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Anekdoten unbekannter Autoren

Unbekannte Autoren: Anekdoten unbekannter Autoren - Kapitel 76
Quellenangabe
titleAnekdoten unbekannter Autoren
authorunbekannt
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeanecdote
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Der Springerwirt

Vor langen Zeiten, als noch fahrende Schüler die Lande durchstreiften und die Leute durch allerlei angebliche Zauberkünste hinters Licht führten, saßen an einem heitern Sonntagnachmittage die Bauern von Efferding, einem stattlichen Dorfe im Österreichischen, vor der Schenke, die weit draußen an der Landstraße lag, unterhielten sich eifrig über alles Mögliche und Unmögliche und sprachen dabei weidlich den Kannen zu, die der geschäftige Wirt immer von Neuem füllen musste.

Da gesellte sich ihnen mir nichts, dir nichts ein neuer Gast zu, dem man es von weitem ansehen konnte, dass er ein fahrender Schüler war oder, wie man damals sagte, ein »Vagant«. Er bestellte sich einen Krug des besten Weins und sah sich die Gesellschaft näher an. Der Wirt brachte den Wein und fragte den Gesellen, woher er käme und was für Neuigkeiten er denn von seinen Fahrten berichten könne.

Der Schüler antwortete, er käme jetzt gerade aus dem Dorfe, wollte er aber über seine ganze Reise erzählen, so würde er in ein paar Tagen nicht fertig werden, so viel habe er erlebt, denn er sei schon mehrere Jahre auf der Wanderschaft und habe fast die halbe Welt durchquert.

Dadurch wurden die Bauern, die den Worten des Schülers gelauscht hatten, neugierig und der Wirt erst recht. Der Fragte nun weiter, was er denn auf seinen Reisen getrieben und wie er sich durchgeschlagen hätte. »Was ich getrieben und wie ich mich durchgeschlagen habe, wollt Ihr wissen? Gaukeleien habe ich getrieben, und Ihr würdet staunen, wenn ich den her Versammelten einige meiner Künste vormachte, worüber sich schon Fürsten und andere hohe Herren gewundert haben.«

Da bat ihn der Wirt, ihnen doch eine Probe seiner Kunst zu Besten zu geben, er sollte es auch nicht umsonst getan haben. Der Schüler aber wollte erst nicht, doch auf das eifrige Zureden der Bauern und des Wirtes, der ihm eine Wette anbot, erklärte er endlich: »Nun denn hört: Ich werde höher springen als dies Haus!« Die Bauern lächelten ungläubig, und der Wirt sagte: »Das ist ja einfach unmöglich, mein Haus ist zwölf Klafter hoch. Redet doch nicht solchen Unsinn!« Aber der Fahrende blieb dabei: »Ich springe höher als Euer Haus.«

Da sprach der Wirt: »So wette ich mit Euch, dass Ihr das nicht fertig bringt. Springt Ihr höher als dies Haus, so soll es Euch gehören, könnt Ihr's aber nicht, so sollt Ihr für jeden der Leute einen Krug vom Besten, den ich im Keller habe, ausgeben. Wollt Ihr diese Wette eingehen?«

Der Schüler sagte ja und schickte sich, wie er ging und stand, sogleich zu dem Sprunge an. Die Bauern sprangen von ihren Sitzen auf und stellten sich neugierig im Kreise um ihn herum, den Ausgang der Wette erwartend. Endlich nahm der Schüler einen Anlauf und sprang unter dem Rufe: »Platz da!« etwa eine Elle hoch von der Erde empor.

Da erhoben die Bauern ein schallendes Gelächter, und der Wirt sprach: »Guter Gesell, Ihr treibt Scherz mit uns, die Wette habt Ihr verloren.« – »Keineswegs,« antwortete der Schüler, »ich habe den Sprung ausgeführt, jetzt lasst Euer Haus springen, dann wollen wir sehen, wer am höchsten gesprungen ist, ich oder Euer Haus.«

»Das ist Betrügerei,« rief der Wirt, »so habe ich das nicht gemeint!« Der Schüler aber erwiderte: »Wie Ihr das gemeint habt, kann mir gleich sein, ich aber habe es so gemeint, und wenn Euer Haus nicht gleich springt, so gehört es mir. Und damit Basta!«

Das ging dem Wirt aber über die Hutschnur, er machte ein ganz ernstes Gesicht und ärgerlich rief er dem Springer zu: »Wenn das wirklich Eure Meinung ist, so bleibt nichts weiter übrig, als dass das Gericht entscheidet, wer Recht hat. Mit solch dummen Späßen läßt sich ein Haus wie das meine nicht gewinnen. Schert Euch zum Kuckuck!«

Da legte sich ein alter verständiger Bauer ins Mittel. Der wusste, welche wunderlichen Urteile mitunter das Gericht fällte und dass, wenn auch alles gut ging, doch immer eine ansehnliche Summe Geldes als Gerichtskosten verloren ging. Deshalb redete er zur Sühne und meinte, der Schüler würde sich wohl zu einem billigen Vergleich bereit finden.

Dem Wirte wurde es schon leichter ums Herz, als er dies hörte und bald war alle Angst verschwunden, als der Schüler dem Wirte die Hand reichte und ihm sagte: »Gewiss, lieber Freund, bin ich zum Vergleich bereit, und wenn dir's recht ist, so behältst du mich als deinen Gehilfen in diesem Hause, das dein ist und bleibt. Ich habe das ewige Herumschweifen von Herzen satt und sehne mich nach Ruhe, und bei dir würde es mir wohl gefallen.« Der Wirt war's zufrieden, und so blieb denn der Fahrende als Gehilfe bei ihm. Und der Wirt hatte großen Vorteil davon; denn die Zahl der Gäste mehrte sich von Tag zu Tag, sintemal die Geschichte in der ganzen Gegend bald bekannt wurde und der neue Gehilfe es trefflich verstand, durch seine Erzählungen und Späße die Gäste auf die angenehmste Weise zu unterhalten und zu fesseln, so dass sie oft länger dablieben, als sie ursprünglich wollten, und gute Zeche machten.

Zum Gedächtnis aber des Scherzes ließ der Wirt an seinem Hause eine Tafel anbringen, auf welchem der Sprung des fahrenden Schülers dargestellt war. Er selbst aber wurde seit der Zeit nicht anders als der »Springerwirt« genannt. Diesen Namen behielten auch seine Nachkommen und alle späteren Besitzer des Gasthauses. Ob dies auch noch heute der Fall ist, ist dem Erzähler nicht bekannt.

 


 

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