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Ange Pitou. Band 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou. Band 2 - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou. Band 2
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die Reise.

So antreibend, so angetrieben, aber immer dem Adjutanten des Herrn von Beauvau folgend, kamen Gilbert, Billot und Pitou endlich zu dem Wagen, in dem der König, begleitet von den Herren von Estaing und Villequier, unter einer wachsenden Menschenmasse langsam vorrückte.

Ein seltsames, unerhörtes, unbekanntes Schauspiel, denn es fand zum ersten Male statt. Alle diese Nationalgarden vom Lande, improvisierte Soldaten, liefen mit Freudenschreien auf dem Wege des Königs herbei, begrüßten ihn mit ihren Glückwünschen, suchten sich sehen zu lassen und nahmen in dem Zuge ihre Reihe ein und begleiteten die Reise des Königs.

Ludwig XVI. erblickte Gilbert, auf den Arm von Billot gestützt; hinter ihm marschierte Pitou, beständig seinen großen Säbel schleppend.

Ah! Doktor, das schöne Wetter und das schöne Volk!

Sie sehen, Sire, erwiderte Gilbert.

Und er neigte sich gegen den König und fügte bei:

Was hatte ich Eurer Majestät versprochen?

Ja, mein Herr, ja, und Sie haben auf eine würdige Art Ihr Wort gehalten.

Der König erhob das Haupt und sprach mit der Absicht, gehört zu werden: Wir marschieren sehr langsam, doch mir scheint, wir marschieren immer noch zu schnell für alles das, was es heute zu sehen giebt.

Sire, sagte Herr von Beauvau, Sie machen in dem Schritt, den Eure Majestät fährt, eine Meile in drei Stunden. Es ist schwierig, langsamer zu fahren.

Die Pferde hielten in der That jeden Augenblick an; es wurden Reden und Erwiderungen ausgetauscht; die Nationalgarden fraternisierten – man hatte das Wort gefunden – mit den Gardes-du-corps Seiner Majestät.

Ah! sagte Gilbert, der dieses seltsame Schauspiel als Philosoph betrachtete, zu sich selbst, wenn man mit den Gardes-du-corps fraternisiert, so ist dies deswegen, weil sie, ehe sie Freunde wurden. Feinde gewesen sind.

Sagen Sie uns doch, Herr Gilbert, sprach Billot halblaut, ich habe den König gut angeschaut, ich habe ihm wohl zugehört. Nun! meiner Ansicht nach ist der König ein braver Mann.

In seinem Enthusiasmus betonte Billot diese letzten Worte so, daß der König und der Generalstab sie hörten.

Der Generalstab lachte.

Der König lächelte, nickte mit dem Kopf und sagte:

Das ist ein Lob, das mir gefällt.

Diese Worte wurden laut genug gesprochen, daß Billot sie hörte.

Oh! Sie haben recht, Sire, denn ich spende es nicht jedermann, erwiderte Billot, der mit seinem König geradeswegs ins Gespräch eintrat, wie Michaud mit Heinrich IV.

Das schmeichelt mir um so mehr, sagte der König verlegen, denn er wußte nicht, wie er es machten sollte, um freundlich sprechend seine Königswürde und doch auch als guten Patrioten sich zu behaupten.

Ach! der arme Fürst war noch nicht gewöhnt, der König der Franzosen zu heißen.

Er glaubte noch der König von Frankreich zu sein.

In seinem freudigen Entzücken gab sich Billot nicht die Mühe, darüber nachzudenken, ob Ludwig vom philosophischen Standpunkt aus den Königstitel niedergelegt habe, um den Titel eines Menschen anzunehmen.

Billot, der fühlte, wie sehr sich diese Sprache der ländlichen Gutherzigkeit näherte, Billot wünschte sich Glück, daß er einen König verstand und von ihm verstanden wurde. Von diesem Augenblick an hörte Billot nicht mehr auf, sich für den König zu begeistern. Er trank aus den Zügen des Königs, nach dem Virgilschen Ausdruck, eine lange Liebe für das konstitutionelle Königtum und teilte sie Ange Pitou mit, der, zu voll von seiner eigenen Liebe und von dem Überfluß der Liebe Billots, das ganze Gefühl nach außen verbreitete, indem er mächtig, dann kreischend, und endlich, indem er nur noch unbestimmt schrie:

Es lebe der König! es lebe der Vater des Volkes!

Dieser Wechsel in der Stimme Pitous bewerkstelligte sich nach Maßgabe seines Heiserwerdens.

