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Andrew Brown - Der rote Spion

Friedrich Joachim Pajeken: Andrew Brown - Der rote Spion - Kapitel 2
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pfad/pajeken/rotspion/rotspion.xml
typefiction
authorFriedrich J. Pajeken
titleAndrew Brown ? Der rote Spion
publisherLoewes Verlag
illustratorWilly Planck
firstpub1894
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Heimatlos

Der White-River, einer der vielen, nicht unbedeutenden Nebenflüsse des gewaltigen Missouri, schlängelt sich in unzähligen Krümmungen durch die Bad-lands. Er trägt auch die Namen Makisa-ta, Wak-pa oder Smoky-Earth-River. Die massenhaften Hindernisse, die sich ihm in dieser Landschaft bieten, drängen ihn fortwährend nach links und rechts. Aber er verfolgt hartnäckig die Richtung von Westen nach Osten. Immer wieder findet er eine Öffnung zum Hindurchschlüpfen. Er verliert sich oft auch gänzlich in einem Gewirr von Stein- und Felsblöcken. Dann erscheint er erst wieder eine Strecke talabwärts unter irgendeiner Felswand.

Das Rauschen und Plätschern seiner Wellen klingt dann gleichsam wie ein Frohlocken, daß er den steinernen Armen, die ihn umklammerten, glücklich entronnen ist.

Er bringt einiges Leben in dies Land, das zum größten Teil so kahl und öde ist. An seinen Ufern wuchert das Gras üppiger. In den Schluchten und Talkesseln, die sein Lauf berührt, wachsen, gegen die rauhen Winde geschützt, Buschwerk und auch Cotton Wood, jene pappelartigen Bäume, die keinen Anspruch auf fettes Erdreich machen.

In einem dieser Talkessel hatte der Stamm der Arrapahoës, dessen Häuptling Waha-u, der gelbe Büffel, war, sein Winterlager bezogen. Etwa hundert der kegelförmigen Hütten (Wigwams oder Tibis), die unten schmutzig grau, oben durch den Rauch, der sich im Inneren ansammelte, schwarz gefärbt waren, standen zerstreut am Ufer des Flusses nach der einen Seite des Talkessels.

Aus allen quoll beinahe während des ganzen Tages Rauch. Der Winter rückte mit Macht heran. Mehrere Nächte hatte es bereits gefroren. Wenn die Sonne auch am Tage ihre Kraft noch bisweilen geltend machte, so war es für die Indianer, die die Wärme liebten, doch schon empfindlich kalt. Sie schützten sich dagegen durch ein anhaltendes Feuer in ihren Behausungen.

Etwa in der Mitte des Camps fiel eine Hütte durch ihre Höhe und Größe auf. Sie diente dem Stamme bei Beratungen und bei Festlichkeiten. Solche Feste fanden sehr häufig statt und dauerten bis in die späte Nacht, ja manchmal bis zum Morgengrauen. Diese Hütte lief ebenfalls spitz zu. Unten war sie durch zeltartige Anbaue zu einem mächtigen Umkreis erweitert, so daß sämtliche Männer, Frauen und Mädchen darin Platz fanden.

Diejenigen, die den Indianer als einen ernsten, stillen Mann schildern, beurteilen ihn völlig irrig. So erscheint er nur in Gegenwart Fremder, hauptsächlich, um diese zu täuschen. Weiß er sich jedoch in seinem Dorfe und unter seinen Genossen ungestört, so ist er in seinem Frohsinn und in seiner Heiterkeit schier ausgelassen. In einem einsam gelegenen Camp herrscht häufig, besonders zur Winterszeit, ein Lärm, wie er auf unseren Kirmessen nicht toller sein kann. Er kommt von dem kreischenden, jauchzenden, lachenden, singenden und schreienden roten Volke, das sich belustigt. Von allen Vergnügen bevorzugt der Indianer am meisten den Tanz.

In der Nähe des Beratungswigwams lag der Tibi des Häuptlings. Er war um nichts geräumiger als die anderen Wigwams. Nur durch eine Art Schild zeichnete er sich aus, der über dem Eingang hing, den ein altes Büffelfell verdeckte. Dieser Schild war mit bunten Farben bemalt, mit Messingknöpfen besetzt und am unteren Rande mit einem Büschel Skalphaare verziert. Er bildete das »Totem«, Nur Häuptlinge und besonders angesehene Krieger besitzen ein Totem. das Wappen, des Gelben Büffels.

