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Ange Pitou. Band 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou. Band 2 - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou. Band 2
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidad02c2e3
created20061121
modified20190320
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Was in Versailles vorging, während der König die Reden der Munizipalität anhörte.

Im Innern des Stadthauses wurde dem König ein sehr schmeichelhafter Empfang zuteil: man nannte ihn den Wiederhersteller der Freiheit.

Eingeladen zu sprechen – denn der Durst nach Reden wurde alle Tage heftiger, und der König wollte am Ende den Grund der Gedanken von jedem erfahren – legte Ludwig XVI. die Hand auf sein Herz und sagte nur:

Meine Herren, Sie können immer auf meine Liebe zählen.

Während er im Stadthause die Mitteilung der Regierung anhörte, machte sich das Volk außen mit den schönen Pferden des Königs, mit den vergoldeten Wagen, mit den Lakaien und Kutschern Seiner Majestät vertraut.

Seit dem Eintritt des Königs in das Stadthaus hatte sich Pitou mittelst eines Louisd'or, den ihm der Vater Billot geschenkt, damit beschäftigt, aus vielen blauen, roten und weißen Bändern eine Sammlung Nationalkokarden von allen Größen zu machen, mit denen er sodann die Ohren der Pferde, die Geschirre und die ganze Equipage schmückte.

Sobald dies bemerkt wurde, verwandelte das nachahmende Publikum den Wagen Seiner Majestät buchstäblich in eine Kokardenbude.

Die Kutscher und die Bedienten wurden verschwenderisch damit geschmückt.

Man hatte auch ein Dutzend vorrätig in das Innere gesteckt.

Als der König herauskam und diesen ganzen buntscheckigen Aufwand wahrnahm, gab er bloß den Laut von sich: Höh! höh!

Dann wandte er sich an Herrn von Lafayette, der sich ehrerbietig näherte, den Degen senkend.

Herr von Lafayette, sprach der König, ich suche Sie, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie im Kommando der Nationalgarden bestätige.

Und er stieg in den Wagen unter einem allgemeinen Zuruf.

Gilbert war, wegen des Königs nunmehr beruhigt, mit den Wählern und Bailly im Sitzungssaale geblieben.

Seine Beobachtungen waren noch nicht beendigt.

Als er jedoch das gewaltige Geschrei hörte, das den Abgang des Königs begrüßte, trat er an ein Fenster und warf einen letzten Blick auf den Platz, um das Benehmen seiner zwei Landleute zu überwachen.

Sie waren immer noch die besten Freunde des Königs.

Plötzlich sah Gilbert vom Quai Pelletier im raschesten Schritt einen mit Staub bedeckten Reiter kommen, vor dem sich die Reihen der noch ehrfurchtsvollen und gehorsamen Volksmassen öffneten.

Gut und gefällig an diesem Tag, lächelte das Volk und wiederholte: Ein Offizier des Königs!

Und dieser Offizier wurde mit dem vielseitigen Rufe: Es lebe der König! begrüßt, und die Hände der Frauen streichelten sein vom Schaum weißes Pferd.

Er drang bis zum Wagen vor und gelangte an den Schlag, in dem Augenblick, wo ihn der Diener hinter dem König geschlossen hatte.

Ah! Sind Sie es, Charny? sagte Ludwig XVI.

Und er fragte leiser: Wie geht es dort?

Dann noch leiser: Die Königin?

Sehr unruhig, Sire, antwortete der Offizier, indem er seinen Kopf beinahe ganz in den königlichen Wagen steckte.

Kehren Sie nach Versailles zurück?

Ja.

Nun, so beruhigen Sie unsere Freunde; alles ist vortrefflich gegangen.

Charny verbeugte sich, schaute empor und erblickte Herrn von Lafayette, der ihm ein freundschaftliches Zeichen machte.

Charny ritt auf ihn zu, und Lafayette reichte ihm die Hand, worauf der Offizier des Königs samt Pferd durch die wogende Menge gleichsam getragen wurden bis zum Quai, auf dem sich durch die Wachsamkeit der Nationalgarde zur Durchfahrt Seiner Majestät bereits ein Spalier gebildet hatte.

Der König befahl, bis zur Place Louis XV. fortwährend nur im Schritt zu fahren. Hier fand man die Gardes-du-corps wieder, die nicht ohne Ungeduld auf die Rückkehr des Königs gewartet hatten.

