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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XV.

Bob war ihrer stummen Einladung gefolgt und hatte an dem Tischchen ihr gegenüber Platz genommen. Ohne eine besondere Aufforderung abzuwarten, erzählte er, wo und wie er Mr. Moor, ohne ihn zu kennen, gefunden; welche Freude er gehabt, als der Verwundete nach kurzer Zeit zu sich gekommen sei und in wenig Worten – viel habe er just nicht sprechen können – den Unfall, der ihm begegnet – ein böser Sturz von der steilen Felsentreppe – berichtet und sich als Arnold Moor, den Maler, zu erkennen gegeben habe. Nun sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, und er habe sich sehr geschämt, daß er nicht in dem Künstler eines Skizzenbuches, welches ihm dicht hinter Chexbres, gleichviel wie, zu Händen gekommen, auf den ersten Blick einen der genialsten modernen deutschen Landschafter entdeckte; allerdings habe er nur verhältnismäßig wenig von ihm vorher gesehen – ein Bild in Paris, ein zweites in München – immer nur fertige Bilder, niemals Skizzen oder Studien – was denn doch auch für ein geübtes Auge einen großen Unterschied bedinge. Er habe in der ersten Erregung Mr. Moor sogleich von dem Funde berichtet und dieser ihn gebeten, das Buch als Andenken zu behalten.

Ich that denn auch, als wäre ich's zufrieden, fuhr Bob fort; aber es fiel mir und fällt mir nicht ein, Mr. Moor bei seinem Worte zu nehmen. Dergleichen verschenkt unsereiner – Sie müssen nämlich wissen, daß ich auch ein, wenngleich sehr bescheidenes Mitglied der Gilde bin – nicht, wenn er bei Sinnen ist; und offen gestanden, ich hatte alle Ursache, daran zu zweifeln, daß Mr. Moor es war. Er sprach – im Fieber – das närrischeste Zeug wild durcheinander – vom Sterbenwollen und Sterbenmüssen; verwechselte mich auch wiederholt mit einem Freunde, der ihn vorher begleitet zu haben schien; nannte dabei auch Ihren Namen, zu meiner nicht geringen Verwunderung, die sich denn allerdings in frohes Erstaunen verwandelte, als ich Sie und die Baronin bei unserer Ankunft am Fenster stehen sah und sich die Baronin, unter deren und unter des Arztes Händen jetzt unser Patient ist, als eine Verwandte von Mr. Moor auswies. Sie kennen also Mr. Moor? Natürlich! sehen Sie hier. Bei Jupiter, das ist kapital!

Bob hatte schon während seiner letzten Worte das Skizzenbuch aus der Tasche genommen und darin zu blättern begonnen. Jetzt hatte er eine Seite entdeckt, die ihm vorher entgangen – eine Seite, auf welcher der Kopf einer Dame in drei oder vier durchaus verschiedenen Stellungen mit kühnsten Linien umrissen war –

Das ist stupend, rief Bob, dazu müssen Sie ihm gesessen haben – aus dem Gedächtnis kann das selbst ein Tausendkünstler wie der nicht.

Er hatte Angela das Buch über den Tisch hingeschoben; sie bog sich über dasselbe, die Glut zu verbergen, die ihr in Wangen und Stirn geschossen war. Ihr Herz schlug zum Zerspringen vor zorniger Scham. Er hatte kein Recht an ihr; kein Recht, ihr Bild in ein Skizzenbuch zu zeichnen, das auf der Landstraße verloren geht und von dem ersten Besten gefunden wird.

Und dennoch irren Sie sich, sagte sie aufblickend und das Buch mit lässiger Bewegung zurückschiebend, ich kenne den Herrn nicht.

Dann muß er Sie im Traume gesehen haben, erwiderte Bob, im höchsten Erstaunen die hellen Augen bald auf Angela, bald auf das Blatt heftend.

Möglich – im Traume! Das Träumen ist ja euer Metier.

Das leider nur die größten Meister verstehen.

