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Friedrich Spielhagen: Angela - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleAngela
publisherVerlag von W. Staackmann
printrunDritte Auflage
year1886
firstpub1881
senderbruce.welch@gmx.net
correctorreuters@abc.de
created20140617
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*

IX.

Auf der höchsten Kuppe des Uferberges, den sie den Signal de Chexbres nennen, im schmalen Schatten der Nußbäume, lag Arnold, den Kopf in die Hand gestützt, mit müden Augen hinabschauend in die Tiefe auf die blaue, von silbernen Sternen überblitzte Fläche des Sees oder hinüber zu den von Sonnenduft umschleierten Savoyer Bergen; dann wieder vor sich niederstarrend, mechanisch aufmerksam einem Käferchen zuschauend, das emsig an einem Halme des kurzen dichten Grases hinaufkletterte, um von der Spitze herunterzufallen und an einem nächsten Halm die Mühsal von neuem zu beginnen.

Gib's auf, dummer Teufel, du findest dich nicht heraus! Und wenn du draußen bist, kommt ein plumper Gesell und tritt dich tot. Dann hat die Geschichte freilich ein Ende.

Nun sah er nicht mehr das hastende Käferchen, sondern sich selbst, wie er seit dem Morgengrauen bergauf, bergab gerannt war, ohne Ruh und Rast, oft ohne Weg und Steg, immer ohne Ziel und schließlich ohne seinen Zweck zu erreichen. Die gänzliche Erschöpfung des Körpers hatte ihm nicht die Betäubung der Seele, die er suchte, hatte ihm nicht Vergessenheit gebracht.

Im Gegenteil! War's doch, als ob mit der steigenden Sonne der Schleier immer durchsichtiger wurde, den das Dunkel der Nacht um sein Verbrechen gewoben. Was da Verbrechen! Unsinn! War's nicht sein Weib gewesen, das ihm schon vier Kinder geboren, seine Ebenbilder? Wäre sie eines Andern Weib geworden, wären es des Anderen Ebenbilder gewesen – natürlich – aber das ist ja der Weiber Beruf und Bestimmung.

Dazu und nur dazu sind sie schön und verführerisch – wie sie gewesen, als sie sich durch die Thürspalte drängte und sich in seine Arme warf und ihn umklammerte und mit ihren Küssen schier erstickte. Ein Gaukelspiel? Vielleicht – gewiß! Was kümmert es die Natur, der alle Mittel recht sind, wenn sie nur zu ihren Zielen gelangt! Sie allein weiß, was sie will; sie allein irrt sich nicht; und der Mensch sollte irren, sündigen, wenn er ihren Geboten folgte? Nein, nein! Es war gut, daß es so gekommen! Daß die Natur es übernommen, ihn zu rächen an ihr, die nichts liebte, als sich selbst; die heute noch, wie sie es damals gethan, dem Moloch ihres Stolzes jede natürliche Empfindung zum Opfer brachte und verlangte, daß andre sich mit ihr zu diesem Götzendienst bekennen sollten; es von ihm verlangte, als stünden Künstler und Mönch unter derselben asketischen Ordensregel! Mochte sie dahinfahren in ihrer Selbstvergötterung, auf Nimmerwiedersehen! Und Dank dem Himmel für diese eine letzte Begegnung, die stattfinden mußte, ihn zu erlösen von dem Wahnsinne, in welchem er nun sieben volle Jahre dahingetaumelt, das Herz zerfleischt von Gewissensbissen, seine stolze Kraft in nutzloser Reue vergeudend, bis er ein Gegenstand des Kummers für seine Freunde geworden war und eine Zielscheibe des Spottes für seine Feinde. – Da! Hast dich endlich auf dich selbst besonnen, dummer Teufel?

Das Käferchen hatte, wieder einmal auf der Spitze eines Grashalms angelangt, die schimmernden Flügelchen entfaltet und schwebte über die runde Kuppe des Abhanges, an dem er lag, hinein in die blaue Sonnenluft – als wollte es über den See fliegen.

Warum nicht, wenn es sich mutig dem Morgenwind anvertraut! Und ist nur ein armseliger Wurm, wie der da vielleicht ein armseliger Stümper ist, und zweifelt doch nicht daran, daß er die ganze Herrlichkeit, die sich vor ihm breitet, auf seine Spanne Papier klecksen wird.

Ein Stückchen von ihm entfernt saß in dem Schatten desselben Bosketts auf einem Feldsessel vor einer Staffelei ein Mann und malte. Arnold hatte ihn nicht kommen hören oder kommen sehen; der Maler mußte auf dem Pfade, der etwas weiterhin durch das Boskett führte, herausgetreten und, sofort rechts abbiegend, auf den Platz, wo er sich jetzt befand, zugeschritten sein, so daß er auch seinerseits den Dahingestreckten nicht wohl hatte bemerken können. Auch jetzt wendete er ihm den Rücken. Er pinselte eifrig, während er dazu ein paar Takte aus der Begleitung zum Ständchen im »Don Juan« laut pfiff oder auch ein paar Worte der Arie fang mit einer fetten Gutturalstimme, die Arnold bekannt vorkam. Nun stand er auf und that ein paar Schritte von der Staffelei nach dem Rande der Kuppe, dabei hob sich die Gestalt scharf von dem blauen Himmel ab – die runden Schultern in dem braunen Samtjackett, der breitgeränderte Strohhut, von dem ein hellblaues Seidenband in dem Morgenwind flatterte – und nun, als er sich wieder zur Staffelei wendete, das dunkelblonde, in die Höhe gestrichene Bärtchen auf der vollen Oberlippe, der Henriquatre – es war Benvenuto Vogel.

