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Anekdoten unbekannter Autoren

Unbekannte Autoren: Anekdoten unbekannter Autoren - Kapitel 68
Quellenangabe
titleAnekdoten unbekannter Autoren
authorunbekannt
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeanecdote
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Der Schneider im Himmel

Es begab sich, dass an einem schönen Tage unser Herrgott spazieren gehen wollte und alle seine Apostel und Heiligen mit sich nahm, also dass niemand daheim im Himmel blieb als allein St. Petrus. Dem befahl er, dass er aufpasse und niemand einließe.

Nun kam ein Schneider vor den Himmel, der klopfte an. Petrus fragte, wer da wäre und was er wolle. Der Schneider sagte: »Ich bin ein armer Schneider und wollte gern in den Himmel.« Da sprach Petrus: »Ich darf niemand einlassen, denn unser Herrgott ist nicht daheim, und als er wegging gebot er mir, ich sollte aufpassen und niemand einlassen.« Aber der Schneider ließ nicht nach zu bitten und bewog ihn, dass er die Himmelspforte öffnete und ihn einließ, doch unter der Bedingung, er sollte in einem Winkel hinter der Tür fein züchtig und still sitzen, damit ihn der Herrgott, wenn er zurückkäme, nicht bemerkte und nicht zornig würde.

Das gelobte der Schneider auch. Als aber Petrus einmal zur Tür hinaustrat, steht der Schneider auf, geht in allen Winkeln des Himmels herum und bezieht eins nach dem andern. Zuletzt kommt er an einen Platz, da stehen viele schöne und köstliche Stühle und es stand auch ein goldner Fußschemel davor. Auf diesem Sessel saß unser Herrgott, wenn er daheim war. Der Schneider blieb vor dem Stuhl eine ganze Weile stehen und sah ihn beständig an, denn er gefiel ihm besser als alles andere. Endlich ging er hinzu und setzte sich in den Sessel.

Da sah er alles, was auf Erden geschah – und bemerkte eine alte Frau, die ihrer Nachbarin ein Gebinde Garn stahl. Bei diesem Anblick erzürnte sich der Schneider so sehr, dass er den goldnen Fußschemel nahm und diesen nach der alten Frau durch den Himmel auf die Erde warf. Dann schlich er sich ganz heimlich aus dem Sessel und setzte sich wieder unter die Tür an seinen Platz und tat, als ob er hier immer gewesen wäre.

Als nun unser Herrgott wieder heimkam, ward er des Schneiders nicht gewahr. Als er sich aber in seinen Sessel setzte, mangelte der Schemel. Da fragte er St. Peter, wo sein Schemel geblieben sei. Der aber sagte, er wüsste es nicht. Da fragte er weiter: »Wer ist da gewesen? Hast du niemand hineingelassen?« Petrus antwortete: »Ich weiß niemand, der da gewesen ist denn einen Schneider, der sitzt noch da hinter der Tür.«

Da fragte unser Herrgott den Schneider: »Wo hast du mir meinen Schemel hingetan? Hast du ihn nicht gesehen?« Der Schreiber erschrak, gab mit Zittern und Zagen Antwort und sprach: »Ich habe in deinem Sessel gesessen und habe gesehen, wie da auf Erden eine alte Frau ihrer Nachbarin ein Gebinde Garn gestohlen hat. Darüber bin ich erzürnt geworden und habe den Fußschemel nach ihr geworfen.«

Da ward unser Herrgott zornig und sprach: »Ei du Schalk, sollte ich so viele Male einen Schemel nach dir geworfen haben, wie oft du zu viel geschnitten hättest, ich hätte keine Stühle und Bänke mehr im Himmel!« Also wurde der Schneider wieder aus dem Himmel hinausgestoßen – und alle seine Gebrechen und Mängel wurden ans Licht gezogen.

 


 

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