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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

XII.

Die Baronin hatte Angela mit sanfter Gewalt in einen der großen Korbstühle gedrückt, welche in der schattigen Ecke der Veranda standen, und schritt jetzt nach der offenen Fensterthür, auf deren Schwelle sie sich wendete, um noch einen zufriedenen Blick in den sonnigen Garten zu werfen und Angela freundlich zuzunicken.

Angela hatte keinen Versuch gemacht, die Baronin zurückzuhalten. Sie wußte, daß die thätige Frau in dem Geschäft des Ein- und Auspackens einen geringen Entgelt für die wirtschaftlichen Sorgen fand, an welche sie zu Hause gewöhnt war, und die sie jetzt nach des Sohnes Tode immer schmerzlicher zu vermissen begann. Und gar heute ließ sie die Gütige gern gewähren; es verlangte sie nach dem Alleinsein; sie hatte sich ja selbst dazu verurteilt, nachdem sie nicht den Mut gefunden, der alten treuen Freundin ihr Geheimnis mitzuteilen, sie um Beistand zu bitten bei der Lösung ihres Lebensrätsels, das ihr heute Nacht selbst nicht so dunkel erschienen war, als jetzt im sanften Licht der herbstlichen Mittagssonne – so dunkel, so verworren, so auf Verstellung, Lüge gebaut! Konnte gut enden, was so schlimm begonnen? was gar nicht durchzuführen war ohne seine Hilfe, die er ihr vielleicht – die er ihr gewiß versagte, um im wilden Trotz das Feuer in seiner Brust zu schüren, bis es auch sie ergriff – unwiderstehlich, allmächtig –

Sie hatte sich halb aus dem Sessel erhoben und sank wieder zurück in einem jammervollen Gefühl gänzlicher Hilflosigkeit, wie es ein Kind empfinden mag, das sich im wilden Wald verirrt hat und nun, umraunt von den Schauern der Wildnis, verzweifelt, je den Weg zurückzufinden zur trauten Heimat. Ach, eine Heimat, ein Heim! Kein von seliger Liebe durchduftetes, aber ein doch nicht ganz liebeleeres, auf gegenseitiger Achtung gegründetes, ehrliches Heim, das Edward Gordon ihr bereitet haben und in welchem sie jetzt wohnen würde, wie in einer festen Burg, voll Mitleid und Verwunderung blickend auf die Unglückliche, die sich hier in dem Schlupfwinkel zusammendrückte, zitternd in der Furcht, er könne da heraustreten aus den Bosketts, die großen dunklen Augen hierher auf die Veranda richten, und in den großen dunklen Augen flammt es auf – er ruft ihren Namen, daß die im Garten herumsitzende Gesellschaft verwundert emporblickt – er fliegt auf sie zu –

Sie war von ihrem Sessel aufgesprungen und die Verandastufen hinab in den Garten geeilt, wie ein von Schwindel erfaßter Wanderer, der Todesqual zu entgehen, sich jählings in den Abgrund wirft. Nun ging sie langsam auf den kiesbestreuten Wegen zwischen den Bosketts, das wildklopfende Herz beschwichtigend; versuchend, Haltung und Miene einer Dame anzunehmen, welche seit einer halben Stunde im Hotel ist und mit bescheidener Neugier alles betrachtet, was die Herrschaften, die da auf den schattigen Plätzen lungern, schon zum Ueberdrusse gesehen haben: die Goldfische in dem runden Bassin des Springbrunnens auf dem kleinen, freien Platze in der Mitte des Gartens, die Voliere mit den Kanarienvögeln, Prachtfinken und Wellensittigen, den kleinen Krocket- und Turnplatz mit Reck und Barren und der großen Schaukel; – dann selbstverständlich ein paar Minuten an der niedrigen Gartenmauer stehen bleibt, auf den schattenlosen chaussierten Weg und die Promenade zwischen Garten und See herabzublicken, und über die breite, im Mittagsglanze schimmernde Fläche zu der blauen Alpenwand; sich dann wendet, als jetzt helle Kinderstimmen, untermischt mit dem lustigen Bellen eines Hündchens, aus dem Garten erschallen; langsam die kiesbestreuten Wege zurückkommt und vor dem blendenden Sonnenscheine Zuflucht sucht in der Laube an dem kleinen Platze, auf welchem die Kinder spielen.

