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Gutenberg > Jean Racine >

Andromache

Jean Racine: Andromache - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
booktitleRacine's ausgewählte Tragödien
authorJean Racine
yearca. 1890
translatorAdolf Laun
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleAndromache
pages74
created20120222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Aufzug.

Erster Auftritt.

Orest. Pylades.

Pylades. Freund, mäß'ge deine wilde Leidenschaft;
Ich kenne dich nicht mehr, du bist nicht mehr
Du selbst. Gestatte mir, daß ich . . .

Orest.                                                         Dein Rath,
Mein Pylades, vermag Nichts mehr zu ändern.
Ich bin es müde, der Vernunft zu folgen;
Zu lange schon schleppt' ich in solchen Qualen
Mein Leben hin. Ich muß entweder sie
Entführen oder untergehen. Schon
Ist mein Entschluß gefaßt, ich führ' ihn aus,
Gewiß, ich thu's.

Pylades.                       Nun wohl, entführe sie,
So sei's; jedoch bedenke, wo du bist.
Was wird man von dir glauben, wenn man sieht,
Was du beginnst? Verstell' dich, mäßige
Dein unruhvoll Gebahren und befiehl
Dem Auge, daß es das Geheimniß wahrt.
Hier diese Wachen, dieser Hof, die Luft,
Die uns umgiebt, das Alles steht im Dienst
Des Pyrrhus und noch mehr Hermionens.
Vor ihr verbirg vor Allem deinen Zorn.
Weshalb kamst du zu ihr in solcher Stimmung? 51

Orest. Weiß ich's? Ich war ja meiner selbst nicht Herr;
Der Wahnsinn riß mich fort, ich kam vielleicht,
Die Undankbare sammt dem Buhlen zu
Bedrohn.

Pylades.         Was half dir diese Leidenschaft?

Orest. Wer, sage mir, mein Freund, wär' nicht dem Schlag
Erlegen, der mein Herz zerrüttete?
Er führt, so sagt er selbst, Hermionen
Schon morgen zum Altare, ja, er will,
Um sie zu ehren, sie aus meiner Hand
Empfangen. Ha, ich tauche diese Hand
Viel eh'r in des Barbaren Blut!

Pylades.                                             Du klagst
Ihn, Freund, ob seines Schicksals an, – und doch,
Gequält von dem, was er zu thun beschlossen,
Ist er vielleicht beklagenswerther noch
Als du.

Orest.         O nein, ich kenn' ihn; Freude macht
Es ihm, mich in Verzweifelung zu sehn.
Wär' ich, wär' meine Liebe nicht, er hätte
Gewiß die Undankbare längst verschmäht.
Bis dahin hatte ja ihr Reiz ihn nicht
Berührt, und grausam, wie er ist, wählt er
Sie nur, damit er mir sie raube. Götter,
Wie wär' es bald geschehn! Hermione
Gewonnen wär' auf immer seinem Blick
Entzogen worden, und ihr Herz, von Lieb'
Und Haß getheilt, erwartete nur noch
Sein Weigern, um sich ganz mir hinzugeben.
Ihr Aug' erschloß sich, Pylades, sie lieh
Orest Gehör, sie sprach mit ihm, und sie 52
Beklagte ihn. Es hätt' ein einzig Wort
Das Uebrige gethan!

Pylades.                             Du glaubst?

Orest.                                                     Galt nicht
Ihr hellentflammter Zorn dem Undankbaren?

Pylades. Nie ward er mehr geliebt. Meinst du, wenn Pyrrhus
Sie dir auch überließ', es hätte nicht
Ein stets bereiter Vorwand sie gehalten?
O glaube mir, mein Freund! entringe dich
Dem trügerischen Reiz und flieh auf immer,
Anstatt sie zu entführen. Willst du denn
Mit einer Furie dich belasten, die
Dich hassen wird, und die dein Lebenlang
Sich nach dem Hymen sehnt, der der Erfüllung
So nah' schon war?

Orest.                               Deshalb, mein Pylades,
Will ich sie ja entführen. Alles lachte
Ihr hier, und ich, was trüg' ich anders denn
Als unfruchtbaren Zorn davon? Ich soll
Noch einmal fern von ihr versuchen, ob
Ich sie vergessen kann? Nein, nein, sie soll
Mit mir dieselben Qualen theilen; habe
Ich doch genug allein geseufzt! Ich trag's
Nicht länger, daß man mich beklagt, und fürchten
Soll die Unmenschliche mich jetzt, sie soll,
Zu Thränen auch verdammt, mich schmähen mit
Den Namen allen, die ich einst ihr gab.

