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Andromache

Jean Racine: Andromache - Kapitel 7
Quellenangabe
typetragedy
booktitleRacine's ausgewählte Tragödien
authorJean Racine
yearca. 1890
translatorAdolf Laun
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleAndromache
pages74
created20120222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Aufzug.

Erster Auftritt.

Hermione (allein).
Wo bin ich, was hab' ich gethan und was
Werd' ich noch thun? Ein Schauder faßt mich, wie
Der Gram an meinem Herzen zehrt! Ziellos
Durchirr' ich des Palastes Räume; ha,
Wer sagt mir, ob ich liebe, ob ich hasse?
Wie grausam hat sein Blick mich fortgesendet!
Er heuchelte nicht einmal Schmerz noch Mitleid.
Verwirrte sich nur einen Augenblick
Sein Angesicht? Vermocht' ich einen Seufzer
Ihm zu entlocken? Stumm bei meinem Jammer
Und regungslos bei meinen Thränen, schien's,
Als wär' ihm Alles fremd, und doch beklag' ich
Ihn noch, und um der Leiden Maß zu füllen,
Nimmt dieses Herz, dies feige Herz noch Antheil
An ihm und zittert beim Gedanken schon
An die Gefahr, die ihn bedroht, und im
Begriff, die Rache zu vollführen, lass' ich
Schon Gnade walten; aber nein, der Spruch
Des Zorns wird nicht zurückgenommen. Nein,
Er sterbe, lebt er doch ja nicht für mich!
Er triumphirt und spottet meiner Wuth,
Er hofft, es werde sich in Thränengüssen
Der Sturm besänftigen. Er glaubt, 83
Ich werde schwankend immerdar und schwach
Mit einem Arm dem Streich des andren wehren;
Er meint, ich sei voll Nachsicht stets, wie sonst.
Doch nein, ganz Anderes beschäftigt ihn,
Er triumphirt im Tempel, denkt sogar
Nicht einmal dran, ob anderswo sein Leben,
Ob seinen Tod man wünscht, mir überläßt
Der Undankbare dieses Zweifels Qual.
Nein, nein, es ist bestimmt; ich lass' Orest
Gewähren. Er soll fallen, konnt' er doch
Voraus es sehn und zwingt mich, es zu wollen.
Zu wollen? Ach, bin ich's, die es befiehlt?
Er wird den Tod der Lieb' Hermionens
Verdanken, er, der Fürst, von dem ich mir
Mit Wonne seine Thaten ließ erzählen,
Dem ich mich ins Geheim schon zugedacht,
Bevor man dies unsel'ge Bündniß schloß.
So kam ich durch die Länder, durch die Meere
Von fern daher, nur um ihn zu verderben?
Ich ihn ermorden? Ha! bevor er stirbt . . . .

 

Zweiter Auftritt.

Hermione. Cleone.

Hermione. Was that ich? Doch was bringst du mir, Cleone,
Was ist mit Pyrrhus?

Cleone. Seine Wünsche sind
Erfüllt, er schwelgt voll Stolz in Liebeswonne;
Ich sah zum Tempel, wo des Hymens Feier
Bereitet wird, die neu erworbne Beute
Ihn im Triumphe führen. Freud' und Hoffnung
Entstrahlten seinem Aug', als er sie sich 84
Zur Seite schreiten sah. Andromache
Dagegen trägt durch all den Jubel trauernd
Das Angedenken Troja's mit sich fort
Bis zum Altar. Es scheint, sie kann nicht lieben
Und kann nicht hassen, zeiget keine Freude
Und murrt auch nicht, sie schweiget und gehorcht.

Hermione. So hat der Undankbare meine Schmach
Denn bis aufs Aeußerste gebracht. Doch sprich,
Cleone, hast du sein Gesicht durchforscht,
Genießt er ruhig ungestörten Glücks,
Hat er den Blick nicht zum Palast gewendet,
Hast du dich seinem Aug' nicht dargeboten,
Erröthete er nicht, als er dich sah,
Gab die Verwirrung seiner Mienen kein
Geständniß seines Treubruchs kund, hat bis
Zuletzt er seinen stolzen Sinn bewahrt?