Was führt denn den hierher! pah! Du darfst nicht mehr so wählerisch sein; er ist immer noch ein besserer Gesellschafter, als du dir selbst bist.

Arnold hatte die Regung überkommen, sich in das Boskett zu schlagen, wie ein aufgescheuchtes Wild. Und nun wäre es, mindestens von Benvenuto unbemerkt, nicht mehr möglich gewesen; denn jener hatte den sich Erhebenden trotz der Entfernung sofort erkannt und kam, ihn wiederholt beim Namen rufend, schnell auf ihn zu, bereits zehn Schritte, bevor er ihn erreicht, die Arme ausbreitend.

Arnold Moor! Per Bacco! Arnold Moor! Ich wußte es ja, daß ich heute ein stupendes Glück haben würde! Mein lieber Moor!

Er hatte Arnold ein paarmal umarmt, ohne zu bemerken, daß seine Freundschaftsbezeigungen nicht eigentlich erwidert wurden. Und jetzt war seine Aufmerksamkeit bereits durch etwas andres in Anspruch genommen.

Aber, heilige Jungfrau, wie sehen Sie denn aus, rief er, indem er einen Schritt zurücktrat und beide Hände, wie zur Beschwörung, hob; als hätte Sie der böse Blick getroffen! Sie sind ja in dem einen Jahre um zehn älter geworden.

Zum Schmeichler hat Sie Italien nicht gemacht, erwiderte Arnold mit spöttischem Lächeln, ich möchte dafür sagen, daß Sie während der Zeit um ebensoviel jünger geworden, wenn ich Sie damit nicht in ein allzu jugendliches Alter degradierte.

Nun, das wäre so schlimm noch nicht, rief Benvenuto, ich würde dann just zwanzig sein. Die zehn Jahre noch einmal zu durchleben – per Bacco! – es wäre kein schlechter Gedanke. Nur dieses eine letzte! Santa santissima, – dieses letzte Jahr! Rom, Sorrent, Capri, Palermo! ach! mein geliebtes Palermo! Denke ich an die zwei Monate dort – ich darf sagen, ich habe nicht vergebens gelebt.

Das würde der Liebling der Musen und der Frauen auch ohne Palermo niemals von sich sagen dürfen.

Sie haben recht! rief Benvenuto, den breiten Hut abnehmend, um ihn gedankenvoll zu betrachten und wieder aufzusetzen. Ich gebe es zu, muß es zugeben: ich habe mein lebenlang verteufeltes Glück gehabt – unanständiges Glück; liegt in meinem Namen, für den ich meinem guten verstorbenen Vater ewig dankbar bin. Hatte es nie zu etwas Rechtem bringen können, der brave Mann. War versessen auf Italien, und wenn er die Campagna malte, sah's aus, wie seine Lüneburger Haide. Dachte, der Name sei dran schuld: Anton Lebrecht – war freilich schlimm; nannte mich Benvenuto – weiter nichts – sagt freilich alles; und die Musen, wie Sie es auszudrücken belieben, scheinen es ja auch zufrieden gewesen zu sein. Und was die Frauen betrifft – die lieben Geschöpfchen – ich weiß selbst nicht, was ich für sie so Anziehendes habe, und warum sie mir die zärtlichsten Avancen machen, kaum daß ich sie angeblickt, kaum daß ich zehn Worte mit ihnen gewechselt. A propos Frauen! Sind Sie allein hier? oder ist Ihre liebenswürdige Gemahlin mit Ihnen? Sagen Sie ja, ich bitte Sie!

Ihr Bitten würde doch nichts helfen, wenn sie nicht hier wäre.

Also sie ist! und die Kinder, die holden?

Auch die.

Und wo? wo?

In Vevey.

Ich bin in St. Saphorin, seit acht Tagen; frisch aus Italien zurück; Genf – Ouchy – wollte vorgestern nach Montreux – Glion – Chillon – komme da unten vorbei; die Lage des Ortes fesselt mich – alter schloßartiger, von Platanen umdüsterter Bau, an den Felsen geklebt – sofort entschlossen – steige aus – finde in dem malerischen Kasten das vortrefflichste Wirtshaus – und ein Wirtstöchterlein – ein Wirtstöchterlein – ich sage Ihnen! aber das läßt sich nicht sagen, das läßt sich nur malen; habe eine Aquarellskizze von ihr – damit sei's genug; weshalb soll ich das arme Ding vollends unglücklich machen. Ich gestehe, ich schwankte noch, man lebt ja schließlich nur einmal. Aber jetzt bin ich entschieden, ich kehre nur zurück, um meine paar Sachen zu packen, und heute Abend bin ich in Vevey. Ich freue mich schrecklich darauf, Ihre Frau Gemahlin wiederzusehen, und ich schmeichle mir, daß ich auch ihr sein werde, was mein Name sagt. Wenigstens hat sie mich immer unverdientermaßen etwas ausgezeichnet.