Pylades. Das also wär' die Frucht von deiner Botschaft?
Orest ein Weiberdieb!

Orest.                                   Was liegt mir dran?
Wenn unsre Staaten sich der Rache freun, 53
Die ihnen wird, freut drum Hermione
Sich meiner Thränen weniger? Was hilft
Mir's, daß mich Griechenland bewundert, wenn
Ich in Epirus zum Gespötte werde?
Soll ich's gestehen, meine Unschuld fängt
Schon an, mir eine Last zu sein. Von je
Läßt jene dunkle, ungerechte Macht
Den Frevel straflos und verfolgt die Unschuld.
Wohin ich blicke, find' ich Leiden, die
Der Götter Ungerechtigkeit verklagen;
So will ich ihren Zorn zum mindesten
Verdienen, ihren Haß rechtfertigen,
Doch möge des Verbrechens süße Frucht,
Bevor die Strafe folgt, genossen werden.
Und, Freund, warum willst du den Zorn, der mir
Nur gilt, auf dich herabziehn? Schon zu lange
Wird meine Freundschaft dir verderblich. Fliehe
Den Unglückseligen, den Schuldbeladnen;
O glaub' mir, lieber Pylades, dein Mitleid
Verleitet dich; laß mir allein Gefahren,
Von denen ich die Frucht erwarte; bringe
Den Griechen jenen Knaben, welchen Pyrrhus
Mir überläßt. – O geh'.

Pylades.                                 So laß uns denn
Hermionen entführen; durch Gefahren
Schlägt sich ein tapfres Herz, und was vermag
Die Freundschaft nicht, wenn sie die Liebe leitet?
Ermuntern wir den Eifer deiner Griechen,
Die Schiffe sind bereit, der Wind ist günstig.
Ich kenne jede Windung des Palastes,
Du siehst, wie seine Mauern rings das Meer
Bespült; heut Nacht soll ein geheimer Weg
Zu deinem Schiff dir deine Beute führen.

Orest. Zu viel, ach, muth' ich deiner Freundschaft zu, 54
Doch halt' es meinem Schmerz zu gut, mit dem
Du ganz allein nur Mitleid fühlst. Entschuld'ge
Den Unglückseligen, der Alles, was
Er liebt, verliert, den jeder haßt, und der
Sich selber haßt. Warum, ach, kann ich nicht
Dir meinerseits in einer bessern Stunde . . .

Pylades. Verstell' dich, Freund, das ist das Einzige,
Was ich von dir verlange; sorge, daß,
Bevor der Schlag geschieht, der Plan sich nicht
Enthülle, ja, vergiß so lang den Undank
Hermionens, vergiß, daß du sie liebst;
Jedoch sie kommt.

Orest.                             O geh' jetzt, Freund, und bürgst
Du mir für sie, so bürg' ich dir für mich.

 

Zweiter Auftritt.

Hermione. Orest. Cleone.

Orest. Mein Mühn bringt ihn, den du erobert, dir
Zurück. Ich sprach mit Pyrrhus, Fürstin; schon
Wird die Vermählung vorbereitet.

Hermione.                                               Also
Sagt man; auch heißt's, du kämst, um mir's zu melden

Orest. Und wird dein Herz sich nicht dagegen sträuben?

Hermione. Wer hätte je geglaubt, daß Pyrrhus treu,
Daß seine Glut so spät sich zeigen würde,
Daß er im Augenblick, wo ich beschloß,
Ihn zu verlassen, wieder zu mir käme! 55
Gern will ich glauben so wie du, daß er
Die Griechen fürchtet, daß sein Vortheil ihm
Mehr als die Zärtlichkeit am Herzen liegt,
Daß über dich mein Auge größre Macht
Geübt.

Orest.         Nein, nein, er liebt dich, Fürstin. Ich
Bezweifl' es länger nicht. Vermag dein Auge
Doch Alles, was es will, und ihm mißfallen
Hat's sicher nicht gewollt.