Pitou war völlig heiser, als der Zug am Point-du-Jour ankam, wo Herr Lafayette, das berühmte weiße Roß reitend, die undisziplinierten und bebenden Scharen der Nationalgarde in Atem erhielt, die seit fünf Uhr morgens aufgestellt waren, um das Geleit des Königs zu bilden.

Es war nun zwei Uhr.

Die Zusammenkunft des Königs mit dem neuen Chef der französischen Armee ging auf eine für die Anwesenden befriedigende Weise vor sich.

Der König fing an müde zu werden, er sprach nicht mehr und lächelte nur.

Der Obergeneral der Pariser Milizen seinerseits befahl nicht mehr und gestikulierte nur.

Der König bemerkte zu seiner Befriedigung, daß man beinahe ebenso sehr: Es lebe der König! als: Es lebe Lafayette! rief. Leider war es das letzte Mal, daß er dieses Vergnügen der Eitelkeit kosten sollte.

Gilbert befand sich immer am Wagenschlage des Königs, Billot bei Gilbert, Pitou bei Billot.

Gilbert hatte, seinem Versprechen getreu, Mittel gefunden, seitdem er Versailles verlassen, vier Kuriere an die Königin abzusenden.

Diese Kuriere hatten nur gute Nachrichten gebracht, denn überall auf seinem Wege sah der König die Mützen in die Luft fliegen; nur glänzte an allen diesen Mützen eine Kokarde mit den Nationalfarben, eine Art von Vorwurf gegen die weißen Kokarden gerichtet, welche die Garden des Königs und der König selbst an ihrem Hut trugen.

In seiner Freude und in seiner Begeisterung war diese Verschiedenheit das einzige, was Billot unangenehm berührte. Er trug an seinem Dreispitz eine ungeheure dreifarbige Kokarde.

Der König hatte eine weiße Kokarde an seinem Hut, der König und der Unterthan hatten folglich keinen ganz gleichen Geschmack.

Dieser Gedanke beschäftigte ihn dergestalt, daß er sich Gilbert in dem Augenblick, wo der Doktor nicht mehr mit Seiner Majestät sprach, eröffnete.

Herr Gilbert, fragte er, warum hat der König die Nationalkokarde nicht angenommen?

Mein lieber Billot, weil der König entweder nicht weiß, daß es eine neue Kokarde gibt, oder weil er denkt, seine Kokarde müsse die der Nation sein.

Nein, nein, weil seine Kokarde weiß und die unsre dreifarbig ist.

Geduld, versetzte Gilbert, der Billot in dem Augenblick zurückhielt, wo er sich kopfüber in die Zeitungsphrasen stürzen wollte, die Kokarde des Königs ist weiß, wie die Fahne von Frankreich weiß ist. Das ist nicht die Schuld des Königs. Kokarde und Fahne waren weiß, lange ehe der König zur Welt kam; übrigens, mein lieber Billot, hat die Fahne ihre Probe gemacht und die weiße Kokarde auch. Es war eine weiße Kokarde an dem Hute des Bailly von Suffren, als er auf der indischen Halbinsel unsere Fahne wieder aufpflanzte. Es war eine weiße Kokarde an dem Hute von Assas, und daran erkannten ihn die Deutschen in der Nacht, als er sich eher töten, als seine Soldaten überfallen ließ. Es war eine weiße Kokarde am Hute des Marschalls von Sachsen, als er die Engländer bei Fontenon schlug. Es war, endlich eine weiße Kokarde am Hute des Herrn von Condé, als er die Kaiserlichen bei Rocroy bei Freiburg und bei Lens schlug. Diese und noch viele anderen Dinge hat die weiße Kokarde getan, mein lieber Billot, während die Nationalkokarde, welche vielleicht die Reise um die Welt machen wird, wie Lafayette prophezeit, noch nicht Zeit gehabt hat, etwas zu thun, in Betracht, daß sie erst seit drei Tagen existiert. Verstehen Sie wohl, ich sage nicht, sie werde müßig bleiben; da sie aber noch nichts geleistet hat, so gibt sie dem König das Recht, zu warten, bis sie sich tatsächlich bewährt.

Wie, die Nationalkokarde hat noch nichts getan? versetzte Billot, hat sie nicht die Bastille erobert?

Doch, antwortete Gilbert traurig. Sie haben recht, Billot.

Darum, sprach der Pächter triumphierend, darum müßte sie der König annehmen.

