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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XVI.

So, sagte die Baronin, nun machen Sie Ihren Abendspaziergang; aber kommen Sie nicht so spät zurück, wie gestern. Und noch Eines, liebes Kind, ehe ich's vergesse: Nanni hat mir ganz besonders aufgetragen, Sie recht schön von ihr zu grüßen; sie wäre so gern heruntergekommen, aber kann es nicht über sich bringen, ihn auch nur einen Augenblick zu verlassen. Das arme Gör! sie thut mir wahrlich von Herzen leid; ich fürchte, da ist etwas zwischen den beiden – na, wer weiß, wozu das alles gut ist. Danke, danke! ich liege prachtvoll; es ist man von wegen heute Nacht, wo ich doch möglicherweise herausgetrommelt werde – sonst, wissen Sie –

Die gute Frau hatte die letzten Worte bereits mit geschlossenen Augen nur noch eben gemurmelt. Angela stand ein paar Momente, den langen ruhigen Atemzügen lauschend, zog die Decke vorsichtig ein wenig tiefer auf die Füße der Schlafenden und verließ unhörbaren Schrittes das Gemach.

In dem Salon traf sie den Kellner mit dem Abräumen beschäftigt. Es mochte zehn Minuten her sein, daß sie sich vom Tische erhoben hatten, und die wenigen Sachen, welche zu dem einfachen Mahle gedient, konnten längst beseitigt sein, besonders da sie dem Manne, um der Baronin willen, vorhin die größte Eile anbefohlen. Sie that das letztere noch einmal, während sie Hut und Tuch nahm, die Auguste schon für sie zurechtgelegt, und daß er möglichst wenig Geräusch machen möge.

Jean setzte die letzten Gläser auf die Tablette, schlug das Tischtuch zusammen und schien im Begriffe, mit den Sachen abzugehen, als er plötzlich alles wieder hinstellte und, die Hand an der Innentasche seines Fracks, so schnell auf Angela zutrat, daß sie bestürzt einen Schritt zurückwich.

Pardon, Madame! sagte Jean; ich bin der Zimmerkellner du premier und habe hier für Madame zwei Briefe, von denen ich den einen nur abgeben sollte, wenn ich Madame allein träfe. Da habe ich mit dem anderen auch so lange gewartet.

Jean hatte, indem er so in leisem Tone und mit einem bezeichnenden Blick nach der Thür zum Schlafzimmer der Baronin sprach, zwei Briefe hervorgezogen, die er nun Angela hinhielt.

Von wem? fragte Angela, noch weiter zurückweichend.

Nehmen Sie, Madame, sagte Jean, der ihr gefolgt war; – der eine ist von Monsieur Lerma; sein Diener wollte ihn nicht abgeben, während die Damen beim Diner waren; und der andere möchte in Madames Händen sicherer sein, als in meinen. Nehmen Sie!

Er hatte ihr die Billets geradezu in die Hand gesteckt, die bereitstehenden Sachen ergriffen und war zur Thür hinaus, ohne Angelas leisen Ruf: Bleiben Sie! zu beachten.

Ihr erster Schrecken war durch den Namen des alten Herrn einigermaßen beruhigt worden, und wer konnte der Absender des andern Billets, welches keine Adresse hatte, sein, außer Mr. Swift!

Dennoch zitterten ihre Kniee, wie sie jetzt, die Briefe in der Hand, in dem halbdunklen Gemache stand. Es war ja kindisch; nachdem sie sich einmal entschlossen, allein ihren Weg zu gehen, mußte sie alles, was auf dem Wege lag, in den Kauf nehmen. Hatte sie sich doch nicht einmal überwinden können, der Baronin, welche von den Angelegenheiten ihrer Nichte freilich ganz in Anspruch genommen war, die seltsame Scene mit dem alten Herrn zu erzählen, trotzdem er um seine Empfehlung gebeten und seinen Besuch angekündigt; und den eigentlichen Inhalt ihrer Unterredung mit Mr. Swift auch nur anzudeuten, war ihr nicht einmal in den Sinn gekommen. Durfte sie sich wundern, wenn die Geheimnisse, in die sie sich selbst gehüllt, wiederum Geheimnisse erzeugten? Mußte sie nicht dankbar sein, daß der Mensch ihr die Briefe nicht in der Baronin Gegenwart überreicht? die Baronin nicht, durch das Hin- und Herreden aus ihrem Schlummer erweckt, die Thür öffnete und fragte: Was haben Sie da, Angela?

