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Anekdoten unbekannter Autoren

Unbekannte Autoren: Anekdoten unbekannter Autoren - Kapitel 18
Quellenangabe
titleAnekdoten unbekannter Autoren
authorunbekannt
year2017
correctorgerd.bouillon@t-online.de
typeanecdote
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Blücher als Geist

Unter der rauen Außenseite verbarg Blücher ein warmes Herz, wie folgende Geschichte beweist.

Als Blücher noch Leutnant war, kam an einem Spätherbstabend der Unteroffizier Werner in sein Zimmer, wo er mit zwei Kameraden beim Spiel saß, um seine Meldung zu machen. Der sonst so fröhliche und schmuck aussehende Soldat setzte heute eine sehr trübselige Miene auf, so dass Blücher ihn anrief: »Zum Kuckuck, Werner, was ist dir denn über die Leber gelaufen? Du siehst ja aus, als wäre dir die Petersilie verhagelt?«

Der Unteroffizier antwortete: »Halten zu Gnaden, Herr Leutnant, ich habe wirklich großen Kummer, der macht mich seit vielen Tagen ganz elend.« – »Na, was ist denn los? Hier trink erst einmal, und dann schütte dein Herz aus. Mir kannst du alles anvertrauen.« – »Herr Leutnant! Halten zu Gnaden, aber es handelt sich um die Lina, des Regimentsschreibers Schmalk Tochter. Wir beide haben uns von Herzen lieb, können aber nicht zusammenkommen, weil der Alte sie durchaus mit seinem Nachbarn, dem reichen, geizigen Bäcker Schwan verheiraten will.«

»Sieh mal an, die Lina! Du hast gar keinen schlechten Geschmack. Aber der Alte taugt nichts und hat sein braves Weib schon zu Tode geärgert.« – »Und dann muss man sich noch sagen lassen, dass man ein Hungerleider ist und nicht wert, die Lina zu besitzen.« – »Das sieht dem Schuft ähnlich, dir so etwas zu sagen. Er hat ja sein Geld mit allerlei schmutzigen Händeln verdient.«

»Das hätte ich ihm gerne ins Gesicht gesagt, aber vor den Ohren der Lina, die neben ihm stand, wollte ich doch den Vater nicht schlecht machen.« – »Das ist nett von dir, Werner. Wir wollen's dem Alten schon besorgen.« – »Ja«, sagte Werner, »das Schlimmste ist, dass morgen die Geschichte mit dem Bäcker fertig gemacht werden und dann auch bald die Hochzeit sein soll. Und die Lina will doch den alten dickbäuchigen Teigkneter durchaus nicht. O, es ist zum Verzweifeln!«

»Nur Ruhe, Werner«, sagte Blücher. »Lass mich nur machen! Dem Alten wollen wir mal einen Spuk spielen. Weißt du, alle Geizhälse sind furchtbar abergläubisch – und Schmalk soll es erst recht sein. Er soll große Angst haben, dass ihm seine verstorbene Frau, die e so niederträchtig behandelt hat, des Nachts erscheint. Diese Nacht wollen wir sie ihm erscheinen lassen und ihn dann so lange quälen, bis er verspricht, dir seine Lina zu geben.«

»Ja, aber wie wollen wir das machen?«, fragte Werner. »Das lass nur meine Sorge sein. Sorge du dafür, dass übernächste Nacht Schlag 12 Uhr das Haus des Alten offen ist und wir hinein können. Das andere findet sich.« Werner machte ein höchst vergnügtes Gesicht und sagte: »Was der Herr Leutnant einmal vorhaben, das tut er auch«, und dann nahm er Abschied.

Wirklich kam am andern Tage der Bäckermeister mit seiner Perücke auf dem Kopfe und den alten gelben Zähnen im Munde und dem dicken Leib vor sich zu Lina, um ihr einen Antrag zu machen. Er wusste viel zu erzählen von seinem Reichtum und wie gut es die Lina haben sollte bei ihm. Er würde sie auf Händen tragen und so weiter. Aber das brave Mädel fertigte ihn sehr kurz ab und schickte ihn so heim, dass er das Wiederkommen ein- für allemal aufsteckte.

Am folgenden Tag war Jahrmarkt in dem Städtchen und von außerhalb waren viele Gutsbesitzer gekommen. Die saßen im »Herrenstüblein« bei Limprecht zusammen und tranken ihr Schöpplein Wein. Auch Blücher war da. Man unterhielt sich auf's Eifrigste über dies und das – und zuletzt kam's zum Spielen. Blücher war bekanntlich ein leidenschaftlicher Spieler, verlor aber gewöhnlich, diesmal jedoch gewann er einen ganzen Haufen Dukaten.

Da trat der gemütliche Wirt zu ihm und flüsterte ihm etwas ins Ohr. »Jawohl«, sagte Blücher, steckte seinen Gewinst ein und entfernte sich schnell von der Gesellschaft. »Was mag er denn vorhaben?«, sagten die andern. »Lasst ihn nur, er hat etwas Gutes vor«, antwortete ein Leutnant, der mit dabei war, als Werner sein Unglück erzählte.