Drei Kinder! zwei Knaben und ein Mädchen von sechs bis vier Jahren – seine Kinder! Nicht einen Moment hätte sie darüber im Ungewissen sein können – die Ähnlichkeit war zu augenfällig. Das waren seine dunklen Locken, nur noch überflimmert von goldigem Jugendglanze; das seine Augen, nur verklärt von heller, unschuldsvoller Daseinslust; die schlanken, geschmeidigen Glieder selbst; die schnellen, zierlichen Bewegungen – seine Ebenbilder, Zug für Zug!

Und während ihre starren Blicke an den spielenden Kindern hingen, wallte ein zorniges Gefühl in ihrem Herzen auf. Er, der diese süßen, köstlichen Geschöpfe sein nennen durfte, der sie selbst ins Dasein gerufen – er wagte, sich unglücklich zu nennen und zu sagen, daß ihm das Leben nichts mehr biete; hatte es ihr zu sagen gewagt, der Einsamen, Freudelosen, die hier, eine Bettlerin, die Brocken dankbar auflas von dem Göttermahl, an welchem er alltäglich, allstündlich schwelgte! Wessen Schuld war's, wenn er es nicht that? Mußten ihn diese hier nicht entschädigen für alles, was er sonst etwa entbehrte, wenn er's entbehrte? wenn diese Entbehrung nicht auch wieder nur ein gieriger Traum seiner unersättlichen Phantasie war!

Die Kinder hatten sich über ein neues Spiel verständigt; der älteste Knabe stand an dem Bassin des Springbrunnens und hielt sich die Augen zu; der kleinere lief nach links weiter in den Garten; das Mädchen kam nach der Laube gerannt, die es für leer gehalten hatte und in deren Eingang es, die fremde Dame erblickend, erschrocken stillstand. Schon hatte der am Bassin mit lauter Stimme gerufen: Nun! und sich gewendet, glücklicherweise nach der anderen Seite, aber es war zu spät, ein andres Versteck zu suchen.

Komm! sagte Angela, ihr Kleid ausbreitend.

Das Kind ließ es sich nicht zweimal sagen, sondern huschte blitzschnell unter, sich dicht an Angelas Kniee schmiegend. Nur das Köpfchen ragte noch ein wenig hervor; Angela bog sich vornüber und blieb so sitzen, den linken Ellbogen auf das Knie gestemmt, mit der rechten Hand den braunen Lockenkopf bedeckend und zugleich zärtlich an sich drückend.

Kommt er? flüsterte die Kleine.

Still!

Da war er schon; die suchenden Augen blieben einen Moment erstaunt auf der fremden Erscheinung haften; dann hatte er sich auf den Hacken gewendet und wollte weiter eilen, als das zierliche Windspiel, welches seinem kleinen Herrn auf dem Fuße gefolgt war, an Angela heran- und dann wieder zurücksprang, um, den feinen Kopf zwischen die ausgestreckten Vorderbeine legend, lustig zu bellen und, emporschnellend, abermals an Angela hinaufzuspringen.

Das ist kein Spiel, Richard, wenn Du mit Lolo suchst, rief die Kleine, indem sie hastig aus ihrem Versteck auftauchte, das gilt nicht!

Und Du darfst Dich nicht bei Leuten verstecken, Annchen!

Das haben wir nicht ausgemacht!

Doch!

Ich habe mich nicht versteckt, die – Tante hat mich versteckt.

Der Knabe war auf diesen Einwurf nicht vorbereitet; seine dunklen Augen hoben sich, wie eine Bestätigung von Annchens Behauptung fordernd, zu Angela.

Ja, ich habe Annchen versteckt, sagte sie, es soll nicht wieder geschehen, wenn es nicht gilt. Aber warum gilt es nicht?