Gilbert stieß Billot gewaltig mit dem Ellenbogen in die Seite, denn er hatte bemerkt, daß der König aufhorchte. Dann sagte er leise: Sind Sie verrückt? und gegen wen ist denn die Bastille genommen worden? Gegen das Königtum, wie mir scheint. Und Sie wollen den König die Trophäen Ihres Sieges und die Insignien seiner Niederlage tragen lassen? Wahnsinniger! der König ist voll Gemüt, voll Güte und Offenherzigkeit, und Sie wollen einen Heuchler aus ihm machen?

Aber, versetzte Billot demütiger, jedoch ohne sich noch ganz ergeben zu haben, aber die Bastille ist nicht gerade gegen den König, sondern gegen den Despotismus genommen worden.

Gilbert zuckte die Achseln, jedoch mit einer Zartheit des überlegenen Mannes, der, aus Furcht, ihn zu zertreten, den Fuß nicht auf den ihm Untergeordneten setzen will.

Nein, fuhr Billot, sich belebend, fort, nicht gegen unsern König haben wir gekämpft, sondern gegen die Trabanten.

In jener Zeit sagte man in der Politik Trabanten statt Soldaten, wie man auf dem Theater Roß statt Pferd sagte.

Übrigens, fuhr Billot mit einem Anschein von Schlußfolgerung fort, übrigens mißbilligt er ihr Benehmen, da er in unsre Mitte kommt, und wenn er ihr Benehmen mißbilligt, so billigt er das unsere. Wir, als die Sieger der Bastille, haben für unser Glück und für seine Ehre gearbeitet.

Ach! ach! murmelte Gilbert, der nicht wußte, wie er das, was auf dem Gesichte des Königs, mit dem, was in seinem Herzen vorging, vereinigen sollte.

Der König vernahm unter dem verworrenen Gemurmel des Marsches allmählig ein paar Worte von der Erörterung, die an seiner Seite stattfand.

Gilbert entging die Aufmerksamkeit, die der König der Erörterung schenkte, nicht, und er strengte sich daher an, um Billot auf ein minder schlüpfriges Terrain zu führen.

Plötzlich hielt man an. Man war beim Cours-la-Reine in den Champs-Elysees angelangt.

Hier war eine Deputation von Wählern und Schöppen, unter dem neuen Präsidium des neuen Stadtrichters Bailly, in schöner Ordnung aufgestellt; nebstbei eine von einem Oberst befehligte Wache von dreihundert Mann und wenigstens dreihundert Mitglieder der Nationalversammlung, alle, wie leicht zu begreifen, aus den Reihen des dritten Standes genommen.

Zwei von den Wählern vereinigten ihre Kräfte und ihre Geschicklichkeit, um eine Platte von vergoldetem Silber, auf der zwei ungeheure Schlüssel, die Schlüssel der Stadt Paris aus der Zeit Heinrichs IV. ruhten, im Gleichgewicht zu halten.

Dieses eindrucksvolle Schauspiel machte alle Privatgespräche verstummen, und jeder, der sich in den Reihen oder in den Gruppen befand, trachtete danach, die Reden zu hören, die bei dieser Veranlassung ausgetauscht werden sollten.

Bailly, der würdige Gelehrte, der wackere Astronom, den man wider seinen Willen zum Abgeordneten, wider seinen Willen zum Maire gemacht hatte, hielt eine lange Ehrenrede bereit. Diese Rede wurde nach den strengsten Regeln der Rhetorik mit einer Lobeserhebung des Königs eröffnet, anhebend von der Zeit, als Herr Turgot zur Regierung gelangt war, bis zur Einnahme der Bastille. Es fehlte wenig – so groß ist das Vorrecht der Beredsamkeit – daß man dem König die selbstherrliche Urheberschaft der Ereignisse zuschrieb, denen sich das bedrängte Volk höchstens unterzogen und, wie wir gesehen, mit Widerwillen unterzogen hatte.

Bailly war sehr zufrieden mit seiner Rede, als ein Vorfall, – Bailly erzählt diesen Vorfall selbst in seinen Denkwürdigkeiten, – als ein Vorfall ihm einen neuen Eingang lieferte, der ihm noch viel treffender däuchte, als der, den er vorbereitet hatte. Der neue ist übrigens der einzige, der im Gedächtnis des Volkes geblieben, das sich immer geneigt zeigt, die guten und besonders die schönen Redensarten aufzufassen, die auf eine wirkliche Thatsache sich gründen.

Während er mit den Schoppen und den Wählern ging, ängstigte sich Bailly wegen des Gewichtes der Schlüssel, die er dem König überreichen sollte.

Glauben Sie denn, sagte er lachend, nachdem ich dieses Monument dem König gezeigt habe, werde ich mich dadurch ermüden, daß ich die Schlüssel nach Paris zurücktrage?

