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Anekdoten unbekannter Autoren

Unbekannte Autoren: Anekdoten unbekannter Autoren - Kapitel 90
Quellenangabe
titleAnekdoten unbekannter Autoren
authorunbekannt
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeanecdote
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Eine Gratulationsrede

Am 21. März 1877 saß Wrangel, wie erzählt wird, in einem bequemen Sessel und sprach Unverständliches vor sich hin. Endlich rief er aus: »Ja, jetzt geht die Geschichte schon bedeutend glatter, aber es scheint mich, dass es immerhin besser ist, wenn man's noch obendrein aufschreibt und dann recht oft durchliest.«

Der alte General schellte zweimal mit der Glocke, die auf einem Tischchen neben ihm stand, zum Zeichen, dass er den diensttuenden Unteroffizier zu sehen wünsche. Dieser, ein hübscher junger Mann, stand einen Augenblick später, des Befehls harrend, in strammer Haltung vor ihm.

»Ist Herr Rittmeister von Rabe drüben im Büro?« – »Nein, Eure Exzellenz, der Herr Adjudant ist fortgegangen.« – »Hm«, machte Wrangel, »hast du eine vernünftige Handschrift, mein Sohn?« – »Zu Befehl, Eure Exzellenz!« – »Na, dann lege draußen ab und komm wieder herein, du sollst mich etwas aufschreiben. Verstanden?«

Als der Unteroffizier wieder ins Zimmer kam, musste er sich an den Schreibtisch setzen und einen Bogen Papier vor sich legen. Dann wartete er in der Meinung, dass der General ihm etwas diktieren würde. »Ich will zuerst mal sehen«, sagte Wrangel, »ob du auch deutlich genug schreibst, dass ich's ohne Glas lesen kann. Schreib mal ein paar Sätze zur Probe, aber recht groß und deutlich.«

»Was befehlen Eure Exzellenz, dass ich schreiben soll?«, fragte verlegen der junge Unteroffizier. »Ganz egal, zum Beispiel – du hast doch jedenfalls 'ne Braut? Was?« – »Zu Befehl, Eure Exzellenz«, antwortete er errötend. »Na siehste! Also denn schreib mal: Mein Schätzchen heißt – na, und dann schreibste, wie se heißt, wie alt se ist, wo se wohnt – und dann wird ich schon sehen, ob mich deine Schrift recht ist.«

So peinlich es auch dem Unteroffizier werden mochte, dem General seine Herzensangelegenheiten offenbaren zu müssen, so schrieb er doch mit schöner, deutlicher Schrift:

»Mein Schätzchen heißt Charlotte Ullrich, sie ist die Tochter des verstorbenen Bildhauers Ullrich, ist 22 Jahre alt und aus Berlin gebürtig.

Franz Neumann, Unteroffizier im ...ten Garde-Grenadier-Regiment.«

»Na siehste, das ist brav, mein Sohn, du schreibst ja wie gestochen. So jetzt wende mal das Blatt um, denn mit Papier muss man sparsam sein, und schreibe, was ich dich diktiere. Lass aber rechts einen dreifingerbreiten Raum frei, für den Fall, dass ich noch was zu ändern habe. Und dann hälste das Maul von das, was ich morgen bei die Gratulation vor Sr. Majestät sagen werde. So, also nun vorwärts.«

Der Feldmarschall diktierte: »Eure Majestät, Allergnädigster Kaiser und Herr! Wieder ist mir – halt, mein Sohn, schreibe 'mich' – also, mich die hohe Auszeichnung zuteil geworden, als Ältester von die hier weilende Generalität – was wackelste denn mit dem Kopf? Wie haste geschrieben, der hier weilenden? Schafskopp, das ist unrichtig – und da oben auch mir statt mich? – na, aber meinetwegen, lass et stehn, et mag auch egal sein, – jetzt also weiter: Eure Majestät die alleruntertänigsten heißen Glückwünsche derselben zu unterbreiten –« Noch einige harte Verwicklungen mit dem »Mir« und »Mich«, und die Rede war fertig.