Bob hatte es lächelnd gesagt, indem er zugleich das Buch langsam zumachte und in die Tasche schob. Für Angelas leises Ohr klang der Ton nicht überzeugt, und ihr Herz wurde dadurch nur mit um so tieferem Unmute erfüllt. Sie blickte düster vor sich nieder, Bob rückte verlegen auf seinem Stuhl. Er hatte eine kostbare Zeit verstreichen lassen, ohne über der Einleitung zu seiner eigentlichen Angelegenheit zu kommen, und nach der Miene der Dame zu schließen, war es just nicht der rechte Augenblick, davon anzufangen.

In diesem peinlichen Momente erscholl in ihrer unmittelbaren Nähe ein lauter Ausruf, der sie beide aufblicken machte. Vor ihnen, an den Veranda-Stufen, stand Benvenuto mit erhobenen Armen, die er alsbald gerade vor sich streckte, um, die Stufen heraufstürzend, mit beiden Händen die eine Hand, die Angela ihm reichte, zu ergreifen und wiederholt an seine Lippen zu drücken, dann sich zu Bob zu wenden und ihn mit einem verwunderten: Auch Sie! zu begrüßen.

Auch Sie! wiederholte Benvenuto; es ist der Tag der Wunder – mein Kopf, mein armer Kopf!

Er hatte sich in einen Stuhl geworfen, den Strohhut abgenommen und trocknete sich mit dem Tuche, das er mit einem Ruck aus der Seitentasche des Samtjacketts riß, die perlende Stirn. Sein immer lebhaft gefärbtes Gesicht glühte; seine weit aufgesperrten Augen starrten scheinbar ins Leere; er murmelte vor sich hin:

An einem Tage den besten Freund zu verlieren, die teuerste Freundin so unverhofft wiederzufinden, einem werten Kollegen zu begegnen, den man im fernen Rom wähnte – es ist zu viel, zu viel!

Angela saß in fiebernder Erwartung; kein Zweifel, daß Benvenuto von Arnold sprach, daß Benvenuto der Freund war, mit welchem Arnold zusammen gewesen sein sollte; und so wußte er, wenn irgend jemand, wie es gekommen, was geschehen war. Sie würde es jetzt erfahren, in der Gegenwart des klugen, scharfblickenden Engländers. Wenn sie versuchte ihn zu entfernen! nur daß sie fürchten mußte, ihn gerade dadurch in seinem vielleicht schon erregten Verdachte noch zu bestärken; und schon jetzt glaubte sie zu bemerken, wie seine hellen Augen mit einem sonderbar prüfenden Ausdruck von ihr zu Benvenuto, von Benvenuto wieder zu ihr wanderten.

Aber Bob dachte gar nicht mehr an die Aehnlichkeit jener gezeichneten Schönheit im Skizzenbuch mit Miß Angela, desto mehr aber an die Begrüßung, welche eben zwischen Miß Angela und Benvenuto stattgefunden, und welche, nach seinen Begriffen, wenigstens von Seite des Herrn, für eine gewöhnliche Freundschaft eine Welt zu enthusiastisch gewesen war. Dazu die Verlegenheit, in welcher sich Angela ganz augenscheinlich befand und – des Mannes Geschäftigkeit bei der Abreise der Damen von Rom – und die beiden Riesenbouketts – er war hier, schien es, ganz unversehens auf einen ernsthaften Rivalen Edwards gestoßen, wenn es auch schwer hielt, den Gecken ernsthaft zu nehmen, der in dem römischen Künstlerklub aller Welt zur Zielscheibe guter und schlechter Witze gedient hatte. Freilich, das Glück, das er bei den Weibern mache, hatten selbst die schlimmsten Spötter nicht in Abrede stellen können, und das schöne Mädchen da war doch schließlich auch nur ein Weib.

Mit Blitzesschnelle schossen diese Gedanken und Erwägungen durch Bobs geschäftigen Kopf, und er pries im stillen seine Weisheit, daß er den Freund vorderhand in den Hintergrund gedrängt hatte, um erst selbst einmal das Terrain zu rekognoszieren. Auch ihm war Benvenuto zweifellos jener Gefährte, von welchem der Verunglückte gesprochen; zugleich dämmerte ihm die Ahnung des wirklichen Zusammenhanges auf, und daß der Mann bei der Affaire eine mindestens ungeschickte Rolle gespielt!