Was werden Sie damit machen? fragte ein Wähler.

Was ich damit machen werde? versetzte Bailly, ich werde sie Ihnen geben oder gar in einen Graben am Fuße eines Baumes werfen.

Hüten Sie sich wohl, entgegnete der Wähler, der sich über diese Äußerung ärgerte. Wissen Sie nicht, daß diese Schlüssel dieselben sind, welche die Stadt Paris Heinrich IV. nach der Belagerung überreicht hat? sie sind kostbar, eine unschätzbare Antiquität.

Sie haben recht, erwiderte Bailly, die Heinrich IV., dem Eroberer von Paris, angebotenen Schlüssel überreicht man Ludwig XVI., der . . . . Ei! sagte der würdige Maire zu sich selbst, das giebt eine ziemlich hübsche Antithese.

Und sogleich nahm er einen Bleistift und schrieb über die Rede, die er bereit hielt, folgenden Eingang: Sire, ich bringe Eurer Majestät die Schlüssel der guten Stadt Paris. Es sind dieselben, welche Heinrich IV. überreicht worden sind. Er hatte sein Volk wieder erobert, heute erobert das Volk seinen König wieder.

Die Phrase war schön, sie war richtig, sie prägte sich dem Geiste der Pariser ein, und von der ganzen Rede Baillys, von seinen Werten sogar ist dies das einzige, was ihn überlebt hat.

Ludwig XVI. nickte beifällig mit dem Kopfe, er errötete aber zugleich, denn er fühlte, obgleich unter Redeblumen und dem Scheine der Ehrfurcht verkleidet, den scharfen Stachel der Ironie.

Dann murmelte er leise: Marie Antoinette ließe sich von dieser falschen Verehrung des Herrn Bailly nicht berücken, und ihre Antwort würde für den unglücklichen Astronomen ganz anders lauten, als die meine.

Weil nun Ludwig XVI. den Anfang der Baillyschen Rede zu gut gehört hatte, hörte er das Ende gar nicht; ähnlich war es bei der Rede des Herrn Delavigne, von der er weder den Anfang noch das Ende vernahm.

Als die Reden beendigt waren, antwortete der König – da er befürchtete, nicht ganz erfreut genug über das zu scheinen, was man ihm hatte sagen wollen – mit einem sehr edlen Ton und ohne in irgend einer Beziehung auf das, was man ihm gesagt hatte, anzuspielen, die Huldigungen der Stadt Paris und der Wähler seien ihm unendlich angenehm.

Worauf er Befehl zum Aufbruch gab.

Ehe er übrigens wieder weiter fuhr, entließ er seine Gardes-du-corps, um durch ein freundliches Vertrauen die halben Artigkeiten zu erwidern, die ihm die Munizipalität durch das Organ der Wähler und durch Herrn Bailly bezeigt hatte. Hiernach rückte der Wagen unter der ungeheuren Masse der Nationalgarden und Neugierigen rascher vor.

Gilbert und sein Gefährte Billot hielten sich fortwährend am Wagenschlage rechts.

Indem Augenblick, wo der Wagen über die Place Louis XV. fuhr, knallte ein Schuß auf der andern Seite der Seine, und ein weißer Dampf stieg wie ein Weihrauchschleier zum blauen Himmel auf, wo er alsbald verschwand.

Als ob das Geräusch dieses Schusses ein Echo in ihm gehabt hätte, fühlte sich Gilbert von einem heftigen Schlage getroffen. Einen Augenblick fehlte ihm der Atem, und er fuhr mit der Hand an seine Brust, wo er einen lebhaften Schmerz empfand.

Zugleich erscholl ein Notschrei in der Nähe des königlichen Wagens; eine Frau, durchbohrt von einer Kugel, die unter ihre linke Schulter eingedrungen, war niedergestürzt.

Einer von den Knöpfen am Rocke Gilberts, ein Knopf von schwarzem Stahl, nach der Mode der Zeit breit und mit Facetten geschnitten, war von derselben Kugel schräg getroffen worden.

Er hatte einen Panzer gebildet und die Kugel zurückgesandt, daher der Schlag und Schmerz bei Gilbert.

Seine schwarze Weste und sein Busenstreif waren teilweise zerrissen worden.

Diese an Gilberts Knopf abgeprallte Kugel hatte die unglückliche Frau getötet, die man eiligst forttrug.

Der König hatte den Schuß gehört, aber nichts gesehen.

Er neigte sich heraus und lächelte Gilbert zu.

Er sprach: Dort verbrennt man mir zu Ehren Pulver.

Ja, Sire, antwortete Gilbert.

