandem gesehen als von Mr. Wicklow, der alten Haushälterin und dem Arzt aus Ballycastle, der mich nicht kannte, und dem Mr. Wicklow meine Anwesenheit und meinen Zustand in einer Weise erklärte, die den wenig Neugierigen völlig befriedigte. Das Geheimnis drohte nur verraten zu werden, als man vier oder fünf Leute gefänglich einzog, welche man beschuldigte, die That begangen zu haben; aber auch hier half Mr. Wicklows Einfluß durch; man ließ auf sein Zeugnis hin die armen Menschen frei, denen man überdies nichts beweisen konnte, und mußte sich begnügen, zu den unaufgeklärten agrarischen Morden jener Tage einen mehr zu registrieren. Mich nahm niemand in ernstlichen Verdacht, trotzdem ein dunkles Gerücht ging, wir seien schon vorher wiederholt im Park zusammen gesehen worden, und der Baronet sei nur, um uns zu überraschen, früher und heimlich von seiner Reise zurückgekehrt. Man hielt Patrick, der das Gerede aufgebracht haben sollte, allgemein für einen böswilligen und noch dazu halbverrückten Menschen; mich hatte man schon am Abende des vorhergehenden Tages auf Mr. Wicklows Pferd nach der Hafenstadt reiten sehen, um mich nach Deutschland einzuschiffen; und die schöne junge Witwe, trotzdem man zugab, daß ihre Ehe mit dem verhaßtesten Manne Irlands keine glückliche gewesen, und ihr sein Tod die Freiheit zurückgab und ein unermeßliches Vermögen in den Kauf – die Tochter der Glenvilles war über den Verdacht des Meuchelmordes oder auch nur der moralischen Urheberschaft einer so schnöden That erhaben.

Grausam, grausam! stöhnte Lady Ballycastle.

Ich weiß, daß es grausam ist, sagte Lerma, aber ich kann, was mich heute zu Ihnen führt, nicht erklären, ohne zu rekapitulieren, was mich vor dreißig Jahren von Ihnen trennte.

Ich hatte, halb nur genesen, in aller Heimlichkeit des gütigen Freundes gastliches Haus in Irland verlassen und, in die Heimat zurückgekehrt, mich auf dem Grabe meines Vaters satt geweint. Wie auch die Vernunft mich warnte, mein armes thörichtes Herz bangte und sehnte sich immerdar nach ihr, die mir der Erde vollstes Glück erschlossen und mir nun auch jenen höchsten Stolz eines liebenden Mannes gewähren sollte. Mit welchen Empfindungen ich die Nachrichten las, welche die englischen Zeitungen brachten und sorgsam registrierten, daß die Tragödie von Ballycastle ein wehmütig-frohes Nachspiel haben solle, das in zwölf, in acht, in vier Wochen bevorstehe, das nun eingetreten sei: die Geburt eines Sohnes und Erben – eines der reichsten Erben der drei vereinigten Königreiche! Da – ich schäme mich noch heute, daß ich so thöricht sein konnte – da schrieb ich an Sie, ob Sie dem Kinde seinen Vater, dem Vater sein Kind geben, ob Sie mit beiden vereint leben wollten – nicht an dem Orte, der uns durch das, was geschehen – wie und warum es auch geschehen – für immer verschlossen sei; nicht in dem Glanz und der Herrlichkeit des Reichtums, an dem die Thränen der ausgeraubten Armen hingen – und für uns auch noch des Räubers Blut klebte – sondern in der Abgeschiedenheit eines fernsten Ortes, in der bescheidenen Dürftigkeit, wie sie ein armer, wenig geschickter Künstler – ein fleißiger Tagelöhner, wenn es sein mußte – sich und den Seinen bereiten könnte. Der Brief gelangte auf sicherem Wege in Ihre Hände, die Antwort konnte auf demselben sicheren Wege nicht verloren gehen. Nun, Mylady, daß keine kam, es war ja auch eine Antwort, die einzige, die ich vernünftigerweise erwarten durfte und mir hätte ersparen können, wäre ich jener Stimme gefolgt, die mich von Anfang an gewarnt hatte, und die jetzt ihr letztes Wort sprach: es ist zu Ende.

