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Andrew Brown - Der rote Spion

Friedrich Joachim Pajeken: Andrew Brown - Der rote Spion - Kapitel 8
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pfad/pajeken/rotspion/rotspion.xml
typefiction
authorFriedrich J. Pajeken
titleAndrew Brown ? Der rote Spion
publisherLoewes Verlag
illustratorWilly Planck
firstpub1894
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091025
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Bittere Erkenntnisse

Im Arrapahoë-Lager am White-River erhob sich jetzt neben der großen Beratungshütte ein Wigwam, der sich durch seine bunten Farben von den übrigen Tibis unterschied. Diese waren im Laufe des Winters noch schmutziger und noch dunkler angeräuchert worden.

Seine Brüder hatten diesen neuen Wigwam Andrew Brown als Behausung angewiesen, nachdem sie ihn zum Krieger ernannt hatten. Sie hatten auch aus diesem Grunde ein großartiges Fest gefeiert, wie es seit vielen Sommern von dem Stamme nicht in ähnlicher Weise begangen war. Es dauerte drei Tage und drei Nächte. Während dieser Zeit war alles aufgeboten worden, um den Heimgekehrten zu ehren.

Woternihit-scha hatte ihm eigenhändig den Otterschwanz zwischen den Haarsträhnen befestigt; doch hatte er das Abzeichen, das er selbst trug, nicht entfernt. Er verzichtete also durchaus nicht auf die Häuptlingswürde, wie Andrew fest geglaubt hatte.

Sein Unwille darüber wurde aber vorläufig in dem Festtrubel unterdrückt. Er gab sich ihm mehr und mehr hin, um peinliche Gedanken zu betäuben, die immer wieder in ihm auftauchten. Verschiedene Krieger hatten ihm ihre Tochter zum Weibe angeboten. Er aber hatte nur Nohoste-ia gestattet, bei ihm im Wigwam zu weilen. Auch dieser erlaubte er es nur ungern. Er verwies ihr jede Handreichung. Sie zog sich dann bescheiden zurück und hielt sich stumm in achtungsvoller Entfernung. Ihre braunen Augen waren unverwandt auf ihn gerichtet, so wie ein geschlagener treuer Hund aufmerksam den Wink des Herrn erwartet. Da erlaubte er ihr, die Mahlzeiten und sein Lager zu bereiten.

Die Festlichkeiten hatten schließlich seine Sinne vollständig gefangengenommen. Er meinte wirklich, daß er jetzt ganz zu dem roten Volke gehöre. Ja, nach allen den Ehrenbezeugungen, die ihm von alt und jung zuteil wurden, glaubte er, einer der Ersten unter ihnen zu sein.

Nun war der Trubel verrauscht, und eine große Ernüchterung trat bei ihm ein. Er sah im Geiste das biedere Gesicht des alten Indiantraders mit den blauen, ehrlichen Augen. Stärker als vorher stürmten die Gedanken auf ihn ein, die er gänzlich verscheucht zu haben meinte. War es denn möglich, daß dieser so falsch wie sein Freund handeln konnte? Daß er die Vergangenheit des Trappers kannte und feige schwieg? Daß die Unterhaltung der beiden bei der Hütte des Fallenstellers ein abgekartetes Spiel war, weil sie vermuteten, daß er in der Nähe lauschte? So hatte Andrew es sich zuerst eingeredet, um sich zu beschwichtigen.

O diese schändliche Lüge Ben Körbers, daß ihm sein Weib und sein Sohn von Indianern getötet sein sollten! Ja – er war ein Elender, der verdiente, daß man ihn haßte! – Aber Tom Collins?

Je eifriger Andrew versuchte, auch ihn zu beschuldigen, desto weniger wollte es ihm gelingen. Der Mann, der ihn mit so warmen Worten vor den Sünden der Menschheit warnte, konnte selbst nicht lügen.

Anfangs leise, dann immer stärker, regte sich die Scham in Andrew. Er empfand, wie undankbar er gegen seinen väterlichen Freund und auch gegen Mr. Gloster gehandelt hatte. Besonders in den letzten Monaten hatte dieser wie ein treuer Genosse zu ihm gehalten. Er war ohne Erklärung, ohne ein Wort des Abschiedes wie ein Dieb von ihnen fortgeschlichen. Wohin? Zu dem roten Volke mit seinen Lastern und seinen Untugenden. Er fühlte, daß das seine Freunde am meisten kränken würde. Mußten sie sich nun nicht sagen, daß alle ihre guten Lehren zwecklos gewesen waren?