Wie ist das mit dem Freunde, den sie verloren haben wollen? fragte er auf deutsch, während er vorher mit Angela englisch gesprochen.

Gott, woran mahnen Sie mich! rief Benvenuto halb von seinem Stuhl in die Höhe fahrend, um sofort wieder, wie gebrochen, zurückzusinken: Die unglückliche Frau – und durch meinen Mund – das ist eine grausame Ironie auf meinen Namen.

Ist denn der Fall so verzweifelt? fragte Bob, ohne dabei eine Miene zu verziehen.

Völlig! erwiderte Benvenuto, wieder vor sich hinstierend; wenigstens so weit mein Blick in das geheimnisvolle Dunkel reicht, das die letzten Augenblicke meines unseligen Freundes umhüllt.

Aber ich bitte Sie, rief Bob, sagen Sie doch endlich, um was es sich handelt. Sie spannen uns ja förmlich auf die Folter.

Das ist das rechte Wort, murmelte Benvenuto, düster mit dem Kopfe nickend; und ich dulde schon zwei volle Stunden diese Folterqualen! Nun denn, es sei! Vielleicht können Sie mir raten, helfen – vor allem Sie, mein gnädiges Fräulein; es ist ja der göttliche Beruf der Frauen, Rat und Hilfe zu spenden. Hören Sie!

Benvenuto schien sich mit rollenden Augen zu versichern, daß kein Lauscher in der Nähe sei, bog sich weit vornüber, bildete aus den flachen Händen, die er an die vollen Wangen drückte, eine Art von Sprachrohr, und nun kam in geheimnisvollem Flüstertone die abenteuerlichste Geschichte seines unerwarteten Zusammentreffens mit Arnold Moor, seinem besten, seinem liebsten, er dürfe wohl sagen, einzigen Freunde, von dem er dem gnädigen Fräulein ja so oft gesprochen; und wie er gleich im ersten Moment ahnungsvoll herausgefühlt, daß eine Katastrophe in dem Leben des Unglücklichen hereingebrochen oder hereinzubrechen im Begriffe sei; wie der Aermste während einer langen Unterhaltung, die sich um das gnädige Fräulein gedreht, sonderbarerweise – hier warf Benvenuto einen schmachtenden Blick auf Angela – denn nur für ihn sei ja der Gegenstand unerschöpflich interessant gewesen, nicht für Arnold Moor, der heute zum erstenmale von ihr gehört, wenn er überhaupt hingehört, woran er – Benvenuto – starken Zweifel hege, obgleich er auch in Worten ein guter Maler zu sein glaube, wenigstens habe man es ihn oft genug versichert –

Benvenuto hatte den Faden verloren und fuhr sich mit beiden Händen durch das lockige Haar.

Sie wollten uns sagen, was Mr. Moor that, während Sie ihn von Miß Angela unterhielten, half Bob ein.

Er trank, trank, trank! rief Benvenuto. Ich zählte und zahlte – großer Gott, wie unsereinem noch in solchen Momenten ein Wortspiel kommt! – hernach sechs oder acht Flaschen Yvorne, die er so ziemlich allein getrunken. Dennoch, ich schwöre es, war er nicht berauscht, als wir den Weg nach St. Saphorin antraten – den unglückseligen Weg – kein Weg, ein Pfad nur für schwindelfreie Hirtenknaben an lotrechten Hängen hinab in die grause Tiefe! Und indem ich zu ihm, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, von ich weiß nicht welchen Kunstdingen spreche, bleibt er plötzlich stehen – an der gefährlichsten Stelle, und – mich schauderts, denke ich dran – und flucht der Kunst und dem Leben und der Liebe, daß es mich unwillkürlich an – an – genug, es gemahnte mich an irgendwen in irgend einem Stücke, der ganz verzweifelt ist. Und wie ich zu ihm trete, seinen Arm ergreife, ihn wegzuziehen von dem fürchterlichen Abgrunde, steht er mich mit grassem Blicke seiner dämonischen Augen zürnend an, reißt sich los, thut einen großen Schritt nach vorwärts – ins Bodenlose und stürzt, stürzt, stürzt – oh, erlassen Sie mir den Rest –

