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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XVII.

Als sie die Esplanade vor der Kirche betrat, bemerkte sie erst, daß es völlig Abend geworden. Die wenigen Menschen, die, als sie kam, noch auf den Bänken unter den Bäumen gesessen, an der Brüstung gelehnt hatten, waren verschwunden; aus der Stadt dämmerten allüberall rötliche Lichter; das dumpfe Getöse, das vorhin noch aus den engen Gassen heraufgeschallt, war verstummt; von dem schwarzen See war der Purpursaum, von den dunklen Bergen der letzte Schimmer des Abendscheines verblichen.

Sie lenkte den sinnenden Schritt der Treppe zu, als sich von dem mächtigen Stamm des letzten der Bäume, an dem sie vorüberstreifte, eine Männergestalt, die dort gestanden hatte, ablöste und, sich ebenfalls nach der Treppe wendend, die erste Stufe derselben fast zugleich mit ihr betrat.

Edward Gordon!

Angela – Miß Seeburg! Sie – Sie!

Ist das die Hand, die mit Bären gerungen?

Ich schäme mich meiner Schwäche nicht.

Er hatte seine zitternde Hand aus der ihren gezogen; sie schritten nebeneinander die Treppe hinab, beide für den Augenblick unfähig, weiter zu sprechen. So kamen sie bis zu dem ersten Absatz.

Geben Sie mir Ihren Arm, Kapitän Gordon, sagte Angela, es geht und spricht sich so vielleicht besser. Sie haben eine lange Reise gemacht, mich zu sehen, aber diese Begegnung hatten Sie wohl nicht in Ihr Programm aufgenommen?

Es ist ein Zufall, ich versichere es Sie, erwiderte Edward – und seine tiefe Stimme hatte bereits wieder den gewohnten ruhigen Ton – ich würde nie gewagt haben, ohne Ihre Erlaubnis vor Sie zu treten. Sie werden zu Hause einen Brief finden, in welchem ich um diese Erlaubnis nachsuche und für meinen Freund um Entschuldigung bitte, der es in meinem Interesse hielt –

Mir allerlei vorzureden, wovon ich nur die Hälfte geglaubt habe.

Sie wußten, daß ich heute Mittag angekommen?

Ich wußte es nicht, aber ich ahnte es; jedenfalls war ich hinreichend vorbereitet, um nicht allzusehr zu erschrecken, oder auch nur in Erstaunen zu geraten, wenn Sie plötzlich in Person erschienen. Sie haben es ja eben gesehen.

Und Sie zürnen mir auch nicht, daß ich gekommen bin?

Nein, Edward Gordon, ich zürne Ihnen nicht; ich danke Ihnen – aufrichtig, herzlich, wie man für jede Liebe danken soll.

Für jede Liebe?

Nehmen Sie es nicht für eine Phrase; die ist es nicht, soll es nicht sein. In meinen Augen ist jede Liebe ein – stärker oder schwächer, so oder so gefärbter – Strahl des einen reinen, göttlichen Lichtes, ohne das wir alle in der Finsternis wanderten – zum Abgrund. Und jede Stimme, die uns ein herzliches Wort zu sagen hat, ist eines Freundes Stimme, die uns auf den Weg zurückruft, von dem wir vielleicht abgeirrt sind, auf dem Wege festhält, Hand in Hand mit ihm weiter zu wandern.

Hand in Hand, ah, aber, verzeihen Sie mein kühnes Wort, Miß Angela, ich hatte den Ehrgeiz, Ihnen mehr zu sein – mehr sein zu wollen, als ein Freund.

Und doch ist Freundschaft der Liebe bester Teil. Nun denn, Edward Gordon, ich weiß – und weiß es nicht seit heute – daß Sie mich lieben, und so sage ich denn, daß ich für diese Ihre reine und edle Liebe dankbar bin, und daß ich mich bemühen will, mir diese Liebe zu verdienen, aus allen meinen Kräften.

Gott segne Sie!

Sie hatten abermals einen Absatz erreicht; Edward blieb stehen: Angela!

Er hatte sie losgelassen und ihre beiden Hände ergriffen.

Angela!

Ein Mütterchen, das, halblaut betend, ihren Rosenkranz durch die knöchernen Finger laufen ließ, tauchte über der Treppenwange auf.

Kommen Sie, sagte Angela, ihm hastig ihre Hände entziehend, um freilich alsbald wieder seinen Arm zu nehmen. So gingen sie schweigend die letzten Stufen hinab.

Ich habe vorhin, sagte Edward, während ich mich hier ein wenig zurechtzufinden suchte, einen Weg entdeckt, der zuerst neben der Bahn, dann an der Außenseite des Ortes zwischen Gartenmauern hinführt und unmittelbar vor Ihrem Hotel endet; sollen wir den Weg nehmen?