Bittere Reue erfaßte ihn. Am liebsten wäre er jetzt gleich aus dem Indianerlager fortgeeilt! Aber dann dachte er wieder an Ben Körber, und das Gefühl der Rache bäumte sich von neuem in ihm auf. Freilich beschlich ihn auch zugleich die Furcht, daß ihn der Gott der Weißen deswegen verdammen werde, – ja, Er war der einzige Gott, und er glaubte an Ihn.

In dieser Weise grübelte er und war von Gedanken erfüllt, die sich widerstritten. Nun lag er bereits am dritten Tage nach dem Feste in seinem Wigwam. Schon war am Morgen der Medizinmann bei ihm gewesen und hatte ihm Vorwürfe gemacht, daß er sich nicht im Camp und unter dem Volke blicken lasse. Ein gleichgültiges Achselzucken war seine Antwort.

Nun hatte ihm Mitasa-o in längerer Rede auseinandergesetzt, die Männer hätten ihn hauptsächlich deswegen zurückgerufen, weil ihnen bei einem Kriege, der bevorstehen konnte, ein Führer fehle. Der Stamm sei durch die letzte Niederlage geschwächt und stark entmutigt. Er brauche einen Führer, der die Kühnheit, Listigkeit und Verschlagenheit des roten Volkes mit der Ruhe, Besonnenheit und Klugheit der Weißen vereinige. Er – Andrew – sei wie geschaffen dafür. Er habe außerdem in den letzten Monaten noch manches gelernt, was seinen roten Brüdern von Nutzen sein könne.

Andrew Brown hatte dann mürrisch entgegnet: er habe bei den Weißen hauptsächlich gelernt, daß es eine große Torheit des roten Volkes sei, immer wieder Krieg zu beginnen. Ein solcher Krieg habe ihnen bis jetzt immer nur Nachteile gebracht und würde sie ewig bringen.

Darauf erwiderte ihm der Medizinmann ängstlich, er dürfe sich keinesfalls gegen den Wunsch der Männer auflehnen. Ein Krieg sei wahrscheinlich nicht zu vermeiden, da die Arrapahoës gezwungen seien, die Cheyennes und Crows zu unterstützen mit denen sie jetzt befreundet waren.

Darauf war Mitasa-o eilig von ihm gegangen. Er tat das offenbar, um weitere Erörterungen zu verhindern. Er hatte nur noch hinzugefügt, daß er bestimmt darauf rechne, ihn kampfbereit zu finden, falls es nötig sei.

Noch vor wenigen Monaten hatte Andrew Brown alles getan, um einen Krieg der Arrapahoës mit den Weißen heraufzubeschwören. Heute dachte er anders darüber. Als Nohoste-ia damals einen Krieg der Indianer in Aussicht gestellt und ihm zugleich eröffnet hatte, daß Ben Körber sein Vater sei, da war zuerst das Verlangen nach Rache in ihm aufgestiegen. Es richtete sich nicht nur gegen Ben Körber, sondern wieder gegen alle Weißen.

Nun aber fühlte er sich mit Gewalt zu ihnen hingezogen. Er empfand immer mehr, daß er ihnen näher stand als den roten Brüdern. Je häufiger er sein Leben unter dem rohen, faulen, tierischen roten Volke mit seinem Aufenthalte bei Tom Collins verglich, umso mehr wurde ihm dies klar. Hier war in ihm die Freude am Leben zum ersten Male erwacht. Er hatte die Untätigkeit, in der er bisher seine Tage verbrachte, verabscheuen gelernt. Er fühlte es, er war den Weißen in seinem Sinnen und Trachten ähnlicher. Dadurch war ihm das rote Volk fremder geworden.

Wie schmerzlich vermißte er seine Übungen im Lesen und Schreiben! Stärker denn je erfaßte ihn der Wissensdrang. Da ihm Bleistift und Papier fehlten, zog er sein Messer aus der Scheide und kratzte mit ihm einen Buchstaben nach dem anderen in den festgetretenen, erdigen Fußboden des Wigwams. Er war bald so sehr in seine Beschäftigung vertieft, daß es schien, als habe er seine Umgebung vergessen. Er vernahm auch den Lärm nicht, der sich im Lager erhob.

