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Andromache

Jean Racine: Andromache - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleRacine's ausgewählte Tragödien
authorJean Racine
yearca. 1890
translatorAdolf Laun
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleAndromache
pages74
created20120222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Orest. Pylades.

Orest. Jetzt, treuer Freund, da ich dich wieder sehe,
Wird sich mein Schicksal anders bald gestalten,
Und milder schon ist seine Herbigkeit,
Seitdem es beid' uns hier zusammenführte.
Wer hätte je gedacht, daß diese Küste
Mir meinen Pylades einst wieder brächte,
Daß nach sechs Monden, seit ich dich verlor,
Ich hier an Pyrrhus' Hof dich wiederfände!

Pylades. Den Göttern dank' ich's, daß sie mir den Weg
Zum Land der Griechen zu versperren schienen
Seit jenem Unglückstage, wo die Wuth
Des Meers im Angesichte von Epirus
Der Unsren Schiffe auseinander trieb.
Ach, welche Qual erlitt ich im Exil,
Wie manche Thräne weiht' ich deinem Unglück,
Und stets war ich für dich um neue Drangsal
Besorgt, die ich nicht mit dir theilen durfte;
Vor Allem aber bangt' ich um den Trübsinn,
Der lang schon dein Gemüth verdüsterte.
Ich fürchtete, die Götter, grausam hülfreich,
Verliehn den Tod dir, den du stets gesucht; 22
Doch jetzt seh' ich dich selber, Freund, und scheinen
Will mir's, als führt' ein beßres Loos dich her.
Der Glanz, der dich umgiebt, verkündet nicht
Den Schwerbetrübten, der zu sterben sucht.

Orest. Wer weiß, welch Schicksal mich hierhergezogen!
Die Liebe führt mich hier der Grausamen
Entgegen; doch wer weiß, wie sie mein Loos
Entscheidet, ob ich Tod, ob Leben finde.

Pylades. Wie, stets noch seufzest du im Joch der Liebe
Und stellst dein Leben ihr anheim? Was macht,
Als wär's ein Zauber, dich dein Leid vergessen
Und ruft in ihre Fesseln dich zurück?
Glaubst du, Hermione, in Sparta einst
So unerbittlich, werde in Epirus
Huldreicher für dich sein? Beschämt, so lang
Umsonst geseufzt zu haben, wandtest du
Dich von ihr ab und sprachst nicht mehr von ihr.
Du täuschtest mich.