Sehr und verdientermaßen, wollten Sie sagen.

Machen Sie mich nicht noch eitler, als ich bereits bin. Das heißt: im großen und ganzen, denke ich, sitzt mir der Kopf trotz alledem noch immer auf der rechten Stelle, wenn ich ihn auch manchmal ein wenig hoch zu tragen scheine, weil ich gefunden habe, daß nichts auf der Welt den Frauen so imponiert, als ein markiertes Zurschautragen seines Selbstbewußtseins, des Gefühls seines Wertes – nennen Sie's, wie Sie wollen. – Wie finden Sie es?

Sie waren mittlerweile vor die Skizze auf der Staffelei getreten.

Sie haben das sehr schnell gemacht?

Gestern zwei Stunden höchstens, und heute – nun ich hatte ja eben erst angefangen.

Lassen Sie's, wie es ist! Sie können nur noch etwas verderben.

Finden Sie?

Ganz gewiß. Das ist allerdings toll – oder doch tollkühn, wenn Sie wollen – mit dem Uferrand hier oben und dem See unten in der Vogelperspektive. Das hätte kaum Hildebrandt gewagt; gleichviel! keinen Strich mehr, wenn Sie auf mein Urteil einen Wert legen.

Ob ich auf Ihr Urteil Wert lege! bei Gott: Ihr Lob macht mich glücklich, stolz, wie ich mich lange nicht gefühlt. Zum Beweise packe ich den Krempel sofort zusammen, und nun ein Vorschlag!

Bitte!

Ich bin entsetzlich durstig. In dem Hôtel du Signal, nicht zweihundert Schritt von hier – Sie können den Giebel da zwischen den Bäumen hindurch sehen – verzapft man einen köstlichen Yvorne. Wir vertilgen eine gemeinschaftliche Flasche, und Sie begleiten mich nach St. Saphorin hinab; es ist so wie so Ihr nächster Weg nach Vevey. Sie bleiben, bis ich mein Bündel geschnürt; helfen mir die kleine Marguerite trösten – das arme, arme Ding! – sage ihr natürlich, daß ich wiederkehre; sage es stets, thue es aber grundsätzlich nie – springen an Bord des Dampfers, der um ein Uhr von Ouchy kommt – Tücherwehen: Ade, du mein herziges Kind! – und können dann schon gemeinschaftlich in Vevey zu Mittag speisen. Sind Sie's zufrieden?

Benvenuto hatte, während er sprach, die Skizze in eine Mappe gethan, die Staffelei zusammengeklappt und pfiff jetzt auf einer silbernen Pfeife, die er aus der Westentasche nahm, laut und schrill, worauf ein kleiner Knabe, der sich inzwischen an den halbreifen Nüssen gütlich gethan, aus dem Boskett herbeilief. Benvenuto packte ihm die Sachen auf und instruierte ihn in sehr fließendem, aber ebenso inkorrektem Französisch. Der Knabe trabte davon; Benvenuto rief:

So, nun können wir gehen; mon Dieu, das hätte ich beinahe vergessen.

Er blickte sich und hob aus dem Grase einen Gegenstand auf, den Arnold zuerst für einen Operngucker im Futteral hielt, bis er an der Form des letzteren sah, daß es ein Revolver war.

Was thun Sie denn damit in dem friedlichen Lande?

Friedlichen Lande! erwiderte Benvenuto, sich den Riemen über die Schulter schlingend. Für Sie, mon cher! Für den gesetzten Ehemann! Für mich! Ah! Für mich gibt es kein friedliches Land. Ich kann Ihnen sagen, ohne diesen braven Freund – Benvenuto hätte sein liebes Leben schon tausendmal unter den Händen feiger Mordgesellen – großer Gott!

Er taumelte mit weitausgestreckten Armen ein paar Schritte vorwärts; kaum daß Arnold, hinzuspringend, ihn vor dem Falle bewahren konnte, um dann, sich umwendend, in ein schallendes Gelächter auszubrechen. Hinter ihnen stand der riesige Hammel, welcher bis dahin in einiger Entfernung scheinbar friedlich gegrast hatte und nun heimlich herangekommen war, den Rückzug der Eindringlinge aus seinem Revier zu beschleunigen. Benvenutos bunter Anzug hatte offenbar seinen Zorn besonders gereizt; er setzte eben, gesenkten Hauptes, zu einem zweiten Stoße an.

Ich schieße das Vieh tot, rief Benvenuto, retirierend und mit zitternden Händen sich vergeblich bemühend, das Futteral des Revolvers zu öffnen; über den Haufen schieße ich das Vieh! Das verfluchte Futteral – so helfen Sie mir doch, anstatt zu lachen! Willst du weg! Hu, hu!

Der tapfere Hammel ließ sich weder durch diese Rufe, noch durch die Fußstöße, welche sein Gegner nach ihm in die Luft that, abschrecken. Er setzte sich in einen kurzen, scharfen Trab; nur durch einen mächtigen Seitensprung konnte Benvenuto dem Anprall ausweichen.

Geben Sie Fersengeld! rief Arnold.