Sie hatte dem Knaben die Hand hingehalten, und als er seine kleine Hand ein wenig schüchtern hineinlegte, ihn mit sanfter Gewalt an sich gezogen, während ihr rechter Arm noch immer Annchen umfaßte, die ihrerseits keine Bewegung machte, den Platz an der Seite ihrer Beschützerin zu verlassen, bis der Streit mit Richard ausgetragen war.

Weil es kein Spiel ist! erwiderte Richard, Annchens erste Worte wiederholend.

Warum aber nicht?

Weil es kein Kunststück ist, wenn andere helfen.

Dem Knaben mochte das Examen lästig fallen, oder der Blick der großen Augen, die ihm so prüfend ins Gesicht sahen, mochte ihn genieren; er suchte seine Hand frei zu machen.

Ich muß Karlchen suchen, sagte er.

Aber Karlchen halte die Sache bereits zu lange gedauert; er kam hinter dem Busche, der ihm zum sehr durchsichtigen Versteck gedient hatte, hervor und herbeigelaufen, machte aber vor der Laube, in welcher er die beiden anderen mit der fremden Dame erblickte, Kehrt und begann, das Anschlagespiel vergessend, Haschens mit der allzeit willigen Lolo.

Ihr seid Drei? fragte Angela.

Sie hatte es gelegentlich von der Baronin gehört und fragte es nur, um die Kinder ein wenig länger festzuhalten.

Richard nickte.

Aber wir haben noch ein ganz kleines Brüderchen gehabt, sagte Annchen; – das ist gestorben; es hatte ganz feine schwarze Härchen auf dem Kopf und ganz schwarze Augen.

Auch von dem vierten Kinde, das bald nach der Geburt gestorben war, hatte Angela gehört; dennoch berührte sie es seltsam, als sie es nun aus dem unschuldigen Kindermund vernahm. Unwillkürlich ließ sie die Hand des Knaben los, der noch einen Moment zögerte, sich langsam wendete und dann, als gälte es eine versäumte Pflicht nachzuholen, zu Karlchen und Lolo eilte.

Willst Du auch fort? sagte Angela.

Annchen schüttelte den Kopf.

Hast Du mich ein bißchen lieb?

Das Kind hob die Augen und blickte treuherzig prüfend zu ihr auf.

Ja. Wie heißt Du?

Angela zögerte; aber sie konnte nicht immer hier in der heimlichen Laube mit dem Kinde bleiben, und sie hatte sich noch eben Mut und Standhaftigkeit gelobt auf des Kindes Haupt. Dennoch kam es leise zögernd:

Angela.

Nein, sagte das Kind, und dann die Frage in Angelas Augen beantwortend:

So sollte unser Schwesterchen heißen, aber Mama sagte, das wäre kein hübscher Name.

Eine jähe Glut schoß Angela in die Wangen bis zu den Schläfen, als wäre sie selbst auf einem heimlichen Verbrechen ertappt.

Deine Mama hatte recht, sagte sie langsam. Sie holte ein paarmal schwer Atem; plötzlich verschwand das Kindergesicht vor ihr.

Warum weinst Du? Angela ist gar nicht häßlich; Fräulein Pilz heißt Minna; Angela ist viel hübscher; Du bist auch kein Fräulein.

Angela mußte durch ihre Thränen lächeln. Sie kannte die Bedeutung des Wortes in dem Munde eines kleinen Berliner Mädchens, und es war mit so drolliger Bestimmtheit herausgekommen.

Warum soll ich kein's sein?

Die Sache war für Annchen völlig klar und zweifellos; die neue Tante hielt sie doch für gar zu dumm, wenn sie darauf noch eine Antwort wollte; so schüttelte sie denn nur den Kopf, indem sie zugleich ein wenig spöttisch das Mündchen verzog.

