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Gutenberg > Jean Racine >

Andromache

Jean Racine: Andromache - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleRacine's ausgewählte Tragödien
authorJean Racine
yearca. 1890
translatorAdolf Laun
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleAndromache
pages74
created20120222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Aufzug.

Erster Auftritt.

Andromache. Cephise.

Cephise. Kein Zweifel, Hector ist's, dein Gatte, der
In deiner Seele solch ein Wunder schafft;
Er will, es soll durch dein beglücktes Kind,
Das er dich wahren hieß, sich Ilium
Aufs Neu' erheben. Pyrrhus hat's versprochen,
Du hast es, Herrin, ja gehört. Ein Wort
Von dir, und er giebt deinen Sohn dir wieder.
Bau' nur auf seine Leidenschaft; wenn er
Auf deine Liebe hoffen darf, dann wird
Er Alles dir zu Füßen legen: Vater
Und Scepter und die Bundsgenossen, macht
Zu seiner und des Volkes Herrin dich.
Ist das noch jener hassenswerthe Sieger?
Schon gilt sein edler Zorn den Griechen; so
Wie du, ist er um deinen Sohn besorgt,
Den er vor ihrer Wuth beschützt, und dem
Er seine Wache leiht; er selbst begiebt
Sich in Gefahren, um dein Kind zu retten.
Doch Alles ist im Tempel schon bereit,
Und du versprachst . . .

Andromache. Ich werde dort erscheinen,
Doch erst zu meinem Sohn! 68

Cephise. Gebieterin,
Weshalb die Eile? Dir genügt es ja,
Daß länger nicht sein Anblick dir verwehrt ist,
Bald darfst du deine ganze Zärtlichkeit
Ihm weihn und ihn nach Herzenslust umarmen.
O Wonne, solch ein Kind erziehn, das man
Emporblühn sieht, zum Sklaven nicht, nein, um
Aufs Neue eine lange Königsreihe
In ihm erstehn zu sehen!

Andromache. Laß, Cephise,
Zum letzten Mal mich zu ihm gehn.

Cephise. O Götter!
Was sprichst du?

Andromache. Theure Freundin, nicht vor dir
Will ich mein Herz verbergen. Du hast mir
Im Unglück deinen treuen Sinn bewährt,
Doch hätt' ich auch gedacht, daß besser du
Mich kenntest. Wähntest du, Andromache
Vermöchte treulos einen Gatten, der
In ihr neu aufzuleben glaubte, zu
Verrathen? All' der Todten Schmerz erweckend,
Könnt' ich um meine Ruh' die ihre stören?
Wär' das die Liebe, die ich seiner Asche
So oft geschworen? Doch sein Sohn war von
Gefahr umdroht, und ihn galt's zu beschützen.
Pyrrhus, wenn ich die Hand ihm reiche, will
Ihm Stütze sein, und darauf darf ich baun.
Ich weiß, wie Pyrrhus ist, zwar wild und heftig,
Doch grad und ehrlich auch; Cephise, glaub' mir,
Er thut noch mehr, als er versprochen hat.
Auf ihn auch rechn' ich bei der Griechen Zorn,
Ihr Haß giebt Hectors Sohn den Vater wieder, 69
Ich will, da ich mich opfern muß, die Zeit
Des Lebens, die mir bleibt, dem Pyrrhus weihn
Und sein Gelöbniß am Altar empfangend
Ihn durch ein ew'ges Band mit meinem Sohn
Verknüpfen; dann soll meine Hand, die mir
Verderblich wird, ein treulos Leben kürzen.
Sie wird, indem sie meine Tugend rettet,
Erfüllen, was ich Pyrrhus, meinem Sohn,
Dem Gatten und mir selber schuldig bin.
So viel von meiner Lieb' unschuld'ger List,
Die mir der Gatte selber eingegeben,
Ich steig' allein zu Hector und den Ahnen
Hinab. Du, Freundin, wirst mein Auge schließen.

Cephise. Du glaubst, daß ich dich überleben würde?