Benvenuto ließ sich das nicht zweimal sagen; er rannte davon, noch auf eine kurze Strecke verfolgt von seinem grimmigen Gegner, der dann, als er seinen Sieg gesichert sah, würdevoll langsamen Schrittes umkehrte, während Arnold sich die Thränen aus den Augen wischte, und Benvenuto, den er inzwischen eingeholt, zu seiner Rettung gratulierte.

Sie haben gut spotten, sagte Benvenuto ärgerlich; ich kann Ihnen sagen, es ist kein Spaß, von einer solchen Bestie gerade auf den Rückenwirbel gestoßen zu werden. Das kann einem eine Gehirnerschütterung zuwege bringen, ehe man sich's versieht. Das verdammte Futteral, es geht nie auf, wenn es soll.

Sie müssen es reparieren lassen, sagte Arnold; Sie verlieren Ihr liebes Leben sonst wirklich bei einer nächsten Gelegenheit.

Benvenuto mochte dem Ernste, mit welchem Arnold das vorbrachte, noch nicht ganz trauen. Er antwortete nicht und blieb einsilbig und zerstreut, während Arnold auf dem Wege durch das Boskett bis zu dem Hotel, um das Gespräch auf andre Dinge zu bringen, von den gemeinschaftlichen Freunden in Berlin, seiner Reise bis Vevey und seinen weiteren Plänen berichtete. Aber sie hatten kaum unter der Veranda an der nach dem Garten gelegenen Hinterseite des Hotels Platz genommen und von dem funkelnden Weine genippt, den ein dienstfertiger Kellner eilig nebst einem Imbiß herbeischaffte, als von Benvenuto die unliebsame Episode vergessen, sein Aerger verschwunden und die alte Selbstgefälligkeit in vollem Maße zurückgekehrt war. Die gute Aufnahme, welche seine aus Italien eingesendeten Bilder auf der letzten Berliner Ausstellung gefunden, und von der Arnold, eigenes aufrichtiges Lob hinzufügend, berichtete, versetzte ihn in Entzücken.

Ja, ja, rief er; mein »Bajä im Mondenschein« mit dem Fackellicht der Fischer im Vordergrund und dem letzten Abendschimmer über Ischia – das ist nicht von Pappe – das macht mir Oswald Achenbach nicht nach; und vor meinen »Chorherren in der Capella Regia in Palermo« – da muß auch Passini den Hut ziehen. Aber, lieber Moor, Sie sprechen immer nur von mir. Was hatten Sie denn zu Markte gebracht?

Als ob Sie es nicht wüßten, und daß ich schmählich damit durchgefallen bin.

Nun ja, ich will's gestehen, ich hatte davon gehört, gelesen – meine ich; aber diese Schufte von Kritikern leben ja davon, daß sie uns herunterreißen; und dann war ich überzeugt, es werde keinesfalls so schlimm gewesen sein.

Es war sogar noch schlimmer, als die Kritik – aus Respekt vielleicht vor meinen früheren Leistungen – es gemacht hat: ein Fiasko in des Wortes schlimmster Bedeutung.

Sie würden das nicht so ruhig sagen, wenn es wahr wäre; ich meine, wenn Sie selbst daran glaubten.

Eben weil ich selbst daran glaube, vielmehr, weil ich weiß, daß die Leute vollkommen recht hatten, kann ich es ruhig sagen.

Das verstehe ich nicht; mich würde das rasend machen.

Wissen Sie denn, ob ich es nicht bin?

Ah bah! aber freilich; ich sagte es Ihnen schon vorhin: Sie sehen schlecht aus. Nun, nun! Sie dürfen sich das nicht zu Herzen nehmen. Ein armer Teufel wie ich, wenn er seine Bilder nicht verkaufte, könnte sich allerdings begraben lassen. Sie! was brauchen Sie sich darum zu grämen, ob ein Bild von Ihnen gefällt! Sie können schlechte Sachen oder gute Sachen oder auch gar nichts malen, und die Leute werden sich nach wie vor um Ihre Einladungen reißen; und wenn Sie mit Ihrer Frau durch den Thiergarten galoppieren –

Sprechen wir von etwas anderm! rief Arnold mit mühsam unterdrückender Heftigkeit. Und dann, nach einer kleinen Pause, ruhiger: Erzählen Sie mir lieber von Ihrem Aufenthalte in Sizilien. Ich kam, als ich vor acht oder neun Jahren unten war, nur bis Capri und Amalfi. Bietet Sizilien so viel, wie man sagt? Kann man dort wirklich eine neue Natur kennen lernen? Sie sprachen vorhin von Palermo; es scheint Ihnen besonders imponiert zu haben?

Nichts weiter von Palermo, wenn Sie mich lieben! erwiderte Benvenuto; die Wunde blutet noch zu frisch.

Also auch dort! Aber wie wäre es anders möglich! Wohin der Samum weht, tötet er die Blüten, die sein heißer Atem trifft.

Ein schönes und ein wahres Bild! rief Benvenuto. Ach, und es war eine holde Blüte; noch in der Erinnerung berauscht mich ihr Duft.

Nun denn, berauschen Sie sich noch einmal, ehe vor der Fülle neuer Gesichte, wollte sagen Blüten, die Erinnerung schwindet und der Duft verweht. Aber zuvor lassen Sie uns die Eßsachen wegräumen, eine neue Flasche bringen und, bitte, geben Sie mir eine von Ihren Zigarretten! Ich bin heute Morgen so von Hause gestürzt; ich wundere mich, daß ich nicht meinen Kopf vergessen habe. Nun, wie nannten die Sterblichen sie, die Sie durch Ihre Liebe zweifellos unsterblich machen werden?