Sie hatte die Briefe in der Tasche geborgen und glitt aus dem Salon, die Thür leise öffnend und schließend, auf die Veranda. Dort blieb sie stehen, ungewiß, wohin sie sich wenden sollte. Aus dem Hotel, dessen Gäste jetzt an der Table d'hôte versammelt waren, schimmerten bereits die Lichter; auch zwischen den dichten Bosketts des stillen Gartens lag schon tiefe Dämmerung; aber über die zarte graue Silhouette der Bäume und Büsche vom See her blickte der helle Abendhimmel. Sie eilte auf den ihr nun schon vertrauten Wegen nach der Pforte, welche, eine Steintreppe hinab, aus dem Garten unmittelbar auf die Quai-Promenade führte.

Nun ging sie langsamer an der niedrigen Quaimauer hin, links neben sich den See, rechts, parallel mit dem schmalen Promenadenwege, die Fahrstraße, welche auf der andern Seite von den Mauern der Hotelgärten begrenzt wurde. An der Quaimauer lehnten und hockten in weiten Zwischenräumen einzelne Gestalten von Fischern und Schiffern; sonst war die schier endlose Vista völlig verödet, so weit ihr scharfes Auge reichte. Dennoch bog sie von der Promenade auf die nächste Landungsbrücke, ging dieselbe bis zum äußersten Ende und blickte sich noch einmal vorsichtig um, bevor sie nach den Briefen in die Tasche griff. Der des alten Herrn war ihr zuerst in die zitternde Hand gekommen. Die Aufschrift lautete: »An Fräulein von Seeburg, Hochwohlgeboren«, und mit der altfränkischen Adresse stimmten die großen deutschen, fast bis zur Unleserlichkeit verschnörkelten Schriftzüge. Was mochte den alten Mann bewogen haben, sich einer für ihn gewiß unendlich mühseligen Arbeit zu unterziehen? Und sämtliche vier Seiten des kleinen Oktavbogens beschrieben, freilich nur ein paar Zeilen auf jeder Seite in unregelmäßigen Abständen und krausen Zickzacklinien, die hier und da ineinander verliefen, sodaß es Angela erst nach wiederholten Ansätzen gelang, den Inhalt zu enträtseln. Nun las sie im Zusammenhange noch einmal:

»Verehrtes, liebes Fräulein!

Ich bedauere tief, daß ich heute Vormittag in meiner grenzenlosen Ueberraschung nicht die Geistesgegenwart hatte, Sie von einigem zu unterrichten, was ich Ihnen hätte mitteilen können, vielmehr, nach Lage der Dinge, hätte mitteilen müssen. Nun bin ich, infolge eines Falles, den ich gestern gethan, und der Emotionen von heute krank an das Sofa gebannt, unfähig, die Treppe hinab, Ihnen und der Frau Baronin die angekündigte Visite zu machen. Ich hoffe, ich finde morgen die Kraft dazu. Wenn nicht, würden Sie – auf meine diesfallsige nochmalige Benachrichtigung – die große Güte haben, auf seinem Zimmer einen alten Mann aufzusuchen, der reichlich Ihr Vater sein könnte, wie er denn zu der Guten, Hilfreichen eines Vaters liebevolles Gefühl hegt und freudig den Rest seines Lebens geben würde, ihr zu dem zu verhelfen, worin er – und, – ich vertraue dem Höchsten – nicht er allein, das Glück ihres Lebens steht.