Das können wir um so leichter, sagte Bob mit unerschütterlichem Ernste, als sich der Rest ahnen läßt. Sie haben den Verunglückten gesucht, und, wie das bei der Beschaffenheit des Lokales, wie Sie es schildern, nur zu erklärlich ist, vergebens.

Ganz vergebens, erwiderte Benvenuto mit seinem düstersten Blicke, obgleich ich erst allein, dann mit Hilfe von einem Dutzend Leuten, die ich aus St. Saphorin requiriert, jede Felsenspalte, jede Schlucht durchkrochen bin.

Das glaube ich, sagte Bob, bei der Beschaffenheit des Lokales ...

Freilich, unterbrach ihn Benvenuto, eine Wildnis, wie man sie hier herum gar nicht vermuten sollte. Dantes Höllengrund in der Phantasie eines Doré. Dennoch, wie es bei der Umsicht und Sorgfalt, mit der wir zu Werke gingen, möglich ist, daß wir ihn nicht fanden – das war den ortskundigen Leuten und ist mir bis zu diesem Augenblicke ein schauerliches Rätsel.

Well! sagte Bob. Dann, bitte, gehen Sie da durch die große Glasthür, eine Treppe hinauf, klopfen an Nummer Fünfzehn, und wenn dann Mister Moor nicht selbst »Herein« sagt, ist es, weil er, was ich übrigens sehr wünsche, vorläufig den Riegel eines gesunden Schlafes zwischen sich und diese heillose, verlogene Welt geschoben hat.

Benvenuto brauchte seinen Blicken jetzt keine künstliche Starrheit zu geben. Er saß sprachlos, mit halb geöffnetem Munde da, ein Bild völliger Ratlosigkeit, daß selbst Angela, wie peinlich ihr auch die Scene war, sich eines flüchtigen Lächelns nicht erwehren konnte.

Die Sache ist, sagte sie, daß Ihr Freund von diesem Herrn gefunden und hierher gebracht ist – verwundet allerdings, aber, nach Aussage des Arztes, den man herbeigerufen hat, nicht schwer. Die Frau Ihres Freundes war nicht im Hause; ist auch, soviel ich weiß, bis zu diesem Augenblicke noch nicht zurückgekehrt. Bei dem Kranken befindet sich die Baronin, die, wie Ihnen wohl bekannt sein wird, die Tante von – von Frau Moor ist.

Die Baronin eine Tante von Frau Moor! rief Benvenuto, dem es sehr gelegen kam, seine Verwirrung hinter irgend einem beliebigen Gesprächsgegenstand zu verstecken; aber das ist ja das Erste, was ich höre!

Ich weiß nicht, welchen Grund die Baronin gehabt hat, niemals davon zu sprechen, sagte Angela; ich glaube, es ist ein bloßer Zufall, wenn sie es nicht gethan. Jedenfalls verhält sich die Sache so, und sicher wird sich die Baronin freuen, Sie unerwartet hier wiederzufinden.

Ich muß sofort zu ihr, sofort! rief Benvenuto aufspringend. Nummer Fünfzehn, sagten Sie, Mister Swift? Fürchten Sie nichts, ich schlüpfe in das Zimmer wie ein Mondenstrahl – ein schlafendes Vögelchen würde nicht davon erweckt werden. Dies ist der glücklichste Tag meines Lebens! Addio, Addio! und a rivederci!

Er war davongeeilt, ohne nur einen Blick zurückzuwerfen; Bob brach in ein lustiges Gelächter aus, wurde aber ebenso plötzlich wieder ernsthaft. Wenn Angela sich wirklich für Benvenuto interessierte, mußte er sie durch den grausamen Scherz, den er mit dem Manne getrieben, empfindlich gekränkt haben, und der düstere Ausdruck ihres Gesichtes schien keinen Zweifel daran zu lassen, daß es wirklich der Fall gewesen. Wie dem aber auch war, er mußte und wollte Gewißheit haben.

