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Anekdoten unbekannter Autoren

Unbekannte Autoren: Anekdoten unbekannter Autoren - Kapitel 47
Quellenangabe
titleAnekdoten unbekannter Autoren
authorunbekannt
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeanecdote
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Ein Märlein von der Wahrheit

Auf einem Schloss lebte einstmals ein Edelmann, der hatte einen jungen Narren, der ihm treu ergeben war. Wenn nun der Junker aus dem Schlosse hinweg ritt, so lebten die Knechte und Mägde in Saus und Braus und waren guter Dinge. Kam aber der Herr wieder heim, so hielt er ihnen alles vor, was sie derweilen gegessen und getrunken hatten – und fragte sie spöttisch: »Wie schmeckt euch der _Wein in dem Fass und dergleichen?«, und dann strafte er sie, dass sie sich frevelhaft an seinem Gute vergriffen hatten.

Eines Tages war der Junker wieder weggeritten, da sprach einer der Knechte: »Es muss ein Verräter unter uns sein, denn wie sollte sonst der Junger alles wissen, was wir essen und trinken?« Ein anderer Knecht aber sagte: »Das tut kein anderer als der Narr, den fragt der Junker immer wenn er heimkommt, was er weiß.« Da versetzte der erste Knecht: »Ich will ihn lehren, dass er's künftig nicht mehr tut. «

Und sie führten den Narren in den Keller, zogen ihn aus, banden ihn an eine Säule und schlugen ihn mit harten Ruten; und wenn ihm einer einen Streich gab, dann sprach er dabei: »Siehst du, Narr, das ist die Wahrheit. Bis du ein Narr, so treibe deine Narrheit!« Dann banden sie ihn wieder los und ließen ihn gehen.

Nach einiger Zeit kehrte der Junker wieder zurück und fragte nach seiner Gewohnheit den Narren: »Nun, mein Sohn, wie haben sie diesmal hausgehalten, während ich fort war?« Der Narr aber schwieg mäuschenstill, legte seine Finger auf den Mund und machte: »Mum, mum, mum.« Der Junker verwunderte sich und sprach: »Wohlan, sag mir die Wahrheit!« Als nun der Narr das Wörtchen 'Wahrheit' vernahm, schrie er aus Leibeskräften: »Mordio, mordio!« Es gibt kein schlimmeres Ding auf Erden denn die Wahrheit. O nenne mir die Wahrheit nicht!» – Warum?«, fragte der Junker. »Darum!«, antwortete der Narr, zog Rock und Hemd aus und wies dem Herrn den jämmerlich zerbläuten Rücken. »Sehr her«, sagte er, »da steht die Wahrheit! Sie haben sie mir auf den Rücken geschrieben.« Da erkannte der Junker, wie man das arme Närrlein misshandelt hatte und weshalb er nichts hatte sagen wollen.

 


 

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