»So, mein Sohn«, das hast du gut gemacht, »ich danke dir. Du hast eine feine Schrift, musst dich aber mehr in der Grammatik üben; denn darin scheinst du mich nicht recht sicher zu sein. Und wer darin nicht zu Hause ist, kommt im Leben nicht vorwärts.« Damit war der Unteroffizier entlassen und Papa Wrangel studierte eifrig sein Memorandum, um die Sache mit dem »Mir« und »Mich« ins Reine zu bringen.

Als die Gratulationscour vorüber war, sah niemand vergnügter aus als der Feldmarschall, da er »diese verflixten Dinger« noch nie so richtig angewendet zu haben glaubte als heute. Ein kaiserlicher Hoflakai aber war beauftragt, die Mappe mit einem Teil der Glückwunschadressen und Telegramme nach dem Arbeitszimmer des Kaisers zu tragen, wo dieser sie gewöhnlich noch eingehend durchlas.

Am Ausgang des Gratulationssaales bemerkte der Diener ein zusammengefaltetes Papier, und in der Meinung, es sei seiner Mappe entfallen, hob er es auf und legte es zu den übrigen. Nicht lange darauf nahm der Kaiser die Mappe zur Hand, und das erste, was ihm in die Hände fiel, war Wrangels Memorandum.

Man kann sich sein Erstaunen denken, als er auf der einen Seite die Worte las: »Mein Schätzchen ...« Im ersten Augenblick zeigte das Gesicht des Kaisers Ernst und Strenge, dann aber ein freundliches Lächeln, als er das Blatt umwandte und darauf die Ansprache seines treuen Dieners Wrangel fand.

Wie beides auf ein und denselben Bogen kam, war für den Kaiser ein unlösbares Rätsel und er sandte deshalb sofort folgendes Handschreiben an den alten General: »Mein lieber Feldmarschall Graf Wrangel! Vermutend, dass Sie beifolgendes Memorandum bei Ihrer Anwesenheit im Palais verloren haben, übermittle ich Ihnen dasselbe mit dem Bemerken, dass es mich interessieren würde zu erfahren, wie die umseitige, zu dem Memorandum in keiner Beziehung stehende Mitteilung eines Unteroffiziers meiner Garde auf denselben Bogen zu stehen kam.«

Gelegentlich einer Audienz setzte Paps Wrangel seinem hohen Herrn den Zusammenhang auseinander und der Kaiser lachte herzlich darüber. Er vergaß aber auch die lustige Geschichte nicht und merkte sich sogar den Namen des Unteroffiziers und seiner Braut.

Und so gelangte im nächsten Jahr der Befehl an das Kommando jenes Garderegiments, Bericht zu erstatten über die Führung und die Privatverhältnisse eines Unteroffiziers Franz Neumann, welcher vor Jahresfrist, vom 21. Auf den 22. März, bei Seiner Exzellenz dem Feldmarschall Graf Wrangel Dienst gehabt hätte.

Sofort wurde dem Kaiser berichtet, dass der betreffende Franz Neumann zum Feldwebel ernannt worden und seine Führung eine tadellose sei, dass er aber den Militärdienst aufzugeben gedenke, um sich nach Erlangung einer Stelle im Zivildienst mit seiner Braut, Charlotte Ullrich, Tochter einer anständigen, aber in dürftigen Verhältnissen lebenden Witwe, zu verheiraten. Da aber die Anzahl der Bewerber um Zivilversorgung sehr groß sei, würde er noch lange Zeit haben, ehe er sein Ziel erreichen könne.

Auf Grund dieses Berichtes erhielt der Feldwebel Franz Neumann bald darauf eine Anstellung im Ministerium und heiratete seine glückliche Braut.

 


 

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