Orest.                               Mich selbst hab' ich getäuscht,
O Freund, hab' Nachsicht mit dem Unglücksel'gen,
Der dich von Herzen liebt. Verbarg ich je
Mein Herz und seine Wünsche dir? Du sahst,
Wie ich zuerst in Liebe glüht' und seufzte.
Wie ich verzweifelte, als Menelaus
Dem Pyrrhus, der des Hauses Schmach gerächt,
Der Tochter Hand versprach; du sahst, wie ich
Der Liebe Gram und meine Fesseln weiter
Von Meer zu Meere schleppt', und warst bereit,
Ward dir's auch schwer, dem traurenden Orest
Auf jeden Schritt zu folgen, seine Qual
Zu lindern und ihn vor sich selbst zu retten.
Doch stellt' ich mir im Geist Hermionen
Vor Augen, die mit ihren Reizen Pyrrhus 23
Beglückte, dann begreifst du, welchen Groll
Mein Herz empfand, und wie ich durch Vergessen
Für die Verachtung sie zu strafen suchte.
Schon that ich so und glaubt' es selber fast,
Als sei der Sieg mir schon gewiß, und hielt
Des Herzens Regung für des Hasses Wuth.
Ich trotzte ihrer Sprödigkeit, verschmähte
Den Reiz, der sie umgab, und forderte
Ihr Aug' heraus, mich wieder zu verwirren.
So wähnt' ich, meine Gluten zu ersticken,
Und kam in dieser trügerischen Ruhe
Nach Griechenland. Versammelt waren dort
Die Fürsten, weil Gefahr zu drohen schien;
Ich kam und hofft', es würden Krieg und Ruhm
Mit würd'gern Sorgen meinen Geist erfüllen,
Und Herz und Sinn zu neuer Kraft beleben.
Doch staune, wie des Schicksals Eigensinn
Zu dem, was ich vermeiden will, mich führt.
Ich höre, daß man Pyrrhus rings bedroht
Und gegen ihn sich überall ein Murren
Erhebt: man klagt ihn an, daß er vergaß,
Woher er stammt, und deß uneingedenk,
Was er versprach, Astyanax, den Feind
Der Griechen, Hectors unglücksel'gen Sohn,
Den letzten Sproß so vieler Könige,
Die Troja's Fall begrub, an seinem Hof
Erzieht; ich höre, daß Andromache,
Um ihn zu retten, den verschlagenen
Ulysses dadurch täuschte, daß sie sich
Ein fremdes Kind mit ihres Sohnes Namen
Entreißen und zum Tode führen ließ.
Auch sagt man, daß mein Nebenbuhler, für
Den Reiz Hermionens erkaltet, Herz
Und Krone einer Anderen bestimmt.
Trotz seiner Zweifel scheint doch Menelaus
Erzürnt und klagt darob, daß die Vermählung 24
Sich stets verzögert; aber während ihm
Das Herz voll Gram, erwacht das meine wieder
Zu still verborgner Lust, ich triumphire
Und schmeichele mir mit dem Glauben, nur
Die Rach' errege solchen Sturm in mir.
Doch bald nahm ihren alten Platz im Herzen
Die Undankbare wieder ein, und ich
Empfand, daß die verdeckte Glut noch glomm,
Und daß mein Haß sich seinem Ende nahte,
Ich mußte mir gestehn, daß ich noch liebte.
So warb ich bei den Griechen um die Botschaft,
Man sendet mich hierher zu Pyrrhus, ich
Erschein' und will nun sehn, ob ich den Sohn
Von ihm erlangen kann, der durch sein Leben
So manchen Staat in seiner Ruhe stört.
Wie glücklich wär' ich, wenn ich statt des Knaben
Sie mir gewönne, der mein Herz gehört!
Nein, keine, nicht die schlimmste der Gefahren
Vermag des Herzens neu erwachte Glut
Zu dämpfen; denn da jeder Kampf umsonst,
Ergeb' ich blind mich jetzt der Leidenschaft.
Ich lieb', ich suche hier Hermionen;
Vermag ich nicht, sie zu gewinnen, zu
Entführen, nun, dann geb' ich mir den Tod
Vor ihren Augen. Du, der Pyrrhus kennt,
Was, glaubst du, wird er thun, was geht am Hof,
In seinem Herzen vor? o sage mir's.
Hält ihn Hermione noch stets gefesselt?
Das Gut, das er mir nahm, sprich, Pylades,
Wird er's zurückerstatten?

Pylades.                                       Täuschung wär's,
Verspräch' ich dir, mein Freund, er würd' es thun.
Zwar scheint's, daß der Besitz ihn nicht erfreut,
Denn jetzt erglüht sein Herz für Hectors Wittwe;
Er liebt sie, doch voll spröder Herbigkeit 25
Vergilt sie seine Liebe nur mit Haß.
Und täglich sehn wir, wie er die Gefangne
Umsonst zu rühren und – zu schrecken sucht.
Er droht dem Haupt des Sohnes, den er ihr
Verbirgt, und lockt aus ihrem Auge Thränen,
Die dann sogleich zu trocknen er sich müht.
Hermione sah oft schon den Erbitterten
Aufs Neu' sich ihrer Herrschaft unterwerfen,
Und wenn er huld'gend zu ihr kam, viel mehr
Aus Wuth als Liebe ihr zu Füßen weinen;
Drum baue keine Hoffnung auf ein Herz,
Das sich so wenig zu beherrschen weiß.
Er kann bei seiner stürmischen Natur
Die zum Altare führen, die er haßt,
Und, die er liebt, dem Untergange weihn.

Orest. Doch wie erträgt Hermione den Aufschub
Der Feier und die Ohnmacht ihrer Reize?

Pylades. Sie achtet nicht, so scheint es mindestens,
Auf seinen Unbestand und hofft, er werde,
Zu glücklich, wenn er sie erweichen kann,
Sie drängen, seines Herzens Huldigung
Aufs Neue zu gestatten. Doch ich habe
Ihr stilles Leid belauscht; sie weint, zu sehn,
Daß ihrer Reize Macht verachtet wird;
Stets will sie fort von hier und bleibt doch stets,
Ja, sie ruft selbst Orest um Hülfe an.