Nein, nein, bitte, durch die Stadt. Das Treiben dort hat mir vorhin so wohlgethan. Lassen Sie uns durch die Stadt gehen.

Wie Sie wünschen.

Sie betraten die Gasse, durch welche Angela gekommen, und die jetzt womöglich noch belebter war, als vor einer Stunde, aber diesmal von Schwärmen zumeist junger Männer, die nach dem Theater eilten oder bereits in dichten Gruppen die mit Gasflammen hell erleuchtete Thür desselben umstanden. Bei der Schmalheit des mangelhaften Trottoirs konnten trotz der Höflichkeit der Begegnenden Berührungen nicht immer vermieden werden; unwillkürlich schmiegte sich Angela fester an ihren Begleiter; es rührte sie, daß der starke Arm den Druck ihrer Hand nicht erwiderte. Und dann fuhr ihr durch den Kopf, daß, wenn der zweite Herr, von welchem der Bauer an dieser Straßenecke gesprochen, Edward gewesen, wie sie ja jetzt nicht mehr bezweifeln konnte, Arnold eben diesem starken Arme vielleicht sein Leben verdanke, wie sie selbst sich an ihm aus dem Irrsal und Wahnsinn dieser letzten entsetzlichen vierundzwanzig Stunden lösen und retten wollte. Sollte sie ihm alles sagen? Erfahren mußte er es ja doch – das war sie ihm schuldig; aber nicht jetzt, später, wenn sie ihm bewiesen, daß er ihr voll vertrauen dürfe.

Edward!

Es war das erste Mal, daß sie ihn ohne weiteren Zusatz bei seinem Vornamen nannte, und sie fühlte, daß der stählerne Arm erbebte.

Sie wissen, daß Lady – daß Ihre Mutter und ich uns begegnet sind?

Ich weiß es, und daß es eine Fortsetzung der entsetzlichen Scene war, die Sie vor einem Jahre von Ballycastle vertrieben.

Nein, Edward! Ich hätte mich damals nicht vertreiben lassen, ich wäre nicht geflohen, so wenig wie heute, wenn ich damals gewußt hätte, was ich heute weiß.

Ich verstehe Sie nicht ganz.

Sie werden mich – wir werden uns verstehen. Jetzt lassen Sie mich fragen: Was haben Sie beschlossen?

Was schon damals bei mir beschlossen war, falls Sie meine Rückkehr erwartet hätten: Sie zu fragen, ob Sie das Weib Edward Gordons sein wollen mit der Einwilligung Lady Ballycastles, wenn dieselbe zu erlangen, ohne dieselbe, wenn sie nicht zu erlangen ist.

Diese Einwilligung werden Sie nie erhalten.

Ich hoffe doch.

Nie!

Sie hatte es in leidenschaftlicher Heftigkeit herausgestoßen; seine stillen, blauen Augen, fühlte sie, suchten in ihrem Gesichte nach einer Erklärung. Sie fuhr nach einer kleinen Pause in einem ruhigeren Tone fort, dessen leises Beben ihre innere Erregung freilich noch deutlich genug verriet:

Ich möchte, daß wir über diesen Punkt uns von vornherein ganz verständigten. Ich will das Weib Edward Gordons werden, aber ich habe nicht den Ehrgeiz, jemals Lady Ballycastle zu sein. Nein! Niemals! Mir graut vor dem Gedanken. Ich will und muß Eines sein und bleiben mit den Vielen, wie ich es immer war; unbekannt in der dunklen Menge, wie wir es hier sind, Sie und ich, und doch unseren eigenen stillen Weg gehen, doch auf einander angewiesen sind – ja, so erst recht, erst wahrhaft – ich mich stützend auf Sie, Sie – nun Sie vielleicht ein- und das andere Mal meiner Führung vertrauend, wie Sie es jetzt thun, durch die Ihnen unbekannten Gassen. Ach, Edward, vertrauen, folgen Sie mir auch darin! Auf diesem Wege oder nirgends liegt unsere Zukunft – Befriedigung, Zufriedenheit, Glück, Liebe – alles!