Mit viel treuen Wünschen Ihr herzlich ergebener Lerma.«

Angela stand, die Hand, die noch den seltsamen Brief hielt, auf dem Geländer der Brücke, und blickte in das stille Wasser, als ob aus der dunkeln Tiefe die Lösung des Rätsels zur hellen Oberfläche steigen müßte. Daß sich das Rätsel um Lady Ballycastle bewegte, daß der alte Mann nicht nur im allgemeinen um ihr Verhältnis zur Lady wußte, sondern ganz bestimmte Kunde davon und dann auch wohl sicher von Edward Gordons Gefühlen für sie hatte – daran konnte sie nach diesem Briefe nicht mehr zweifeln; und eigentlich war es ja nur der letzte Punkt, der erst aus dem Briefe hervorging – das andere hatte sie bereits aus der wunderlichen Unterhaltung heute Vormittag schließen müssen und auch wirklich geschlossen. Aber freilich war sie damit der Erklärung so wenig näher, als sie die Berge drüben deshalb erreichen konnte, weil sie dieselben mit Augen sah. Oder – ja, so mußte es sein: Der alte Mann war ein Freund und Vertrauter Edward Gordons, wie sich auch Mr. Swift, ohne daß sie vorher eine Ahnung gehabt, urplötzlich als ein solcher enthüllt. Und die beiden Freunde – der jüngere, der ihr von Rom aus Schritt für Schritt bis hierher gefolgt, und der ältere, der sich hier zufällig zu ihm gesellt oder hier absichtlich mit ihm zusammengetroffen – sie beide wirkten, arbeiteten einander in die Hände – wozu?

Ein feierlicher Ernst lag auf ihren Zügen, wie sie jetzt die Augen zum Himmel erhob:

Du bist mein Zeuge; ich will für mich kein Glück; will nichts als seines, das er erst finden wird, wenn zwischen mir und ihm ein Abgrund liegt, tiefer als der See hier, wie tief er auch sei; und daß ich nur ein Gebet habe: Laß mich das Opfer bringen ganz allein, wenn auch zwei zum Altar treten –

Sie löste langsam die über dem Briefe des alten Mannes gefalteten Hände; nun mochte sie ruhig den andern lesen, dessen Inhalt sicher mit dem des ersten im Zusammenhang stand, vielleicht das Geheimnis, welches der vorsichtige Alte morgen mündlich enthüllen wollte, schon jetzt verriet. Es würde das ganz in Mr. Robert Swifts kecker Weise sein. War seine wunderliche Reise nicht auch ein inhaltsschwerer Brief ohne Adresse gewesen?

Sie lächelte flüchtig, wie sie jetzt das zweite Kouvert erbrach; aber der erste Blick, den sie auf das augenscheinlich aus einer Brieftasche gerissene, mit flüchtigen Bleistiftzügen bedeckte Blatt warf, machte ihr das Blut im Herzen stocken. Ihre Hände zitterten, die blasse Schrift tanzte vor ihren Augen; mit einer gewaltsamen Anstrengung zwang sie sich zu lesen:

»Ich habe sie alle weggeschickt; ich muß die Zeit benutzen, wenn mir der Kopf auch zum Zerspringen schmerzt. Habe Dank, Dank! Und ich Elender konnte an Dir zweifeln, verzweifeln! Nun ist es doch gut, daß ich nicht tot bin, daß ich lebe, Dir, Dir! der Kühnen, Starkmütigen! nun, und in alle Zukunft, die mich, Dich entschädigen soll tausendfach für die feige Vergangenheit, für alles, was wir in unserer Verblendung gefrevelt! Daß ich hier thatlos liegen muß! Ein wenig bist auch Du schuld; Du schienst mir gestern so gar keine Hoffnung zu lassen. Aber morgen bin ich wieder gesund, und kein Mensch soll mich halten, und alle Menschen sollen wissen, daß wir uns endlich auf uns selbst besonnen. Wäre es morgen!

Der Mensch, durch den ich dies schicke, ist sicher; wie – ihn eine Hand voll Goldstücke machen kann. Und wenn nicht – was kommt darauf jetzt noch an! Die lange Nacht der Heuchelei ist zu Ende. Ob's den Eulen eine Stunde früher tagt, was kümmert's die Adler? Und so, trotz der ganzen Welt; Dein Arnold

O der Schmach! der Schmach!

Sie hatte das Blatt zerrissen und die Stücke ins Wasser geschleudert. Die Möven, welche sie von den Geländern der Brücke verscheucht und die inzwischen über ihr Kreise um Kreise durch die Luft gezogen, stürzten sich, beutefroh, mit zusammengelegten Schwingen herab und flatterten, enttäuscht, wieder empor, ihr ums Haupt, wirr durcheinander schießend, ärgerlich krächzend.