Orest. Ha, dürft' ich's glauben, Pylades, wie wollt' ich
Zu ihren Füßen –

Pylades.                         Freund, entled'ge dich
Der Botschaft. Du erwartest hier den König,
So sprich und zeig' ihm, wie die Griechen alle
Sich gegen Hectors Sohn verschworen haben. 26
Jedoch das Kind der Angebeteten,
Das giebt er nicht heraus, nur stärker wird
Ihr Haß der Liebe Glut entflammen; sucht
Man sie zu trennen, eint man sie nur fester.
Doch dring' in sie und fordre Alles, wär's
Auch nur, um gar Nichts zu erlangen. Sieh,
Er kommt.

Orest.               Versuch's, ob du die Grausame
Bereden kannst, daß sie den Liebenden
Empfange, der nur ihretwegen kam.

 

Zweiter Auftritt.

Pyrrhus. Orest. Phönix.

Bevor durch meinen Mund ganz Griechenland
Sich dir erklärt, gestatte mir, o Herr,
Daß ich mich freu' und glücklich preise, weil
Vergönnt mir ist, dem Sohn Achills, dem Sieger
Von Troja, mich zu nahn. Wie wir die Thaten
Des Vaters priesen, preisen wir die deinen;
Durch ihn fiel Hector, Troja fiel durch dich,
Du hast durch glückgekrönte Tapferkeit
Gezeigt, daß nur Achillens Sohn Achillen
Ersetzen konnte, doch voll Schmerz sehn Alle,
Daß du – er hätt' es nicht gethan, – aufs Neu'
Troja's Geschlecht empor zu richten suchst,
Und, unheilvollem Mitleid dich ergebend,
Das Ende dieses langen Kriegs verzögerst.
Vergissest du, o Herr, wer Hector war?
Ach, unsre Völker wissen's nur zu gut,
Sein bloßer Name macht die Wittwen und
Die Töchter zittern, nirgend findest du
Ein Haus im ganzen Griechenland, das nicht 27
Für einen Vater, einen Gatten, den
Ihm Hector raubte, Rechenschaft verlangt.
Wer weiß, was einst noch dieser Sohn beginnt?
Vielleicht, daß er in unsren Häfen landet
Wie Hector, der, den Fackelbrand in Händen,
Der Unsren Schiff' entzündete und sie
Bis weithin auf das Meer verfolgte. Wagt' ich
Dir kund zu geben, was ich denke, Herr,
So droht dir schlimmer Lohn für deine Liebe,
Und hüte dich, daß nicht die Schlange einst,
Die du am Busen nährtest, dich zum Dank
Dafür bestraft. Genug, erfüll' den Wunsch
Der Griechen, thu' was ihre Rache heischt;
Wahr' dir das eigne Leben und vernichte
Den Feind, der nur um so gefährlicher,
Als er sich an dir selbst versuchen wird,
Um dann die Griechen zu bekämpfen.