Papa kann Fräulein nicht leiden, sagte sie; wir können sie auch nicht leiden; sie hat eine so lange Nase und so häßliche Augen und schlägt uns immer auf die Finger, wenn Papa es nicht sieht. Papa ist ausgegangen, ganz früh; wir haben ihm nicht guten Morgen gesagt; Mama sagt, sie weiß nicht, wann er zurückkommt. Mama will ausfahren mit der großen schwarzen Dame, die mir und Karlchen gestern Abend zu essen geben wollte; Fräulein zieht Mama an. Da ist Mama! Nein – da, am Fenster!

Durch den Eingang der Laube sah man über den Platz mit dem Springbrunnen und die Büsche weg einen Teil der hinteren Seite des Hotels. An einem offenen Fenster der Bel-Etage stand Nanni, mit dem Rücken nach dem Garten; sie hatte einen schwarzen Samtpaletot an und auf dem blonden, hochfrisierten Haar einen Rembrandt-Hut mit breiter weißer Feder, die ihr bis auf die linke Schulter hinabreichte. Sie schien sich die Handschuhe zuzuknöpfen und sprach mit lauter Stimme zu Jemandem in der Tiefe des Zimmers, ohne daß Angela bei der Entfernung die Worte verstehen konnte. Die um den Springbrunnen herumjagenden Kinder hatten sie ebenfalls gesehen und riefen: Mama! Mama! Sie wendete sich, warf einen flüchtigen Blick in den Garten, rief: Fräulein kommt gleich! hatte sich wieder umgedreht und war von dem Fenster zurückgetreten.

Mama ist schön! sagte Annchen.

Angela antwortete nicht; sie blickte noch immer starr nach dem Fenster; Annchens Aufmerksamkeit war nach den spielenden Brüdern gelenkt. Lolo hatte die Vorderbeine auf den niedrigen Bassinrand gestellt und bellte die Goldfische an. Die Kinder jubelten; Lolo kläffte immer toller, so daß die Dame, die mit ihrem Gatten in einer benachbarten Laube saß, sich mit einem ärgerlichen Ausruf erhob und auf das Haus zuschritt. Annchen hätte augenscheinlich gern ihren Teil an dem Spaß gehabt.

Angela nahm das reizende Köpfchen in beide Hände und hauchte einen Kuß auf die braunen Locken: Geh', liebes Kind!

Annchen hüpfte davon; Angela erhob sich langsam; die Glieder waren ihr wie gelähmt; auf ihrer Brust lag es schwer. Sie hatte sich nach der Veranda gewendet, die sie, aus der Laube tretend, nach rechts erblickte; aber sie mußte, um dorthin zu gelangen, den kleinen Platz überschreiten. Wie leicht konnte sie ihr dort begegnen, wenn sie herabkam, den Kindern vor der Ausfahrt Lebewohl zu sagen. Sie fühlte, daß sie jetzt nicht dem Anblick, nicht der Begegnung gewachsen war; sie bog links um die Laube, tiefer in den Garten hinein.

Ja, sie war schön, wunderschön; viel, viel schöner, als sie gedacht: in der kleidsam reichen Tracht, das runde, jugendfrische Gesicht halb im Schatten des Hutes, halb im goldigen Sonnenschein. Sie würde es gesehen haben ohne den Ausruf naiver Bewunderung aus dem Munde des Kindes – ihres Kindes! Wo hatte sie doch gelesen, daß eine Frau, die wahrhaft liebe, dem Gatten seine Ebenbilder schenke? Sie hatte es gethan, die selbst so schön war. Wie mußte sie ihn da lieben! O Schmach, daß sie über solchen Geheimnissen grübelte, daß er sie dazu zwang, ihr die freie Seele knechtend, entehrend bis zur gemeinen Eifersucht, zum schamlosen Neid! Waren das die heiligen Gefühle, die ihre Seele heute Nacht emporgetragen zu den ewigen Sternen, bei denen sie gelobt, was sie vorhin sich noch einmal zugeschworen in stillem Gebete auf des unschuldigen Kindes Haupt? Und sie wollte ihn lösen aus seiner Verirrung, sie, die sich mit jedem ihrer schwankenden Schritte tiefer in ein Labyrinth verirrte? O, eine rettende, starke Freundeshand!