Miß Seeburg, sagte er, jetzt wieder englisch sprechend, ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß der Herr mich soeben Mister Swift genannt hat?

Doch, erwiderte Angela zerstreut, er hat sich in Ihrem Namen geirrt.

Er hat sich nicht geirrt, sagte Bob, ich heiße in der That Robert Swift und bin der Altersgenosse, Spielgefährte und bis zur Stunde intimste Freund von Kapitän Edward Gordon.

Das Herz schlug Bob, indem er das sagte, bis in die Kehle; hing doch von der Aufnahme, welche sein kühnes Wort bei Angela fand, das Schicksal des Freundes ab. Mit der Mächtigkeit der Wirkung durfte er wohl zufrieden sein; das schöne Gesicht vor ihm wurde von einer jähen Blässe bedeckt und aus dem bleichen Gesichte starrten ihn die großen Augen an; aber nicht in auflodernder Freude, mußte er sich sagen: erschrocken eher, vielleicht erzürnt – er konnte es nicht entscheiden; aber er war zu weit gegangen – zurück durfte er nicht.

Ich bin Ihnen eine Aufklärung schuldig, fuhr er leise und in einem Tempo fort, das mit dem Schlage seines Herzens Takt hielt, ich habe mir eine Mystifikation erlaubt, die mit der tiefen Hochachtung, welche ich für Sie, für die Baronin empfinde, in grausamem Widerspruche steht, und für die ich nur eine Entschuldigung anführen kann: meine Freundschaft für Edward Gordon. Nun, da Sie meinen wahren Namen kennen, den ihnen Mr. Wicklow, vielleicht Edward selbst, ein und das andere Mal genannt hat – was soll ich Ihnen viel von dieser Freundschaft sprechen? Ich habe längst keine Eltern mehr, habe Geschwister nie gehabt; von Kindesbeinen an ist mir Edward Gordon Bruder und Schwester und alles gewesen; die Zeit und die Ferne haben über meine Liebe zu ihm keine Gewalt gehabt, und wenn er mir von Calcutta nach Rom telegraphiert hätte: Bob, du mußt dich für mich aufhängen, es geht nicht anders, alter Junge, bei Gott im Himmel, ich glaube, ich hätte nicht zurücktelegraphiert: Warum? sondern hätte nach seinem Willen gethan. Und daß es mit ihm vice versa ebenso gewesen wäre – nun, Sie kennen ja die Verhältnisse und wissen, wie er ist und wie er so geworden ist, und daß es keinen einsameren, freudeloseren Menschen giebt, als Edward Gordon. Aber auch keinen, sage ich, der es so verdiente, ein glücklicher Mensch zu sein, und in seinem braven Herzen so den Stoff hat, das Weib, das er liebt, glücklich zu machen. Er wird es nie finden, dachte ich, so wenig wie du selbst den Stein der Weisen. Da sah er Sie in Ballycastle. Er schrieb es mir erst nach Rom, als alles vorbei war; als Sie geflohen, er Sie vergeblich in London, in Frankreich, Belgien, auch in Deutschland gesucht, und die Hoffnung, Sie zu finden, aufgeben mußte und mit dieser Hoffnung den einzigen Sonnenstrahl, der je in sein dunkles Leben geleuchtet. Ich fand es nur logisch, daß er sich bald darauf im Schnee und Eis des Nordpols vergrub und mit den Bären um ein Leben rang, das ihm keinen Strohhalm mehr galt. Und da oben war er denn für alle Welt verschollen, auch für mich, als ein Zufall, der mir noch bis zur Stunde ein Wunder erscheint – auf dem Bahnhof in Rom – wohl, das andere wissen Sie; und wenn ich mich Ihnen nicht zu nähern wagte, wenn ich vier Wochen lang eine Farce spielte, Ihnen noch vorgestern einen falschen Namen nannte, muß ich Ihnen sagen, warum? Nun denn: weil ich für Edward zitterte; weil ich gar nicht überzeugt war, daß Ihr spurloses Verschwinden absichtslos gewesen, vielmehr fürchtete, daß demselben die ganz bestimmte Absicht zu Grunde gelegen, sich nicht finden, von Edward wiederfinden zu lassen, und ebensowenig von jemandem, an dessen Freundschaft für Edward Sie sich erinnern mußten oder doch erinnern konnten, sobald er Ihnen seinen wahren Namen nannte. Dann aber wäre ein abermaliges Verschwinden Ihrerseits die notwendige Folge gewesen oder doch eine Situation wie die, in welcher ich mich augenblicklich – Sie verstehen mich, Miß Seeburg?