Ihr, ihr! Aber er! – ein hungriges Tier! O der Schmach!

Sie war von dem Brückenkopfe und der Tiefe unter ihr auf den Promenadenweg geflohen, wie gestern aus dem finstern Korridor in ihr sicheres Zimmer. Sie wollte nicht mit ihm wahnsinnig werden.

Und Wahnsinn war noch die einzige Erklärung und Entschuldigung. Oder wie tief mußte er gesunken sein, der einst so Feinfühlige, Empfindliche, Stolze, wenn er ihr Kommen so mißdeuten, ihre Absicht so verkennen, wenn er es wagen konnte, dies auszudenken, dies zu schreiben, dies zu schicken, ihr, wie einer Dirne, für die der erste Beste als Bote und Kuppler gut genug ist! Und es planen, vollführen, während sein Weib, das er mit einer Lüge von seinem Krankenbette entfernt, sich in der Nebenstube um ihn härmt, und oben die Kinder traurig herumsitzen oder sich nur auf den Spitzen der kleinen Füße bewegen, den kranken Papa nicht zu stören, obgleich er durch zwei Treppen von ihnen getrennt ist. O der Schmach und des Jammers, daß es so weit gekommen!

Durch ihre Schuld?

Sie hatte es heute Nacht geglaubt; aber dies bewies, daß sie sich zu unrecht angeklagt. Wie damals ihr spröder Stolz seiner wilden Laune zum Vorwand hatte dienen müssen, um mit ihr zu brechen, so mußte ihm jetzt, um seine Frau zu verstoßen, die Unbedeutendheit derselben als gefälliger Grund herhatten. Und dazu sollte sie Ja und Amen sagen? Helfen, Schmach auf Schmach, Jammer auf Jammer zu häufen? Eine schuldlose Frau ihres Gatten zu berauben? die Kinder ihres Vaters? Auf dem Wege sollte sie mit ihm gehen, Hand in Hand!–

Pardon, Madame, es ist verboten, hier zu passieren.

Angela hatte in ihren trostlosen Gedanken, des Weges nicht achtend, die Promenade fast in ihrer ganzen Länge durchmessen und war jetzt an eine Stelle gelangt, wo vor einem von der Häuserseite bis zur Quaimauer gespannten Strick ein paar Leute standen, von denen eben ein Mann in Uniform ihr entgegengetreten und sie angeredet hatte.

Erst seit gestern, fuhr der Beamte in höflich erklärendem Tone fort, seit dem Sturme in der Nacht. Es haben sich große Risse in der Mauer gezeigt, wir müssen fürchten, daß diese ganze Strecke von hier bis zum Markt – sechsundfünfzig Meter, Madame! – in den See rutscht.

Sind dann die Häuser an der Seite nicht auch gefährdet? fragte Angela.

Doch nicht, Madame, erwiderte der Beamte; wir hoffen wenigstens, daß es nicht der Fall ist. Sie stehen auf dem lebendigen Felsen, und zwar hart bis an den Rand. Der Quai selbst aber mit der Mauer ruht auf einem Mahlwerk, welches äußerst mühsam anzubringen war und der Stadt große Kosten verursacht hat. Leider vergeblich. Denn es stellt sich nun heraus – freilich Monsieur Violet, der berühmte Ingenieur von Genf, hat es immer behauptet, – daß die Pfähle trotz ihrer Länge keinen sicheren Grund erreicht haben, sondern in einem Konglomerat – aber ich weiß nicht, ob Madame mein technisches Kauderwelsch versteht.

O doch, ich kann Ihnen sehr gut folgen.

Pardon, Madame, ich hätte es mir denken können: Madame spricht ja selbst ein so ausgezeichnetes Französisch. Also: die Pfähle stecken in einem Konglomerat von Sand und Kies und Lehm, welches eine Strömung des Sees wieder fortnehmen kann, wie es durch eine andere vor Jahren einmal da abgelagert ist. Und wir fürchten eben, daß dies schon bei einem nächsten Sturm geschehen wird.

Und das wäre ein unersetzlicher Schaden?