Gilbert hatte vom Balkon des Fensters aus die Ankunft des Reiters begriffen, obgleich er ihn nicht kannte. Er erriet, wie vielen Besorgnissen die Königin preisgegeben sein mußte, um so mehr, als seit drei Stunden kein Kurier diese Menschenmassen hätte passieren können, ohne Verdacht zu erregen oder eine Schwäche zu verraten.

Er mutmaßte indessen nur einen kleinen Teil von dem, was in Versailles vorgefallen war.

Wir werden den Leser nach Versailles zurückführen.

Die Königin hatte den letzten Kurier des Königs um drei Uhr erhalten.

Gilbert hatte Mittel gefunden, ihn in dem Augenblick abzusenden, wo der König, unter dem stählernen Gewölbe durchgehend, unversehrt in das Stadthaus eingetreten war.

Bei der Königin befand sich die Gräfin von Charny, die kaum erst das Bett verlassen, wo sie seit dem vorhergehenden Tage ernstliche Unpäßlichkeit zurückgehalten hatte.

Sie war noch sehr bleich und hatte kaum die Kraft, die Augen aufzuschlagen, deren schwere Lider wie unter dem Gewichte eines Schmerzes oder einer Scham immer niederfielen.

Als die Königin die Gräfin erblickte, lächelte sie ihr zu, doch mit jenem Gewohnheitslächeln, das für ihre Vertrauten auf die Lippen der Fürsten und Könige stereotypiert zu sein scheint.

Dann, noch frisch begeistert von der Freude, Ludwig XVI. in Sicherheit zu wissen, sprach sie zu ihrer Umgebung: Abermals eine gute Nachricht, möchte der ganze Tag so vergehen.

Oh! Madame, sprach ein Höfling, Eure Majestät ängstigt sich mit Unrecht. Die Pariser wissen wohl, welche Verantwortlichkeit auf ihnen lastet.

Aber, Madame, fragte ein andrer Höfling minder beruhigt, ist Eure Majestät auch völlig sicher, daß die Nachrichten echt sind?

Oh! ja, erwiderte die Königin, derjenige, welcher sie mir zuschickt, hat sich für den König mit seinem Kopf verbürgt; überdies halte ich ihn für einen Freund.

Oh! wenn es ein Freund ist, sprach der Höfling, sich verbeugend, dann ist es etwas andres.

Frau von Lamballe war einige Schritte entfernt; sie näherte sich und fragte Marie Antoinette:

Nicht wahr, es ist der neue Arzt des Königs?

Gilbert, ja, antwortete unbesonnen die Königin, ohne zu bedenken, daß sie jemand an ihrer Seite einen furchtbaren Schlag versetzte.

Gilbert! rief Andrée bebend, als ob eine Schlange sie ins Herz gestochen hätte. Gilbert, ein Freund Eurer Majestät?

Andrée wandte sich um; das Auge entflammt, die Hände durch Zorn und Scham krampfhaft zusammengezogen, klagte Andrée mit Stolz in Blick und Haltung die Königin an.

Aber . . . doch . . . sagte die Königin zögernd.

Oh! Madame, Madame! murmelte Andrée im Tone des bittersten Vorwurfs.

Eine Totenstille trat bei diesem geheimnisvollen Zwischenfalle ein. Mitten unter dem Schweigen vernahm man bescheidene Tritte auf dem Boden des anstoßenden Zimmers.

Herr von Charny! sagte halblaut die Königin, als wollte sie Andrée ermahnen, sich zu fassen.

Charny hatte gehört, Charny hatte gesehen; aber der eigentliche Vorgang blieb ihm dunkel.

Er bemerkte die Blässe von Andrée und die Verlegenheit von Marie Antoinette.

Es geziemte sich nicht für ihn, die Königin zur Rede zu stellen; aber Andrée war seine Frau, bei ihr hatte er das Recht, sie zu befragen.

Er näherte sich ihr und fragte mit dem Ton der freundschaftlichsten Teilnahme: Was giebt es, Madame?

Andrée machte eine Anstrengung gegen sich selbst und erwiderte: Nichts, Herr Graf.

Sie schienen an der Ergebenheit des Herrn Gilbert zu zweifeln, sagte er dann; sollten Sie einen Grund haben, seine Treue zu beargwöhnen?

Andrée schwieg.

Sprechen Sie, Madame, sprechen Sie, fügte Charny dringend bei.

Dann, als Andrée immer stumm blieb, fuhr er fort:

Oh! sprechen Sie, Madame, diese Zartheit wäre hier verdammenswert; bedenken Sie, daß es sich um das Heil unsrer Gebieter handelt.