Hermione.                                 Doch, Fürst, was kann
Ich thun? Ich wurde ihm ja angelobt,
Darf ich ihm rauben, was er nicht von mir
Erhielt? Die Liebe, ach! entscheidet nicht
Ob einer Fürstin Loos. Gehorchen ist
Der einz'ge Ruhm, den man uns läßt, und doch
Zur Abfahrt war ich schon bereit. Du sahst,
Wie viel von meiner Pflicht ich dir
Zu Liebe opferte.

Orest.                             Wie grausam wußtest . . .
Doch, Fürstin, jeder kann nach eigner Wahl
Sein Herz verschenken. Dir gehörte noch
Das deine und ich hoffte. – Doch du durftest
Es frei verschenken, ohne mir's zu rauben.
Nicht dich, nein, nur das Schicksal klag' ich an.
Weshalb mit Klagen länger dich beläst'gen?
Du folgst, ich geb' es zu, nur deiner Pflicht,
Und mir gebeut die meine, daß ich dir
Die Qual, mich anzuhören, jetzt erspare. 56

 

Dritter Auftritt.

Hermione. Cleone.

Hermione. Warst du auf so gelinden Zorn gefaßt?

Cleone. Verschwiegner Gram ist um so unheilsvoller,
Und um so mehr beklag' ich ihn, als selbst
Er das gethan, was ihn verderben mußte.
Bedenk', wie lange deines Hymens Feier
Schon vorbereitet wird. Er spricht, und sieh,
Gebieterin, wie Pyrrhus sich erklärt.

Hermione. Du glaubst, daß Pyrrhus fürchtet? Wen hat er
Zu fürchten? Völker, die zehn Jahre lang
Vor Hector flohn, die hundertmal, weil ihnen
Achilles fehlte, Zuflucht suchten in
Den brandverheerten Schiffen, die umsonst,
Wenn sie sein Sohn nicht schützte, von den Troern
Das Weib des Menelaus fordern würden?
Cleone, nein, sein eigner Feind ist er
Ja nicht; nur was er selber will, das thut er,
Und wenn er sich mit mir vermählt, so liebt
Er mich. Orest mag immerhin in mir
Die Quelle seiner Leiden sehen. Haben
Wir keinen andern Stoff zum Reden denn,
Als seine Thränen? Pyrrhus kehrt zu mir
Zurück. Vermagst du, theuerste Cleone,
Die Größe meiner Wonne zu empfinden?
Weißt du, wer Pyrrhus ist? Hast du die Menge
All seiner Thaten dir erzählen lassen?
Wer zählt sie auf? Kühn, tapfer, überall
Vom Sieg begleitet, treu, bezaubernd, Nichts
Fehlt seinem Ruhm! Bedenk' es doch . . .

Cleone. Verstell' dich! 57
Sieh deine Nebenbuhlerin, sie kommt
In Thränen, ihren Schmerz zu deinen Füßen . . .

Hermione. Ihr Götter, kann ich niemals denn mein Herz
Der Freude widmen? Fort! was könnt' ich ihr
Auch sagen?

 

Vierter Auftritt.

Andromache. Hermione. Cleone. Cephise.

Andromache. Fürstin, warum fliehst du? Ist's
Für deine Augen denn kein süßes Schauspiel,
Zu sehn, wie Hectors Wittwe vor dir kniet?
Ich komme nicht mit eifersücht'gen Thränen,
Ein Herz dir zu beneiden, das dir huldigt.
Das einz'ge Herz, dem ich mich je geweiht,
Ich sah es, ach! von wilder Hand durchbohrt!
Die Glut, die Hector einst in mir entfachte,
Ist, ach! mit ihm in seiner Gruft verschlossen,
Doch blieb ein Sohn mir; Fürstin, einst erfährst du,
Wie weit die Liebe zu den Kindern geht.
Doch nein, ich hoffe, du erfährst es nie,
In welche Qual die Sorg' um sie uns stürzt,
Wenn uns ein Sohn von allen unsern Schätzen
Allein noch blieb, und man ihn rauben will.
Als durch zehn leidensvolle Jahr' erbittert,
Der Zorn der Troer deiner Mutter drohte,
Hab' ich ihr meines Hectors Schutz verliehn,
Und du hast über Pyrrhus gleiche Macht.
Was fürchtet man denn noch von meinem Kinde,
Das seines Hauses Schicksal überlebt?
In einer wüsten Insel laßt mich ihn
Verbergen, fürchtet Nichts von ihm, so lange
Er in der Mutter Obhut bleibt, denn Thränen
Allein vermag sie ihn zu lehren. 58