Auch das Innere der Behausung unterschied sich nicht von dem der übrigen. Dort herrschten derselbe Schmutz und dieselbe Unordnung. Alte wollene Decken, Kleidungsstücke, Büffelfelle, Näpfe, Kessel, Sättel, Zaumzeug und dergleichen lagen bunt durcheinander. Eine dicke graue Staubschicht überzog sie. Über kreisförmig aufgestellte Stangen war die Bekleidung der Hütte gespannt, die aus Hirsch- und Büffelhäuten zusammengenäht war. Von diesen Stangen hingen im Rauch getrocknete Fleischstücke, durchnäßte Mokassins (Schuhe), Waffen, einige gefüllte Säckchen, die Lebensmittel und auch wohl Schießbedarf enthalten mochten, und anderes mehr.

Am Feuer in der Mitte des Wigwams hockte Waha-u, ein stämmiger, nicht mehr junger Mann, mit breitem, knochigem, gelb gefärbtem Gesicht, an dessen beiden Seiten die schwarzen Haare von dem fingerbreiten, blutroten Scheitel Der Scheitel wird durch Auszupfen der Haare erweitert und mit einem roten Pulver gefärbt. Eine Eigentümlichkeit der Arrapahoës. in Strähnen herabfielen, die teils mit roten Bändern umwunden, teils geflochten waren. Zwischen ihnen hing der Otterschwanz, das Abzeichen des Häuptlings. Ihm gegenüber saß ein Indianer, der auch schon älter war, der Medizinmann des Stammes, Mitasa-o, der weiße Sporn.

Beide rauchten schweigend aus einer von Hand zu Hand gehenden Pfeife, die mit Federn und Metallstücken geschmückt war. Bei ihnen waren ein Weib und zwei Kinder von etwa acht bis zehn Jahren. Sie waren alle in schmutzige Lumpen gehüllt. Eben waren sie damit beschäftigt, mehrere Näpfe und Kessel beiseite zu räumen und nach ihrer Weise und Gewohnheit zu reinigen, indem sie die Gefäße mit den Fingern ausrieben und diese sorgfältig ableckten.

Der Häuptling schaute unwillig zu und gab ihnen schließlich durch einen grunzenden Ton zu verstehen, daß sie sich sputen möchten.

Das Weib schob hierauf die Koch- und Eßgefäße mit dem Fuße zu dem übrigen Gerät und verließ auf einen Wink ihres Herrn und Gebieters mit den Kindern den Wigwam.

»Weiberzungen sind wie fließendes Wasser«, sagte der gelbe Büffel, als er und sein Genosse allein waren. Dann tat er aus der Pfeife ein paar tiefe Züge, die er jedesmal in die Lunge einatmete, worauf er die Pfeife Mitasa-o reichte.

Dieser rauchte und nickte. »Und die Weiber sehen auf Ataha-sa oder Andrew Brown, wie ihn der Graubart nennt, mit lachenden Augen, obgleich er noch ein Knabe ist.«

»Er will es nicht bleiben«, brummte Waha-u mürrisch. »Seitdem er vor einem Monde den Feinden die Pferde nahm –«

»Nessa nissin Zweiunddreißig. (Sämtliche Wörter und Namen sind der Arrapahoë-Sprache entnommen. waren es«, warf der Medizinmann ein.

»– drängt er täglich, ich solle die Männer versammeln und sie auffordern, daß sie ihn zum Krieger ernennen. Außerdem verlangt er meine Tochter zum Weibe.«

Ein Lächeln zog den breiten, schmallippigen Mund Mitasa-os noch breiter. »Sechzehn Sommer zählt Ataha-sa. Doch ein Krieger hat das Recht, sich einen Tibi erbauen zu lassen Wie alle Arbeit, so besorgen die Weiber auch dies. und ein Weib zu nehmen.«

»Meine Tochter gebe ich ihm nicht«, sprach der gelbe Büffel kurz und streng. »Der Knabe ist kein Arrapahoë. Sein Vater war ein Weißer«, Waha-u zuckte verächtlich die Achseln, »und seine Mutter eine Dakota. Der Herr meiner Tochter wird Woternihit-scha (schwarze Pfeife). Er hat mir bereits zehn Pferde geschenkt.«

»Und Ataha-sa gab dir zweiunddreißig«, sagte der weiße Sporn gelassen.