Cleone. Er sieht und höret Nichts; sein Ruhm, sein Wohl
Scheint ihm aus der Erinnerung zugleich
Mit dir entflohn, er achtet nicht darauf,
Ob Freund, ob Feind ihm folgt, er ist ja ganz
In seinen Liebestraum versenkt. Er hat
Um Hectors Sohn die Wachen aufgestellt,
Weil den, er glaubt's, allein Gefahr bedroht.
Phönix hat's übernommen, ihn zu schützen,
Und führt ihn fern dem Tempel und Palast
In eine Veste: das ist's, was allein
Im Wonnetaumel Pyrrhus noch beschäftigt.

Hermione. Er sterbe, der Verräther! Aber was
Vernahmst du von Orest?

Cleone. Er trat zum Tempel
Mit seinen Griechen ein. 85

Hermione. Wie, ist er nicht
Gerüstet, mich zu rächen?

Cleone. Das vermag
Ich nicht zu sagen.

Hermione. Wie, du weißt es nicht?
Orest, o Götter! auch Orest verräth mich!

Cleone. Er liebt dich, doch von des Gewissens Qualen
Bedrängt, glaubt er der Liebe bald und bald
Der Tugend, Pyrrhus' Diadem erfüllt
Sein Herz mit Scheu. In ihm verehret er
Den Sohn Achills, verehret er den König;
Er fürchtet das erzürnte Griechenland,
Ja, das erzürnte Weltall, doch noch mehr
Sich selbst. Er möchte dir des Pyrrhus Haupt
Zu Füßen legen, doch der Name Mörder
Füllt ihn mit Graun und hält den Arm zurück.
Kurz, in den Tempel trat er ein, nicht wissend,
Ob er als Mörder, ob als bloßer Zeuge
Er ihn verlassen würde.

Hermione. Nein, er läßt
Sie ruhig triumphiren und er wird
Sich hüten, dieses Fest zu stören; nein,
Ich weiß, wie Zweifel seine Seele quälen,
Der Feige scheut den Tod, und das allein
Ist's, was er scheut. Ach, meine Mutter brauchte
Mit keinem Wort zu bitten, dennoch stand
Ganz Griechenland für sie in Waffen auf;
Sie sah zehn kampferfüllte Jahre lang
Wohl zwanzig Könige, die kaum sie kannten,
Um ihretwillen sich dem Tode weihn!
Ich will ja Nichts, als des Verräthers Tod, 86
Und stell' es einem Liebenden anheim,
Daß meine Schmach er sühnt. Gefahrlos kann
Er mich dadurch gewinnen, selber biete
Ich mich als Preis ihm dar, und dennoch kann
Ich keine Rach' erlangen. Nun, so sei's,
Ich will mir selbst Gerechtigkeit verschaffen,
Vom Wehruf soll der Tempel wiederhallen,
Und Unheil soll des Festes Freude stören.
Es daur' ihr Bund nur einen Augenblick,
Nicht wählen werd' ich in des Aufruhrs Sturm,
Ein jeder wird mir Pyrrhus sein, und wäre
Es selbst Orest! Ich werde sterben, aber
Nicht rachelos steig' ich hinab zum Hades
Und nicht allein, es wird mir Jemand folgen.

 

Dritter Auftritt.

Orest. Hermione. Cleone.

Orest. Es ist geschehn ich that, was du befahlst.
Der König zu den Füßen des Altars . . . .

Hermione. Ist todt?

Orest. Er stirbt, und unsre Griechen haben
Mit seinem Blut des Wortbruchs Schmach gesühnt.
Ich gab mein Wort, und wie entsetzlich auch
Der Mordplan zum Voraus dem Geist erschien,
Doch eilt' ich hin zum Tempel, wo die Griechen
Sich durch die Menge zum Altare drängten.
Pyrrhus erkannte mich, doch unverändert
Blieb sein Gesicht, als würd' er kecker noch,
Als dächt' er, meine Griechen dienten nur,
Den Glanz des Hochzeitsfestes zu erhöhn; 87
Dann nahm er sich das Diadem vom Haupt
Und wandt' es um die Stirn Andromache's.
»Dir geb' ich meine Kron' und mein Gelöbniß,
Beherrsch' Epirus und beherrsche mich!
Ich weihe deinem Sohne Vaterliebe,
Ich schwör's den Göttern und ich schwör's der Mutter,
Zum Feind erklär' ich jeden, der ihm feind ist,
Und ihn erkenn' ich an als Troja's König.«
Als solchem Wort die Menge Beifall jauchzte,
Klang meiner Griechen Wuthgeschrei darein,
Und plötzlich war er überall umringt,
Daß meinem Arm nicht Raum blieb, ihn zu treffen,
Denn jeder strebte nach dem Ruhm der That.
Ich sah, wie blutbefleckt er eine Weile
Sich sträubt' und ihren Armen sich entrang,
Doch endlich stürzt' er am Altare nieder.
Da drängt' ich mich durch die erschreckten Haufen,
Um dich, o Fürstin, von hier fortzuführen
Zum Hafen, wo die Freunde warten, mit
Dem Blut bespritzet, das ich dir versprach.