Hermione. Wohl
Empfind' ich deinen Schmerz mit dir, doch wo
Mein Vater sprach, gebeut die Pflicht zu schweigen.
Er ist es, der den Zorn des Pyrrhus stachelt.
Gilt's ihn zu beugen, wer vermag es besser,
Als du? Dein Auge hat ihn schon so lange
Beherrscht. Laß ihn ein Gnadenurtheil sprechen,
Und ich, o Fürstin, stimme bei.

 

Fünfter Auftritt.

Andromache. Cephise.

Andromache. Ha, wie
Verachtungsvoll war ihre Weigerung!

Cephise. Ich folgte ihrem Rath und sähe Pyrrhus;
Ein Blick von dir genügt, Hermionen
Und Griechenland bestürzt zu machen, doch
Er selbst erscheint.

 

Sechster Auftritt.

Pyrrhus. Andromache. Phönix. Cephise.

Pyrrhus (zu Phönix). Wo ist die Fürstin denn?
Hast du mir nicht gesagt, sie wäre hier?

Phönix. Ich glaubt's.

Andromache (zu Cephise). Da siehst du meiner Augen Macht.

Pyrrhus. Was spricht sie, Phönix? 59

Andromache. Alles, ach, verläßt mich!

Phönix. Auf, Herr, Hermionen zu folgen!

Cephise. Warum
Noch langer zaudern? Brich dein Schweigen.

Andromache. Schon
Hat er das Kind versprochen!

Cephise. Aber noch
Hat er's nicht ausgeliefert.

Andromache. Nein, mein Weinen
Ist all umsonst, beschlossen ward sein Tod.

Pyrrhus. Ha, welch ein Stolz! Nicht eines Blickes würdigt
Sie mich!

Andromache. Ich reiz' ihn nur noch mehr, komm, laß
Uns gehn.

Pyrrhus. Wohlan, so werde Hectors Sohn
Den Griechen, die ihn fordern, ausgeliefert.

Andromache. Halt ein, o Herr! was denkst du zu beginnen?
Giebst du den Sohn heraus, so überliefere
Die Mutter auch! Wie viel Betheuerungen
Der Freundschaft gabst du mir vor Kurzem noch!
Ihr Götter, kann ich euer Mitleid nicht
Erregen? Bin ich hoffnungslos verdammt?

Pyrrhus. Du wirst's von Phönix hören, daß mein Wort
Gegeben ist. 60

Andromache. Du, der so viel Gefahren
Um mich getrotzt!

Pyrrhus. Da war ich blind, mein Auge
Ist jetzt geöffnet. Gnade wäre ihm
Vielleicht auf deinen Wunsch geworden, doch
Du hast mir nicht das Wort darum gegönnt,
Jetzt ist's vorbei.

Andromache. Ach, Herr, du hast der Seufzer
Genug gehört, die fürchten mußten, daß
Sie abgewiesen wurden. Diesen Stolz,
Der ungern lästig wird, verzeih' dem Glanz,
Der einst mein Haus umgab. Du weißt es wohl,
Nie hätt' Andromache vor einem Andern
Als dir das Knie gebeugt.

Pyrrhus. Du hassest mich
Und scheuest, meiner Lieb' etwas zu danken.
Hätt' ich dir diesen Sohn, der so viel Sorgen
Dir macht, gerettet, o gewiß, du würdest
Ihn grade deshalb minder lieben. Haß,
Verachtung, Alles häufet sich auf mich.
Du hassest mehr mich, als die Griechen alle,
So labe dich an diesem edlen Ingrimm
Nach Herzenslust. Komm, Phönix, fort von hier!

Andromache. Und ich will hin zu meinem Gatten gehn.

Cephise. Gebieterin!