Angela! rief Benvenuto; das heißt, ich will mich oder vielmehr sie nicht mit fremden Federn schmücken; sie war trotz des italienischen Namens eine Deutsche, eine Berlinerin sogar. Sie sind enttäuscht – bitter enttäuscht – ich sehe es; nun, ich dränge meine Geschichte niemandem auf, und »das Schweigen geziemt allen Geweihten genau« – das weiß ich aus Goethes Römischen Elegien – ich habe es mir doppelt angestrichen.

Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und hüllte sich in eine blaue Rauchwolke; offenbar wollte er nur gebeten sein; Arnold verbarg mit Mühe seine tiefe Bestürzung. Zweifellos war Benvenuto jener Maler, der Angela in Italien von seinem häuslichen Leben, von seinen Kindern berichtet. Kein anderer Bekannter hatte sich seines Wissens während des letzten Jahres dort aufgehalten. Er wunderte sich, daß ihm nicht, sobald er Benvenuto erblickte, der Gedanke gekommen; sein Kopf war heute so verstört. Was würde er hören? Zwar Benvenuto schnitt beständig auf, aber doch so kindisch plump, daß man das Wahre an der Sache unschwer erkennen konnte. Gleichviel: zu Ende war's auf jeden Fall; da mochte denn die Demütigung, den faden Gesellen zum Nachfolger erhalten zu haben, in den Kauf gehen.

Wie hieß die Dame mit Vatersnamen?

von Seeburg, erwiderte Benvenuto schnell; direkte Abstammung von einem uralten Geschlechte deutscher Ordensritter, das sich im Laufe der Jahrhunderte merkwürdig rein gehalten haben muß, wüßte mir sonst das in Braun hinüberschattierende, aber streng genommen dunkelblonde, überaus reiche, lockige Haar und die großen geisterhaften, sammetweichen blauen Augen, die doch auch so leidenschaftliche Blitze – großer Gott, da ist die Bestie schon wieder!

Vor der Treppe zur Veranda stand der Hammel, mit bösen Blicken zu seinem Feinde hinaufschielend. Benvenuto klingelte wütend und befahl dem herbeieilenden Kellner, das Tier sofort zu entfernen, oder er selbst werde das Lokal verlassen, um nie wieder zurückzukehren, wohl aber an Bädeker zu schreiben, daß man in dem » Hôtel du Signal« seines Lebens nicht sicher sei. Der verwunderte Kellner scheuchte mit dem Tellertuch das Tier in den Garten, wo es denn zwischen den Hecken verschwand; Benvenuto wendete sich wieder zu Arnold, der diesmal nicht gelacht, ja in der That den Zwischenfall kaum bemerkt hatte. Sollte er es weiter über sich ergehen lassen? Es war so unwürdig, gleichsam den Horcher an der Wand zu spielen; aber er hatte die langen Jahre nichts, gar nichts von ihren Schicksalen gehört, die er sich in der Phantasie bald so, bald so ausmalte; gestern Abend war es in dem Fieber der Aufregung hinüber und herüber zu keiner einzigen bestimmten Frage und Antwort gekommen, nicht einmal den Namen der deutschen Dame, mit welcher sie jetzt reiste, hatte er erfahren; wenn sie heute Clarens verließ, war ihm jede schwächste Spur verloren, und zu Benvenuto, der erst vor drei Jahren von Paris nach Berlin übergesiedelt, nie vorher in Berlin gelebt, konnte unmöglich auch nur das leiseste Gerücht seines damaligen Verhältnisses mit Angela gedrungen sein, wäre selbst dieses Verhältnis nicht ein Geheimnis für alle Welt gewesen.

Dennoch bebte seine Hand, als er sich jetzt das Glas wieder füllte, und seine Stimme war rauh und klanglos, wie er nun, ohne Benvenuto anzublicken, fragte:

Aus Berlin, sagten Sie? Wunderlich, daß ich von einer solchen Schönheit nie gehört.