Das sagt man denn so und glaubt's auch eine Zeitlang, und stürzt sich in des Lebens Wogen und freut sich, je wilder sie uns schütteln, und ist kaum zufrieden, wenn sie den Umgetriebenen an einen gastlichen Strand werfen, wo ihm eine schützende Hütte bereitet ist. Und für mich wurde die Hütte ein Palast – der Palast eines reichen brasilianischen Sonderlings von altem spanischen Geschlecht, der den jungen Abenteurer lieb gewann und, kinder- und verwandtenlos sterbend, dem Adoptierten seinen Namen und seinen Reichtum hinterließ. Arthur Ritting war tot, und Señor Alphonso de Lerma kündigte der Lady Ballycastle auf Ballycastle an, daß ein junger Mensch jenes Namens, den er vor längerer Zeit in sein Haus aus Barmherzigkeit aufgenommen, gestorben sei und, sterbend, ihm an Mylady einen Gruß aufgetragen, welchen Auftrag er hiermit Mylady auszurichten sich verstatte, mit der Versicherung seiner völligen Unbekanntschaft hinsichtlich der Bedeutung oder der Motive des sonderbaren Auftrages.

Der französische Brief, wie Sie sich erinnern werden, war sehr deutlich von einer Sekretärshand geschrieben, ebenso der Titel des Absenders, desto undeutlicher der Name selbst – unleserlich vermutlich, da er Ihnen doch sonst wohl bei unserem Zusammentreffen hier wieder ins Gedächtnis gekommen wäre, was zu meiner großen Freude nicht geschah, wenn ich auch entschlossen war, die Autorschaft des Briefes abzuleugnen und mich für einen entfernten Vetter jenes Lerma auszugeben. Aber die Unleserlichkeit war nicht beabsichtigt; ich hielt auch ohne besondere Vorsicht das Geheimnis für völlig gesichert; ich ahnte damals nicht, daß ich in das verhaßte Europa würde zurückkehren müssen, am wenigsten, daß Sie und ich uns je im Leben wieder begegnen würden: ich konnte eben nicht anders mehr schreiben. Schon damals hatte die entsetzliche Verwüstung meines Körpers begonnen, wenn auch vorläufig erst die Hände ergriffen waren, bis die Beine daran kamen, bis – nun, Sie sehen ja schaudernd, was aus mir geworden; und es mag nun auch gesagt sein, daß ich dieses fürchterliche Siechtum jener Kugel verdanke, von der Sie meinten, sie habe mich nur gestreift und mehr meinen Mut als meinen Arm gelähmt, und die mir irgendwo zwischen den Rippen saß und von dem ungeschickten Arzte von Ballycastle und auch später von den geschicktesten Aerzten der Welt nicht gefunden wurde, und so in meinem Körper irgendwo noch sitzen wird, wenn sie mich ins Grab legen. Was sehen Sie mich mit so großen, starren Augen an? Sie möchten, ich läge schon da? Nein, nein, ich will nicht, ich darf nicht so von Ihnen denken. Der schlimme Empfang, den Sie mir bereitet, das war nur so der erste Ausbruch Ihrer unzähmbaren Natur, die an jedem Hindernis aufschäumt, wie der Wildbach, der von den Bergen strömt; aber Sie konnten einst auch groß denken und handeln – ich weiß es; und an dies Ihr einstiges besseres Selbst will ich ja eben appellieren. Rücken Sie ein wenig näher; das Sprechen wird mir schwer; ich möchte so gern kurz sein und kann es nicht. Es drängt zuviel herauf.

Der alte Mann fing an zu hüsteln und fingerte mit der einen Hand auf der eingesunkenen Brust, während die andere schlaff auf dem Schoß lag; durch die weichen Falten des rotseidenen Schlafrocks stachen die spitzen Kniee; Lady Ballycastle dachte an das schöngeformte Bein jenes Arthur Ritting, dem kein Graben zu breit gewesen war, der einst lachend über eine Hecke setzte, die ihr berühmtes Jagdpferd zu nehmen sich weigerte; und dachte an die blauen, strahlenden Augen, in deren Glanz sie sich so stolz gespiegelt, und die aus den tiefen Höhlen unter dem buschigen weißen Haar jetzt halb gebrochen zu ihr aufflimmerten. War denn dies mehr als ein gräßlicher Traum? dieser Haufe Menschen-Elend wirklich der Geliebte ihrer Jugend? eine Wirklichkeit diese weiße Hand, die aus dem Dunkel der Vergangenheit sich hervorstreckte und sie mit den Knochenfingern packte und sie zerren und zwingen wollte auf einen verhaßten Weg, sie – Eleonor Glenville, die hier vor dem elenden Krüppel saß in ihrer stolzen Kraft, die ihn gestern auf ihren Armen getragen und hätte an den Boden schmettern können und mit den Füßen zertreten. Daß sie's nicht gethan! Daß das Glas, das sie ihm jetzt auf seine Bitte reichte, nur harmloses Wasser enthielt, keinen Trank, der sie für immer von dem Alp befreite!