Nur hütete er sich wohl, Seiner Majestät zu sagen, was er von der Huldigung dachte, die man ihr darbrachte.

Doch in seinem Innern gestand er sich ganz leise, die Königin habe doch mit Recht gefürchtet, da ohne ihn, der den Kutschenschlag hermetisch schloß, diese an seinem Stahlknopf abgeprallte Kugel gerade zum König gedrungen wäre.

Von welcher Hand kam nun dieser wohlgezielte Schuß?

Man wollte es damals nicht wissen! . . . so daß man es nie erfahren wird.

Billot, schreckenbleich darüber, was er mit angesehen, seine Augen unablässig auf den Riß in Gilberts Rock, Weste und Busenstreif geheftet, nötigte nun Pitou, mit verdoppelten Kräften zu schreien: Es lebe der Vater der Franzosen!

Das Hauptereignis war übrigens so groß, daß man die Episode schnell vergessen hatte.

Endlich kam Ludwig XVI. vor das Stadthaus, nachdem er auf dem Pont-Neuf mit einer Salve von Kanonen, die man wenigstens diesmal nicht mit Kugeln geladen hatte, begrüßt worden war.

Auf der Fassade des Stadthauses breitete sich eine Inschrift mit mächtigen Buchstaben aus, die, am Tage schwarz, bei Eintritt der Nacht erleuchtet werden und transparent glänzen sollte. Diese Inschrift verdankte man den geistvollen Arbeiten der Munizipalität.

Sie war in folgenden Worten abgefaßt:

Ludwig XVI., dem Vater der Franzosen und König eines freien Volkes.

Das war eine zweite Antithese, noch viel bedeutender, als die in Baillys Rede, allen auf dem Platze versammelten Parisern entlockte sie auch Schreie der Bewunderung.

Diese Inschrift zog auch Billots Auge auf sich.

Da aber Billot nicht lesen konnte, so ließ er sie Pitou lesen.

Billot ließ die Inschrift zweimal wiederholen, als hätte er beim ersten Mal nicht gehört.

Dann, als Pitou den Satz, ohne ein Wort daran zu ändern, wiederholt hatte, rief er:

Ist es das? ist es das?

Allerdings, erwiderte Pitou.

Die Munizipalität hat also schreiben lassen, der König sei der König eines freien Volkes?

Ja, Vater Billot.

Dann, rief Billot, wenn die Nation frei ist, hat sie das Recht, dem König ihre Kokarde anzubieten.

Und mit einem Sprung war er vor Ludwig XVI., der den Stufen des Stadthauses gegenüber aus seinem Wagen stieg, und sagte: Sire, Sie haben gesehen, daß das Erzbild Heinrichs IV. auf dem Pont-Neuf die Nationalkokarde trägt.

Nun! versetzte der König.

Nun! Sire, wenn Heinrich IV. die Nationalkokarde trägt, so können Sie sie wohl auch tragen.

Gewiß, erwiderte Ludwig XVI. verlegen, und wenn ich eine hätte . . .

Wohl! rief Billot, die Stimme erhebend und den Arm ausstreckend, im Namen des Volkes biete ich Ihnen diese statt der Ihrigen an . . . nehmen Sie sie an.

Bailly trat dazwischen.

Der König war bleich. Er fing an, die Fortschreitung zu fühlen. Ludwig XVI. schaute Bailly an, als wollte er ihn fragen.

Sire, sagte dieser, das ist das unterscheidende Zeichen jedes Franzosen.

Dann nehme ich sie an, sprach der König.

Und er nahm die Kokarde aus den Händen Billots, legte seine weiße auf die Seite und befestigte die dreifarbige Kokarde an seinem Hut.

Ein ungeheures Triumphgeschrei erscholl auf dem Platze.

Gilbert wandte sich innerlich tief verwundet ab.

Er fand, das Volk greife zu rasch um sich, und der König widerstehe nicht genug.

Es lebe der König! rief Billot, der so das Signal zu einer zweiten Beifallssalve gab.

Der König ist tot, murmelte Gilbert . . . Es giebt keinen König mehr in Frankreich.

Von dem Orte an, wo der König aus dem Wagen stieg, bis zum Saale, wo man ihn erwartete, war durch tausend ausgestreckte Schwerter ein stählernes Gewölbe um ihn gebildet worden.

Er ging unter diesem Gewölbe durch und verschwand in den Tiefen des Stadthauses.

Das ist kein Triumphbogen, sagte Gilbert; das sind die Caudinischen Pässe.

Und mit einem Seufzer fügte er bei:

Ah! was wird die Königin sagen!

 

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