Sie lebt schon lange nicht mehr in Berlin, erwiderte Benvenuto, froh, zu seinem Thema zurückzukommen; seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr, und muß sehr jung gewesen sein, als sie fortging – nebenbei nach England. Ueber ihre Berliner Zeit bin ich zum kleineren Teil durch sie selbst unterrichtet, zum größeren durch den Architekten Hollmann aus Berlin, den ich jetzt in Rom traf, und der einen Bruder von ihr – ebenfalls Architekt, aber auch schon seit Jahren nicht mehr in Berlin – gut gekannt hat und auch sonst in ihrem elterlichen Hause viel verkehrt zu haben schien. Nun, er erzählte mir, der Vater sei Artillerie-Offizier gewesen und habe seinen Abschied nehmen müssen, weil er anders eine kleine Sängerin von irgend einem Vorstadttheater nicht heiraten konnte. Dann ist es den Leutchen schlecht und recht, das heißt mehr schlecht als recht oder auch recht schlecht ergangen. Der Herr Hauptmann a. D. hat eine Fähndrichspresse oder dergleichen eingerichtet; sie hat Musikstunden gegeben; aber sie sind beide immer kränklich gewesen oder haben sich krank gearbeitet. Drei oder vier Kinder, alle talentvoll, aus denen man etwas machen will – man weiß ja, wie das so geht –, enfin: sie sind aus der Misere nicht herausgekommen. Und nun muß auch noch Herr von Seeburg sterben, und die ganze Last fällt auf die arme Frau, während die Söhne noch auf der Universität oder Bau-Akademie sind und die einzige Tochter auf dem Konservatorium, glaube ich. Dann stirbt, ein Jahr später, auch die Mutter, Das heroische Mädchen besinnt sich nicht lange. Sie nimmt eine Stelle in England an, eine sehr lukrative, und verteilt ihren ganzen Gehalt jahrelang bei Heller und Pfennig unter ihre drei Brüder – nebenbei: sie, die jüngste von den Geschwistern – die sich denn freilich auch nicht lumpen lassen und, wie mir Hollmann sagte, jetzt alle fest in ihren Schuhen stehen. Na, da hat es denn Fräulein von Seeburg auch wohl nicht mehr für nötig gehalten, länger in England zu bleiben, wo es ihr, abgesehen von dem famosen Gehalte, schlimm genug ergangen sein mag. Wenigstens glaube ich das aus einer ihrer gelegentlichen Aeußerungen schließen zu dürfen. Sollen wir noch eine Flasche kommen lassen? Sie haben einen beneidenswerten Durst.

Verzeihen Sie, sagte Arnold zusammenschreckend; ich sagte Ihnen, ich bin heute, einer wunderlichen Laune folgend, beim ersten Morgengrauen aufgebrochen und war in der That total erschöpft, als Sie mich fanden. Ich fürchte, ich habe die zweite ganz allein getrunken. Garçon!

Eine neue Flasche war sofort zur Hand; Arnold schenkte ein und leerte sein Glas abermals auf einen Zug.

Und von England?

Von England? Ja so, wohin sie von England ging? Nach dem Kontinent natürlich, wohin sonst? Ostende – Brüssel. In dem Hotel in Brüssel trifft sie eine Dame, deren einziger Sohn, Reserve-Leutnant in einem Dragoner-Regiment, bei Sedan durch die Brust geschossen wurde, und den die Frau Mama aus dem Lazarett, wo sie ihn gefunden, nach Hause schaffen will. Aber in Brüssel bricht die Wunde wieder auf, die Lunge fängt wieder an zu bluten, – enfin, die arme Frau weiß sich in der fremden Stadt unter den fremden Leuten nicht zu raten und zu helfen, und so, händeringend, auf dem Korridor umherirrend, den Arzt erwartend, der immer noch nicht kommen will, findet sie Fräulein von Seeburg. Die alte Dame erblicken, sie nach der Ursache ihres Jammers fragen, ihr Hilfe und Beistand anbieten, in das Zimmer folgen, wo der arme junge Mann im Sterben liegt oder zu liegen scheint, ist für das edelmütige Mädchen eins. Er hat mir oft gesagt, daß er ihr allein den elenden Rest seines Lebens verdanke. Aber die Geschichte ennuyiert Sie?

In keiner Weise; ich wagte nur nicht, Sie zu unterbrechen, sonst würde ich gefragt haben, wie Sie – Sie selbst denn nun die Bekanntschaft von An–, von der jungen Dame machten?

Wir bewohnten in Palermo dasselbe Hotel, die Trinacria. Das heißt, ich war bereits einen Monat da – im November vorigen Jahres – als sie ankamen: Angela und die Baronin Granske mit dem kranken Sohn.

Wie war der Name?

Granske auf Granskewitz.

Ah!

Sie kennen die Herrschaften?

Nicht eigentlich; nur sie gesehen, von ihnen gehört habe ich; ich trieb mich vor längeren Jahren ein paar Wochen an der Ostsee umher, Studien zu machen. Meine Frau ist aus derselben Gegend, von Rügen.

Ganz richtig, nun verstehe ich auch, weshalb die Baronin, die sonst für die Kunst wenig Interesse zu haben schien, Ihren Namen kannte und sich nach Ihnen und Ihren Verhältnissen gelegentlich erkundigte. Mein Gott, wie sich das trifft! aber so ist es immer bei mir, ich brauche nur zuzugreifen, so habe ich die ganze Hand voll der merkwürdigsten Verhältnisse.

Dabei erfahre ich aber noch nichts von Ihrem eigenen speziellen Verhältnisse zu der jungen Dame.