Sie blieb in ihrem ziellos eiligen Schreiten zwischen den Bosketts plötzlich stehen.

Seltsam, daß ihr abermals und deutlicher noch als vorhin sein Bild vor die Seele trat, ganz so, wie sie es heute Nacht vor dem Einschlafen gesehen: mit einem vorwurfsvollen Blicke der stillen, blauen Augen. Er hatte ein Recht zur Klage. War sein Geheimnis darum weniger heilig, als das des Nahen, Geliebten, weil er fern von ihr, und weil sie ihn nicht liebte? Hätte es ihr nicht gerade deshalb doppelt heilig sein sollen? Und wenn sie ihn nicht liebte, war es nicht wiederum eine Beleidigung, sein Andenken wachzurufen, wie der arme Kranke dort seinen Diener herbeiwinkte, sich von ihm irgend eine Hilfe leisten zu lassen?

Ihre Augen blieben mechanisch an der Gruppe haften. Der schwarzbraune Mann mit den kleinen goldenen Ringen in den Ohren, der in der Nähe auf einer Bank gesessen, war herbeigekommen, hatte dem alten Herrn in dem Rollstuhl durch Unterschieben von Kissen zu einer andern Lage verholfen, dann den Rollstuhl herumgedreht, ein paar Schritte weitergerückt und sich, mit einem Auftrage, wie es schien, an Angela vorüber in der Richtung des Hauses entfernt. Der alte Herr saß ein paar Momente still, dann begann er wieder an den Kissen zu rücken und jetzt mit einer schwachen Stimme in einer Sprache, die Angela nicht verstand, nach dem Diener zu rufen, welchen er noch in der Nähe glauben mochte, der aber bereits zwischen den Büschen verschwunden war. Angela trat hinzu und sah ein greisenhaftes, von langem dichten, weißen Haupt- und Barthaar umrahmtes, krankheitverwüstetes Gesicht, aus welchem ein Paar halberloschener blauer Augen ärgerlich zu ihr emporblickten, um alsbald einen Ausdruck des Staunens anzunehmen.

Kann ich Ihnen helfen, mein Herr? fragte sie auf französisch.

Sie sind sehr gütig, Madame, erwiderte der Alte in derselben Sprache; nein, ich danke – es scheint, daß mein Diener – danke, Madame, ich komme schon selbst zurecht.

Ich bitte dringend, über mich zu verfügen, sagte Angela. Sie möchten das Kissen höher haben?

Sie hatte, ohne die Einwilligung des Alten abzuwarten, das verschobene Kissen zurechtgerückt; die leichte Decke, die heruntergeglitten, wieder über seine Kniee gebreitet.

Danke, danke tausendmal, murmelte der Alte; Sie sind zu gütig, Madame, wahrlich zu gütig. Ich muß meinen Pedro bei Ihnen in die Lehre schicken, wahrhaftig, das muß ich.

Ein schalkhaftes Lächeln, das die verwitterten, zerrissenen Züge seltsam verschönte, spielte über das alte Gesicht und erhellte die trüben Augen, die unverwandt auf Angela gerichtet waren.

Wollen Sie mir verstatten, bis zur Rückkehr Ihres Dieners bei Ihnen zu bleiben? fragte Angela.

Nein, Madame, ich danke Ihnen recht sehr; er kann vor einer Viertelstunde nicht zurück sein – das hieße Ihre Güte mißbrauchen.

Dann erlauben Sie wenigstens, daß ich das Verdeck vollends in die Höhe schlage; Sie sind sonst in wenigen Minuten der Sonne ganz ausgesetzt.

Wenn Sie wirklich auch noch die Güte haben wollen.

Angela richtete das Verdeck; und dann, ein Buch bemerkend, das dem alten Manne vorhin entglitten war, hob sie dasselbe auf und legte es ihm auf den Schoß. Dabei kam ihre Hand in die Nähe der Hände des Alten, die plötzlich in sonderbarer Weise hin und her zu zucken begannen und dann kraftlos liegen blieben. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem traurigen Lächeln:

Ich wollte die Kühnheit haben, die gütige Hand an meine Lippen zu führen. So lassen Sie sich denn, Madame, an dem mündlichen Ausdruck meines innigen Dankes genügen.