Es waren Thränen in den letzten Worten gewesen, und als sie nun nach einer kurzen Pause, während Edward gedankenvoll still weiter neben ihr schritt, wieder zu sprechen begann, lag es auf ihrer Rede wie zuversichtlich hoffnungsvolles Lächeln:

Aber was ängstige ich mich, Sie mit einem Lose auszusöhnen, dessen Bescheidenheit nur dem Weltling, dem Ehrgeizigen verächtlich und unannehmbar ist? Sie sind weder das eine noch das andere; unsere ersten Unterhaltungen in Ballycastle-Park – erinnern Sie sich noch? – drehten sich um dies Thema. Sie sagten einmal, die Mitglieder jener indischen Sekte – ich habe den Namen vergessen – die kein Eigentum haben, nicht einmal zwei Nächte hintereinander unter demselben Baume schlafen dürften – das seien doch eigentlich die glücklichsten Menschen. Und wenn ich es nicht aus Ihrem eigenen Munde wüßte, wenn nicht alles, was ich über Sie von anderen – noch heute von Ihrem besten Freunde – gehört habe, es bestätigte, so könnte ich's ja lesen aus der Geschichte Ihres Lebens, wie aus einem offenen Buche, wo es auf jeder Seite steht. Oder die Flucht des Jünglings nach München, die Selbstverbannung des Mannes in die Tropenglut Indiens, jetzt eben noch sein monatelanges Schweifen durch die Eis- und Schneefelder des Nordlands – was wären sie anderes als Abschnitte aus dem Leben eines Mannes, dessen Herz erfüllt ist mit tiefster Verachtung vor dem Mummenschanz, den Gecken und Narren tanzen um das goldene Kalb; eines Mannes, dessen Seele nach Freiheit und aber Freiheit schreit, wie der Hirsch nach Wasser!

Es war ein wunderbares Schwingen und Klingen in ihrer tiefen melodischen Stimme, auf welcher die beredten Worte dahinglitten wie blinkende Wellen auf dem Rücken eines mächtigen rauschenden Stromes; und so völlig war Edward von diesem Zauber ergriffen, daß ihm ihr Schweigen erst zum Bewußtsein kam, als die geliebte Stimme nach einer Pause wieder sein Ohr berührte, aber jetzt mit verändertem Klang, wie wenn der mächtige Strom mitten in seinem Laufe einen Felsen trifft, an dem seine Wasser aufwallen und aufschäumen aus dem tiefsten Grunde:

Ich hasse Lady Ballycastle nicht – ich schwöre es Ihnen. Ja, Sie werden vielleicht erstaunt sein, wenn ich sage: Es geht durch Ihrer Mutter wunderliches Wesen ein Zug, der mich sympathisch berührt, mehr noch: der mich mit sonderbarer Gewalt anzieht und festhält – festgehalten hat, sechs Jahre lang. Und weiter will ich Ihnen ein Geständnis thun: Ich fürchte Ihre Mutter nicht, so wenig, daß ich – lächeln Sie nicht! – behaupten möchte: die Sache liegt völlig umgekehrt; es ist Ihre Mutter, die mich fürchtet und weiß, daß ich die Stärkere bin, und daß ich damals schon gesiegt haben würde, hätte ich mit ehrlichem Gewissen den Kampf aufnehmen dürfen. Ich will Ihnen das letzte sagen: ich bin überzeugt, daß es weder Ihnen noch irgend einem Menschen auf Erden gelingen wird und gelingen würde, Ihrer Mutter Sinn zu beugen und ihr die Einwilligung abzuzwingen – außer mir, einzig und allein mir! Und hier nun schwöre ich Ihnen: nun und nimmer werde ich diese meine Macht in Anwendung bringen; nie wird mein Mund sich zu einem Worte der Bitte öffnen, nie meine Hand sich flehend ausstrecken, und könnte mich ein Wort und eine Geste vom Hungertode retten.

Und nun wallte der brausende Strom in weichen, kosenden Wirbeln:

Wir werden nicht Hungers sterben, Edward! Ich bin aus einer Familie, in welcher der Arbeit ein heiligster Altar errichtet war, zu dem die Kinder früh geführt, in dessen Dienste sie früh eingeweiht wurden. Ich habe ihn gelernt, diesen Dienst, in seiner ganzen Strenge; und arbeiten – arbeiten für ein anderes – ein anderes, das man liebt, dem man den Frieden seiner Seele schuldet – ach, wie das süß sein muß! süßer als alle Freuden dieser Welt und alle Träume von einem Glücke, das nirgends existiert, als in unserem tollen Gehirn, in unserem wahnsinnigen Herzen!