Ja so! es ist ein alter Fehler von mir, ich vergesse mich stets über den anderen. Mein spezielles Verhältnis? es ist ein dunkles Buch, in welchem selbst mein durch tausendfältige Erfahrung gefeites Auge nur mit einiger Anstrengung liest. Wie hätte es auch hell werden können über uns, in uns! Wie hätte das arme Mädchen ihrer keimenden, sprossenden Neigung, ihrer wachsenden Leidenschaft einen Ausdruck zu geben gewagt in der unmittelbaren Nahe des Kranken, Sterbenden, dessen brechendes Auge fortwährend an den geliebten Zügen hing! Wie hätte ich mein Gefühl, aus Schonung vor dem Aermsten, vor der unglücklichen Mutter, nicht im tiefsten Busen verschließen sollen! Was ich dabei gelitten – die Orangenhaine vor der Porta Ossuna, die Grotte der heiligen Rosalia auf dem Monte Pellegrino könnten davon erzählen; ich habe ihnen oft genug meinen Jammer laut geklagt; was sie erduldet – nun, große Seelen dulden eben still. In dieser wahrhaft fürchterlichen Lage der Dinge muß ich es als eine Gnade des Schicksals ansehen, daß meine Zeit für Palermo, für Sizilien im März dieses Jahres abgelaufen war. Lassen Sie mich einen dichten Schleier über die Stunde der Trennung ziehen. Ihr starres Auge war thränenlos; Sie wissen, daß der tiefste, brennende Schmerz die Thränen trinkt. Und ich, ach! wäre mir nicht Rom zu Hilfe gekommen mit der majestätischen Trauer seines Kolosseums, der süßen Melancholie seiner Campagna – Benvenuto lebte längst nicht mehr … Und dann ihre Briefe! Ich habe nämlich die Gewohnheit, das Vögelchen, das ich davonflattern lassen muß, doch gewissermaßen an dem Faden der holdesten, mehr oder weniger sentimentalen Korrespondenz festzuhalten – eine scheinbar grausame Gewohnheit, die aber, genau besehen, bei mir aus der lauteren Quelle echter Sympathie und tiefer Einsicht in die Natur des weiblichen Herzens geflossen ist. Sie wissen, was man bei Kindern mit dem Ausdrucke »Entwöhnen« bezeichnet. Ich sage nichts weiter, Sie werden mich verstehen.

Vollkommen; Sie blieben also mit ihr in Korrespondenz?

Sie schrieb mir von Palermo nach Rom. wenn auch selten, und – mit jener delikaten Keuschheit des Herzens, für die ich ein tiefes Verständnis habe – offiziell immer im Auftrage der Baronin, der ich tausend kleine Dienste hatte leisten dürfen, und die mir für die Freundschaft, welche ich ihrem Sohne erwiesen, unendlich dankbar war. Von Liebe nie ein Wort. Weshalb auch, wenn man an jemanden schreibt, der zwischen den Zeilen zu lesen weiß! Dann blieben die Briefe eine Zeitlang aus; dann vor etwa vier Wochen die kurze Nachricht von dem Tode des jungen Barons, die mich erschütterte, aber nicht überraschte; drei Tage später ein Billet, welches mir die bevorstehende Ankunft der Damen in Rom meldete, Sie kamen, sie blieben länger, als sie gewollt; sie hatten nicht bedacht, was es heißt, Benvenuto Vogel in Rom zum Cicerone zu haben. Es waren traurig schöne Tage – Mittnachts-Sonnenschein, Rembrandtsches Clair-obscur – lassen Sie mich einen Schleier darüber ziehen! Ah, der letzte Abend an der Fontana di Trevi! Wir beide stumm, und das tiefberedte Schweigen akkompagniert von dem ununterbrochenen Plätschern der einander suchenden, sich flüsternd umarmenden, wieder auseinander rinnenden Wasser! Dann der Morgen auf dem Bahnhof – ein Händedruck – partenza! ein Wehen mit der Hand von ihrer – Handküssewerfen, Taschentuchschwenken von meiner Seite – ach, mein Freund, das Leben hat grausame Momente auch für seine Lieblinge!

Benvenuto fuhr sich über die Stirn und durch das überreiche sanftgelockte Haar und griff nach dem Glase, aber nur, um düstern Auges in dasselbe zu starren. So sah er denn auch nicht das höhnische Lächeln, das um Arnolds Lippen zuckte, als er nach einer kleinen Pause sagte:

Nicht wahr, Sie nehmen es mir nicht übel, Benvenuto? Aber ich habe aus Ihrer Erzählung nicht die Ueberzeugung gewinnen können, daß Sie in diesem Falle eine sehr leidenschaftliche Liebe erregten.

Benvenuto blickte verwundert auf.

Das wird an meiner diskreten Darstellung gelegen haben, sagte er, an der bescheidenen Farbengebung. Aber wenn es einem Mädchen nur ein Wort kostet, Frau Baronin Granske zu werden, und sie spricht dieses Wort nicht –

Was soll das heißen? Ich denke, der Zustand des jungen Herrn war von Anfang an hoffnungslos – man heiratet doch keinen Sterbenden.

Wenn man dadurch für sein ganzes übriges Leben höchst anständig versorgt wird?

Soviel mir bekannt, sind die Granskes durch die unsinnige Verschwendung des verstorbenen Barons – des Vaters, meine ich – tief verschuldet, und das Majorat ist jetzt nach dem Tode des jungen Herrn auf einen Vetter übergegangen, der noch dazu ein schäbiger Filz ist und sich um seine verarmten Verwandten nicht einen Deut kümmert.

Wie gut Sie Bescheid wissen! Aber wie nun, wenn die junge Witwe nach dem Familiengesetze sofort den Anspruch auf ein nicht unbedeutendes Jahrgeld hätte, das aus dem Majorate gezahlt werden muß, und nach dem Ableben der jetzigen Frau Baronin-Witwe das schöne Stammgut Granskewitz zur Residenz und die freie Verfügung über die reichen Einkünfte?