Angela hatte die peinliche Hilflosigkeit, des Mannes, seine freundlichen Worte, das milde, schmerzliche Lächeln tief gerührt. Sie sah ihren Vater in seiner letzten Krankheit im Lehnsessel, mit einer Hand, die kaum die Feder noch halten konnte, Blatt um Blatt schreibend an dem Aufsatze, den er doch nicht mehr beenden sollte. Thränen stürzten ihr aus den Augen; sie bog sich auf die welken Hände herab und eilte davon.

Sie wollte nach dem Hause und befand sich plötzlich wieder an der niedrigen Umfassungsmauer, unter welcher die Quai-Promenade entlang lief.

Erstaunt über ihre Zerstreutheit, ging sie abermals durch die Bosketts und erblickte nun auch bald, aus einem schmalen Nebenpfade in einen breiteren Gang biegend, das Haus, als von links, aus einem andern Nebenpfade, die riesige Gestalt einer schwarzgekleideten Dame aus den Büschen hervor ihr in den Weg trat, so plötzlich, daß sie, eine Entschuldigung murmelnd, seitwärts wich. In demselben Moment wendete sich die Dame voll zu ihr und prallte einen großen Schritt zurück, wie jemand, der im Begriffe war, auf eine Natter zu treten.

So starrten sie sich einander an, sprachlos vor Ueberraschung, vor Entsetzen.

Mylady! Sie hier? stammelte Angela endlich, aus ihrer Betäubung erwachend.

Sie hatte die Hand ausgestreckt zum Gruße, zur Versöhnung. Durch die versteinerten Züge Lady Ballycastles zuckle es, in den harten schwarzen Augen loderte ein unheimliches Licht; mit einer plötzlichen heftigen Bewegung ihres Fächers, die fast wie ein Schlag war, wies sie die dargebotene Hand zurück.

Hinweg! stieß sie in rauhem Tone hervor; und noch einmal lauter, drohender: Hinweg, aus meinen Augen, sofort!

Angela ließ ihre Hand langsam sinken, und tief traurig klang ihre Stimme, als sie nun erwiderte:

Sie thun nicht recht, Mylady. Ich habe Sie damals nicht beleidigen wollen; ich möchte es um alles auch heute nicht. Ich habe Ihr Haus verlassen, weil ich mußte, und wenn ich Ihnen hier wieder begegne – Gott ist meine Zeuge, daß ich keine Ahnung von Ihrer Anwesenheit hatte. Aber da uns der seltsamste Zufall wieder zusammengeführt, lassen Sie das Vergangene vergangen sein – ich bitte Sie darum aus einem Herzen, das so schon schwer genug ist und Ihren Groll nicht mehr ertragen könnte.

Lady Ballycastle, welche die sanften, fast demütig klingenden Worte mit ungeduldigem Fächerschwingen begleitet hatte, lachte höhnisch auf.

Sie hatten keine Ahnung von meiner Anwesenheit! wirklich! Ein bloßer Zufall! in der That! Wissen Sie, meine Liebe, davon glaube ich kein Sterbenswort, dazu kenne ich Sie denn nun doch, dem Himmel sei Dank, zu gut. Und wenn Sie nicht ertragen können, was Sie meinen Groll zu nennen belieben und wohl besser meine gerechte Entrüstung über Ihre – Keckheit nennen sollten – nun, meine Liebe, ich habe Ihnen ja das geeignete Mittel an die Hand gegeben: machen Sie, daß Sie aus diesem Garten und aus diesem Hause kommen; es kann nicht Lady Ballycastle beherbergen und eine – Abenteurerin.

Mylady!

Was beliebt?

Ich bitte Sie – nehmen Sie das Wort zurück!

Welches Wort?

Sie wissen es; und Sie wissen sehr wohl, daß ich es nicht verdiene; nehmen Sie es zurück – um Ihretwillen!