Ich danke, sagte der Alte, bitte, setzen Sie sich wieder. Wo war ich stehen geblieben? Ja, bei dem Briefe: er hatte die Wirkung, die er haben sollte: er gab Ihnen Ihren Sohn zurück; er gab Ihnen erst einen Sohn. Bis dahin hatten Sie keinen gehabt – ein Kind der Schande nur, daß Sie ewig an den tiefen Fall mahnte, zu dem Sie grausam verletzter Stolz, der Durst nach Rache um jeden Preis, der heißen Sinne Ueppigkeit gebracht – nicht Liebe; und dessen Sie sich, auch wenn das Muttergefühl sich in Ihrem Herzen regen mochte, nicht von Herzen freuen konnten, solange der Niedriggeborene, der deutsche Vagabund lebte, der Ihnen das Werkzeug Ihrer Rachelust gewesen, der jeden Augenblick zum Entsetzen der Diener in Ballycastle erscheinen und die Herrin mit unverschämten Forderungen und Zumutungen belästigen mochte. Und der unglückliche Knabe hatte ja das Aergste gethan, ohne zu ahnen, daß es das Metier seines Vaters war, in das er sich, noch dazu mit des Vaters unzulänglicher Begabung, vor der Tyrannei der Mutter retten wollte. Woher ich es wußte? Sie erraten es; ich sehe es an Ihrem finstern Blick; aber er war mir immer wohlgesinnt gewesen und in den sechs furchtbaren Wochen, die ich unter seinem Dache verbrachte, Freund und Bruder und Beichtiger und Tröster und Erretter meiner heilbedürftigen Seele geworden und ist's geblieben bis auf den heutigen Tag. Und der mich bis auf den heutigen Tag von allem und jedem, was mir zu wissen nötig und interessant war, unterrichtet hat und mich alles und jedes durch seine klugen Augen sehen ließ und in dem reinen Lichte versöhnender Liebe, die sein edles,, ich darf sagen heiliges Herz erfüllt. Und der auch Ihr Freund ist, trotz Ihres höhnischen Kopfschüttelns, und Ihr Wohl will, schon um Edward, seinen geliebten Zögling, in dessen Seele er liest, wie in seinem Brevier, das er auswendig kennt, und sich doch immer wieder der lieben tröstlichen Gedanken freut, die da auf jeglicher Seite geschrieben stehen. So ist es ihm ein lieber und tröstlicher Gedanke, daß der Gott der Gnade und Barmherzigkeit, zu dem er allezeit mit brünstigem Glauben aufschaut, an Edward nicht länger die Sünde seiner Eltern rächen will, sondern ihm schon in diesem Leben alles Glück und Heil bescheeren, das die Unglücklichen, die ihm zum Leben verhalfen, entbehren mußten, weil sie es nicht verdienten, und dessen er so durchaus würdig ist. Nun aber sieht der treue Freund für ihn hienieden kein Glück und Heil außer in der Vereinigung mit dem edlen Mädchen, das er liebt, und das Sie hassen, weil er es liebt. Oder wäre wirklich noch ein anderer Grund? Sollte der weise Freund auch darin recht haben, wenn er mir schreibt: sie haßt die Gute, Edle, weil sie sich vor ihr fürchtet; weil sie instinktiv fühlt, daß sie die Schwächere ist, daß sie sich beugen muß vor der Hoheit jener, wie die Brüder vor Joseph sich beugen mußten; daß das Reich des Lichtes und der Liebe, aus welchem jene kommt, mächtiger ist denn das der Finsternis und des Hochmutes, in welchem sie auf dem stolzen Throne ihrer Selbstgerechtigkeit die unbeschränkte Herrschaft üben will? Ist es so, Mylady? Es würde ja nur zu gut stimmen mit dem, was ich selbst an Ihnen zu erfahren, von Ihnen zu erdulden hatte. Und doch, wie sollte Ihr stolzes Herz sich vor der Macht des Guten fürchten, wenn das Gute nicht in Ihrem Herzen bereits, wenn auch verborgen, lebte und wirkte? Es ist so, Eleonor Glenville! Sagen Sie, daß es so ist! zwingen Sie dem trotzigen Herzen das Zugeständnis ab! und wie der irdische Richter nichts weiß von dem Blute, welches Sie vergossen, und die Welt nicht weiß, daß es das heimliche Bewußtsein Ihrer Schuld ist, was Sie rastlos umtreibt, so wird der himmlische Richter nichts davon wissen wollen und mit gnadenvoller Hand aus des Weltgerichtes Buche Ihre Schuld löschen, wenn Sie dermaleinst vor seinen Thron treten, vor dem ich dann lange, lange schon gestanden und gefleht habe: Gewähre ihr Gnade, Gott, um unseres Sohnes willen!