Die Uhr des alten Rathausturmes schlug knarrend die zwölfte Stunde. Im Hause des Vaters Schmalk herrschte tiefste Ruhe. Er lag schnarchend im Bette und schlief den Schlaf des Gerechten, denn er hatte vor Wut über seinen fehlgeschlagenen Plan etwas viel getrunken und tüchtig geraucht.

Da tat sich die Haustür auf und es traten zwei Gestalten ein. Unten auf der Diele machte der eine Toilette; er zog sich eine Maske über das Gesicht und nahm eine Stall-Laterne in die Hand. Die Maske war ganz der verstorbenen Frau des Schmalk ähnlich. Leise ging's die Treppe hinauf.

Die Schlafzimmertür des alten Wucherers wurde geöffnet und die weiße Gestalt ließ den Lampenschein auf den Schläfer fallen. Als dieser die Augen aufschlug, kriegte e einen Todesschrecken und schrie laut auf: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!«, und dann ächzte er: »Ach, du bist es, liebe teure Therese? Ich weiß, was du willst! Du willst mich strafen, Therese. Rede, rede!«

Aber die weiße Gestalt, die sich zu übermenschlicher Größe erhoben hatte, gab keinen Laut von sich. »Nein, nein, der Schwan soll die Lina auch nicht haben!«, rief Schmalk, über und über vor Schweiß triefend. Die Gestalt schüttelte nur langsam das Haupt. »Sie soll den Unteroffizier haben, ich will dir gern zu Willen sein.«

Jetzt nickte die Gestalt und sagte mit Grabesstimme: »So schwör!« – »Nun ja, ich schwöre«, rief er und hob die drei Schwurfinger hoch. »Aber jetzt gehe fort, Therese, ich sterbe sonst, wenn du noch länger bleibst!« Die Gestalt entfernte sich langsam, die Tür leise schließend.

Alles wäre glatt abgelaufen, wäre nur nicht der Geist auf das Bettlaken getreten und hätte er sich nicht darin verwickelt – und wäre er nicht mit großem Gepolter die ganze Treppe hinuntergestürzt! Jetzt atmete Schmalk auf, machte Licht, zog sich rasch an und eilte ebenfalls die Treppe hinunter.

Da sah er denn den entkleideten Geist und Werner samt der Lina beisammen stehen. »So, ihr seid's, ihr verdammten Halunken, die ihr den Geist meiner Therese beschwört? Das soll euch aber schlecht bekommen!« Jetzt trat Blücher, denn kein anderer war der Geist, hervor und hielt ihm eine Standrede, die sich gewaschen hatte.

»Was, du alter Sünder, willst uns hier Vorwürfe machen? Schäme dich, dass du dein Kind so quälst mit dem alten Teigkneter. Mach an deiner Lina wieder gut, was du bei der seligen Frau, der guten Therese, versäumt hast. Du hast heilig und teuer geschworen, jetzt gibt's kein Zurück. Denn verschworen – verloren!« – »Dem Habenichts soll ich mein Kind geben? Niemals!«

»Halt«, rief Blücher, »das ist nicht wahr. Er ist der bravste Mann im ganzen Regiment und wird nächstens Wachtmeister. Dazu ist er auch nicht arm, denn er hat ein Kapital von 400 Talern. Hier ist es!« Und dabei fasste er in die Tasche und zog das Beutelchen mit Gold hervor, welches er gewonnen, und gab es Werner.

Dieser war sprachlos über die Gutmütigkeit seines Leutnants – und auch der alte Schmalk wurde ganz weich, als er das Geld sah. »Nun«, rief Blücher, »was sagt Ihr dazu? Soll's jetzt sein oder nicht sein?« – »Ich muss ja wohl einverstanden sein; aber was wird Schwan dazu sagen?« – »Dafür lasst mich sorgen. Ich werde mich schon mit dem alten Spitzbuben auseinandersetzen; der nimmt einmal kein glückliches Ende!«

Dann fasste er die Hände der Beiden, legte sie ineinander und sagte: »So, nun seid vergnügt, euer Wunsch ist erfüllt. Ladet mich aber zur Hochzeit ein – und Pate eures ersten Kindes will ich auch werden.«

Die Hochzeit fand nach einem Jahre statt und Blücher feierte sie in freudiger Stimmung mit. Auch der alte Schmalk, der inzwischen eingesehen hatte, welch prächtigen Schwiegersohn der bekommen, war in fröhlichster Laune und wollte Blücher sogar das Geld wieder einhändigen, was dieser aber zurückwies.

Doch konnte Blücher es nicht unterlassen, ihn zu fragen: »Na, Alter, ist Euch Eure Therese nicht erschienen, um Euch zu danken?« Der alte Schmalk schüttelte lächelnd den Kopf. Übrigens war er auch in diesem Jahre ein ganz anderer Mensch geworden und hatte den Geizteufel ausgetrieben. Außer den Beteiligten hatte niemand etwas von der Geistererscheinung erfahren.

 


 

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