Bob schwieg; aber die Antwort, die er zugleich fürchtete und herbeisehnte, kam nicht. Das schöne Gesicht war nicht mehr ganz so bleich; nur wollte noch immer auch nicht der schwächste Schimmer eines freudigen, zufriedenen Lächelns die feinen, wie in schmerzlichem Nachdenken versteinerten Züge erhellen; und in den sonst so sprechenden Augen vermochte er unter den halbgesenkten Lidern nicht zu lesen – am wenigsten etwas, das seinen Mut gehoben hätte. Und es ging rasch zu Ende mit seinem Mute und seiner Hoffnung. Es galt nur noch einen für Edward nicht unrühmlichen, für ihn selbst nicht beschämenden Rückzug. Er nahm alles, was ihm noch von Kraft und Selbstbewußtsein geblieben war, zusammen und fuhr in einem Tone fort, dessen gedämpfter Klang der Widerhall seiner verzweifelten Stimmung war:

Unter diesen Umständen glaubte ich rationell, ich meine, am wenigsten irrationell zu handeln, wenn ich Edward überließ, die Entscheidung, an der für ihn mehr als sein Leben hing, selbst herbeizuführen. Daß diese Entscheidung nicht zu bald eintreten würde, dafür war gesorgt. Ich sagte bereits, Edward war seit Monaten oben in Lappland oder, der Himmel weiß wo, verschwunden. An Lady Ballycastle, der möglicherweise sein Aufenthalt bekannt war, durfte ich mich nicht wenden, da ich noch von alters her sehr schlecht bei der Dame angeschrieben stehe; so blieb mir denn nur unsere Gesandtschaft in Stockholm, durch deren Vermittlung und mit der Hilfe eines gewissen englisch-schwedischen Jagd-Klubs, dessen Mitglied Edward war, ich denn endlich, vor ungefähr acht Tagen, die erste Nachricht an ihn gelangen lassen konnte. Heute –

Ist er hier!

Ein flammendes Rot war ihr bis in die Schläfen geschossen, die gesenkten Lider hatten sich blitzschnell gehoben, und in den blauen Augen leuchtete es – wie ein Blitz aufleuchtet und erlischt. Bob schlug das gepreßte Herz hoch auf; das war kein Zornesblitz gewesen! Aber kalt Blut, Bob, kalt Blut! rief's in ihm. Wir sind noch lange nicht über den Berg! Er holte heimlich tief Atem und versuchte, so gut es gehen wollte, dem Lächeln, das er doch nicht hatte unterdrücken können, einen resignierten Ausdruck zu geben:

So schnell geht das leider nicht vom Eismeer bis zum Leman; es liegen gar zu viel Wegmeilen – und, gute Götter, Meilen welchen Weges! – zwischen dort und hier. – Nein, er trifft, wenn meine Berechnungen richtig sind, morgen in Christiania ein, wo er auf ein Telegramm von mir warten wird, ob er – ob er, kurz, ob er kommen darf oder nicht.