»Woternihit-scha kam ihm zuvor«, erwiderte der Häuptling rasch. Er fügte verlegen und zögernd hinzu: »Mir wäre es lieb, wenn Ataha-sa uns den Rücken wendete.«

»Wer ist schuld, daß er bei unserem Stamme weilt? Du!« versetzte der Medizinmann spöttisch. »Seine Mutter starb. – Ich frage nicht, durch wen. Sie wollte nicht dein Weib werden. Auch ihr Sohn ist dir verhaßt, ich weiß es. Er war es immer.«

»St!« machte Waha-u und sah sich ängstlich um. Dabei bemerkte er, wie sich das Fell vor dem Eingang leicht bewegte. Er sprang hastig auf, und gleich darauf zog er ein etwa vierzehnjähriges Mädchen in den Wigwam, das sich heftig sträubte. Auch ihre Kleidung war schmutzig und zerlumpt. Nur eine rote, wollene Decke, die sie um ihre Hüften geschlungen hatte, zeugte von noch nicht sehr langem Gebrauch.

»Du hast gelauscht, Kröte«, herrschte der Häuptling sie an. Sie beugte sich furchtsam vor ihm nieder und streckte den einen Arm gegen ihn aus, als wolle sie einen Streich abwehren. »Doch gut! Dein Ohr hörte, daß ich dich dem Knaben Ataha-sa nicht gebe. Du wirst das Weib Woternihit-schas, und wenn du nicht ohne Zaudern gehorchst, so – –«

Er hob die Faust, aber er schlug nicht zu. Gebieterisch zeigte er nach einer Lederpeitsche, die an einem der Sättel befestigt war. »Du kennst sie.«

Die Hände der Tochter fuhren nach der Schulter und dem Rücken. Sie nickte geängstigt.

»Wohlan!« sprach ihr Vater weiter und sein Blick funkelte, »wenn du dich gegen meinen Willen sträubst, lasse ich sie auf dir tanzen, bis mein Arm erlahmt.«

Er riß die Decke von ihr ab und rief zornig: »Wer erlaubte dir zu tragen, was Ataha-sa, der Knabe, dir schenkte? Geh! Meine Augen wollen dich nicht mehr sehen!«

Das Mädchen flüchtete eilig aus dem Tibi.

Waha-u hockte wieder am Feuer nieder und stopfte die Pfeife, die leergebrannt war, aufs neue.

»Ataha-sa könnte ein großer Krieger werden; denn er ist kühn, listig, gewandt und – klug«, begann Mitasa-o zuerst wieder. »Es würde mir leicht sein, das Volk darüber zu beschwichtigen, daß er nur ein halber Weißer und nicht unseres Stammes ist. Jeder weiß, daß aus mir die Zunge des guten Geistes redet. Es wäre besser, wir erhielten uns die Freundschaft Ataha-sas und machten ihn uns nicht zum Feinde.«

»Fürchtest du ihn?« fragte der gelbe Büffel verächtlich und entzündete die Mischung von zerkleinertem Kautabak und Kilikinick »Kilikinick«, ein Ersatz für Tabak, ist die am Feuer getrocknete und dann zerkleinerte Masse, die sich zwischen Holz und äußerer Haut an den Zweigen des Rotbusches befindet. in dem roten Steinkopf der Pfeife mit einem Holzspan. »Einen bissigen Hund schlage ich tot.«

»Einen Adler hoch über deinem Haupte erreicht die Kugel aus deinem Feuerrohr nicht«, sprach der Medizinmann ernst.

Der Häuptling tat, als höre er die Worte nicht. Er atmete den Rauch mit Behagen mehrfach tief in die Lunge ein. Dann reichte er dem Genossen die Pfeife. Nachdem er sich noch einmal vorsichtig umgesehen hatte, sagte er leise zu ihm: »Die Hälfte der Pferde, die Ataha-sa und Woternihit-scha mir gaben, ist dein Eigentum, wenn du tust, was ich will. – Leihe mir dein Ohr!«

Mitasa-o rückte dicht an die Seite Waha-us und hörte aufmerksam an, was dieser ihm flüsternd und in der Fingersprache mitteilte.– –

Die Tochter des Häuptlings war scheu wie ein flüchtendes Reh zum Camp hinaus zu dem Flusse geeilt. An seinem Ufer tauchte sie im Gestrüpp nieder, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß sie niemand beobachtete. Gleich darauf ertönte dort, wo sie sich befand, der Schrei einer Elster.