Auch wenn sie wieder heiratet?

Benvenuto machte ein langes Gesicht.

Daran habe ich allerdings noch nicht gedacht, sagte er kleinlaut. Dann wäre allerdings das ungeheure Opfer, das ich der Kunst bringe – nun, nun – ich werde ja sehen, was man vernünftigerweise thun kann. Jedenfalls habe ich zu Weihnachten eine Einladung der Baronin nach Granskewitz angenommen.

Sie haben neuerdings keine Nachricht von – von den Damen gehabt?

Es war nicht wohl möglich. Ich selbst bin bald nach ihnen, Anfang dieses Monats, von Rom aufgebrochen, um mich langsam durch die kleinen umbrischen Städte, hernach Florenz, Pisa und so weiter nordwärts zu schlängeln, ebenso wie die Damen kein bestimmtes Reiseprogramm hatten, sondern alles von dem Befinden der Baronin abhängen lassen wollten. Die arme Dame war, wie Sie sich denken können, in Folge der Katastrophe in Palermo schrecklich angegriffen, obgleich man meine scharfen Augen haben mußte, es ihr anzusehen. Sie ist nämlich von Wind und Wetter gebräunt wie ein Schiffer und von einer ansehnlichen Korpulenz trotz allen Grams und Kummers. Eine herrliche Frau, sage ich Ihnen, und die mich wie einen Sohn liebt. Uebrigens hätte ich die Damen doch beinahe hier eingeholt. Wenigstens sind sie vor acht Tagen noch in Genf gewesen, wie ich aus der Fremdenliste ersehen; von da aber vermute ich, direkt nach Hause gereist. Aber, lieber Moor, wenn wir Ihrer Gattin heute Mittag noch die bewußte Ueberraschung machen wollen, haben wir keine Zeit mehr zu verlieren. Auf den Abschied von Marguerite kommen so wie so nur noch ein paar Minuten, desto besser für das arme Ding. Garçon! l'addition!

Benvenuto erhob sich, hängte den Revolver um und ging dem Kellner entgegen, der eben mit der Rechnung zurückkam. Arnold war sitzen geblieben. Der reichlich genossene Wein und Benvenutos Erzählung hatten das Fieber der Aufregung, das so schon in seinen Adern brannte, zu unheimlicher Glut gesteigert. Was wollte das Schicksal damit, daß es ihm heute, gerade heute den Menschen da in den Weg führte! Hatte er doch vor einer Stunde noch geglaubt, daß er ihr Bild für immer aus dem Herzen gerissen, und nun stand es da heller als je zuvor. Er sah sie an dem Bette des kranken jungen Mannes im Verkehre mit Benvenuto, und eine grimmige Eifersucht erfaßte ihn gegen den Toten, der sie geliebt, gegen den da, der von ihr geliebt zu sein behauptete. Es war elende Prahlerei – zweifellos, und doch, weshalb sagte er ihm nicht, daß sie in Clarens sei? Es konnte ihm ja plötzlich einfallen, daß er gestern Abend auf dem Wege dorthin einer Dame begegnet sei, die der Schilderung völlig entspräche. Das war ganz unverfänglich; mehr noch; gerade durch Benvenutos Vermittelung konnte er die schicklichste Gelegenheit finden, jene Wiederannäherung herbeizuführen, welche sie gestern, so entschieden abgelehnt, vor der er selbst heute, wenn er an die Möglichkeit dachte, fast ein Grauen empfunden, und die er jetzt wieder eben so leidenschaftlich herbeisehnte. Ja, ja – Benvenuto war ihm gesendet als hoch willkommenes bequemstes Werkzeug, und er wollte sich dieses Werkzeuges bedienen mit aller Kühnheit und zugleich mit aller Vorsicht. Selbst der Gedanke, daß sie heute Morgen bereits aus Clarens abgereist sein könnte, schreckte ihn nicht mehr. Wußte er doch jetzt, wohin sie sich schließlich wenden würden, und Granskewitz, das Gut der Baronin, grenzte an Faschwitz, das Gut seines Schwiegervaters. Aber so weiter Vorausschau bedurfte es nicht. Sie war noch in der Nähe, mußte es sein. Das Schicksal würde sein Werk nicht halb thun, wenn er selbst nur das Seine thäte.

Sind Sie endlich in Ordnung, Benvenuto?

Si, Signore.

Dann lassen Sie uns gehen!

Indem er sich erhob, zuckte ein stechender Schmerz durch sein Gehirn; es wurde ihm dunkel vor den Augen, er taumelte; nur mit äußerster Anstrengung gelang es ihm, sich aufrecht zu erhalten. Benvenuto und der Kellner eilten herzu; aber Arnold bat nur um ein Glas frischen Wassers, die momentane Schwäche vollends zu überkommen. Es sei die Folge der Ueberanstrengung seiner Morgentour und habe nichts zu bedeuten; auf keinen Fall bedürfe es eines Wagens, der so wie so in Chexbres kaum aufzutreiben sein dürfte.

Um alle weiteren Verhandlungen abzuschneiden, schritt er voraus; achselzuckend folgte Benvenuto. Der Weg nach St. Saphorin hinab war sehr lang, zuletzt sehr steil, und Arnold hatte erbärmlich ausgesehen.

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