Andromache. Nein, ich gestatte nicht, daß du mir folgst.
Dir geb' ich meinen einz'gen Schatz anheim;
Wie mir du lebtest, leb' dem Sohne Hectors,
Als einz'ge Hüterin von Troja's Hoffnung.
Bedenke, welch ein Gut dir anvertraut ward,
Wie vielen Königen du nöthig bist,
Ermahne Pyrrhus, daß sein Wort er halte,
Und muß es sein, so sprich ihm auch von mir
Und leg' auf Hymens Band Gewicht, in das
Ich mich gefügt; erinnre ihn daran,
Daß ich vor meinem Tode ihm vereint war,
Daß jeder Groll bei ihm erlöschen muß,
Und daß ich hohe Ehre ihm erwies,
Indem ich meinen Sohn ihm anvertraute.
Und meinen Sohn lehr' seines Stammes Hoheit
Und jene Helden, seine Ahnen, kennen.
Leit' ihn auf ihre Spuren hin, so viel
Du es vermagst; sag' ihm, durch welche Thaten
Ihr Name Ruhm erlangte, zeig' ihm mehr,
Was sie gethan, als das, was sie gewesen. 70
Sprich täglich ihm von seines Vaters Tugend,
Doch von der Mutter sprich ihm auch zu Zeiten;
Nur sinn' er nicht, wie er uns rächen will,
Denn sieh, uns bleibt ein Herr, den muß er schonen.
Bescheiden denk' er seiner großen Ahnen,
Er ist des Hector Sproß, jedoch der letzte;
Ihm habe ich an Einem Tag mein Blut
Geopfert, meinen Haß und meine Liebe.

Cephise. Ach!

Andromache. Folg' mir nicht, wenn dein erregtes Herz
Nicht seiner Thränen Herr zu sein vermag.
Man kommt; beherrsche dich, Cephise, denke,
Daß mein Geschick in deinen Händen liegt.
Hermione! fliehn wir vor ihrem Grimm!

 

Zweiter Auftritt.

Hermione. Cleone.

Cleone. Dein Schweigen kann ich nicht genug bewundern,
Gebieterin; dies kränkende Verschmähn
Berührt nicht im Geringsten dein Gemüth.
Ganz ruhig duldest du solch einen Schlag,
Du, die beim Namen der Andromache
Schon zitterte, die's zur Verzweiflung brachte,
Wenn Pyrrhus sie mit einem Blick beehrte.
Er führt sie heim, und mit dem Diadem
Giebt er ihr das Gelöbniß, das du selbst
Von ihm empfingst. Dein Mund, verstummend
Bei solchem Gram, klagt ihn nicht einmal an.
Mir scheint, o Herrin, solche Ruh' bedenklich,
Gewiß, es wäre besser . . . . 71

Hermione. Rufst du mir
Orest?

Cleone. Er kommt, Gebieterin, er kommt.
Bald wirst du sehn, wie er bereit ist, dir
Zu huld'gen und zu dienen, winkt ihm auch
Kein Lohn dafür. Dein Aug' ist immer sicher,
Ihn zu gewinnen. Sieh, da ist er schon.

 

Dritter Auftritt.

Orest. Hermione. Cleone.

Orest O Fürstin, kommt zum mindesten diesmal
Orestes deinem Wunsch entgegen, sprich,
Täuscht mich nicht wieder eine falsche Hoffnung,
Du hättest meine Gegenwart gewünscht,
Und darf ich glauben, daß, entwaffnet endlich . . . .

Hermione. Erfahren werd' ich, Herr, ob du mich liebst.

Orest. Ob ich dich liebe? Götter! meine Eide,
Die falschen Schwüre, mein Verrath, mein Fliehn,
Mein Wiederkehren, meine Huldigungen,
Die Kränkung, die Verzweifelung, mein Auge,
Das sich in Thränen badete! Glaubst du
Nicht solchen Zeugen, welchen glaubst du denn?

Hermione. Auf, räche mich, und Alles will ich glauben.