Nohoste-ia saß mißmutig bei den Resten einer Mahlzeit am Feuer, die ihr Herr kaum berührt hatte. Verwundert sah sie ihm eine geraume Weile zu. Endlich vermochte sie ihre Neugierde nicht zu bemeistern und schlich sich leise hinter ihn. Dann beugte sie sich vorsichtig über ihn und betrachtete mit ängstlicher Scheu die Zeichen, die für sie voller Geheimnisse waren.

Andrew blickte zornig zur Seite. »Was willst du?« herrschte er sie an. »Hinweg! Du bist mir so zuwider wie das ganze rote, schmutzige Volk!«

»O, weshalb blieb ich nicht bei meinen weißen Freunden?« fügte er hinzu, während das Mädchen rasch wieder bei dem Feuer niederhockte.

Dann wagte sie schüchtern aber verschmitzt zu bemerken: »Du zogst von ihnen fort, um dich an deinem Vater zu rächen.«

Andrew sprang auf. War es nötig, daß sie ihn daran erinnerte? »Das werde ich auch tun!« stieß er grimmig hervor. Er umklammerte den Griff seines Messers noch einmal fest und erhob es wie zum Stoße, bevor er es in die Scheide am Gürtel zurücksteckte.

In dem gleichen Augenblicke trat Mitasa-o hastig ein. »Folge mir, Ataha-sa!« sagte er. »Die Männer sind versammelt. Unsere Freunde, die Häuptlinge der Cheyennes und der Crows sind zu uns gekommen. Hoto-oa-oa Großer Büffel. und Mulake-top Großes Horn. sind mit mehreren Kriegern erschienen. Das Ohr der Männer will hören, was dein Auge bei den Weißen sah.«

Andrew Brown begleitete ihn mit sichtlichem Widerwillen zu der großen Beratungshütte. Dort hockten die Männer dichtgedrängt im Kreise um ein Feuer, das in der Mitte brannte. Alle wandten den Beiden ihre Gesichter zu, als sie erschienen und sich durch die Menge nach der ersten Reihe drängten. Hier nahm der Medizinmann zwischen Woternihit-scha und Waha-u Platz. Bei ihnen hockten auch die fremden Häuptlinge und Krieger.

Andrew Brown begrüßte sie durch ein kaum merkliches Neigen des Hauptes. Bevor er sich neben Woternihit-scha niederließ, huschte sein Blick noch einmal über die Versammelten, die sämtlich drei Federn am Hinterkopfe trugen. Der Krieg war also schon beschlossen, – ohne daß man ihn um Rat gefragt hatte.

Das Blut stieg ihm heiß in die Schläfen. Ärgerlich nahm er von Woternihit-scha die Pfeife, der sie von Mitasa-o erhalten und einige Züge geraucht hatte.

Er berührte sie kaum mit den Lippen. Dann reichte er sie an den Krieger weiter, der ihm zunächst saß, und sagte grollend: »Meine Augen sehen das Zeichen des Krieges am Kopfe der Brüder und Gäste. Ist der Otterschwanz in meinem Haar nur ein Schmuck wie die Kette am Halse der Weiber?«

»Seit drei Tagen liegst du in deinem Tibi wie ein Kranker, Ataha-sa,« entgegnete Woternihit-scha schmeichelnd. »Du bedurftest wohl der Ruhe. Weshalb sollten wir dich stören?«

Andrew Brown schaute finster vor sich nieder. Wie falsch Woternihit-scha war, hatte sich erwiesen. Er hatte ihm die Häuptlingswürde angeboten, um ihn herzulocken, und sie dann neben ihm behalten. Doch – war er denn allein falsch? Waren es diese roten Männer nicht alle miteinander?

Woternihit-scha sprach weiter in seinem schmeichelnden Tone. Er äußerte den Wunsch der versammelten Krieger, von Andrew genaues über die derzeitige Stärke der Weißen in Fort Fetterman und Fort Reno zu hören. Zugleich erbat er sich den Rat, wo der Feind am erfolgreichsten anzugreifen sei.

»Grabt eure Streitaxt wieder ein!« rief Andrew verächtlich. »Das ist mein Rat! – Ihr seid wie der Wurm auf der Erde, und das weiße Volk ist der Fuß, der ihn zertritt. Ihr seid die krächzende Elster, und über euch schwebt der Adler. Er ist bereit, euch zu vernichten, sobald ihr ihm naht!«

Ein dumpfes Gemurmel des Unwillens lief durch die Reihen.