Sie waren zu dem großen Platze gelangt. Von drei Seiten schimmerten durch die halbentblätterten Bäume die erhellten Fenster, blinkten die Lichter der Gaslaternen; nur nach dem See zu war es dunkel; über der finsteren Mauer der Savoyer Berge hing in dem schwarzblauen Himmel die glänzende Sichel des neuen Mondes. Sie schritten auf dem jetzt fast menschenleeren freien Raum hin und wider, als dürften sie den Platz nicht verlassen, ohne die Frage, die hier aufgeworfen war, auch hier zur Entscheidung gebracht zu haben. Edwards Seele war kaum minder erregt, als die Angelas. Das geliebte Mädchen einer phantastischen Laune zu beschuldigen, kam ihm nicht in den Sinn; aber in der leidenschaftlichen Energie, mit der sie ihre seltsame Ansicht aussprach, glaubte er das Nachzittern der Erregung zu spüren, welche die unerwartete, so schlimm verlaufene Begegnung mit seiner Mutter in ihrer stolzen Seele hervorgerufen haben mußte. Hier durfte er wohl hoffen, daß der mildere Einfluß der Zeit ihm freundlich zu Hilfe kommen würde, und es war ihm, als hörte er Bobs Stimme: Gib nach, sage Ja, das alles wird sich finden! Und dann sagte eine andere Stimme, die seine eigene war: Vor ihr darfst du nichts verbergen wollen, wie du nichts verbergen kannst vor dem allwissenden Gott.

Angela!

Er war plötzlich stehen geblieben. Ob dabei ihre Hand von seinem Arm geglitten, ob sie ihm dieselbe entzogen, er wußte es nicht; aber er machte, wie sie jetzt langsam weiter schritten, keinen Versuch, die geliebte Hand wieder zu nehmen; es war ihm, als müsse er, was ihm freie Gnade gewährt, sich erst verdienen.

Hören Sie mich, teuerste Angela, freundlich an, auch wenn, was ich sagen werde, Ihnen für den Augenblick mißfallen sollte. Ich hoffe zuversichtlich, daß es nicht für immer ist; aber, wie es auch sei, sagen muß ich es, denn für diese Stunde, die mir bereits mehr gewährte, als ich in meinen heißesten Gebeten vom Himmel zu erflehen wagte, kann ich meine Dankbarkeit nur durch eines beweisen: durch lauterste Wahrhaftigkeit. Und was ich sagen werde, ist nicht die Eingebung des Augenblicks, sondern das Resultat vielfältigen Nachdenkens in sehr verschiedenen Stunden und Umgebungen, welches immer zu demselben Resultat führte, so daß ich wohl sicher sein kann, es werde das richtige sein. Für mich richtige, Angela, verstehen Sie! Und dies ist es, was ich herausgefunden. Ich habe kein Talent, durch welches sich oft selbst arm und niedrig geborene Männer eine glänzende Stellung in der Welt zu machen wissen; ich habe auch nichts gelernt, das auf dem Markt des Lebens einen höheren Kurs hätte; ich besitze schließlich keine Verbindungen, deren Macht und Einfluß bei so vielen den Mangel des Talentes oder Wissens wohl oder übel ersetzen müssen, denn der Name, welchen mein Vater zuletzt führte, ist, Sie wissen es, in Irland verhaßt, wie kaum ein zweiter, und doch bin ich ein zu guter Irländer und ganz gewiß viel zu stolz, um von meinen englischen Vettern für mich auch nur die kleinste Gunst zu erbitten. Was bleibt mir, wenn ich allein auf mich angewiesen bin? Den Wiedereintritt in die Armee habe ich mir offen gehalten, freilich; aber für den Dienst in unseren Kolonien, welcher allein Aussicht auf Avancement bietet, hat sich meine Konstitution als durchaus ungeeignet erwiesen; ich würde denselben voraussichtlich nur noch ein paar Jahre aushalten, und doch würde ich den sicheren Tod tausendmal dem geschäftigen Müßiggang des Garnisonlebens in England vorziehen. Quittiere ich definitiv, so werde ich einen guten Traineur auf der Rennbahn, einen passablen Waldhüter oder etwa einen zur Not brauchbaren untersten Lehrer in einer Privatschule oder letzten Clerk in einem Bankhause abgeben können – das wäre aber auch alles. Nun, merken Sie wohl, Angela: Ich würde vor nichts von dem allen, ja, vor keiner gemeinsten Arbeit, solange sie nur ehrlich ist, zurückschrecken, wenn die Ehre sie mir aufzwingt, und es sich dabei nur um meine Person handelt. Aber das Elend einer solchen Lage zu teilen mit Ihnen, für die mir kein Thron der Erde hoch und stolz genug dünkt – davor schaudere ich zurück – Sie müssen dies Gefühl verstehen.

Ich verstehe es nicht, rief Angela fast heftig, verstehe es um so weniger, als Sie vorhin selbst gesagt haben, Sie seien damals entschlossen gewesen und seien jetzt entschlossen, es darauf ankommen zu lassen, ob Ihre Mutter ihre Einwilligung geben wird oder nicht.