Orest. Wohl, Fürstin, noch einmal soll Griechenland
In Flammen stehn. Dein Name und mein Schwert
Soll uns verherrlichen. Du nimmst den Platz
Der Helena, ich Agamemnons ein, 72
So wollen wir den Jammer Iliums
Erneun, daß man dereinst von uns ein Gleiches
Wie von den Vätern sage. Auf, ich bin
Bereit!

Hermione. Nein, bleiben wir, o Fürst; so weit
Nicht denk' ich meine Schmach zu tragen. Wie,
Die Frechheit meiner Feinde krönend, soll ich
Am fremden Ort langsamer Rache harren,
Und mich dem Loos der Schlachten unterwerfen,
Das doch vielleicht mir Rache nicht gewährt?
Ich will, daß, wenn ich scheide, ganz Epirus
In Thränen sei. Wenn du mich rächen willst,
So räche mich in einer Stunde, Zögrung
Werd' ich für eine Weigrung halten. Eile
Zum Tempel hin und opfre . . . .

Orest. Wen?

Andromache. Den Pyrrhus.

Orest. Wie, Fürstin, Pyrrhus?

Andromache. Wie, wankt schon dein Haß?
Eil'! fürchte, daß ich noch zurück dich rufe,
Sprich nicht von Rechten, die ich gern vergäße,
Nicht deine Sache ist's, ihn zu vertheid'gen.

Orest. Ich ihn vertheid'gen? Fürstin, deine Huld
Grub sein Verbrechen mir zu tief ins Herz.
Zur Rache denn, jedoch in andrer Weise,
Ich will sein Feind, doch nicht sein Mörder sein,
Sein Tod sei mir ein ehrenvoller Sieg.
Sein Haupt soll ich als Antwort auf die Botschaft
Den Griechen bringen. Uebernahm ich denn
Die Sorge für den Staat, um mich derselben 73
Durch eine Mordthat zu entledigen?
Gestatte, in der Götter Namen, daß
Sich Griechenland erkläre, und er mit
Dem Fluch des Volks beladen sterbe, denn
Bedenk', er ist ein König, und sein Haupt
Ist ein gekröntes.

Hermione. Ist dir's nicht genug,
Daß ich sein Urtheil sprach, daß die Beleid'gung,
Die ich erlitt, ein Opfer heischt, das mir
Allein geweiht wird, und Hermione
Der Preis für des Tyrannen Leben ist?
Daß ich ihn hasse, daß ich ihn geliebt,
Denn ich verhehl' es nicht, der Undankbare
Hat mir gefallen, ob's nun Neigung, ob's
Des Vaters Wille war, gleichviel, du magst
Dich darnach richten, Herr, und fürchte stets,
Wie sehr er mich auch hinterging, wie sehr
Mit Abscheu mich sein Thun erfüllt, ich könnte,
So lang er lebet, ihm verzeihn. Mißtrau'
Der Dauer meines Zornes, bis er stirbt;
Stirbt er nicht heut, kann ich ihn morgen lieben.

Orest. Nun wohl, er falle, ehe deine Gnade
Ihn frei spricht; aber wie soll ich's beginnen,
Wie deinem Grimm so rasch Genüge thun?
Wie kann ich ihn mit meinem Stahl erreichen?
Kaum bin ich in Epirus angekommen,
Und schon soll meine Hand ein Reich zertrümmern?
Du willst, es soll ein König fallen, du
Gewährst nur einen Tag, nur eine Stunde,
Nur einen Augenblick dazu, ich soll ihn treffen
Im Angesichte seines ganzen Volks?
Laß mich mein Opfer zum Altar erst führen,
Ich bin bereit, zuvörderst aber laß
Den Platz mich wählen, wo er fallen soll. 74
Noch heute werd' ich dein Gebot erfüllen,
Und noch in heut'ger Nacht greif' ich ihn an.