Aus einem der Wigwams, die am nächsten lagen, trat eine Minute darauf Andrew Brown und wanderte langsam zu der Stelle am Flusse, wo sich der Schrei jetzt noch einmal wiederholte. »Komm, Nohoste-ia«, Flimmerndes Licht. sagte er, als er bei der Versteckten angelangt war, ohne sie anzusehen. Etwas schneller schritt er weiter.

Das Mädchen kroch ihm behutsam nach.

Er erwartete sie hinter hohem Buschwerk dicht am Flußufer, an einer Stelle, die weiter vom Camp entfernt war.

Noch immer scheu und ängstlich trat sie vor ihn hin. »Zürne nicht, Ataha-sa, daß ich dich rief«, stieß sie hervor. »Der Vater will mich peitschen, wenn – – –« Sie stockte.

»Wenn?« wiederholte er ungeduldig.

»Wenn ich nicht ohne Zögern einwillige, das Weib Woternihit-schas zu werden. Ich fürchte mich. Er wird mich totschlagen.«

»Wie seine Pferde«, ergänzte Andrew spöttisch. Auflachend fuhr er fort: »Pah! Dein Vater scherzt. Er war anderer Meinung, als ich ihm die Gäule brachte, und sobald ich zum Krieger ernannt bin, hole ich ihm den Kriegsschmuck seines größten Feindes, des Häuptlings ›Gefleckter Hund‹. Dann wird er sich nicht mehr weigern, daß ich dich als mein Weib in meinen Tibi führe. Die schlanken, langen Stangen Die Hüttenstangen, die besonders in den gebirgigen Gegenden nicht zu haben sind, hüten die Indianer sorgsam und nehmen sie beim Wechsel des Lagers stets mit sich. für die Behausung holte ich mir schon von den Dakotas, und die Häute, die sie umspannen sollen, liegen auch schon bereit. Viele Decken und Büffelfelle sind mein Eigentum. Heute noch werden sich die Männer versammeln. Mitasa-o versprach es mir.«

»Er war eben beim Vater, als dieser mir drohte«, erlaubte sich Nohoste-ia schüchtern zu bemerken.

»Meiner Sache wegen ging er zu ihm«, sagte Andrew Brown lächelnd.

»Hüte dich! Er ist wie eine Schlange«, versetzte das Mädchen etwas mutiger. »Er redet mit doppelter Zunge. Er ist falsch. Für einen Schluck Feuerwasser verrät er den Bruder.«

Andrew zuckte die Achseln. Handelten seine sämtlichen roten Brüder besser? Weshalb sollte der Medizinmann eine Ausnahme machen? Und doch! Er hatte ihn bisher für seinen Freund gehalten.

»Geh, Nohoste-ia und ängstige dich nicht unnötig«, sagte er in beruhigendem Tone. »Sieh! Mitasa-o gelang es, Waha-u zu überreden. Die Männer wandern schon zu der Beratungshütte. Noch bevor das große Licht dort hinter den Bergen verschwindet, bin ich Krieger. Morgen ziehe ich aus, um für deinen Vater den Kriegsschmuck seines Feindes zu erbeuten.«

Es war, als ob sie etwas erwidern wollte. Aber eine Handbewegung Andrews forderte sie nochmals auf, sich zu entfernen. Gehorsam kroch sie durch das Gestrüpp zu dem Camp zurück.