Vielleicht, erwiderte Edward, kann ich mich Ihnen durch einen Vergleich verständlich machen, der sich mir unwillkürlich aufdrängt, weil ich mehr als einmal in der betreffenden Lage gewesen bin; ich meine in der Lage, einen militärischen Befehl auszuführen, bei dem die Chancen zwischen Tod und Leben für ein Menschenauge völlig dieselben sind. Natürlich wird kein braver Soldat auch nur einen Moment schwanken, seine Pflicht zu thun; aber auch der bravste wird wünschen, und – wenn die Möglichkeit da ist – es so einrichten, daß er diese Pflicht thun kann mit möglichst großen Chancen für das Leben.

Befehl! Pflicht! rief Angela; hier ist von keiner Pflicht die Rede, die der Befehl eines andern uns diktiert. Hier handelt es sich um die Entschließung unseres eigenen Herzens, das sein Gesetz in sich selbst trägt, und wehe uns, wenn wir dieses Gesetz nicht zu deuten und zu befolgen wissen.

Vorhin hatte sie ihn wirklich nicht, jetzt hatte sie ihn sehr wohl verstanden und sagte sich, daß er von seinem Standpunkte aus vollkommen im Rechte war und ihr Einwurf die Sache gar nicht traf. Um so leidenschaftlicher war der Ton ihrer Erwiderung, aber auch um so brennender ihre Scham, als er nach einer kleinen Pause ohne die mindeste Spur von Empfindlichkeit entgegnete:

Ich fürchte, daß mein Bild nicht glücklich war; ich bin eben ein schlechter Redner – verzeihen Sie! Was ich sagen wollte, ist dies: Ihre Liebe ist ein so unermeßlicher Schatz, daß die Frage, ob ich diesen Schatz gewinnen soll, wenn ich kann, für mich gar nicht existiert. Es fragt sich für mich nur, ob ich ihn gewinnen kann unter Umständen, die nach menschlicher Einsicht ein dauerndes Glück zu gewähren scheinen – Umständen, die ich noch dazu nicht erst zu schaffen brauche, was mir ja eben, wie ich vorhin sagte, unmöglich sein würde, sondern die sich von selbst bieten, und deren ich mich bedienen darf, ohne mich der geringsten Illoyalität schuldig zu machen. Mein Großvater, Charles Gordon, war ein reicher Mann, das steht fest, und ich kann es beweisen, und nicht minder steht fest, und kein Mensch hat dem je widersprochen, daß er ein hochehrenhafter Mann war, der seinen Reichtum auf die legitimste Weise durch sein kaufmännisches Genie und seinen Fleiß erwarb. Auf dies Vermögen, das Charles Gordon seinem einzigen Sohne, Maurice Gordon, meinem Vater, hinterließ, habe ich, welchen Gebrauch auch mein Vater später davon gemacht oder leider! welchen Mißbrauch er damit getrieben, unbedingten Anspruch vor Gott und meinem Gewissen; und mein Gewissen hat mir stets erlaubt, von den Zinsen dieses Vermögens zu nehmen, was ich eben für meine Bedürfnisse nötig hatte, wenngleich das Kapital mit allem übrigen infolge der Stipulationen des Ehekontraktes zwischen meinem Vater und meiner Mutter in den bedingungslosen Besitz der letzteren übergegangen war. Lady Ballycastle – es müßte denn jeder Funke von Rechtsgefühl in ihr erloschen sein – kann sich nicht weigern, mir auch in Zukunft jene Zinsen auszuliefern, von denen ich niemals auch nur die Hälfte gebraucht habe, trotz mancher kostspieligen Gewohnheiten des Junggesellenlebens. Denn sehen Sie, Angela, es wäre nicht ehrlich von mir, wollte ich es verschweigen: wäre ich gezwungen, durch Arbeit mir mein Leben zu verdienen, so müßte ich unter vielem andern zuerst einmal zu arbeiten lernen. Ich habe es nie gethan, mein Leben ist von Anfang an ein geschäftiger Müßiggang gewesen; auf der Schule, der Universität, überall im Leben, blieb ich nicht bloß hinter den Wenigen weit zurück, welche zu den Dingen einen natürlichen Beruf mitbrachten, sondern auch hinter den Vielen, welche die Dinge notgedrungen zu ihrem Berufe machten. Der einzige Versuch, den ich jemals in jungen Jahren unternahm, es jenen gleich zu thun – ich erzählte Ihnen davon, und Sie erinnern sich vielleicht – in München auf der Akademie – fiel so kläglich aus – ich bin seitdem immer zufrieden gewesen, wenn ich mich mit den Aufgaben, die mir gestellt wurden, anständig abfinden, in den jedesmaligen Lagen, wie sie nun waren, behaupten konnte, ohne Ruhm freilich, aber auch ohne Schande. Ich fühle sehr wohl, in welchem ungeheuren Widerspruch diese vorsichtige Bescheidenheit, zu der mich das Nachdenken über mich selbst gezwungen hat, mit meiner Liebe zu Ihnen steht, und Gott ist mein Zeuge, wie ich in diesem Widerspruch gekämpft und gerungen, und wie ich den Gedanken, ein so einziges Wesen für mich zu gewinnen, als sündhaften Hochmut und Wahnsinn von mir gewiesen, bis ich – in Ballycastle – in den letzten Tagen – zu bemerken glaubte, daß – ach, teuerste Angela, Sie wissen ja alles und haben mich heute für alles entschädigt, was ich in diesem Jahr um Sie gelitten. Nun aber seien Sie auch ganz gnädig, demütigen sie mich nicht so tief, daß ich, der ich Ihnen so wenig bieten kann, auch mit den leeren Händen des armen Mannes vor sie treten soll. Ich hoffe zu Gott, es soll mir gelingen, trotzdem Sie vorhin das Gegenteil behaupteten, und es ist vielleicht gut für uns beide, daß Sie dazu nicht Ihre reine Hand bieten wollen, und ich allein es bin, der das Haus errichtet, welches Sie mit dem Glanze Ihres Geistes und dem Zauber Ihrer Anmut füllen und durchleuchten werden.