Das war zu kühn gewesen, die Lider hatten sich wieder gesenkt; Bob fühlte, daß der Grund abermals unsicher wurde, und er nur mit großer Vorsicht weiter lavieren dürfe. So sagte er denn in nachdenklich kalkulierendem Tone:

Von Christiania bis hierher braucht jemand, der Tag und Nacht reist – lassen Sie mich sehen – von Christiania nach Gothenburg einen, von Gothenburg nach Kopenhagen auf dem Seewege, welcher wohl der praktikabelste ist – ja, das wird doch leicht wieder zwei Tage in Anspruch nehmen – von Kopenhagen – lassen Sie mich sehen, lassen Sie mich sehen –

Bob schien tief in seine Rechnungen versunken, während sein wie ziellos ins Leere gerichteter Blick mit gespanntester Aufmerksamkeit jede Miene Angelas beobachtete, um daraus zu ersehen, ob er die fingierte Reise abzukürzen oder zu verlängern habe. Aber das schöne ernste Gesicht war wie ein verschlossenes Buch; Bob hielt es für das beste, das Resultat unbestimmt zu lassen.

Es ist sehr schwer, sagte er, wenn man die Dampfschiff- und Eisenbahn-Anschlüsse nicht im Kopfe hat; es können acht, es können aber auch vierzehn Tage sein; und auf einer so langen Reise kann verzweifelt viel passieren, besonders auf diesen elenden Kontinental-Bahnen: Verspätung, Entgleisung, Zusammenstoß –

Bob machte eine erwartungsvolle Pause; nichts regte sich in dem schönen Gesichte; nicht einmal in den halbgeschlossenen Augen zuckte es, kaum daß sich die Lippen bewegten, als sie jetzt so vor sich hin, wie mit sich selbst sprechend, sagte:

Ich weiß hier jemanden, dem Kapitän Gordon sehr unerfreulich käme, wenigstens solange ich hier bin.

Sie meinen Lady Ballycastle? sagte Bob schnell.

Ja.

Sie haben – haben sie gesprochen! O bitte, bitte – ich weiß, daß sie hier ist – sagen Sie mir alles!

Ich habe sie gesprochen, wenn man einen kurzen Wechsel heftig leidenschaftlicher Worte ein Gespräch nennen kann.

O weh! seufzte Bob aus der Tiefe seines Herzens, um sich in demselben Momente zu sagen, daß er gar keine Veranlassung zum Seufzen habe oder doch nur haben würde, hätte Angela das Unerfreuliche von Edwards Kommen auf sich bezogen; im Gegenteile, das Hereinziehen von Lady Ballycastle in die Diskussion ein gutes Zeichen sei. Wenn man anfing, die Hindernisse zu erwägen, so mußte doch auch im Hintergrunde ein Ziel liegen!

Ich meine, verbesserte er sich, das war vorauszusehen. Die Begegnung der Damen geschah zu plötzlich, zu unvorbereitet. Der Schreck! Erwägen Sie den Schreck! Man fällt ja auch wütend gegen den besten Freund aus, der einem unversehens auf die Schulter klopft: der Teufel soll Sie holen! Aber der alte Gentleman weiß besser, wie das gemeint ist. Er kommt nicht, glauben Sie mir: und wenn er käme, würde er die beiden finden, wie sie sich in bester Laune die Hände schütteln. Und dann bedenken Sie das Temperament, den Charakter der Lady! Alles soll nach ihrer Pfeife tanzen, die ganze Welt sich um sie in Kreisen drehen, welche sie und sie allein zu bestimmen hat. Sie treten ungerufen in diese Kreise – natürlich ist die Welt aus den Fugen. Aber wir renken sie wieder ein, wir renken sie wieder ein! Verlassen Sie sich drauf! Wir sind keine Hamlets, daß wir vor der Aufgabe unsern Verstand verlieren sollten – wir nicht!

Bob rieb sich die Hände; die hellen Augen blitzten und die weißen Zähne blinkten zwischen den lächelnden Lippen. Angelas Blick hob sich mit einem wehmütig bewundernden Ausdrucke zu dem mutigen Gesichte:

Ich möchte Sie eher mit Horatio vergleichen, dem Manne, den »Leidenschaft nicht macht zum Sklaven«. O, der Sklaverei, der elenden Sklaverei!