Aber der junge Halbindianer ließ sich nicht beirren. Er lächelte geringschätzig und sprach weiter: »Eure Kraft ist gelähmt, weil ihr eure Tage faul auf dem Lager ausgestreckt verbringt, – weil ihr die Büchse nur gebraucht und den Rücken eurer Pferde nur besteigt, wenn euch der Hunger auf die Jagd treibt. Die Weißen hingegen üben sich fleißig im Gebrauch der Waffen. Sie rühren ihre Arme wie eure Weiber. Daher sind ihre Muskeln gestählt. Sie bieten dem Wetter Trotz. Sie kriechen nicht ängstlich unter ein Schutzdach, wenn das Wasser aus den Wolken fällt. Arbeitet wie sie, übt euch in den Waffen wie sie, achtet des Wetters nicht wie sie und seid nicht träge wie eine Schlange, wenn sie gesättigt ist! Dann dürft ihr es schon eher wagen, den Kriegspfad zu betreten. Heute wiederhole ich es euch: Grabt die Streitaxt wieder ein!«

Das Gemurmel war immer lauter und drohender geworden. Mancher grimmige Blick traf den Kühnen.

Die fremden Krieger waren besonders entrüstet, und Hota-oa-oa rief: »Rote Männer sind hier versammelt! Mein Ohr aber hörte soeben die Zunge eines Weißen reden!«

Die Augen des Häuptlings blitzten unheimlich in dem gelbgefärbten Gesichte.

»Ataha-sa fühlt sich gekränkt, weil wir den Krieg ohne ihn beschlossen,« hub Woternihit-scha schmeichelnd wieder an. »Alle Zeichen waren günstig und verkündeten uns den Sieg.«

Ein spöttisches Lächeln zuckte um den Mund Andrew Browns.

»Ataha-sa kennt jeden geheimen Pfad. Er kennt die Macht des Feindes und wird sie für uns ausnutzen. Er ist klug und jede Kugel aus seinem Feuerrohr trifft ihr Ziel. Er hatte seinem Volke voll gerechten Zornes den Rücken gewandt. Es hatte ihn nicht zum Krieger ernannt, wie er es verdiente. Er besaß unter uns einen Feind, der es verhinderte.«

Waha-u senkte den Kopf tief.

»Wir riefen ihn zurück. Er kam, und wir zeigten ihm, wie ich glaube, wie sehr wir ihn schätzen. Daran wird er denken, und sein Groll wird schwinden. Er wird mit uns die Streitaxt ergreifen! Wie unsere guten Freunde und Brüder Hoto-oa-oa und Mulake-top und ihre tapferen Krieger, so wird er unser und sein Volk in den Kampf und zum Siege führen.«

»Er wird es nicht!« rief Andrew. Schnell erhob er sich und warf den Kopf trotzig in den Nacken.

»Ume! Ume!« Ausdruck des Unwillens, auch der Bestürzung und Furcht. erscholl es stürmisch durch den Raum. Viele Indianer verließen ihre Plätze.

Da erhob sich auch Woternihit-scha. Er trat dicht von Andrew Brown hin und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Sollen deine Brüder ohne dich die Streitaxt schwingen? Willst du feige zurückbleiben wie der Wolf, der das Feuer scheut?« fragte er eindringlich. Jetzt verzerrte die Wut auch seine Miene, obgleich er sich mit ganzer Kraft bemühte, sich zu beherrschen. Er hoffte noch immer, daß Andrew dennoch im Kriege seine Stellung einnehmen werde.

Andrew Brown dachte an die Ehren, die seine roten Brüder ihm erzeigten und die er nicht von sich gewiesen hatte. Er dachte an Tom Collins, Mr. Gloster, an Hauptmann Grover, Mr. Butterfly und andere, die seine Freunde waren und sich jetzt mit Verachtung von ihm wenden mußten. Er dachte voller Rache an seinen Vater, der sich gewiß auf seiten der Weißen am Kampfe beteiligte. Alles das schoß ihm blitzschnell durch den Kopf.

Stolz richtete er sich auf, und der Lärm verstummte. Ein jeder war begierig, seine Antwort zu hören.

»Ich werde mit euch in den Krieg ziehen,« sprach er laut und fest. »Aber führen werde ich euch nicht.«

Er fühlte einen leisen Ruck am Kopfe, doch achtete er in seiner Erregung nicht darauf. Den haßerfüllten Blick Woternihit-schas erwiderte er mit verächtlichem Lächeln.