Hermione. Was thaten sie!

Orest. Verzeih' der Ungeduld!
Ich sah's, sie täuschten deine Rachbegier,
Du wolltest, daß ich selbst den Streich vollführte,
Auf daß er sterbend säh', er käm' von dir.
Doch war's mein Eifer, der zum Muster diente,
Um deinetwillen führt' ich sie zum Tempel,
Und also kannst du dich mit gutem Recht
Des Mordes freun, ihr Arm hat ihn vollstreckt,
Du hast den Arm geführt.

Hermione. Verräther, schweig!
Dein Werk allein ist diese feige That.
Die Griechen mögen deine Wuth bewundern, 88
Die mir ein Greuel, geh', ich hasse dich.
Barbar, was thatest du! Mit welcher Wuth
Zerrissest du des schönen Lebens Faden?
Wie konntet ihr so grausam hin ihn opfern,
Empörte sich nicht euer Blut dagegen?
Wer machte euch zum Richter über ihn?
Warum ihn morden, was hat er gethan?
Mit welchem Recht, wer hat es dir befohlen?

Orest. O Götter, warst du's denn nicht selbst, die noch
Vor Kurzem diese That von mir verlangte?

Hermione. Wie, durftest du der Liebe Wahnwitz glauben?
Du mußtest tiefer in mein Innres schaun,
Und sahst du nicht in meines Zornes Wallung,
Daß stets das Herz dem Munde widersprach?
Und wollt' ich's auch, du durftest nicht gehorchen,
Erst hundertmal mußt' ich dir's wiederholen,
Du mußtest vor der That noch einmal fragen,
Stets wiederkommen, nein, mich ganz vermeiden.
Warum nicht mir die Rache überlassen,
Was führte dich hierher, wo man dich flieht?
Das sind die schlimmen Früchte deiner Liebe,
Du hast dein Schicksal selber mitgebracht,
Durch deine Botschaft hast du Pyrrhus' Liebe
Auf meine Nebenbuhlerin gelenkt.
Wenn du nicht kamst, vielleicht liebt' er mich noch,
Er würd' es mich zum mindsten glauben lassen.
Leb wohl, du magst nun gehn, ich aber bleibe,
Und ich verzicht' auf Griechenland, auf Sparta,
Auf Sparta's Herrschaft und auf mein Geschlecht,
Denn mir genügt's, daß dort ein Ungeheuer
Wie du entstand. 89

 

Vierter Auftritt.

Orest (allein). Was seh' ich! Götter, ist's
Hermione? Was hör' ich! Wem denn floß
Das Blut, das ich vergossen? Glaubt' ich ihr,
So wär' ich ein Verräther, Meuchelmörder.
Ist's Pyrrhus, welcher stirbt? bin ich Orest?
Wie, ich erstick' in mir das Licht, das mich
Erleuchtet, ich ermorde einen König,
Den ich verehre wider meinen Willen,
An Einem Tag verletzte ich das Recht
Des Herrschers, der Gesandten, aller Menschen
Und jenes heiligen Altars, an dem
Ihn meine Wuth belagert, werde selbst
Ein Räuber, Königsmörder, Tempelschänder,
Und das für wen? für eine Undankbare,
Der ich's versprach, die mich, wenn er nicht fiel,
Nie wieder sehen wollte, deren Zorn
Ich zu dem meinen machte. Aber jetzt,
Wo ich's vollführt, jetzt fordert sie sein Leben,
Sein Blut von mir zurück, sie liebt ihn noch,
Und ich bin ihr ein wüthend Ungeheuer.
Ich seh's, wie sie auf immer sich von mir
Entfernt, und fliehend läßt sie mir zum Lohn
All die gehäss'gen Namen, die ich ihr
Zu Liebe auf mich lud.