Hermione. Und noch am heut'gen Tag reicht er indeß
Andromachen die Hand, schon ist der Thron
Im Tempel aufgerichtet, meine Schmach
Bestätigt sich, er krönet sein Verbrechen.
Was ist's, worauf du harrst? Er bietet dir
Sein Haupt, und schutzlos, ohne Wachen schreitet
Er zu dem Fest dahin, sie reihen sich
Um Hectors Sohn, er giebt dem Arm sich preis,
Der mir die Rache bringen will. Denkst du
Mehr als er selbst sein Leben zu beschirmen?
Bewaffne deiner Griechen Schaar und Alle,
Die mit mir kamen, rufe deine Freunde
Und auch die meinigen herbei. Er übt
An mir Verrath, betrügt dich und verhöhnt
Uns alle, schon entspricht ihr Haß dem meinen.
Er schont nur wider Willen den Gemahl
Der Troerin; nur eines Worts bedarf's,
Es kann mein Feind nicht länger dir entgehn,
Sie führen selbst vielleicht den Todesstreich.
Auf, leite sie und folge mindestens
Der Wuth, die sie belebt, und kommst du mit
Des Ungetreuen Blut bespritzt zurück,
Ja, dann sei meiner Zuneigung gewiß.

Orest. Bedenk', o Fürstin.

Hermione. Nein, das ist zu viel,
Die ewigen Bedenklichkeiten reizen
Nur meinen Zorn. Ich zeigte dir ein Mittel,
Mir zu gefallen, dir genug zu thun;
Doch seh' ich wohl, du willst nur immer
In Klagen dich ergehn, nie durch die That
Etwas erringen. Geh' nur hin und rühme 75
An andren Orten dein beständig Herz,
Mir selber überlaß es, mich zu rächen.
Schon schäm' ich meiner schlaffen Güte mich,
Zu viel unnützen Flehns an einem Tage!
Ich geh' allein zum Tempel, wo die Feier
Sich vorbereitet, und wo du zu feig,
Mich zu gewinnen, dort werd' ich dem Feinde
Zu nahen wissen, dort werd' ich das Herz
Durchbohren, das ich zu bewegen nicht
Vermochte; dann soll meine blut'ge Hand,
Den eignen Busen treffend, ihm zum Trotz
Im Tode unser beider Loos vereinen.
Und doch, obgleich er mich verrieth, mir wär'
Der Tod mit ihm viel süßer, als das Leben
Mit dir.

Orest. Nein, dieser bittren Freude, Fürstin,
Sollst du entbehren. Sterben wird er nur
Von meiner Hand, dir sollen deine Feinde
Durch mich geopfert werden; was für dich
Ich that, wirst du vielleicht einst anerkennen.

Hermione. So geh' und laß mir deines Schicksals Leitung,
Nur sorge, daß zur Flucht all' deine Schiffe
Bereit.

 

Vierter Auftritt.

Cleone. Hermione.

Cleone. Du eilst, o Herrin, ins Verderben,
Bedenke doch . . . .

Hermione. Verderben oder nicht,
Auf Rache geht allein mein Sinnen, doch 76
Ich weiß noch nicht, was er mir auch versprach,
Ob ich auf Andre, als mich selbst, darf baun;
Pyrrhus ist ihm so schuldvoll nicht, als mir,
Und sichrer scheint mein Dolch mir, als der seine.
O Wonne, die erlittne Unbill selbst
Mit eigner Hand zu rächen! sie noch rauchend
Von des Verräthers Blut aus seiner Brust
Zu ziehn und zur Vermehrung seiner Qual
Und meiner Lust dem Blick des Sterbenden
Das Angesicht der Nebenbuhl'rin zu
Entziehn! O wenn Orest, indem er ihn
Bestraft, es ihn nur wissen läßt, daß er
Als Opfer meiner Rache fällt! Geh', sag' ihm,
Er soll dem Undankbaren es verkünden,
Daß meinem Haß und nicht dem Staate er
Geopfert wird, o eile, theure Freundin,
Denn meine Rach' ist hin, wenn er, indem
Er stirbt, nicht weiß, daß ich's bin, die ihn tödtet.

Cleone. Ich folge dir doch, Götter, wen erblick' ich?
Wer hätt' es je geglaubt? Der König ist's.

Hermione. Eil', sag' Orest, daß er Nichts unternehme,
Bevor er mich aufs Neue hat gesehn.