Pyrrhus.                                                         Ach,
Sie kümmern sich zu sehr um mich! Ich glaubte sie
Um Ernsteres besorgt, und Größres ließ
Der Name des Gesandten mich erwarten.
Wer hätte je geglaubt, daß Agamemnons Sohn
Mit solcher Botschaft sich befassen würde,
Daß sich ein ganzes sieggekröntes Volk
Zu Größrem nicht als eines Kindes Tod
Verschwören würde? Aber wem verlangt man,
Daß ich es opfern soll? Hat Griechenland
Noch Anspruch auf sein Leben? Soll von Allen
Nur mir allein es nicht gestattet sein,
Ueber den Sklaven, den das Loos mir schenkte,
Nach Willkür zu verfügen? Ja, als unter
Den dampfumwölkten Mauern Iliums
Die blut'gen Sieger sich die Beute theilten,
Gab mir das Loos, deß Anspruch damals noch
Entschied, Andromachen mit ihrem Sohn. 28
Fern in Ulysseus Haus fand Hecuba
Das letzte Ende ihrer Qual, Cassandra
Ging deinem Vater folgend mit nach Argos.
Hab' ich je über sie und die Gefangnen
Ein Recht mir angemaßt und über das
Verfügt, was sie erworben? Fürchtet man,
Mit Hectors Sohn ein neues Ilium
Erblühn zu sehn, er könne mir dereinst
Das Leben rauben, das ich ihm geschenkt?
Herr, zu viel Vorsicht bringt zu viele Sorge,
So weit blick' ich nicht in die dunkle Zukunft.
Betracht' ich, was einst jene Stadt gewesen:
Die stolze, wallumgebne Herrin Asiens,
Die Mutter der Hero'n, dann frag' ich mich,
Was jetzt aus Troja ward und sehe nur
Noch Thürm' und Mauern, die in Asche liegen,
Verödete Gefilde, einen Strom
Mit Blut gefärbt. und ein gefesselt Kind.
Ich kann nicht glauben, daß in solcher Lage
Troja auf Rache sinnt; doch war's beschworen,
Daß Hectors Sprößling fallen solle, sprich,
Warum ward denn ein ganzes Jahr gezögert?
Warum ihn nicht im Schooß des Priamus
Ermorden? Unter jenen Leichenhaufen,
Im Schutte Troja's mußte man ihn opfern,
Denn da war Alles ja erlaubt; nicht Kinder,
Noch Weiber, Greise schützte ihre Unschuld,
Da waren Macht und Sieg noch grausamer
Als wir, sie reizten uns zum Mord und ließen
Die Schwerter blindlings durcheinander schwirren.
Zu schwer, ach, fiel mein Zorn auf die Besiegten,
Soll Grausamkeit den Zorn noch überleben,
Soll meinem Mitleid ich zum Trotz mich jetzt
In Muß' im Blute eines Kindes baden?
Nein, nein, da mögen anderswo die Griechen
Sich eine Beute suchen in den Trümmern 29
Von Troja, und die mögen sie verfolgen;
Ich bin mit meinem Haß am Ziel, was Troja
Verschonte, wird Epirus auch verschonen.

Orest. Du weißt, o Herr, wie man mit schlauem Trug
Ein falsches Kind beim Opfer unterschob,
Zu dem man Hectors Sohn ersehen hatte.
Die Troer nicht will man verfolgen, nein,
Nur Hector, und im Sohn sucht man den Vater.
Durch all das Blut, das er vergossen, reizte
Er ihren Zorn, der nur in seinem Blut
Sich stillen kann, und dieser Zorn vermöchte
Sie nach Epirus herzuziehn. Komm dem
Zuvor!

Pyrrhus.     Nein, nein, sie mögen gerne kommen,
Ein zweites Troja in Epirus suchen
Und voll von blindem Haß des Siegers Blut
Mit der Besiegten Blut verwechseln, – ist's
Doch nicht das erste Mal, daß Griechenland
Durch Ungerechtigkeit Achills Verdienst
Belohnt. Dem Hector kam's zu gut; wer weiß,
Ob's nicht auch einst dem Sohn zu Gute kommt.

Orest. So stellst du allen Griechen dich entgegen?

Pyrrhus. Siegt' ich denn, um von ihnen abzuhangen?

Orest. Hermione wird, Herr, dir Einhalt thun,
Sie stellt sich zwischen dich und ihren Vater.

Pyrrhus. Sie kann mir theuer bleiben, ohne daß
Ich drum zum Sklaven ihres Vaters werde;
Vielleicht gelingt mir's einst, daß ich die Sorge
Um meinen Ruhm mit meiner Liebe eine.
Doch gehe jetzt zur Tochter Helena's; 30
Ich weiß, welch enges Band des Blutes euch
Verknüpft, drum will ich dich nicht länger halten.
Den Griechen melde meine Weigerung.

 

Dritter Auftritt.

Pyrrhus. Phönix.

Phönix. So sendest du ihn selber zur Geliebten?

Pyrrhus. Man sagt, er glühte lange für die Fürstin.

Phönix. Doch, Herr, wenn seine Glut aufs Neu' erwachte,
Und er für seine Lieb' Erwidrung fände?

Pyrrhus. Wenn, Phönix, dem so ist, so mag sie reisen.
Sie mögen ganz bezaubert von einander
Nach Sparta gehn. Die Häfen alle sind
Für sie ja offen. Viel Verdruß und Zwang
Ersparte mir die Fürstin durch ihr Gehn.

Phönix. Wie, Herr?

Pyrrhus.                   Ein ander Mal will ich mein Herz
Dir öffnen. Sieh, Andromache erscheint.

 

Vierter Auftritt.

Andromache. Pyrrhus. Cephise.