Pylades. Wir müssen fort.
Auf, eilen wir, o Freund, aus diesem Schlosse,
Sonst sei gefaßt, daß wir hier ewig bleiben. 90
Noch schützen unsre Griechen rings die Thore
Für einen Augenblick, doch schon versammelt
Gewaffnet Volk sich, uns zu überfallen.
Andromachen ist Alles unterthan,
Sie ist die Königin, und wir sind Feinde,
Sie, die noch jüngst so störrisch war, erweist
Dem Pyrrhus einer treuen Wittwe Pflichten,
Sie heischt, daß man ihn räche, ja vielleicht
Will sie an uns auch ihren Hector rächen.
Fort, warte nicht, bis man uns hier umzingelt,
Bald werden unsre Griechen zu uns stoßen,
Und während noch Hermione das Volk
Um sich versammelt, laß uns eilen, komm,
Dorthin geht unser Weg . . . .

Orest. Nein, nein, ihr Freunde,
Ich folg' Hermionen, ihr letztes Wort
Kann ich nicht überleben. Geht, ich habe
Die Frevelthat vollbracht, ich will sie büßen.

Pylades. Hermione, mein Freund, mußt du vergessen.
Willst du denn stets für ihre Wuth das Ziel,
Das Werkzeug sein? Suchst du im Reich der Todten
Noch neue Unbill? Weil sie stirbt, mußt du
Darum denn sterben?

Orest. Götter, was vernehm' ich,
Sie stirbt?

Pylades. Wie denn, dir war es unbekannt?
Als wir uns hierher wandten, sahn wir sie,
Wie sie voll Angst und mit verwirrten Sinnen
Zum Tempel eilte; dort fand sie den Pyrrhus,
Den auf den Schultern Krieger trugen, die
Sein Blut zur Rache mahnte. Dieser Anblick
Erweckte ihren Grimm aufs Neue. Bald darauf 91
Sahn wir von des Portales hohen Stufen,
Wie sie den Dolch in Händen über Pyrrhus
Sich beugte, ihren Blick zum Himmel wandte,
Sich selber traf und niedersank.

Orest. Ihr Götter,
Habt Dank, mein Unglück übersteigt mein Hoffen,
Ich preise euch ob der Beharrlichkeit.
Ihr habt, auf meine Strafe stets bedacht,
Geführt mich zu der Leiden höchstem Gipfel,
Und euer Haß erlabte sich daran,
Mein Unglück zu gestalten; war ich doch
Dazu geboren, um von eurem Zorn
Ein Schreckensbeispiel aufzustellen, um
Des Elends Musterbild zu sein! Ich sterbe
Zufrieden, denn mein Schicksal ist erfüllt.
Wo sind die beiden Liebenden? Ich muß,
Um meiner Freude Maß zu füllen, mich
In ihrem Blute, in dem meinen baden.
Im Sterben soll mein Blick sie alle Beide
Anschaun, ich will drei Herzen einen, die
Sich nicht verständ'gen konnten. Aber wie,
Umhüllt mich plötzlich dichte Nacht? Wohin
Soll ich mich wenden? Welch ein Grausen
Erfüllt die Seele mir? Doch, Götter, seid
Gedankt, ich seh' Ha! welche Ströme Bluts
Ergießen sich rings um mich her!

Pylades. Ach, Freund!

Orest. Wie, Pyrrhus, du noch immer hier? Muß ich,
Verhaßter Nebenbuhler, überall
Dich finden? Wie vermagst du noch zu leben,
Du, den so mancher Dolch durchbohrte? Nimm . . . .
Das ist der Stoß, den ich dir aufbewahrte.
Doch wie? Hermione umarmet ihn, 92
Sie rettet ihn vor meines Dolches Drohn,
Entsetzen blickt ihr Auge, das mich trifft.
Welch greuliche Gestalten, welche Schlangen
Ziehn hinter ihr einher? Ihr Hadestöchter,
Ist euer Arm bereit, mich anzufallen?
Für wen die Nattern dort auf euren Häuptern?
Wem gilt das Graun, das euch umgiebt? Kommt ihr,
Mich in die ew'ge Nacht hinabzuführen?
Kommt nur, Orest giebt eurer Wuth sich preis.
Doch nein, zurück, und laßt Hermionen
Das Werk vollführen, besser weiß, als ihr,
Der Undankbaren Hand mich zu zerreißen,
Und ihrer Wuth bring' ich mein Herz entgegen.

Pylades. Er ist von Sinnen, Freund', es drängt die Zeit
Benutzt den Augenblick, den sein Ermatten
Uns läßt. Auf, ihn zu retten! Unser Mühn
Wär all' umsonst, wenn plötzlich mit den Sinnen
Die Wuth des Wahnsinns bei ihm wiederkehrte.

 


 

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