Während Edward so sprach, legte sich schwer und schwerer auf Angelas Hirn und Herz ein fürchterlicher Druck, den abzuwehren sie vergebens rang. Was der stattliche Mann da an ihrer Seite in seiner ruhig bedächtigen Weise sagte, Wort für Wort gleichsam abmessend wie seine gleichmäßig festen Schritte, das klang ja alles, das war ja alles richtig – er konnte ja, wie er nun einmal war, gar nicht anders sprechen, anders denken; und nicht nur, wie er war: jeder in seiner Lage würde so denken, so sprechen müssen – und war doch alles falsch für sie, ihr das Licht raubend und die letzte Lebenslust, sie in einen Kerker bannend, versenkend in ein Grab mit all den süßen Hoffnungen, in denen sie sich noch eben gewiegt, mit allen Gebeten, die sie noch eben zum Himmel gesendet, wie stolze, sonnenfrohe Adler, und die nun zu ihr zurückgeflattert kamen, verschüchterten, verwundeten Tauben gleich. Das Opfer, das sie demutsvollen Sinnes dargebracht hatte, war zurückgewiesen mitleidlos, wie eines Heuchlers schnöde Gabe!

Und wenn es denn nicht sein konnte, sie Arnold nicht vorangehen durfte auf dem steilen Dornenpfade der Entsagung – wenn sie verstummen mußten, die Engelszungen, die ihn das erhabene Wort lehren sollten, mochten denn doch die Dämonen freies Spiel haben: Hoffart, Stolz und Weltgier, wie sie der Lady Ballycastle geschäftig dienten, wie sie jeder Lady Ballycastle gefällig dienen würden! Auch das würde er verstehen, und es würde vielleicht den entschlummerten Ehrgeiz wieder in ihm wachrufen, ihn daran mahnen, daß die Herrscher in jedwedem Reiche zur freude- und liebeleeren Einsamkeit verdammt sind.

Aber eines bescheidenen Land-Edelmannes bescheidene Frau, deren Leben in satter Behaglichkeit dahingleitet, wie der träge Bach durch ihres Gemahls fette Wiesen; die keine höhere Aufgabe hat, als den Pächtersfrauen und Mädchen ein Muster von Respektabilität zu sein; deren Leben zwischen dem Sofaplatz im Drawing-Room und dem Ehrensitze in der Kirche regelmäßig sich bewegt, wie das Pendel der Kirchturmuhr, welche die endlosen bleiernen Stunden zählt, bis, dem Himmel sei Dank, die letzte schlägt und der langweiligen Komödie ein Ende macht – sie hörte sein wildes Lachen, sein bitteres Höhnen: Das verlohnte sich in der That! Das war ein Meisterstück, nur schade, daß ich es dir bereits vorgemacht habe! Oder wolltest du mir nur damit sagen, daß ich mich sehr mit Unrecht all diese Zeit gequält und geschämt, ich vielmehr sehr vernünftig gehandelt, als ich meine Freiheit verkaufte für Haus und Hof und den übrigen Plunder? Ohne einen ungeheuren Widerspruch geht es dabei nicht ab – freilich; aber die leeren Hände des armen Mannes werden dir nimmer das sorgenfreie Heim erbauen, das du ja dann mit dem Glanze deines Geistes und dem Zauber deiner Anmut erfüllen und durchleuchten kannst –

Sie war sich des Frevels wohl bewußt, als sie so die treu gemeinten Worte des Mannes an ihrer Seite gegen ihn wendete und seine ehrliche Ueberzeugung verspottete und verhöhnte; aber sie konnte nicht anders, wenn sie nicht ersticken sollte; es legte sich auf sie wie ein schwarzes Sargtuch – Luft! Luft!