Pyrrhus. Bin ich's, o Fürstin, den du suchst? Ach, wäre
So schöne Hoffnung mir erlaubt!

Andromache.                                         Ich ging 31
Dorthin, wo man mein Kind bewacht, denn einmal
Am Tage darf ich ihn ja sehn, den Schatz,
Der mir allein von Troja und von Hector
Geblieben. Ich gedachte, Herr, mit ihm
Nur einen Augenblick zu weinen, denn
Ich hab' ihn heute ja noch nicht geküßt.

Pyrrhus. Zum Weinen werden, Fürstin, dir die Griechen
Ganz andre Gründe bald verschaffen, wenn
Ich ihrem Aufruhr glauben darf.

Andromache.                                       Was, Herr,
Erregt sie so? Entschlüpfte ein Gefangner
Vielleicht aus deiner Haft?

Pyrrhus.                                       Noch ist ihr Zorn
Auf Hector nicht erloschen. Furcht befällt
Sie jetzt vor seinem Sohn.

Andromache.                             Ein würd'ger Stoff
Zur Furcht! Ein armes Kind, es weiß ja kaum,
Daß es zum Herrn den Pyrrhus und den Hector
Zum Vater hat.

Pyrrhus.                 Die Griechen fordern alle
Jetzt seinen Tod, und Agamemnons Sohn
Erschien, das Opfer zu beschleunigen.

Andromache. Und du wirst ein so grausam Urtheil sprechen?
Bin ich es, die ihn zum Verbrecher macht?
Nicht daß er seinen Vater räche, nein,
Daß er der Mutter Thränen trockene,
Das fürchtet man. Er hätte mir Gemahl
Und Vater einst ersetzt. Doch Alles soll
Ich ja verlieren – immer nur durch dich. 32

Pyrrhus. Nein, schöne Fürstin, meine Weigerung
Kam deinem Kummer längst zuvor. Mit Waffen
Bedrohten insgesammt mich schon die Griechen;
Doch kämen sie mit tausend Schiffen durch
Das Meer daher gefahren, deinen Sohn
Zurück zu fordern; müßte alles Blut,
Das einst um Helena vergossen ward,
Aufs Neu' vergossen werden; müßte ich
Mein Schloß in Trümmern sehn, – ich schwankte nicht,
Ich eilte ihm zu Hülf' und opferte
Mein Leben für das seine. Aber wenn
Ich dir zu Liebe den Gefahren trotze,
Schaust du mich dann nicht mildren Blickes an?
Soll ich, der Griechen Abscheu, von Gefahr
Umdrängt, stets deine Sprödigkeit bekämpfen?
Und leih' ich meinen Arm dir, darf ich hoffen,
Daß du ein Herz annimmst, das für dich glüht?
Wenn ich für dich mit meinem Schwerte kämpfe,
Soll ich dich dann noch bei den Feinden sehn?

Andromache. Herr, was beginnst du! Was wird Griechenland
Darüber sagen? Soll ein großes Herz
Solch eine Schwäche zeigen, soll dein Thun,
So edel und so schön, für eine Wallung
Verliebten Herzens gelten? Kannst du wünschen,
Von mir geliebt zu werden, der Gefangnen,
Die, immer traurig, eine Last ist für sich selbst?
Wie kann ein düstres Auge Reize haben,
Das du zu ew'gen Thränen hast verdammt?
Wenn du den Feind in seinem Unglück ehrst,
Bedrohte rettest, einen Sohn der Mutter
Zurückerstattest, dich für ihn dem Zorn
Von hundert Völkern preisgiebst, ohne doch
Mein Herz für seine Rettung zu verlangen, –
Wenn du, von meinem Sträuben unbeirrt, 33
Ihm ein Asyl in seiner Noth gewährst,
Dann handelst du, wie's einem Sohn Achills
Sich ziemt.