Rasch trat nun Woternihit-scha in die Mitte der Hütte an das Feuer und rief, beide Hände erhoben, in die Menge, die abermals lärmte: »Brüder! Laßt es euch nicht kümmern, daß jener dort die Ehre nicht zu würdigen weiß, als erster Krieger für sein Volk zu kämpfen. Auch unter einem anderen Führer siegen wir, wie es die geheimnisvollen Zeichen verkündeten. Die Buntröcke werden sorglos wie das Reh in den einsamen Bergen sein. Sie sind noch trunken von dem Anblick des Blutes, mit dem unsere Brüder vor bald vier Monden die Erde tränkten. Sie zählen nicht mehr Häupter als damals, während wir jetzt, mit unseren Freunden vereint, zehnfach an Zahl sind. Wir werden mit unseren Scharen das Land überschwemmen, wie wenn das Wasser im Flusse über seine Ufer tritt, wenn die Sonne den Schnee auf den Höhen schmilzt. Laßt die Weiber Holz zusammentragen und rüstet euch, damit ihr zum Tanze bereit seid, sobald der Mond diese Nacht die Erde beleuchtet! – Ich habe gesprochen!«

Nun erhoben sich auch die letzten der Männer, die noch am Boden hockten. Alle verließen die Hütte in eifrigem Gespräch und unter lauten Zeichen des Unwillens über Andrew Brown.

Woternihit-scha hielt Waha-u zurück, der unsicher auf den Beinen einherschritt. Er steckte ihm heimlich etwas zu.

»Nimm und trage es!« flüsterte er ihm zu. »Im Kriege werde ich dir gehorchen, und wenn es unsere Brüder sehen, werden sie ein Gleiches tun. Ataha-sa möge sich hüten! Auch die Kugel aus meinem Feuerrohr trifft ihr Ziel und mein Messer wird locker in der Scheide sitzen!«

Die Augen des älteren Indianers glänzten. Er erwiderte ebenso leise, aber mit etwas schwerer Zunge: »Komm mit mir in meinen Tibi! Hoto-oa-oa gab mir eine Flasche Feuerwasser gegen ein Pferd. Es lahmt, wenn er es kurze Zeit geritten hat,« fügte er mit verschmitztem Lächeln hinzu.

Andrew fand Nohoste-ia in seinem Wigwam eifrig damit beschäftigt, die Speisen für ihn wieder aufzuwärmen, die er mittags verschmäht hatte, und dazu ein Stück Fleisch am Feuer zu rösten. Es sollte ihrem Herrn nicht an der reichlichen Mahlzeit fehlen, die nach einer Versammlung üblich waren. Ihr wurde jedoch keine Anerkennung für ihre Fürsorge zuteil.

»Laß mich allein!« sagte er mit finsterer Miene. Ihre Einladung zum Essen beachtete er nicht. Als sie seinem Wunsche nicht sofort Folge leistete, rief er zornig, indem er mit dem Fuße aufstampfte: »Geh! Hinaus!« Jetzt entfernte sie sich eilig.

Andrew warf sich seufzend auf sein Lager und stützte den Kopf sinnend in die Hand. Was sollte nun aus ihm werden? Die weißen Freunde hatte er durch seine Schuld verloren. Jetzt hatte er es auch mit dem roten Volke verdorben. Für ihn war es das beste, den Tod in dem Kampfe zu suchen, der bevorstand. Er hatte seinen roten Brüdern versprochen, sie in diesem Kampf zu begleiten. Wie aber konnte er ohne Ursache gegen die Weißen kämpfen, auch wenn er davon absah, daß er damit eine schwere Sünde beging? Ihn trieb es nicht in den Kampf wie die roten Männer. Diese wollten versuchen, ihr Eigentum zurückzuerobern und das knechtische Joch abzuschütteln, das die Weißen ihnen auferlegten. Für ihn hatte dieses wohlberechtigte Verlangen keinen Wert mehr. Er hatte den Buntröcken längst verziehen. Er hatte eingesehen, daß er auf den Rat seines väterlichen Freundes hätte hören und nicht allein zu den Weißen gehen sollen.

Heute besaß er unter ihnen nur einen Feind, und das war sein Vater. Der Gedanke an diesen veranlaßte ihn vorhin hauptsächlich, daß er den roten Kriegern gelobte, mit ihnen in den Kampf zu ziehen. Ja, er hatte Ursache, die Hand gegen den Falschen zu erheben! Und wie so oft in den letzten Tagen stachelte er die Rachegelüste in seiner Brust noch mehr an, um alles andere zu verscheuchen, was ihn bedrückte.