Andrew Browns Gesicht verfinsterte sich. Zornig murmelte er: »Der gelbe Büffel will, daß ich dem feigen Woternihit-scha folgen soll? Unmöglich!«

Seine Stirn glättete sich rasch wieder und sein Antlitz nahm einen verschmitzten Ausdruck an. »Aha! Ich verstehe! Er will den Dummen überlisten. Es gelüstet ihn nach dessen Pferden. Es sind kernige Tiere, sie müssen sich hierher in das schlechte Land verlaufen haben, denn sie haben einem Weißen gehört. Die schwarze Pfeife fand sie zufällig und trieb sie ohne Mühe heim. Sie hatten gewiß keinen Eigentümer mehr, sonst wären sie keinesfalls das Eigentum dieses Mutlosen geworden. – Du wirst schon zugreifen, Waha-u, wenn ich dir den Kriegsschmuck bringe. Du bist ja nicht nur habgierig. Du bist auch dünkelhaft stolz. Es wird dir an lügnerischen Worten nicht fehlen, mit denen du dein Volk glauben machst, daß du den Schmuck selbst erobertest. Laß mich nur erst Krieger sein!«

Voll Ungeduld sah er zu der Beratungshütte. Die Männer drängten jetzt eiliger hinein, bis alle versammelt waren. Dann hockte ein alter Indianer vor dem Eingang nieder, um die Weiber und Kinder zu verscheuchen, die etwa lauschen wollten. »Auch die Söhne von Onas-tí Kleiner Rabe. und Nosta-há Heller Tag. sollen heute zu Kriegern ernannt werden und den Namen ihrer Väter erhalten«, Es ist sehr häufig bei den Indianern Sitte, daß die Söhne, zum Krieger ernannt, den Namen des Vaters erhalten. Vorher sind sie gewöhnlich ohne Namen., fuhr der Bursche nach einer längeren Weile in seinem Selbstgespräch fort.

»Pah! Beide zählen vier Sommer mehr als ich, aber was sie bisher geleistet haben, ist nicht wert, daß man es erwähnt. Ihre Väter wollen sie aber nicht mehr wie Knaben behandelt sehen, und wenn der gelbe Büffel ihr Freund bleiben will, so muß er ihren Wunsch erfüllen.«

Wieder blickte Andrew nach dem großen Tibi. Je weiter die Zeit vorschritt, desto mehr wuchs seine Ungeduld. Als sich dort nach einer Weile immer noch nichts rührte, näherte er sich langsam dem Camp. Doch er betrat ihn nicht, sondern er umkreiste ihn in einem Bogen und hielt den Beratungswigwam unverwandt im Auge. Zwischen den Hütten im Lager zeigte sich niemand. Im Geiste sah Andrew Brown die Weiber schon wieder mit der Zubereitung einer Mahlzeit beschäftigt. Diese mußte der Beratung notgedrungen folgen, selbst wenn ihr eine solche vorausgegangen war. Die Kinder aber hockten bei den Müttern am Feuer und lauerten gierig auf einige Abfälle. Wenn es diese gab, entwickelte sich häufig ein erbitterter Kampf unter ihnen.

Andrew überkam es wie Ekel. Es war ein Gefühl, das ihn schon oft ergriffen hatte, wenn er an die tierische Lebensweise seiner roten Brüder dachte. In was für einem Schmutz hausten sie! Wasser berührte ihre Haut nur, wenn der Regen sie durchnäßte, oder wenn sie ihren Körper an heißen Sommertagen im Flusse kühlten.

Andrew hatte von jeher das Bedürfnis gehabt, sich bisweilen zu waschen. Er benutzte dabei sogar Seife, die ihm sein Freund, Tom Collins, schenkte. Er hielt auch darauf, daß seine Kleidung möglichst heil und sauber war. Seine roten Brüder reinigten ihre Kleidung nie.

Von der Beratungshütte schallte dumpfes Trommeln zu ihm herüber. Es weckte ihn aus seinem Grübeln.

Die Versammlung war beendet. Die Männer eilten ins Freie und gingen zu ihren Tibis, aus denen überall die Frauen und Kinder neugierig ihre Köpfe steckten.

Jetzt verstummte das Trommeln. Mitasa-o trat in den Eingang der großen Hütte. Mit lauter Stimme verkündete er, daß die Söhne von Onas-tí und Nosta-há unter die Zahl der Krieger aufgenommen seien.

Andrew traute seinen Ohren nicht. Wurde er nicht genannt? Unmöglich! Und dennoch – –! Der Medizinmann rief das Ergebnis der Beratung noch einmal nach der anderen Seite des Lagers.

Das Volk jauchzte und schrie. Am lautesten erhoben die Weiber ihre Stimmen. Sie freuten sich bereits auf das Tanzfest am Abend in dem großen Tibi, das den beiden jungen Kriegern zu Ehren – wie immer bei solchen Gelegenheiten – stattfinden würde.