 

Fünfter Auftritt.

Pyrrhus. Hermione. Phönix.

Pyrrhus. Du hast mich nicht erwartet, Fürstin, denn
Ich sehe, daß ich im Gespräch euch störe.
Ich komme nicht, um mit unwürd'ger List
Mein Unrecht ins Gewand der Billigkeit
Zu hüllen. Schon genug, daß mich im Stillen 77
Mein Herz verdammt, ich würde, was ich selbst
Nicht glaube, schlecht vertheidigen. Ja, Fürstin,
Ich wähle eine Troerin zur Gattin,
Und ich gesteh's: dir hab' ich das Gelöbniß,
Das ich jetzt jener weihe, einst versprochen.
Ein Andrer würde sagen, daß im Feld
Vor Troja unsre Väter, ohne uns
Zu fragen, jenen Bund geschlossen haben,
Daß man uns ohne Liebe an einander
Geknüpft, doch ist's genug für mich, daß ich
Mich unterwarf; durch meine Boten
Ward dir mein Herz versprochen; weit entfernt,
Zurückzutreten, nahm ich Alles an.
In ihrer Obhut kamst du nach Epirus,
Und ob auch eines andren Auges Strahl
Dem deinen schon den Sieg entrissen hatte,
So drängt' ich doch die neue Glut zurück
Und strebte nur dahin, dir treu zu sein.
Ich nahm dich auf als Königin und glaubte
Bis heute noch, der Eid, den ich geleistet,
Vermöchte Liebe zu ersetzen; doch
Die Liebe siegt, Andromache raubt mir
Dies Herz. das selber sie verschmäht, und wir
Blind fortgerissen eilen Beide zum
Altar, um wider Willen dort einander
Der Liebe ew'ges Bündniß zu beschwören.
Jetzt, Fürstin, überhäufe den Verräther
Mit deinem Haß, es schmerzt ihn, daß er's ist,
Und dennoch will er's sein. Ich hemme nicht
Den Ausbruch des gerechten Zorns. Vielleicht
Erleichtert er mich mehr noch, als dich selbst.
Gieb mir die Namen, die den Meineid schmähn,
Dein Schweigen fürcht' ich, nicht dein Schelten.
Mein Herz, von tausend Zeugen überführt,
Klagt mich im Stillen schwerer an, als du
Zu thun vermagst. 78

Hermione. Herr, frei von Hinterhalt
Ist dein Geständniß. Gern bemerk' ich, wie
Du dir Gerechtigkeit erweisest, wie
Bei dem Zerreißen des geweihten Bandes
Du als Verbrecher dem Verbrechen dich
Ergiebst; doch wär's ja auch nicht Recht, wenn sich
Dem kleinlichen Gesetz, sein Wort zu halten,
Ein Sieger fügen müßte. Nein, der Treubruch
Ist grade, was dich reizt: du suchst ihn, um
Damit zu prahlen. Nicht durch Schwur, noch Pflicht
Sich halten lassen, einer Griechin huld'gen,
Dabei erglühn für eine Troerin,
Zurück mich stoßen, mich aufs Neue wählen,
Und wieder von der Tochter Helena's
Zurück zu Hectors Wittwe kehren, wechselnd
Die Stirn der Sklavin und der Fürstin krönen,
Den Griechen Troja opfern, Griechenland
Dem Sohne Hectors, alles das bekundet
Ein Herz, das völlig Meister seiner selbst,
Den Helden, der nicht Sklave seines Worts.
Um deiner Gattin zu gefallen, müßt' ich
Dir wohl die süßen Namen des Meineid'gen
Und des Verräthers geben. Kamst du nicht
Hierher, mein blasses Angesicht zu sehn
Und dann in ihren Armen meiner Qual
Zu lachen? Hinter ihrem Wagen möchtet
Ihr weinend mich einherziehn sehn; doch, Fürst,
Das wär' an Einem Tag zu viel der Freude.
Was strebst du nach entlehntem Ruhm, genügt
Dir nicht der stolze Name, den du trägst?
Der alte Vater Hector, deiner Macht
Erliegend, vor der Seinen Augen sterbend,
Dieweil dein Arm in seine Brust sich taucht
Und nach dem Rest erstarrten Blutes spürt,
Troja ein großes Meer von Blut und Flammen, 79
Polyxena von deiner Hand erwürgt,
Im Angesicht der drob empörten Griechen,
Sprich, welchen Ruhm kann man so edlen Thaten
Versagen?