Er rief sich seine Mutter ins Gedächtnis zurück. Er sah sie im Geiste vor sich, gebrechlich und krank, und dennoch arbeitete sie bis zu ihrer letzten Stunde, obgleich sie sich kaum fortzuschleppen vermochte. Dann dachte er an sein eigenes, jammervolles Los, und zugleich ergriff ihn eine mächtige Sehnsucht nach seinen Freunden. Ihm wurde weher und weher ums Herz. Zuletzt barg er, laut aufschluchzend, sein Antlitz in beide Hände. Schon dämmerte der Abend. Da stürzte Nohoste-ia mit fliegendem Atem zum Wigwam herein. Das Haar hing ihr zerzaust um den Kopf und das Kleid zerfetzt vom Körper. Ihre Augen funkelten wie die einer gereizten Katze. Sie ballte die Fäuste. »Richtig!« stieß sie hervor, indem sie sich zu Andrew niederbeugte. »Du trägst das Abzeichen des Häuptlings nicht mehr!«

»Wie?« Hastig faßte er in seine Haare. Der Otterschwanz fehlte.

»Suche ihn am Kopfe meines Vaters! Dort wirst du ihn finden,« fuhr sie gehässig fort. »Woternihit-scha sitzt bei Waha-u im Tibi. Feuerwasser hat ihre Zunge gelöst. Sie beraten emsig, wie sie dich aus dem Wege schaffen könnten. Du bist nicht besser als ein Bleichgesicht, ein Heuchler, ein Spion, sagen sie! Ich belauschte sie vom Eingange des Wigwams aus. Da bemerkte mich Woternihit-scha, die giftige Schlange! Er zog mich herein, und beide, er und mein Vater, packten mich an den Haaren. Sie schlugen mich und traten mich mit Füßen. Wären ihre Beine von dem Feuerwasser in ihrem Leibe nicht lahm gewesen, so hätten sie mich getötet.«

Sie hielt keuchend inne. Ächzend krümmte sie sich unter den Schmerzen, die sie noch peinigten.

Andrew war aufgesprungen. Jetzt entsann er sich des Ruckes an seinem Kopfe in der Beratungshütte. Das war, als er erklärt hatte, er werde die Führung des roten Volkes im Kriege nicht übernehmen. In jenem Augenblicke hatte ihm Woternihit-scha den Otterschwanz aus den Haaren gerissen.

»Hüte dich vor den beiden! Töte sie!« sprach das Mädchen in maßloser Wut weiter. »Das ganze Rachegefühl, das du gegen deinen Vater in dir trägst, hege gegen sie! Zürne ihm nicht mehr, denn er trauert um dich und um deine Mutter wie um zwei Tote. Waha-u hat euch beide bei einem Überfall der Dakotas geraubt, um deine Mutter, die er auf einem Streifzuge gesehen hatte, zu seinem Weibe zu machen. Damals war dein Vater, der bei den Dakotas wohnte, nicht zu Hause. Als deine Mutter sich weigerte, Waha-us Weib zu werden, quälte er sie zu Tode, und Woternihit-scha half ihm dabei. Die Dakotas waren nicht gewillt, den Arrapahoës ihren Raub wieder abzujagen. Daher zeigten sie deinem Vater zwei Gräber als dein und deiner Mutter Grab, als er zurückkehrte. So berichtete ein alter Händler an Waha-u.«

Andrew Brown hatte sie immer starrer angeschaut, während sie sprach. Als sie schwieg, verrann eine Weile, bis er bebend fragte: »Seit wann ist dir bekannt, was du mir eben mitteiltest?«

»O, seit vielen Sommern schon«, antwortete sie eifrig. Sie war in dem Wahne, daß sie ihren Zweck erreicht hätte und Andrews Erregung sich zur Wut gegen Waha-u und Woternihit-scha steigern würde. Doch schnell wurde sie eines anderen belehrt.

In Andrews Augen glühte ein unheimliches Feuer. Sie schienen das Mädchen durchbohren zu wollen. »Und du hetztest mich beständig gegen meinen Vater auf, obgleich du wußtest, daß er an dem schuldlos war, was ich ihm zur Last legte? Du selbst machtest mir ihn schließlich namhaft, damit ich ihm und meinen Freunden den Rücken kehrte!« kam es langsam und heiser aus seinem Munde.