Ganz gewiß, Madame, unersetzlich, denn jedes neue Bauwerk, welches man auf dieser Stelle aufführte – vorausgesetzt, daß man überhaupt damit zustandekäme, würde über kurz oder lang dasselbe Schicksal haben. Es ist sehr hart. Unsere schöne Promenade, auf die wir so stolz waren! Gerade hier, wo sie auf den großen Landungsplatz mündet, dessen Baume Madame von hier sieht und der ja eigentlich noch zur Promenade gehört. Madame wollte nach dem Markt? Da muß Madame die Güte haben, sich hier in diese Querstraße zu bemühen, welche auf die Hauptstraße führt, wo sich Madame dann links halten will, um nach wenigen Schritten an Ort und Stelle zu sein – ein Umweg freilich, aber den wir von jetzt an in Zukunft alle werden gehen müssen.

Ich danke Ihnen, mein Herr.

Ich habe zu danken, Madame, daß Sie mir so freundlich zugehört, und um Entschuldigung zu bitten, daß ich Sie so lange aufgehalten.

Der Beamte lüftete, sich verbeugend, sein Käppi; Angela schlug den ihr bezeichneten Weg ein. Der Zwang, den sie sich dem höflich gesprächigen Manne gegenüber hatte anthun müssen, war wie eine mitleidige Hand gewesen, die den von qualvollem Traume Geängstigten kräftig aufrüttelt. Es war ja nur ein trauriges Erwachen, aber ein Erwachen doch, eine Mahnung der Wirklichkeit, sich auf sich selbst zu besinnen, auf den hohen Himmel zu unseren Häupten, auf die dauernde Erde, über die uns noch unsere Füße tragen, mit all den anderen Menschen, unseren Brüdern, die wir nicht kennen und die uns nicht kennen, bis eine große, gemeinsame Not uns zusammenführt und uns die egoistischen Schmerzen des eigenen Herzens für den Augenblick vergessen macht. Die freilich wissen wohl noch nichts von Schmerzen; für sie thut's auch eine gemeinsame Lust. Ihr Glücklichen, wie ich euch beneide!

Sie war nach kurzem Wege durch die Gassen auf jenen Platz hinausgetreten, welchen der Beamte einmal als Hafenplatz und das andere Mal als Markt bezeichnet hatte, und der, wie sie nun sah, in der That beides war: ein großes, auf drei Seiten von Häusern umgebenes, auf der vierten Seite nach dem See zu offenes, rings mit Bäumen bepflanztes Quadrat, in dessen freier Mitte nach dem Schall kräftig und kunstvoll gerührter Trommeln mehrere hundert großer und kleiner Knaben militärische Evolutionen mit ebensoviel Feuer wie Genauigkeit ausführten. Wieder Hunderte von Menschen – Männer und Frauen, Buben und Mädchen – standen in Gruppen unter den Bäumen, dem anmutigen Schauspiele zusehend, das sich da vor dem herrlichen Hintergrunde des purpurnen Sees und der dunkelnden Alpen unter dem reinen Abendhimmel im lieblichen Zwielicht bewegte. Der Soldatentochter schlug das Herz mit dem Takte der Trommeln. Das war die Jugend, der ihres Vaters ganzes Herz gehört, der er sein ganzes Leben geweiht hatte – erst in Reih' und Glied und dann als Erzieher, Lehrer in Wort und Schrift, unermüdlich, bis ihm der Tod die fleißige Feder aus der Hand nahm, wie einstmals die Not den tapferen Degen. Die Not und – die Liebe! Es mochte ein furchtbares Opfer für ihn gewesen sein, obschon kein Wort der Klage jemals über die keuschen Lippen kam. Sie hatte es oft und oft geahnt, wenn sie ihn sinnend, müde von der Arbeit, in seinem Stuhl zurückgelehnt sitzen sah, oder am Fenster stehend, mit sonderbar glänzenden Augen herabblickend auf die Truppen, die da unten mit klingendem Spiele vorübermarschierten. Ein auf großes Wirken angelegtes, in seinem kräftigsten Trieb geknicktes, verkümmertes, verfehltes Leben! Armer Vater, arme Tochter! O, wäre ich einer von euch! Auf den Locken das Käppi, auf der Schulter die Flinte, die frischen Glieder regend in heiter-ernstem Spiele, die Brust geschwellt von eitel Lust an dem Heute und froher Erwartung auf das Morgen!