Andrew Brown sah Matasa-o würdevoll zu dessen Hütte schreiten. Er stürzte hinter ihm her und traf gleich nach ihm in dem Wigwam ein.

»Sind meine Ohren verschlossen, daß ich Euch nicht auch meinen Namen nennen hörte?« Atemlos und aufs höchste erregt stieß er die Frage hervor. Der Medizinmann schüttelte das Haupt.

»Und weshalb wurde ich nicht zum Krieger ernannt?« fragte Andrew, der am ganzen Körper zitterte, hastig.

»Du bist noch zu jung«, antwortete Mitasa-o ausweichend.

»Zu jung? Seit wann beachten die Arrapahoës die Zahl der Sommer und nicht die Taten? Onas-tís und Nosta-hás Söhne zählen allerdings schon zwanzig Sommer. Was sie aber leisteten, leistet ein Weib auch. Ich habe euch gezeigt, daß ich kein Knabe mehr bin und – – –«

»Alle Männer bewundern deine Kühnheit und deine Klugheit«, sagte der Medizinmann rasch, »aber – – –«

»Aber mein Vater war ein Weißer, nicht wahr?« fiel ihm Andrew Brown ins Wort. Er erinnerte sich plötzlich an das, was Tom Collins ihm vorausgesagt hatte. »Ist das wirklich der Grund, weshalb mein Verlangen nicht erfüllt wird?«

Mitasa-o nickte. »Ja, Ataha-sa. Außerdem war deine Mutter nicht von unserem Stamme. Auch darum scheuten sich heute die Männer, dich als Krieger in ihre Mitte aufzunehmen.«

Andrew warf sich stöhnend auf einen Haufen Büffelfelle und vergrub sein Gesicht. Scham, verletztes Ehrgefühl, bittere Enttäuschung, Haß und Wut trieben ihm die Tränen in die Augen. Vergeblich kämpfte er gegen das Schluchzen an, das seinen Körper heftig erschütterte.

»Bei den Dakotas wärest du vielleicht geworden, was du wolltest. Wenn es bei uns nicht geschah, so trägt dein Vater die Schuld«, fuhr der Medizinmann nach kurzem Schweigen fort. »Er verließ deine Mutter und dich, und ihr Volk marterte sie, weil es nun gezwungen war, für euch beide zu sorgen. Da floh sie, wie du weißt, müde der Qual, zu uns.«

Der Medizinmann trat zu ihm hin. »Hasse deinen Vater«, sagte er eindringlich, »und mit ihm alle, die eine weiße Haut haben. Grolle aber deinen roten Brüdern nicht, weil sie heute deinen Wunsch nicht erfüllten. Zeige ihnen wie bisher, was du vermagst, dann werden sie dich nach einigen Sommern trotz deiner Abkunft zum Krieger ernennen.«

Andrew Brown sprang auf, und eine feste Entschlossenheit leuchtete aus seinem Antlitz. Er trocknete sich die Tränen mit dem Ärmel seines Lederhemdes. Nur ein leichtes Beben seiner Stimme verriet die Erregung, in der er sich befand.

»Wohlan! Ich will den roten Brüdern zeigen, was ich vermag!« sagte er und warf den Kopf trotzig in den Nacken.

»So ist es recht, Ataha-sa«, erwiderte Mitasa-o rasch und befriedigt. Augenscheinlich beachtete er den Doppelsinn der Worte nicht. »Bald werden sie ganz einsehen, daß du kein Knabe mehr bist. Dann werden sie dich, ohne zu zögern, als Krieger in ihrer Mitte aufnehmen. Meine Zunge wird für dich reden.«

Andrew lachte laut auf und verließ schnell die Hütte. Vor ihr ballte er die Fäuste. Seine Zähne preßten sich knirschend aufeinander.

»Dann ist es zu spät«, murmelte er mit blitzenden Augen.

Da die Männer ihre Mahlzeit verzehrten, war jetzt wieder niemand im Freien sichtbar. Andrew schlich sich zwischen den Wigwams hindurch zu der Stelle am Flußufer, wo er vorhin mit dem Mädchen zusammengetroffen war. Dort ließ er zweimal rasch hintereinander den Ruf einer Elster ertönen.