Ich weiß nicht, mein Herr, in welcher Beziehung Sie das sagen, antwortete Andrée.

Sie haben gesagt, und ich habe es gehört, Madame . . . ich berufe mich überdies auf die Prinzessin . . . Charny verbeugte sich vor Frau von Lamballe . . . Sie haben gesagt und ausgerufen: Oh! dieser Mann, dieser Mann! Ihr Freund! . . .

Es ist wahr. Sie haben das gesagt, meine Liebe, bestätigte die Prinzessin von Lamballe mit ihrer naiven Gutmütigkeit.

Dann näherte sie sich Andrée ebenfalls und sprach:

Ja, Sie wissen etwas. Herr von Charny hat recht.

Haben Sie Mitleid, Madame, haben Sie Mitleid, betonte Andrée mit so leiser Stimme, daß sie nur von der Prinzessin gehört werden konnte.

Die Prinzessin entfernte sich.

Als die Königin wahrnahm, daß sie, wenn sie die Redlichkeit nicht verletzen wolle, länger nicht zögern dürfe, sich ins Mittel zu legen, versetzte sie: Ei! mein Gott, es war von geringer Bedeutung; die Frau Gräfin drückte eine Furcht aus, aber eine völlig unbestimmte; sie sagte, es lasse sich schwer glauben, daß ein Revolutionär von Amerika, ein Freund von Herrn Lafayette, unser Freund sei.

Ja, unbestimmt, wiederholte Andrée maschinenmäßig, sehr unbestimmt.

Aber es bedurfte mehr als dies, um Charny zu überzeugen. Die auffallende Verlegenheit, die er bei seiner Ankunft bemerkt hatte, brachte ihn auf die Spur eines Geheimnisses.

Er blieb beharrlich.

Gleichviel, Madame, sagte er, mir scheint, es wäre Ihre Pflicht, nicht eine unbestimmte Furcht auszusprechen, sondern sich im Gegenteil klar und deutlich zu äußern.

Wie! versetzte die Königin ziemlich hart. Sie kommen abermals hierauf zurück, mein Herr?

Entschuldigen Sie, Madame, erwiderte Charny, es geschieht aus Interesse für . . .

Für Ihre Eitelkeit, nicht wahr? Ah! Herr von Charny, fügte die Königin mit einer Ironie bei, deren Gewicht der Graf begriff, sagen Sie es offenherzig, Sie sind eifersüchtig.

Eifersüchtig! rief der Graf errötend, eifersüchtig, auf wen? Das frage ich Eure Majestät.

Offenbar auf Ihre Frau, fuhr die Königin mit Bitterkeit fort.

Madame, stammelte Charny, völlig betäubt durch diese Herausforderung.

Das ist ganz natürlich, sprach trocken Marie Antoinette, es ist bei der Gräfin sicherlich der Mühe wert.

Charny schleuderte der Königin einen Blick zu, der sie aufmerksam darauf machen sollte, daß sie zu weit gehe.

Doch das war vergebliche Mühe, überflüssige Vorsicht. Wenn bei dieser verwundeten Löwin der Schmerz seinen brennenden Biß eindrückte, so hielt die Frau nichts mehr zurück.

Ja, ich begreife, daß Sie eifersüchtig sind, Herr von Charny, eifersüchtig und unruhig; das ist der gewöhnliche Zustand jeder Seele, die liebt und folglich wacht.

Madame, wiederholte Charny.

So erfüllt mich, fuhr die Königin fort, so erfüllt mich zu dieser Stunde durchaus dasselbe Gefühl wie Sie; ich habe zugleich Eifersucht und Unruhe (sie legte einen starken Nachdruck auf das Wort: Eifersucht); der König ist in Paris und ich lebe nicht mehr.

Aber, Madame, versetzte Charny, der nichts von diesem Sturm begriff, welcher sich immer mehr mit Blitzen und Donnern belud. Sie haben soeben Nachrichten vom König erhalten; diese Nachrichten waren gut und müßten Sie folglich beruhigen.

Sind Sie beruhigt gewesen, als die Gräfin und ich Sie vorhin unterrichteten?

Charny biß sich auf die Lippen.

Andrée fing an, zugleich erstaunt und erschrocken das Haupt zu erheben: erstaunt über das, was sie hörte, erschrocken über das, was sie zu begreifen glaubte.