Und wieder lachte Lady Ballycastle höhnisch auf.

Um meinetwillen! Wahrhaftig, die Zeiten sind wohl zurückgekommen, wo ich die Dummheit hatte, mein Ohr offen zu halten für das Zischen einer Schlange, einer Verräterin? Sie irren sich, die Zeiten sind vorüber für immer; und nun noch einmal und zum letztenmale: Gehen Sie!

Sie hatte die rauhe Stimme überlaut erhoben und wies mit weit ausgestrecktem Arm in der Richtung nach dem Hause den Gang hinab, auf welchem zwei Damen sich genähert hatten, die jetzt erst, als sie, nur noch wenige Schritte entfernt, stehen blieben, von Angela bemerkt wurden. Es waren Miß Flinch, die einen Shawl für ihre Gebieterin auf dem Arm trug, und Nanni in dem Promenaden-Anzuge, in welchem sie vorhin am Fenster gestanden. Der schadenfrohe Ausdruck auf dem widerwärtigen Gesicht von Miß Flinch, die ihrer erstaunt dreinblickenden Begleiterin ein erklärendes Wort zuzuflüstern schien, hätte Angela fast um den geringen Rest ihrer Fassung gebracht. Mit Aufwand ihrer letzten Kraft trat sie der Lady in den Weg und sagte, nicht mehr, wie bisher, englisch, sondern deutsch, nun ebenfalls mit erhobener Stimme sprechend, daß jedes ihrer Worte nicht bloß von ihrer Gegnerin verstanden werden mußte:

Ich werde nicht gehen; ich werde hier in eben diesem Hause bleiben und Ihnen Gelegenheit geben, mir das schmachvolle Betragen abzubitten, dessen Sie sich gegen mich schuldig gemacht haben.

Das gerötete Gesicht der Lady war bleich vor Wut geworden; sie bewegte die Lippen, aber es kamen nur ein paar gurgelnde Töne, wie aus eines Erstickenden Kehle; der mit dem zusammengeklappten Fächer hoch erhobene Arm fiel schwer zur Hälfte herab; sie wendete sich und stürmte mächtigen Schrittes den Gang hinab, an den beiden Damen vorüber, die nun auch ihrerseits Kehrt machten und langsamer folgten, wobei Miß Flinch in ihren Aufklärungen der Scene, der sie beigewohnt, fortzufahren schien. Angela blickte den sich Entfernenden ein paar Momente mit flammenden Augen nach; dann brachen heiße Thränen des Zornes und der Scham, die sie so lange mühsam zurückgehalten, gewaltsam hervor. Sie schluchzte laut auf und stürzte nach der andern Seite fort – nur wenige Schritte, als ein Anruf unmittelbar vor ihr, der wie ihr Name klang, den eiligen Lauf hemmte. Sie fuhr sich über die thränengeblendeten Augen.

Es war der alte Herr von vorhin, aber er stand jetzt neben dem Rollstuhle, auf dessen Verdeck er sich mit der einen Hand stützte, während die andere auf die hohe Ligusterhecke deutete, um welche Angela eben gebogen war, und die, eine dünnste Wand, den Platz hier von dem andern schied, auf dem die Begegnung mit der Lady stattgefunden.

Ich konnte es nicht länger mit anhören, ich wollte kommen, rief der Alte – und er wies jetzt auf die Decken und Kissen, die er, sich aus dem Stuhle aufraffend, mit sich herausgerissen – ich hätt's fertig gebracht. Nun haben Sie's allein durchkämpfen müssen, Sie tapferes, herrliches Kind!

Die zusammengekrümmte Gestalt bebte vor gewaltiger Erregung; das krankheitsgraue Gesicht war lebhaft gerötet, aus den erloschenen Augen glänzte ein leidenschaftliches Feuer; die gebrochene Stimme hatte einen energischen Klang – betäubt von dem grausen Wunder des Wiedersehens der Lady, fiel es Angela kaum noch auf, daß der alte Herr, den sie für einen Ausländer gehalten, jetzt ein völlig reines Deutsch fließend sprach.