Andromache. Was soll ich ihm noch sagen?
Glaubst du, er wisse nicht, was er gethan?
Sieh, Herr, in welche Lage du mich bringst. 61
Den Vater sah ich sterben, Troja fallen,
Ich sah mein ganz Geschlecht vernichtet, sah
Den Gatten blutend durch den Staub geschleift,
Und für der Knechtschaft Fesseln blieb allein
Sein Sohn mit mir, doch ach, ein Kind vermag
So viel, ich lebe und ich dien' um ihn!
Noch mehr, ich bin erfreut, daß mich mein Loos
Hierher verbannt hat, daß im Unglück glücklich
So vieler Kön'ge Sproß in deine Hand
Und nicht in andre kam, denn hoffen durft' ich,
Daß ihm sein Kerker würde zum Asyl.
Einst hat Achill den Priamus verschont,
Doch mehr noch hofft' ich von Achillens Sohn . . .
Verzeih' mir, theurer Hector, daß ich glaubte,
Es sei dein Feind zu solcher That nicht fähig;
Für edel hielt ich ihn, sich selbst zum Trotz,
Ach, wär' er's doch genug, uns Ruh' im Grabe
Zu gönnen, das ich deiner Asche weihte!
Ach, fänden dort sein Haß und unser Unglück
Ihr letztes Ziel und trennt' er länger nicht
Die theuren Ueberreste!

Pyrrhus. Phönix, geh'
Und wart' auf mich.

 

Siebenter Auftritt.

Pyrrhus. Andromache. Cephise.

Pyrrhus. Verweile noch, o Fürstin.
Der Sohn, dem deine Thränen fließen, kann
Dir noch zurückgegeben werden, ja
Mich schmerzt es, daß ich dich betrübend selber
Dich gegen mich bewaffne. Größren Haß
Glaubt' ich hierher zu bringen. Aber, Fürstin, 62
So wende mindestens dein Aug' auf mich,
Siehst du an mir des Richters strenge Miene
Und eines Feindes, der dir Haß verkündet?
Warum zur Feindschaft gegen dich mich zwingen?
Im Namen deines Sohns fleh' ich dich an:
Setz' unsrem Hasse jetzt ein Ziel! Ich selbst
Beschwör' dich, ihn zu retten; muß bei dir
Ich auf den Knieen um sein Leben bitten?
Rett' ihn und rette dich, zum letzten Mal
Beschwör' ich dich; ich weiß, wie viele Eide
Ich dir zu Liebe breche, welchen Haß
Ich mir herauf beschwör'. Hermionen
Send' ich zurück und drück' statt meiner Krone
Ein ewig Maal der Schmach ihr auf die Stirn,
Ich führe dich zum Tempel hin, allwo
Man ihres Hymens Feier vorbereitet,
Und winde dir das Diadem, das ihr
Bestimmt war, um die Stirne. Doch bedenke,
Mein Anerbieten leidet kein Verschmähen,
Denn herrschen mußt du oder untergehen.
Mein Herz, des jahrelangen Undanks müde,
Erträgt nicht länger mehr sein ungewisses Loos.
Zu lang hab' ich gedroht, geseufzt, gefürchtet;
Ich sterbe, wenn ich dich verliere, doch
Ich sterb' auch, wenn ich warten soll. Bedenk's.
Jetzt lass' ich dich und hole bald dich ab,
Um dich zum Tempel hinzuführen, wo
Der Knabe auf mich warten soll, und dort
Siehst du mich unterwürfig oder wüthend
Dich, Fürstin, als Gemahlin krönen oder
Vor deinem Blick dem Untergang ihn weihn. 63

 

Achter Auftritt.

Andromache. Cephise.

Cephise. Sagt' ich dir's nicht voraus? Trotz Griechenland
Bist du noch heut die Herrin deines Schicksals.

Andromache. Ach, was bewirkten deine Reden denn?
Mir blieb Nichts übrig, als das Todesurtheil
Des Kindes auszusprechen.

Cephise. Deinem Gatten
Hast du genugsam Treu' bewahrt, o Fürstin;
Das Uebermaß der Tugend könnte dich
In Schuld verwickeln, ja zur Milde würde
Der Gatte selbst dir rathen.

Andromache. Wie, ich sollte
Dem Pyrrhus seinen Platz einräumen?

Cephise. Ja,
So will's dein Sohn, den dir die Griechen rauben.
Glaubst du, die Manen Hectors würden drob
Erröthen, daß ein sieggekrönter König
Dich wieder zu der Ahnen Rang erhebt,
Der deine zornerfüllten Sieger dir
Zu Lieb' mit Füßen tritt, und der vergißt,
Daß er Achillens Sohn, der seine Thaten
Der Lüge zeiht und ihrer Frucht beraubt?