Er ergriff Nohoste-ia am Arm und hob die Faust, um sie zu Boden zu schmettern.

»Alle wußten es und schwiegen. Weshalb sollte ich reden?« rief sie hastig und in Todesängsten.

Voller Verachtung stieß er sie von sich.

»O, du erbärmliches Geschöpf! Doch wie darf ich glauben, zwischen Elstern und Eulen eine Taube zu finden? Wie kannst du besser sein als deine Sippe? Ja, du hast recht, Tom Collins! Falsch, hinterlistig, betrügerisch und verlogen ist das rote Volk! O, hätte ich doch auf deinen Rat gehört!«

Wankend verließ er den Wigwam und den Camp. Ohne zu wissen, wohin er sich wandte, kreuzte er den Fluß und erstieg die nahen Höhen. Wie gebrochen an Leib und Seele sank er auf einen Stein.

Es wurde Nacht. Er sah es nicht. Verzweifelnd dachte er an seinen Vater, der schuldlos war. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, daß auch das Mißtrauen, das er gegen ihn hatte, unberechtigt war. Er hatte es sich in seinem Ärger eingeredet, weil jener ihm seinerzeit im Fort Fetterman die Büchse fortnahm, mit der er beinahe in blindem Zorn jemanden getötet hätte. Er hatte sich geärgert, daß jener ihn einen Knaben nannte. Handelte er damals nicht wirklich wie ein verständnisloser, unbändiger, trotziger Knabe? Nur damals? Nein! So hatte er bis jetzt immer gehandelt!

Ein Geräusch in seiner Nähe schreckte ihn auf. Er blickte umher und gewahrte ein dunkel Etwas, das dicht bei ihm vorüberschlich. War es ein Wolf oder gar ein Bär? Ein solches Tier kam ihm gerade recht. Es war ihm, als könne er durch einen Kampf sein Herz erleichtern, das ihm zum Brechen voll war. Er riß sein Messer aus der Scheide, sprang auf und packte zu. Ein Mensch schnellte empor. Es war ein Weißer.

Fest umklammerte er ihn.

»Was suchst du hier?« fragte er. Doch dann lockerten sich seine Arme. »Sehe ich recht? Seid Ihr es, Rotbart? John Keister?«

»Ja, ich bin es! Und Ihr? Ist es möglich? Bist du es, Andrew Brown? Wie kommst du hierher? Hast du das rote Volk nicht für immer verlassen und bist du nicht ein Freund der Weißen geworden?«

»Ich bin heute mehr als jemals ein Freund der Weißen!« gab Andrew Brown traurig zurück. »Aber sie sind meine Freunde nicht mehr und durch meine eigene Schuld.«

»Was höre ich? Wie soll ich das verstehen?« sagte John Keister erstaunt.

»Fragt mich nicht weiter«, bat Andrew Brown, indem er die Hand abwehrend ausstreckte. »Was wollt Ihr hier? Seid auf der Hut vor den Arrapahoës! Sie wissen, daß Ihr sie vor vier Monden verrietet. Kann ich Euch nützen, so redet!«

»Mir und den Weißen!« antwortete der Mann rasch. Zögernd fuhr er fort: »Ich weiß jedoch nicht, ob ich dir – – –« Er vollendete den Satz nicht.

»Ob Ihr mir trauen könnt«, ergänzte Andrew bitter. »Ihr habt eine noch größere Berechtigung, als ihr ahnt, daran zu zweifeln. Aber sprecht ohne Sorge! Bei Gott im Himmel! Ich zähle mich nicht mehr zu denen dort unten!« Er deutete in das Tal, wo vereinzelter Lichtschein das Lager der Indianer verriet.

»Wohlan! Du hörtest vielleicht, daß ich einst einen Soldaten niederschlug, als der Zorn mich hinriß. Er genas Gott sei Dank später von der Kopfwunde, die ich ihm schlug. Ich entkam glücklich. Es wäre jedoch besser gewesen, wenn man mich damals ergriffen und bestraft hätte. Denn seitdem führte ich ein erbärmliches Leben. Mich verließ das sehnsüchtige Verlangen nie, mit meiner Hände Arbeit unter meinen Mitmenschen zu leben. Ja, es wurde von Jahr zu Jahr stärker. Und nun kann ich es nicht mehr ertragen, ausgestoßen zu sein. Ich will zurück und mich dem Richter stellen. Vorher aber möchte ich mich nützlich erweisen. So verriet ich schon einmal den Kriegszug der Arrapahoës, der bevorstand. Jetzt habe ich ausgekundschaftet, daß sie vielleicht in nächster Zeit wieder den Kriegspfad betreten. Ich glaube, sie werden von den Cheyennes und den Crows unterstützt, deren Häuptlinge ich heute morgen mit einigen Kriegern dort unten in den Camp einreiten sah. Wenn das der Fall ist, so will ich die Regierungstruppen abermals warnen. Wenn ich wieder Erfolg habe und dadurch manches Soldatenleben rette, so hoffe ich, daß man meine Strafe mildert.«