Pyrrhus.             Wie, hast du nun genug gezürnt?
Mußt du denn immer strafen, immer hassen?
Gewiß, viel Unheil hab' ich euch gebracht,
Wohl hundertmal sah Phrygien meine Hand
Mit seinem Blut geröthet; doch es hat
Dein Auge sich gerächt und seine Thränen
Mich theuer zahlen lassen. O, wie gab es mich
Der Reue preis, und alles Leid, das ich
Den Troern angethan, erfahr' ich jetzt.
Besiegt, gefesselt, gramgebeugt, von Gluten
Verzehrt, die stärker, als ich je entfachte,
So viele Sorgen, Thränen, Herzensqualen . . . .
Ach, war ich je so grausam, wie du bist?
Doch zürnten wir einander schon genug,
Und einen sollten uns're Feinde uns.
O Fürstin, sag' mir, daß ich hoffen darf,
Und deinen Sohn geb' ich heraus und will
Ihm Vater sein. Ich selber will ihn lehren,
Wie er die Troer rächen kann, ich will
Die Griechen strafen für dein Leid und meines.
Von deinem Blick belebt vermag ich Alles,
Dein Ilium kann aus der Asche sich
Aufs Neu' erheben, und in kürzrer Zeit,
Als einst die Griechen zur Bewält'gung brauchten,
Vermag ich dort in neu erbauten Mauern
Dein Kind zu krönen.

Andromache.                     Herr, nach solcher Größe
Verlangen wir nicht mehr. So lang sein Vater
Noch lebte, konnt' ich sie ihn hoffen lassen.
Ihr heil'gen Mauern, die mein Hector nicht
Beschützen konnte, nie seht ihr uns wieder! 34
Auf mindres Glück nur hoffen die Bedrängten,
Ich flehe nur um Zuflucht im Exil,
Gestatte, daß den Griechen fern und dir
Ich meinen Sohn verberg' und meinen Gatten
Beweine. Herr, zu großen Haß erweckt
Uns deine Liebe. Kehr', o kehre wieder
Zur Tochter Helena's zurück.

Pyrrhus.                                           Vermag ich's?
Ach, welche Qual du, Fürstin, mir bereitest!
Wie gäb' ich ihr ein Herz zurück, das du besitzest?
Ich weiß, versprochen ward ihr meine Hand,
Und um zu herrschen, kam sie nach Epirus;
Doch führt' euch beide hier das Schicksal her,
Dich, daß du Fesseln trugst, und sie, um andren
Die Fesseln anzulegen, aber habe
Ich je um ihren Beifall mich bemüht?
Gewiß, wer deiner Reize Allmacht sieht,
Und wie die ihrigen verachtet werden,
Muß glauben, du seist Herrscherin, sie Sklavin.
Gelangte nur ein Seufzer, den mein Herz
Dir weiht, zu ihr, wie wäre sie beglückt!

Andromache. Wie, sollte sie auch, deine Huldigung
Verwerfend, das vergessen, was für sie
Du schon gethan? Kein Troja und kein Hector
Bewegen sie zum Zorne gegen dich.
Verlangt des Gatten Asche ihre Liebe?
Und welches Gatten, ach, der schmerzlichen
Erinnerung! Sein Tod allein vermochte
Achill Unsterblichkeit zu geben, und
Dem Blute Hectors dankt er seinen Ruhm,
Durch meine Thränen seid ihr beide nur
Berühmt.

Pyrrhus.         Nun wohl, ich muß gehorchen, Fürstin, 35
Muß dich vergessen, ja, ich muß dich hassen,
Denn allzu heftig war des Herzens Wunsch,
Um sich in kaltem Gleichmuth zu verlieren.
Bedenk' es: hat die Liebe aufgehört,
Dann faßt die Seele mir ein wilder Haß,
Und Nichts dann schont mehr mein gerechter Zorn,
Dann büßt der Sohn für seiner Mutter Stolz.
Die Griechen fordern ihn von mir, und nicht
Bin ich gewillt, drein meinen Ruhm zu setzen,
Daß ich die Undankbaren rette.

Andromache.                                     Ach!
Dann stirbt er! Denn er hat ja keinen Schutz,
Als seine Unschuld und der Mutter Thränen,
Und doch, wer weiß, ob nicht sein Tod auch mir
Das Ende meiner Qual beschleun'gen wird?
Für ihn nur lebt' ich und ertrug ich Alles,
Ihm folgend seh' ich seinen Vater wieder,
Dann sind wir alle drei durch dein Bemühn,
O Herr, aufs Neu' vereint.

Pyrrhus.                                     Geh' jetzt zu ihm.
Wenn du ihn siehst, wird deine Liebe sich
Vielleicht ein wenig zähmen und sich nicht
Allein vom Zorn beherrschen lassen. Bald
Kehr' ich zurück und höre die Entscheidung.
Wenn du ihn küssest, denk', wie du ihn rettest. 36

 

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