Von der nahen Kapelle im Hintergrunde des Platzes, von den Türmen der Stadt klangen die Glocken, Feierabend gebietend und den morgenden Sonntag verkündend. Ein langgezogenes Hornsignal schallte darein; die Scharen auf dem Platze, die Gruppen unter den Bäumen hatten sich gelöst und wirrten durcheinander. Und so wirrte und so hastete man sich am Ende des Marktes, wo um ein Gebäude mit offenen Hallen ein wirklicher Markt noch bis zur Stunde stattgefunden hatte, der nun in aller Eile abgebrochen wurde: kleine Buden mit Schnittwaren und Kinderspielzeug; lange, niedrige Tische mit halbvollen Gemüsekiepen und Fruchtkörben; leere Kiepen und Körbe durcheinander geworfen an der Erde oder bereits sorgsam geschichtet auf den Wagen und Karren; und zwischen Buden und Tischen und Wagen und Karren ein Schieben und Drängen von Männern und Weibern und Mädchen und Buben, und Rufen und Lärmen, Schwatzen und Lachen.

Wie das so herzerquickend klang, wie es so wohlthat, sich langsam durch die Menge zu winden, erhielt sie auch einmal von einem ungeduldigen Ellbogen, von einem ungeschickt getragenen Korbe einen derben Stoß, dem fast jedesmal ein höfliches Excuse, Madame! folgte; und nun eine direkte Anrede gar von einem Bäuerlein, dem der reichlich genossene Wein aus den glänzenden, zwinkernden Aeuglein sah:

He, Madame, wie befindet sich unser Patient?

Sie irren sich, mein Freund.

Excuse, Madame, sah Madame am Fenster stehen; Madame machte so große, schöne, erschrockene Augen; glaubte Madame gehöre zu Monsieur. Desto besser für Madame. Excuse, Madame!

Ah! sagte Angela; und dann mit schneller Entschlossenheit: Waren Sie von Anfang an zugegen?

Von Anfang an? Meiner Treu', ja; das heißt, Madame, um die Wahrheit zu sagen, nein! erst als sie ihn heraustrugen – die beiden Herren, und ein schweres Stück Arbeit war's, das kann ich Madame versichern; aber der mit dem großen Bart hatte die Kräfte eines Riesen – eines Riesen, Madame!

Die beiden Herren? Welche beiden?

Nun, Madame, der mitgefahren ist und der andere, der mit dem Jean Perret aus Chexbres weiterging, oder auch nachkam – ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß er mir ein Trinkgeld gegeben hat – ah! Madame, ein Trinkgeld!

Der Mann legte mit weinseligem Lächeln den Finger an die Nase und taumelte seitwärts.

Prenez garde, imbécile!

Der derbe Gesell mit dem Sack auf der Schulter hätte auch Angela fast umgerannt; sie eilte, aus dem Gedränge zu kommen, verfolgt von einer seltsam bangen Ahnung, welche die wirre Rede des Halbberauschten in ihr erweckt.

Sie war, von dem Menschenstrome gedrängt, in eine Gasse geraten, an deren Ende die Eisenbahn vorüberlief. Die Barriere war geschlossen; ein Zug rasselte heran und vorbei. Die Barrieren thaten sich wieder auf, der angestaute Strom ergoß sich über die Geleise in eine Vorstadtstraße, wie es schien, zwischen welcher und dem Bahnkörper ein mächtiger Felsen sich erhob, vorn terrassiert, auf seinem Plateau mit einer von hohen, breitkronigen Bäumen umdüsterten alten Kirche geschmückt. Die Terrassen waren durch breite, sanft aufsteigende Treppen bequem verbunden, zu denen Angela, dem Gedränge auszuweichen, hinanstieg, um, oben angelangt, sich auf dem »Panorama« zu befinden. Sie hatte in ihren Reisebüchern von dem Platze als von einem weltberühmten gelesen, und es hatte sie interessiert, daß in den Gewölben der alten Kirche die Gebeine Edmund Ludlows, eines der Richter Karls I. von England, und Andreas Broughtons, des Vollstreckers des Bluturteils, ruhten. So schweiften denn ihre Blicke zuerst voll Teilnahme über die ehrwürdigen Mauern, bevor sie, sich wendend, bis an den Rand der Terrasse schritt. Da dehnte sich nun zu ihren Füßen die Stadt, in deren engen, geschäftigen Gassen, die sie eben durchwandert, schon das Abendgrau lag, während noch hier und da ein Turm, ein höherer Giebel den matten Widerschein der Sonne zurückgab, die längst rechtshin gesunken war, wo der See in herrlicher Kurve sich schier endlos breitete, wie eine dunkle purpurgesäumte Schleppe zu den Füßen der finstern Majestät der Savoyer Alpen. Linksher über dem sanften Rebengelände der Uferhöhen, getragen von dem gewaltigen Vorgebirge von Glion, wie auf einem Gigantenschilde, wild sich einer auf den andern türmend, himmelan kletternd, himmelan drohend nackte, ungefüge Riesenfelsen, deren titanischer Trotz sich doch der stillen, makellosen Schönheit beugen mußte, mit welcher der Hochalpen ätherglanzumhüllte Häupter mitleidsvoll auf sie herabsahen.