Sie war mit hoch erhobenen Armen von ihrem Sitze aufgesprungen, hatte ein paar große Schritte von dem Tische weg gethan und drückte jetzt, von Bob abgewendet, ihre Stirne gegen einen der schlanken Eisenpfeiler, welche den Balkon über der Veranda trugen.

Der Ausbruch war für Bob so plötzlich gekommen, so völlig unvermittelt mit dem freundlichen, fast weichen Tone, in welchem sie noch eben zu ihm gesprochen – der junge Mann saß in sprachloser Bestürzung wie niedergeschmettert von der Ueberzeugung, die sich ihm mit unabweisbarer Gewalt aufdrängte, daß ein Kampf der Klugheit mit dem Dämon in dem schönen Mädchen da gänzlich aussichtslos sei und mit der Beschämung dessen enden könne, der ihn unternommen. Und während er aus beklommener Seele wünschte, daß sie nie nach Ballycastle gekommen sein oder doch des armen Edwards Auge sie nie erschaut haben möchte, hingen seine eigenen Blicke an den vollendeten Formen der hohen, schlanken Gestalt mit einer schmerzlichen Sehnsucht, vor der sein Freundesherz wie vor einem schnöden Verrat erschrak. Aber was war noch zu verraten, wo alles verloren war!

Er erhob sich, und in demselben Momente richtete auch sie sich auf und wendete sich zu ihm.

Was soll ich Edward telegraphieren? fragte er leise.

In ihren beweglichen Zügen malte sich eine Seelenangst, für die er nur eine Erklärung hatte.

Sie brauchen es nicht auszusprechen, sagte er traurig, ich weiß es auch ohne das. Leben Sie wohl für immer, und – verzeihen Sie dem Freunde Edward Gordons das Leid, das er Ihnen zugefügt hat.

Er war jetzt ganz nahe an sie herangetreten und streckte ihr die Hand hin, in die sie mechanisch, wie es schien, die ihre legte. Aber indem er nun die schlanken, kalten Finger loslassen wollte, fühlte er, daß er festgehalten wurde. In freudigem Schrecken hob er die gesenkten Augen; aber ihr Blick war nicht auf ihn gerichtet, sondern seitwärts über seine Schulter nach dem offenen Fenster in der ersten Etage, an welches eben eine junge Dame – im Promenaden-Anzuge – mit dem Arzte getreten war, der, eifrig auf sie einsprechend, sie zu beruhigen oder ihr Verhaltungsmaßregeln zu erteilen schien. Die Entfernung war so gering und die sonnige Luft so klar, daß Bob, der sich unwillkürlich ein wenig gewendet und die Richtung von Angelas Blick aufgenommen hatte, den Ausdruck fassungslosen Schreckens auf dem schönen Gesichte der Dame, die vermutlich Frau Moor war, völlig deutlich erkennen konnte. Und in demselben Momente hörte er dicht neben sich, fast an seinem Ohr: Telegraphieren Sie an Edward Gordon, daß ich ihn erwarte! – und dann sah er nur noch ihre Gestalt, von ihm wegeilend, in der Thür des Salons verschwinden.

Die Thür war offen geblieben; Bob wagte nicht, ihr zu folgen, um zu fragen, ob er recht gehört habe. Wie konnte er daran zweifeln; die Worte waren zwar so leise gesprochen worden, mit fliegendem Atem, so schnell, daß sie wie ein einziges Wort schienen, aber doch in jeder Silbe verständlich, ja mit einer leidenschaftlichen Energie –

Die allein schon ganze Bände spricht, hurrah!

Er hatte es nur so vor sich hingemurmelt; das Hurrah war viel mehr ein Seufzer als ein Freuderuf gewesen! Er blickte düster vor sich nieder, fuhr sich ein paarmal über die Stirn; dann setzte er entschlossen den Hut auf, schwang sich, trotzdem er nur ein paar Schritte bis zum Eingange zur Veranda hatte, über das Geländer und eilte mit seinen längsten Schritten an dem Hause bis zu der großen Glasthür, die in den Hauptflur führte, durch welchen man nach der andern Seite auf die Straße gelangte.

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