Pyrrhus. Fürstin, mir ist wohl bewußt,
Zu welchem Uebermaß der Wuth mich Rach
Um Helena getrieben. Wohl mag ich
Vor dir vergoßnes Blut beklagen, doch
Laß das Vergangene vergessen sein;
Den Göttern dank' ich es, daß deine Kälte
Mir zeigt, wie schuldlos meine Seufzer waren.
Ich seh's, ganz ohne Noth that sich mein Herz
Zu vielen Zwang an, besser mußte es
Dich kennen und sich besser prüfen. Reu'
Empfinden hieß dich schwer beleidigen.
Man muß geliebt sich glauben, um für untreu
Sich selbst zu halten. Dir lag Nichts daran,
Daß du mein Herz in deine Fesseln banntest.
Ich scheute mich, dich zu verrathen; doch
Vielleicht ist's nur ein Dienst, den ich dir leiste.
Wir waren für einander nicht geschaffen.
Ich folgte meiner Pflicht, und du der deinen,
Und in der That, Nichts zwang dich, mich zu lieben.

Hermione. Dich hätt' ich nicht geliebt, grausamer Mann,
Was that ich denn? Um dich verschmäht' ich ja
Die Huldigungen aller unsrer Fürsten,
Dich sucht' ich hier in deinem Lande auf,
Und bin, wie ungetreu du seist, noch hier,
Und meinen Griechen, die ob meiner Schwäche
Erröthen, trug ich auf, daß sie die Schmach,
Die ich von dir erdulden muß, verschweigen.
Im Stillen hofft' ich noch, du würdest mir
Das Herz, daß du mir schuldest, wieder bringen,
Dich liebt' ich noch, als du mir untreu warst. 80
Was hätt' ich erst gethan, warst du mir treu,
Und jetzt sogar, wo mir dein Mund so kalt
Den Tod verkündet, weiß ich nicht, ob dennoch
Ich nicht dich Undankbaren liebe. Aber
Muß es so sein, hat die erzürnte Gottheit
Den Ruhm, dir zu gefallen, andren Augen
Bestimmt, dann wohl, ich bin zufrieden, schließe
Den Bund; doch zwinge mindestens mich nicht,
Der Feier beizuwohnen, schieb sie auf
Um einen Tag und thue morgen dann,
Was dir beliebt. Ich seh's, du Wortvergeßner,
Du zählst die Augenblicke, welche du
Bei mir verbringst; dein ungeduldig Herz,
Das dich zu deinem Troerweibe zieht,
Kann keinen andern Anblick mehr ertragen.
Es spricht dein Herz mit ihr, und immer forscht
Nach ihr dein Auge. Geh', ich halt' dich nicht;
Schwör' ihr die Eide, die du mir geschworen,
Entweih' der Götter heil'ge Majestät,
Der Götter, die gerecht es nicht vergessen,
Daß dich ein gleicher Eid mit mir verband;
Bring' zum Altar das Herz, das mich verläßt
Eil' hin, doch fürchte auch, Hermionen
Noch dort zu finden.

 

Sechster Auftritt.

Pyrrhus. Phönix.

Phönix. Herr, du hörtest, was
Sie sprach, darum sei auf der Hut und fürchte
Die Liebende, die sich zu rächen sucht,
Nur zu viel mächt'ge Stützen hat sie hier; 81
Der Griechen Angelegenheit und ihre
Sind eng verknüpft, Orest liebt sie noch immer,
Vielleicht um diesen Preis . . . .

Pyrrhus. Andromache
Erwartet mich, nimm du das Kind in Schutz. 82

 

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