Um Gott, Angela, was ist Ihnen?

Nichts, nichts; es wird vorübergehen – lassen Sie uns dort hinaus – an den See –

Sie waren nun doch von dem Platze in die Hauptstraße geraten, und sie deutete in die Nebenstraße, welche sie vorhin der Beamte hinaufgewiesen hatte und durch die sie nach wenigen Schritten, vorüber an der gefährdeten, jetzt mit einer roten Laterne bezeichneten Stelle, auf die Quai-Promenade gelangten. Der Weg an der Stadtmauer, den Angela vorhin nicht hatte gehen mögen, konnte nicht stiller und einsamer sein, als die Promenade zu dieser Stunde. Sie dachte nur flüchtig daran, als er jetzt, ohne um Erlaubnis zu bitten, mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit wieder ihren Arm nahm und sie in ängstlich besorgtem Tone fragte, ob es ihr nun besser gehe, und wie große Vorwürfe er sich mache, Bobs Rat nicht gefolgt zu sein und heute selbst die Möglichkeit einer Begegnung vermieden, alles bis auf morgen verschoben zu haben. Bob sei nach Genf gefahren, um das von Basel aus durchexpedierte Gepäck, mit dessen Auslieferung man Schwierigkeiten mache, abzuholen; der gute Junge habe ihn noch im Momente der Abreise zur Vorsicht ermahnt und ihm zugleich Grüße an Angela aufgetragen, als habe er gewußt, daß ihre Begegnung doch stattfinden würde.

Angela hörte nur halb, was Edward sprach; sie mußte wohl etwas zu Bobs Lob gesagt haben, denn Edward pries nun seinen Freund als den besten, treuesten Menschen, der ganz unter der Herrschaft seltsamster und bizarrster Launen zu stehen und nichts anfassen und betreiben zu können scheine, wie andere vernünftige Menschen, und trotzdem nicht nur stets von den edelsten Empfindungen und Motiven geleitet werde, sondern auch bei jeder Gelegenheit, die ihm wichtig genug sei, den klarsten, mit einer seltenen Energie gepaarten Verstand offenbare.

Sie kamen vorüber an jener Landungsbrücke, auf welcher Angela die Briefe gelesen hatte. Im Geiste sah sie sich von der Brücke wegstürzen, umschwirrt von den krächzenden Möven. Hatte sie etwas von Herrn Lerma gesagt? Wahrscheinlich; sie hörte Edward sagen: Ich habe nie einen Herrn dieses Namens gekannt, erinnere mich auch nicht, daß der Name in irgend einer Unterhaltung mit meiner Mutter vorgekommen wäre. Und Sie haben den Eindruck empfangen, daß der Herr ein Freund von mir und ein alter Bekannter meiner Mutter sei?

Ich weiß es nicht, murmelte Angela; ich kann mich geirrt haben; ich hoffe es.

Wie das? Sie hoffen es? Mir deucht, einen Freund mehr, wer es auch sei, müssen wir willkommen heißen.

Angela antwortete nicht. Sie selbst hatte ja vor einer Stunde noch den ihr von dem alten Herrn zugesagten geheimnisvollen Beistand freudig begrüßt, und jetzt war es ihr, als wäre es vor Jahren gewesen, in einer Stimmung, in die sie sich nicht wieder zurückversetzen, aus Gründen, auf die sie sich nicht mehr besinnen konnte, oder doch nur, um sich zu fragen, wie es denn möglich sei, daß sie sich jemals für ein Phantom habe begeistern können. Und dann kam es mit siedender Angst über sie, daß dieses Phantom kein Phantom mehr sei, daß es leibhaftig neben ihr wandle in der mächtigen Gestalt des Mannes mit dem breiten, gelben Barte, der ihr stets wie eine große, gutmütige Dogge vorgekommen war; und daß sie den Mann werde heiraten müssen, weil er Hunderte von Meilen Tag und Nacht gereist, um sie zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle, und sie Ja gesagt hatte; und daß, wenn sie jetzt sage, daß alles nur ein seltsamer Traum gewesen und es sich an seiner Seite nicht träumen lasse und sie erwacht sei – sich die gutmütige Dogge in einen rasenden Löwen verwandeln werde.