Das Stillschweigen, das einen Augenblick vorher bei der ersten Frage von Charny ihretwegen eingetreten war, beobachtete die Versammlung nur der Königin wegen.

In der That, fuhr die Königin mit einer Art von Wut fort, es liegt im Schicksal der Leute, die lieben, daß sie nur an den Gegenstand ihrer Zuneigung denken; ja unbarmherzig alles zu opfern, alles dem einzigen Gefühle, das sie beherrscht, bereitet den armen Herzen sogar eine Freude. Mein Gott! wie besorgt bin ich um den König!

Madame, wagte einer von den Anwesenden zu bemerken, andre Kuriere werden kommen.

Oh! warum bin ich nicht in Paris, statt hier zu sein; warum bin ich nicht beim König, sprach Marie Antoinette, die gesehen hatte, daß Charny unruhig wurde, seitdem sie ihn in den Zustand der Eifersucht zu versetzen suchte, die sie selbst so heftig empfand.

Charny verbeugte sich.

Wenn es nur das ist, Madame, sagte er, so will ich dahin gehen, und wenn, wie Eure Majestät denkt, eine Gefahr für den König stattfindet, wenn dieses edle Haupt preisgegeben ist, glauben Sie mir, Madame, so wird es nicht meine Schuld sein, daß ich nicht das meinige preisgegeben habe. Ich gehe.

Er verbeugte sich in der That und machte einen Schritt, um sich zu entfernen.

Andrée aber warf sich ihm entgegen und rief:

Mein Herr, mein Herr, schonen Sie sich!

Es fehlte bei dieser Szene nichts mehr, als der Ausbruch der Befürchtungen von Andrée.

Kaum hatte auch Andrée, unwillkürlich aus ihrer gewöhnlichen Kälte herausgerissen, diese unvorsichtigen Worte ausgesprochen und diese außerordentliche Besorgnis geäußert, als die Königin entsetzlich bleich wurde.

Ei! Madame, sagte sie zu ihr, wie kommt es, daß Sie sich hier die Rolle der Königin anmaßen?

Ich, Madame? stammelte Andrée, indem es ihr zum Bewußtsein kam, sie habe das in ihrer Seele schon so lang verschlossene Feuer zum erstenmal über ihre Lippen springen lassen.

Wie! fuhr Marie Antoinette fort, Ihr Gatte ist im Dienste des Königs, er will den König aufsuchen; wenn er sich einer Gefahr aussetzt, so geschieht es für den König, und während es sich um den Dienst des Königs handelt, ermahnen Sie Herrn von Charny, sich zu schonen!

Bei diesen niederschmetternden Worten verlor Andrée das Bewußtsein; sie schwankte und wäre auf den Boden gefallen, hätte sie nicht Charny, hastig auf sie zutretend, in seinen Armen aufgefangen.

Eine Gebärde der Entrüstung, die Charny nicht zu beherrschen vermochte, brachte die Königin vollends in Verzweiflung, sie glaubte nur eine verwundete Nebenbuhlerin zu sein, während sie eine ungerechte Fürstin gewesen war.

Die Königin hat recht, sprach endlich Charny mit einer gewissen Anstrengung, und Ihre Gemütsbewegung, Frau Gräfin, ist schlecht berechnet gewesen; Sie haben keinen Gatten, Madame, wenn es sich um die Interessen des Königs handelt, und es wäre an mir, Ihnen zuerst zu befehlen, mit Ihrer Empfindsamkeit sparsam zu sein, wenn ich bemerkte, daß Sie einige Furcht für mich hegen wollten.

Dann wandte er sich an Marie Antoinette und sagte kalt:

Ich bin zu den Befehlen der Königin und gehe. Ich werde Ihnen Nachrichten vom König bringen, gute Nachrichten, Madame, oder ich bringe Ihnen gar keine.

Nachdem er diese Worte gesprochen, verbeugte er sich bis auf die Erde und ging ab, ohne daß die Königin, zugleich von Schrecken und Zorn betroffen, nur daran dachte, ihn zurückzuhalten.

Einen Augenblick nachher hörte man auf dem Pflaster des Hofes die Hufeisen eines galoppierenden Pferdes schallen.

Die Königin blieb unbeweglich, aber von einer inneren Aufregung erfaßt, die um so furchtbarer war, je mehr sie sich anstrengte, sie zu verbergen.

Andrée ging mit den andern aus dem Gemache weg und überließ Marie Antoinette den Liebkosungen ihrer zwei Kinder, die sie hatte zu sich rufen lassen.

 

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