Und so soll er beugen sein trotziges Haupt und das Wort lernen, dessen erhabenen Sinn er noch nicht ahnt!

Es zog sie in die Gesellschaft der Toten, deren Friedensstätte sich hinter der Kirche hügelaufwärts streckte, und in die sie bereits vorher einen Blick geworfen.

Nun wandelte sie auf schmalen, reinlich gehaltenen Pfaden zwischen den mit verwelkten Kränzen, frischen Herbstblumen, Trauerweiden, hölzernen Kreuzen und marmornen Säulen geschmückten Hügeln, hier in dem matten Abendlichte einen Namen entziffernd oder einen frommen Spruch, der, wie er auch lautete, für sie nur immer das eine Wort wiederholte.

Ja, sie alle hier hatten es gelernt von dem großen Lehrmeister, der die eigenwilligsten Geister zwingt und die verstocktesten Herzen öffnet.

Und wohl ihnen, denen der Finstere, Stummberedte nicht mehr viel zu lehren hatte, die nicht mit tauben Ohren und blinden Augen gegangen waren durch des Lebens Schule; die in feinen, frommen Herzen schon erwogen, was es auf sich habe mit der Herrlichkeit dieser Welt, und längst, ehe es gesprochen wurde, in sich vernommen hatten das letzte große Wort!

Wie ihr es vernommen habt, ihr trotzigen Puritaner, als das Reich Gottes, das ihr gründen wolltet auf Erden, dem Baal zum Opfer fiel und seinen Priestern; und ihr von dem teuren Heimatboden, den ihr mit eurem Blut gedüngt, hierher fliehen mußtet in die Fremde, unter fremdredenden Menschen das Brot der Verbannung zu essen, das euch so süß dünkte im Vergleich zu den Bitternissen des Kelches zerstörter Hoffnungen und geschändeter Ideale, den ihr hattet leeren müssen bis auf den letzten demütigenden Tropfen.

Und waret Männer, die ihr euren stolzen Fuß gesetzt hattet auf den Nacken von Königen!

Was soll denn ich mich sträuben, der es schon die Mutter, als sie mich noch auf dem Schoße wiegte, unter Thränen zugelächelt; die ich es abgelesen habe von des Vaters bleicher Stirn! ich, als Weib, auch ohne das geboren zum Dulden und Dienen und Tragen und – Entsagen!

Und hier, in der Toten stiller Stadt, an dieses Grabes Rand, das kein Kreuz schmückt und kein Stein, dem keine liebende Hand auch nur die bescheidenste Blume, das ärmste Kränzlein spendete, entsage ich dir, den ich einst so heiß geliebt, für immer und immer; und bete für dich, daß du mein Opfer verstehen mögest; und für mich, daß ich es bringe, voll und ganz mit reinen Händen; und für ihn, den ich nicht betrügen, dem ich gehorchen und dienen will, als sein treues, ehrliches Weib, bis mein Herz seinen letzten Schlag gethan und stillesteht für immer.

Sie war in die Kniee gesunken und lag so lange Zeit. Ein lauteres Rauschen des Abendwindes in den dürren Blättern der Trauerweide auf dem Nachbargrabe erweckte sie. Sie erhob sich und schritt langsam durch die langen Zeilen der Gräber nach dem Ausgange des Friedhofes.

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