Sie waren an der Pforte des Hotelgartens angelangt; Angela sagte es ihrem Begleiter, und daß sie ihm für seine Güte danke und ihn morgen zu sehen hoffe.

Wenn Sie erlauben, so begleite ich Sie noch weiter.

Ich werde Sie jetzt kaum der Baronin vorstellen können; ich verließ sie sehr angegriffen und möchte sie gerade heute nicht noch mehr aufregen.

Ich will nicht zur Baronin, der ich meine respektvolle Empfehlung zu machen bitte, und der ich mich morgen präsentieren werde; ich will zu Lady Ballycastle.

Ah!

Ich denke, es ist das beste; da ich nun einmal hier bin, kann meine Mutter verlangen, daß ich nicht die Nacht darüber vergehen lasse, ohne sie gesehen und ihr mitgeteilt zu haben, was zwischen uns ausgemacht ist; Sie, teuerste Angela, müßten denn anderer Meinung sein.

Nein, nein! murmelte Angela; ich glaube auch, daß es das beste ist.

Sie hob den scheuen Blick zu ihm auf. Das immer ernste, stille Gesicht hatte in dem matten Schein des Mondes etwas seltsam Feierliches – das war der Krieger, der seine Pflicht thut, es fallen nun die Würfel für Leben oder Tod. Das schauderhafte Bewußtsein ihrer Lüge überkam sie mit erschütternder Gewalt.

Nein! Nein! Gehen Sie nicht zu Ihrer Mutter! Heute nicht! Sie ist gegen mich voll wilden Zornes; sie ist es auch gegen die Baronin, mit der sie bereits in dem Zimmer des Kranken eine peinliche Scene gehabt; es ist die schlimmste Stunde, die Sie wählen können!

Ich wähle die Stunde nicht, erwiderte Edward; ich nehme sie, wie sie ist, weil sie eben ist, und morgen nicht besser und nicht schlimmer sein wird.

Angelas Angst wuchs grenzenlos.

Sie sollen auch morgen nicht! nie! nie! ich will die Ihre sein – wann Sie wollen – auf der Stelle – ich will mit Ihnen gehen, wohin Sie wollen – wir wollen arbeiten – ich will für Sie arbeiten – Tag und Nacht – ich kann alles, alles – Sie werden es nie bereuen – keine Stunde Ihres Lebens – aber geben Sie den Gedanken auf, mich reich zu machen – das ertrüge ich nicht!

Sie hatte seine beiden Hände ergriffen und an ihren Busen gedrückt. Er machte sich sanft los und hielt sie in beiden Armen, ohne sie an sich zuziehen.

Liebste, Teuerste! Ich danke Dir, danke Dir aus der Tiefe meiner Seele. Und wenn ich wirklich einen Augenblick gezagt habe, zu thun, was Verstand und Ehre gleich gebieterisch von mir fordern – jetzt zage ich nicht mehr. Ist mein Ideal auch nicht so rein und hoch wie Deines, Du holder Engel, ich bin ihm darum nicht minder verpflichtet. Noch einmal, ich danke Dir!

Er bog sich zu ihr, daß er das krause Haar über ihrer Stirn mit den Lippen berühren konnte, ließ sie aus seinen Armen und führte sie die Stufen hinauf durch den Garten nach dem Hause, dessen Fenster jetzt fast sämtlich erhellt waren. Bob mußte ihm die Situation sehr genau beschrieben haben; er leitete, ohne zu fragen, Angela bis zu der Veranda und reichte ihr die Hand.

Gute Nacht! Ich schreibe hernach in dem Bureau eine Karte, auf der ich den Ausgang melde. Und noch einmal, gute Nacht!

Er hatte ihr die Hand geschüttelt und ging auf die große Glasthür zu, vor der er stehen blieb, nach der Veranda hinüber zu winken. Dann war er eingetreten; klirrend schloß sich hinter ihm die Thür. Die hohe Gestalt stand noch einen Moment dunkel in dem hellen Rahmen und war verschwunden.

Angelas Blick war auf die Thür gerichtet; sie konnte nichts mehr denken, nichts mehr empfinden. Plötzlich war es, als ob eine leise Stimme hinter ihr ihren Namen flüstere, eine Hand sie berühre. Aber es war nur vom See ein kühler Lufthauch, der rauschend und raunend durch die dürren Blätter der Büsche strich und mit ihren Kleidern spielte.

Und so wirst du von nun an vor jedem Hauche zittern, murmelte sie, sich mit einer gewaltsamen Anstrengung aufraffend.

Aus dem Salon dämmerte durch die herabgelassenen Vorhänge das Licht der Lampe. Wie sollte sie der Baronin unter die reinen Augen treten?

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