Sie hatte ihm, der sich offenbar nur kaum auf den Füßen hielt, mit sanfter Gewalt wieder zu seinem Sitze verholfen und wollte, in sprachloser Verwirrung, weiter eilen; er aber klammerte sich an sie mit einer Kraft, die sie dem gebrechlichen Greise nimmer zugetraut.

Bleiben Sie! Bleiben Sie! Sie brauchen sich nicht zu schämen, und gar vor mir – vor mir – ah! Sie wissen nicht – nein, nein, das sollen Sie auch nicht wissen – dürfen Sie nicht wissen – aber Sie, Sie – sechs Jahre – sechs Jahre – großer Gott, welch heroische Natur! – ja, ja, so habe ich Sie mir gedacht – ganz so wie ein leuchtender Engel – Sie haben es ja im Namen – ihrem schönen Namen! Wo waren nur vorhin meine Augen, daß ich den Engel nicht erkannte, den mir der Himmel gesendet hat!

Seine glänzenden Blicke hingen unverwandt an Angelas Gesicht; er fuhr mit den zitternden Händen liebkosend über ihre Hände –

Meine dummen alten Augen! Sie wollen keine Dienste mehr thun; dafür werden die Ohren mit jedem Tage schärfer – werde die Gräschen wachsen hören auf meinem Grabe – nun bin ich doch froh, daß es noch nicht so weit ist – sehr froh –

In den Augen flimmerte ein Lächeln, das alsbald von einem! Zornesblitz verzehrt wurde.

Die Megäre! Teufel würden von so viel Unschuld und Güte gerührt werden – sie nicht! Sie hat vom tiefsten Höllenpfuhl – ah! ich alter Narr! und hier heißt's ruhig sein, ruhig und klug – jawohl, sehr klug –

Er nickte ein paarmal vor sich hin, Unverständliches murmelnd, und hob dann wieder die Blicke zu Angela:

Ich spreche in Rätseln, holdes Mädchen, lauter Rätseln; Sie müssen mir Zeit lassen – unterdessen – Sie bleiben ja hier, wie Sie ihr gesagt – das klang so prächtig, so stolz – das hat mir so wohlgethan – halten Sie nur fest, fest – noch eines: Sie haben seitdem – aber wie braucht man das zu fragen, wenn man Ihnen in die Mädchenaugen sieht: Angela von Seeburg – dabei ist's geblieben? Gut, gut! Und natürlich sind Sie nicht allein – eine Familie?

Eine Dame, mit der ich reise, erwiderte Angela und nannte den Namen der Baronin.

Eine würdige Dame, an der Sie Halt haben? Gut, gut. Ich bitte um meine Empfehlung – mein Name ist Lerma – werde mir verstatten, mich zu präsentieren – wenn Sie die Frau Baronin inzwischen vorbereiten möchten auf einen alten Krüppel – ah, da ist der Pedro!

Der schwarzbraune Diener war, in den Händen ein Schächtelchen, das er aus der Apotheke geholt haben mochte, zwischen den Büschen hervorgetreten und über den Anblick, der sich ihm bot, verwundert stehen geblieben. Sein Herr rief ihm ein paar Worte auf Spanisch zu und wendete sich wieder zu Angela:

Er versteht und spricht kein Wort deutsch; ich wollte Sie nur noch bitten, mich nicht der Baronin – es muß vorderhand strengstes Geheimnis bleiben zwischen uns beiden. Sie sollen bald mehr erfahren – alles, alles, wenn es sein muß. Und nun gehen Sie, bevor uns jemand überrascht; sie wäre im stande, oder Miß Flinch – gehen Sie, mit Gott – mit Gott!

So eifrig er sie vorhin festgehalten, schien er jetzt ebenso ängstlich darauf bedacht, sie zu entfernen. Er winkte mit den Augen Pedro heran; Angela, indem sie seinem Geheiß Folge leistete, sah nur noch, wie er unter den Händen des Dieners völlig erschöpft in seinen Stuhl zurücksank.

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