Die Sonne war schon vor einer Weile untergegangen. Der Ruf klang, als ob er von zwei Vögeln ausgestoßen wäre, die von ihrem Platze, den sie schon für die Nacht ausgesucht hatten, aufgestört wurden und nun erschreckt von dannen flogen. Nach wenigen Minuten kam Nohoste-ia mit ängstlicher Miene aus dem Gestrüpp zu ihm.

Seine Rechte legte sich fest um ihr Handgelenk. »Höre mich an, Mädchen!« sprach er rauh, und sein Blick senkte sich tief in ihre Augen. »Mein Weib kannst du nun nicht mehr werden. Aber auch das Weib Woternihit-schas wirst du nicht. Ich will es nicht! Hörst du?«

»Mein Vater wird mich totschlagen!« stotterte sie.

»Das wird Waha-u nicht!« erwiderte Andrew Brown höhnisch.

»Er glaubt an den bösen Gott.« – Nohoste-ia zuckte zusammen und sah sich scheu nach allen Seiten um. Die Indianer vermeiden es ängstlich, den bösen Gott zu nennen, weil sie glauben, ihn damit schon auf sich aufmerksam zu machen.

»Er soll ihn erst fürchten lernen«, fuhr Andrew fort, »und auch Woternihit-scha wird nicht mehr lange um dich werben. Denn dein Vater gibt dich nicht an ihn für die Pferde, die er schon von ihm empfangen hat. Mir allein sollst du gehorchen, als wärest du mein Weib. Bei Tage ruft dich der Schrei einer Elster zu mir, und nachts der Schrei einer Eule. Das vergiß nicht, auch wenn du glaubst, daß ich fern sei. Und nun geh!«

»Willst du uns verlassen?« fragte sie neugierig.

»Geh!« wiederholte er gebieterisch und stampfte mit dem Fuße. »Gehorche!«

Sie wich erschrocken von ihm und war gleich darauf verschwunden.

Es wurde Nacht.

Das Volk strömte in Haufen zu der Beratungshütte. Ein lichter Schein fiel ins Freie. Bald ertönte dort Gesang und Trommelklang und das Jauchzen und Kreischen der Weiber und Mädchen, das Lachen der Männer mischte sich darein. Das Fest zu Ehren der beiden jungen Krieger hatte begonnen.

Im übrigen Lager bellte noch hier und da ein Hund, und aus einigen Wigwams erschallte noch kurze Zeit das jammernde Schreien mehrerer Kinder, die von ihren vergnügungssüchtigen Müttern verlassen waren. Dann war es still, während in dem großen Tibi die Freude wuchs und der Lärm sich steigerte.

Hell und heller wurde es am östlichen Horizont, bis der Mond langsam heraufgezogen kam und sein geisterhaftes Licht über die Höhen warf.

Er beleuchtete einen Reiter, der sich mit zwei Packpferden rasch dem Camp näherte. Hier schien der Reiter genau Bescheid zu wissen, denn er ritt geraden Weges auf einen Wigwam zu, vor dem er aus dem Sattel sprang. Nachdem er seine Pferde abgeladen und abgesattelt hatte, führte er sie durch das Lager nach dem Flusse. Dort band er sie an dem Gestrüpp fest. Als er den Strick des letzten Gaules um das Geäste eines Busches schlang, veranlaßte ihn ein dunkler Schatten, der vor ihm niederfiel, zur Seite zu blicken.

Andrew Brown stand bei ihm.

»Ich grüße Euch, Tom Collins«, sagte er in seiner kurzen Weise. Der Indiantrader reichte ihm heiter lächelnd die Hand. »Wie geht es dir, mein Junge? Na! Hier herrscht ja eitel Lust und Freude, wie ich sehe oder vielmehr höre. Hui! Das nenne ich vergnügt sein! Vor allem aber nimm heute nochmals zuerst meinen wärmsten Dank entgegen, daß du mir vor vier Wochen dein Pferd geliehen hast. Potz Wetter! Zu Fuß wäre ich nicht weit gekommen! Meine Schmerzen nahmen noch ganz beträchtlich zu, obgleich ich sehr sanft im Sattel saß, und am nächsten Tag war ich steif wie ein Brett. – Hier ist der Gaul mit vielem Dank zurück. Ich habe ihn gut gepflegt. Du siehst, er ist ordentlich fett geworden.« »Behalte ihn! Ich brauche ihn nicht mehr«, erwiderte der Bursche. »Ich möchte Euch noch um etwas anderes bitten! Ihr kennt den schwarzen, spitzen Felsen nicht weit vom Yellow-Fork. Wir trafen uns schon einmal dort. Dicht hinter dem Felsen ist eine Höhle. Die Feder einer Elster wird Euch die Stelle bezeichnen, wo ein Felsblock den Eingang verdeckt. In der Höhle liegen Büffel- und Wolfsfelle, Hirschhäute und Decken. Nehmt sie auch! Ich würde mich ärgern, wenn sie in die Hände der roten Brüder fielen, denen ich den Rücken wende.«