Er hatte die Hände gefaltet, nicht nach zitterndem, ängstlichem Suchen, sondern mit einer energisch leidenschaftlichen Bewegung; in den über sie weg nach oben gerichteten Augen sah sie einen verklärten Strahl jenes Lichtes, das ihr einst vor dreißig Jahren so glanzvoll geleuchtet; und sie sah sich selbst, wie sie damals war: die elastisch hohe Eleonor, die ihren schlanken Leib mit den Händen schier umspannen konnte; und sie fragte sich zum erstenmale, ob auch sie sich wohl sehr gewandelt? und wie sie wohl ihm erschienen sein mochte, als er sie wiedersah; wie sie in diesem Augenblicke ihm erschien – ihm, dem deutschen Verräter!

Ja, dem Verräter, trotz alledem, der da von Tugend schwatzte und Liebe und Verzeihung! Lug und Trug des Komplotts, das sich zusammengethan zur schändlichsten Verschwörung und auf ihre Gutmütigkeit spekulierte; und daß sie sich in einer schwachen Stunde würde überlisten lassen und überrumpeln und dem Angriff der Philister erliegen! Sie sollten sich verrechnet haben allesamt – die Schlange zumal, die listige, deren freches Zischen ihr noch von heute Morgen her im Ohr tönte; oder war's der Glenville stolzes Blut, das ihr siedend von dem Herzen nach dem Hirn schoß, anzufragen, ob sie die erste ihres Geschlechtes sein wolle, die mit dem Feinde Frieden schloß, solange nicht jedes letzte Mittel des Krieges erschöpft war!

Was also verlangt man – was verlangen Sie von mir?

Die Hände des Alten zuckten auseinander; der milde Strahl in seinen Augen erlosch. Er hörte es an dem harten, höhnischen Tone ihrer Stimme, er sah es an dem wildtrotzigen Ausdruck ihrer finsteren Züge: es war alles vergebens gewesen; sie blieb, wie sie war; sie würde heute wie immer nur dem Zwange nachgeben, und auch der Zwang sie nur brechen, nicht biegen können. Ein trauriger Triumph seiner vorausschauenden weltlichen Klugheit gegenüber der Vertrauensseligkeit des frommen Freundes! So mochte sie denn fühlen, die nicht hören wollte!

Ich verlange und befehle, sagte er leise, aber jedes Wort scharf hervorhebend, als wollte er auch die Möglichkeit eines Mißverständnisses ausschließen, daß Sie Fräulein Angela von Seeburg als die Verlobte Ihres Sohnes und Ihre zukünftige Tochter anerkennen, und zwar in dieser Stunde in einem Briefe an Fräulein von Seeburg, den ich Ihnen diktieren werde; und in einem zweiten an Edward Gordon Ballycastle, Ihren Sohn, dem Sie jenen Entschluß mitteilen, und daß Sie alles zurücknehmen, was Ihnen vorhinein der Unterredung mit ihm ein momentaner Unmut eingegeben – vielmehr, wie selbstverständlich, seine Ansprüche auf Maurice Baronet Ballycastle, seines Vaters – hören Sie wohl: seines Vaters! volles Vermögen nach Ihrem Tode und die Revenuen aus Charles Ballycastles, seines Großvaters,, Hinterlassenschaft während Ihrer Lebzeit als berechtigt anerkennen und ihm verbürgen, ebenso wie Sie – doch das wird sich finden. Dort auf dem Tische sehe ich eine Mappe; bitte, öffnen Sie dieselbe und schreiben Sie!