Andromache. Muß ich sie drum vergessen, weil er sie
Vergißt? Gedenken sollt' ich nicht, daß Hector
Der Gruft entbehrt, daß man ihn ehrlos um
Die Mauern Troja's schleifte, nicht gedenken
Des Vaters, der, zu meinen Füßen liegend, 64
Mit blut'gen Armen den Altar umschlang?
Cephise, denk' an jene grause Nacht,
Die einem ganzen Volk zur ew'gen Nacht ward!
Stell' dir den Pyrrhus vor, wie glüh'nden Blicks
Er zu uns eindrang unterm Flammenschein
Des brennenden Palasts, den Weg sich durch
Die Leichen meiner Brüder bahnt' und ganz
In Blut getaucht sein Volk zum Mord erhitzte!
Denk' an der Sieger Jubelschrei, das Röcheln
Der Sterbenden, die in der Glut erstickten,
Und derer, die dem Schwert erlagen. Stell'
Inmitten solcher Greu'l Andromachen
Dir vor. So bot sich Pyrrhus meinem Blick,
Mit solchen Thaten wußt' er sich zu schmücken,
Das ist der Gatte, den du mir empfiehlst;
Nein, seine Frevel theil' ich nicht mit ihm,
Er nehm' uns, wenn er will, als letztes Opfer.
Ha, meines Herzens ganzen Groll müßt' ich
Beschwichtigen um ihn.

Cephise. Nun denn, so komm
Und sieh als Zeugin deines Kindes Tod;
Man harrt nur noch auf dich. Du bebst, du schauderst?

Andromache. Mit welchen Bildern füllst du mir die Seele!
Ich soll, Cephise, Hectors Ebenbild
Und meine einz'ge Freude sterben sehen?
Den Sohn, den als der Liebe Pfand er mir
Zurückließ? Ach, ich denke noch des Tages, wo
Sein Muth ihn trieb, Achillen, nein, den Tod
Zu suchen. Ihn verlangte nach dem Kinde,
Er nahm es auf den Arm und sprach zu mir,
Indem er mir die Thränen trocknete:
»Geliebte Gattin! Welches Schicksal mir
Bevorsteht, weiß ich nicht: ich lass' ihn dir
Als meiner Treue Pfand. Verliert er mich, 65
So finde er in dir mich wieder. Ist
Das Angedenken uns'res schönen Bundes
Dir theuer, zeig' dem Sohne dann, wie du
Den Vater liebtest.« Ach, solch theures Blut
Soll ich vergießen sehn, und alle Ahnen
Mit ihm hinsterben lassen? Ha, Barbar,
Muß mein Verbrechen ihn mit fortziehn? Ist,
Wenn ich dich hasse, er am Hasse schuld?
Hat er der Seinen Tod dir vorgeworfen?
Hat er der Leiden, die er noch nicht fühlt,
Dich angeklagt? Und doch, mein Sohn, du stirbst,
Halt' ich das Schwert nicht ab, das schon der Wilde
Ob deinem Haupte schwingt; ich kann's, und doch
Geh' ich und gebe dich ihm preis Nein, nein,
Du sollst nicht sterben, dulden kann ich's nicht;
Ich geh' zu Pyrrhus, oder nein, Cephise,
Geh' du für mich zu ihm.

Cephise. Was sag' ich ihm?

Andromache. Daß meine Mutterliebe stark genug....
Glaubst du, daß er im Herzen ihm den Tod
Geschworen, kann die wilde Leidenschaft
So weit ihn treiben?

Cephise. Bald, Gebieterin,
Kehrt er von Wuth erfüllt zurück.

Andromache. Nun wohl,
Versichre ihn.

Cephise. Wie, deiner Treue?

Andromache. Ach,
Ist sie noch mein, kann ich sie noch versprechen?
O Asche Hectors, o ihr Troer, o 66
Mein Vater, o mein Sohn, wie theuer kostet
Dein Leben deiner Mutter! fort!

Cephise. Wohin?
Wozu bist du entschlossen, Herrin?

Andromache. Dort
An seinem Grab' will ich den Gatten fragen. 67

 

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