Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Unbekannte Autoren >

Anekdoten unbekannter Autoren

Unbekannte Autoren: Anekdoten unbekannter Autoren - Kapitel 29
Quellenangabe
titleAnekdoten unbekannter Autoren
authorunbekannt
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeanecdote
Schließen

Navigation:

Der preußische Pfiff

Der Alte Fritz pflegte, wie man in der Neumark erzählt, öfter mit einem alten Soldatenmantel bekleidet, des Abends in de Dämmerstunde in der Residenz umherzugehen und die Wirtshäuser zu besuchen, um in Erfahrung zu bringen, was seine Soldaten dort angaben.

Einst traf er auch einen Soldaten in einem Wirtshause, der dort gemütlich am Tische saß und gehörig trank. Mit freundlichen Worten lud der Soldat den Kameraden ein, eins mitzutrinken. Der Alte Fritz wollte erst nicht, ließ sich aber zuletzt bewegen und tat Bescheid.

Da aber der Geselle ihm etwas ausschweifend vorkam und immer wieder sein Glas füllen ließ, fragte er ihn: »Aber Kamerad, wo hast du denn das viele Geld her? Von deiner Löhnung kannst du dir doch unmöglich das leisten.« – »Ja«, antwortete der andere, »das muss man kennen. Weißt du, das ist eben der preußische Pfiff.« – »Was du da sagst, verstehe ich nicht recht«, antwortete der Alte Fritz. »Was ist denn das, der preußische Pfiff?« – »Das kann ich dir nicht sagen«, entgegnete der Kamerad. »Weißt du, heut' ist keinem Menschen zu trauen. Du könntest mich verraten.«

Durch diese Antwort wurde der König immer neugieriger gemacht und er ruhte nicht eher, bis der Soldat ihm das Geheimnis offenbarte. »So höre denn«, begann der Soldat, »ich verkaufe alles, was zu verkaufen ist. Wir leben je jetzt im tiefsten Frieden. Was braucht man zum Beispiel eine stählerne Säbelklinge? Die ist verkauft, siehst du?« Und damit zog er den Griff seines Säbels heraus und zeigte dem König eine hölzerne Klinge. Dieser tat befriedigt und ging weiter.

Er hatte sich aber den Soldaten genau gemerkt, und am andern Tage musste das Regiment, dem der Soldat angehörte, zur Parade antreten. Der König kam, ritt einige Male auf und ab, und als er den Kameraden von gestern entdeckt hatte, befahl er ihm und seinem Nebenmann, herauszutreten. Beide erschienen vor der Front. Als sich der Alte Fritz noch einmal genau überzeugt hatte, dass von diesen beiden der eine der Mann mit dem preußischen Pfiff sei, den er suchte, sprach er zu diesem:

»Ich befehle dir, dass du sofort deinen Säbel ziehst und deinem Nebenmann den Kopf abhaust!« Der Soldat wurde kreidebleich, fasste sich aber schnell und erwiderte: »Ach, Majestät, dann wäre ich ein Mörder, mein Kamerad Nebenmann hat mir ja nichts zu Leide getan!« – »Zieh deinen Säbel«, rief der Alte Fritz, »sonst bist du geliefert und dein Nebenmann wird dir den Kopf abschlagen!«

Da blieb dem Mann mit dem preußischen Pfiff nichts übrig. Er legte die Hand an den Griff und rief: »Nun denn, wenn es nicht anders sein kann, so möge Gott mich gnädig vor Mord bewahren und geben, dass meine Säbelklinge in Holz vewandelt werde!« Und siehe da, als er den Säbel herauszog, war die Klinge von Holz.

Da musste der König aus vollem Halse lachen und sagte: »Wahrhaftig, jetzt merke ich, du verstehst den preußischen Pfiff aus dem Effeff!«

 


 

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.