Ich werde kein Wort von alledem schreiben, sagte Lady Ballycastle, die Arme unter der Brust verschränkend.

Sie irren sich, Mylady, Sie werden binnen zehn Minuten jede Silbe davon geschrieben haben.

Ihre glühenden Augen stierten auf ihren Gegner, der da zusammengekrümmt in dem Lehnstuhle ihr gegenüber saß und sie lauernd anblinzelte – lauernd auf den Moment, wo sie den Blick senken, sich für besiegt erklären würde. Was konnte er thun, sie zu zwingen? Edward alles sagen? Pah! Edward würde für einen Vater von dem Gepräge nicht sehr dankbar sein. Und wäre er's, was kümmerte es sie? Zwischen ihr und ihm, der sie haßte, den sie haßte, war es so wie so zu Ende. – Einen Artikel in die Times, der in allen Blättern abgedruckt würde, überschrieben: »Der Mord von Ballycastle«, und der alles enthielt, alles – und daß sie mit der Fußspitze an den Körper des Toten gerührt und ein fürchterliches Wort dazu gesprochen? – und daß Señor Lerma, alias Arthur Ritting, jedes Wort dieser Geschichte vor den Gerichten in Vevey beschworen habe und bereit sei, vor den englischen Gerichten den Schwur zu wiederholen? Er würde es nicht wagen – er war zu nahe beteiligt, und die Schande der Mutter traf doch immer den Sohn – der dann ja sein Sohn war! Und wagte er's – es war verjährt; und war's nicht verjährt – die Mörderin von Charles Ballycastle würde kein Richter und kein Geschworener in Irland verurteilen – auf Händen würde man sie aus dem Gerichtssaal nach Ballycastle tragen, die Patriotin, die Märtyrerin! Ja, blick nur, blick! und blinzle! Und ziehe die Uhr heraus und thue, als ob du ein Mensch wärest, der du doch nichts bist, als ein Zwerggespenst im rotseidenen Schlafrock, wenn du auch jetzt mit buschigem Riesenkopf an die Decke stößest – ich kenne das! Gestern fegte die Flinch eine halbe Stunde lang mit ihrem Strohwisch von gelbem Haar die Decke, bis ich's nicht mehr aushalten konnte und den Finger hob – so! – Da war's vorbei! Dich bring ich auch mit diesem einen Finger hier nieder in den Stuhl! Sieh' her! Nieder! sag' ich – nieder! Du willst nicht? Stößt die Decke ein, um von hoch her auf die arme Sünderin herabsehen zu können mit den großen schwermütigen Augen? Nein, nein! das ertrage ich nicht! Nicht mit den Augen! Nein! nein! nicht mit den Augen! Angela – Gnade – Angela –

Sie hatte das Letzte halblaut geröchelt und stierte, aus ihrer Hallucination erwachend, wilden Blickes um sich. Da war das Zimmer, da brannten die Lampen und Lichter, und da saß der alte Herr Lerma und hatte die Uhr in der Hand und sagte: Es ist bereits eine Minute vergangen!

Sie strich sich über die Stirn, auf der etwas Hartes, das sehr schwer war, zu liegen schien, und zog die Hand zurück, naß von eiskalten Schweißtropfen, die sie jetzt mit ihrem Tuche abtrocknete, um nach der Mappe zu greifen.

Haben Sie sich besonnen? Ich wußte es! – So – tauchen Sie die Feder ein – Ihre Hand zittert sehr. Sammeln Sie sich ein wenig. Auch mein bißchen Kraft geht rasch zu Ende; aber so viel Zeit habe ich noch.

Nein, nein, murmelte sie, sich abermals die Stirn trocknend und über das Papier beugend. Was soll ich schreiben?

Schreiben Sie –

Nur eines! Eine Bedingung oder ich zerbreche die Feder und erwürge Sie mit diesen meinen Händen, und säße mir das Messer des schwarzbraunen Kerls im Leibe!

Welche ist es?

Daß Sie nie, nie ein Wort, eine Silbe ihr sagen –, Angela!

Sie hatte die Feder fallen lassen und streckte die gefalteten Hände flehend ihm entgegen; ein Lächeln flog über des alten Mannes verwüstete Züge.

Nie! sagte er.

Schwören Sie es!

So wahr mir Gott helfen möge in meiner letzten Stunde!

Amen!

Sie atmete tief auf und ergriff die Feder zum zweitenmale:

Ich bin bereit!

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