Andrew Brown hatte ihm mit funkelnden Augen zugehört. Jetzt bot sich ihm die Gelegenheit, sich an Waha-u und Woternihit-scha und an dem ganzen erbärmlichen roten Volke zu rächen. Zugleich konnte er den Weißen von Nutzen sein und seinen Freunden beweisen, daß er nicht so schlecht war, wie sie glauben mußten.

»Habt Ihr ein gutes Pferd?« fragte er erregt.

John Keister nickte. »Ein kräftiges Tier, mit dem ich schon etwas wagen kann!«

»Gut!« sprach Andrew schnell weiter. »Führt es eilig hinaus aus den Bad-lands, – am Fuße der Black-Hills entlang findet Ihr den besten Weg, – und dann reitet, als ginge es auf Tod und Leben! Heute Nacht flackern dort unten die Feuer auf. Die Männer werden sie nackt umtanzen, während sie sich einen Grashalm unter der Haut ihrer Brust hin- und herziehen, die sie mit dem Messer an zwei Stellen aufritzen. Wißt Ihr, was das heißt? Es ist der Kriegstanz! Morgen brechen die Arrapahoës auf, und in spätestens zwei Tagen vereinen sie sich mit den Cheyennes und den Crows. Diese ziehen von Süden und Osten heran. Wenn sich die Buntröcke ihnen nicht entgegenwerfen, so sind sie in vier Tagen, von heute ab gerechnet, vor Fort Fetterman. Verstärkung von Fort Reno wäre sehr erwünscht. Denn diesesmal ist die Zahl der roten Krieger groß. Ich befürchte fast, daß den Buntröcken von Fort Fetterman allein ihre Tapferkeit nicht hilft.«

»So nah ist die Gefahr also schon?« stammelte John Keister bestürzt. »Aber warum kommst du nicht mit mir? Weshalb warnst du selbst die Weißen nicht?«

»Mir würde man kaum glauben. Doch laßt das jetzt!« versetzte Andrew Brown. »Vorwärts! Sputet Euch! Die Buntröcke nannten mich höhnend den roten Spion. Nun verdiene ich den Namen, und ich tue auch als Indianscout der Regierung gegenüber meine Pflicht.«

Er lachte kurz und bitter auf. Doch dann fuhr er mit zitternder Stimme fort: »Für mich gibt es nur eine Erlösung: der Tod. Wenn Ihr Tom Collins, Mr. Gloster und Ben Körber seht, dankt ihnen in meinem Namen für alle Freundlichkeit, die sie mir erwiesen. Ich fühle es wohl, ich war ihrer nicht würdig. Ihr wißt jetzt, daß ich ein Freund der Weißen bin. Ich werde es bis zu meinem letzten Atemzuge bleiben. Lebt wohl!«

John Keister wollte etwas erwidern. Aber Andrew Brown ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Geht! Vorwärts!« drängte er ungeduldig. »Wir können jeden Augenblick überrascht werden. Das rote Volk traut mir ebenfalls nicht mehr. Es sendet mir vielleicht schon Späher nach, um mich zu beobachten. Auch Ihr seid daher hier nicht sicher. Vorwärts! Geht!«

John Keister drückte ihm warm die Hand. »Lebe wohl! Habe Dank und – Gott behüte dich! Auf Wiedersehen!«

Rasch eilte er fort.

»Auf Wiedersehen?« murmelte Andrew Brown schmerzlich lächelnd. »Dort oben über den Sternen vielleicht«, fügte er mit einem Blick gen Himmel hinzu.

Langsam stieg er wieder zum Lager hinab, wo die Weiber soeben Reisig, Holzkloben und dürres Gras auf einen Platz südlich vom Camp zu schleppen begannen, wo die Kriegsfeuer entfacht werden sollten.

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