»Du willst mich also doch begleiten?« fragte Tom Collins erfreut.

Andrew schüttelte den Kopf.

»Nein!« antwortete er kurz. Doch als er die enttäuschte Miene seines väterlichen Freundes sah, fügte er hinzu: »Wenigstens jetzt nicht. Was Ihr bei unserem letzten Zusammentreffen vermutet, ist eingetroffen. Ich wurde nicht zum Krieger ernannt. Ich blieb ein Knabe – ein Knabe!« wiederholte er höhnisch und drohte mit der geballten Faust nach dem großen Wigwam, aus dem anhaltender Jubel herüberdrang.

»Durch die Weißen will ich es euch lehren, ob ich es noch bin!« stieß er zornig hervor.

»Armer Junge«, sagte der Indianertrader mitleidig. »Du wirst die bittere Enttäuschung schwer überwinden. Ich wollte, ich hätte sie dir ersparen können! Hättest du nur auf meinen Rat gehört! – Aber ich verstehe dich nicht. Du willst doch nicht allein zu den Weißen gehen? Tue es nicht, mein Junge! Wenn du mich durchaus nicht in meinen Fuchsbau begleiten willst, so laß mich wenigstens mit dir zu ihnen gehen, damit sie dich freundlich aufnehmen. Ich befürchte, du könntest sonst noch mehr Enttäuschungen erleben.«

»Nein, nein! Ich gehe allein!« versetzte der Bursche heftig.

»Seht auch Ihr noch den Knaben in mir, der einer Aufsicht bedarf?«

»Ich kann dich nicht zwingen, mir und meinem wohlgemeinten Rate zu folgen. So werde denn durch eigene Erfahrungen klug! Sie werden wahrscheinlich trübe genug sein«, sagte Tom Collins ernst. »Gebe Gott, daß sie gute Folgen für dich haben!«

»Zürnt mir nicht!« bat Andrew Brown. Der Ton seiner Stimme war völlig verändert, beinahe flehend. »Alles in mir drängt mich, daß ich mein kochendes Blut beruhige. Das kann ich aber nur, wenn ich allein – – –. Fragt mich nicht weiter! Es ist möglich, daß ich nach Eurer Ansicht wieder falsch handle, aber ich kann nicht anders. Bleibt auch künftig mein Freund! Von hier scheide ich mit Ekel! War ich bisher heimatlos, jetzt bin ich es noch mehr.«

Der Indiantrader reichte ihm bewegt die Hand. »Lebe wohl, mein Junge! Ich sehe ein, daß ich dich nicht halten kann. Gehe und versuche dein Heil weiterhin allein! Hoffentlich kommt die Zeit bald, wo du dich nach Ruhe sehnst. Dann erinnere dich, daß du bei mir immer ein Heim finden wirst. – Gott sei mit dir und führe dich auf den rechten Weg! Auf Wiedersehen!«

Andrew drückte ihm die Rechte, die er ihm bot, mit beiden Händen. »Lebt wohl!« flüsterte er. Dann riß er sich los und eilte in wilder Hast davon.

Gleich darauf verließ er das Indianerlager zu Pferde. Er führte zwei mit Decken und Fellen beladene Pferde hinter sich her.

Nohoste-ia, die sich hinter dem Stamm eines Baumes versteckt hatte, sah, wie er davonritt. Ihr war, als könne sie nun erleichtert aufatmen. Sie hatte nie ein unangenehmes Gefühl gehabt, wenn sie daran dachte, sein Weib zu werden. Dennoch wußte sie jetzt, daß sie ihn noch mehr fürchtete als ihren Vater.

Sie war froh, daß Andrew ihn hindern wollte, sie fernerhin zu schlagen, und sie war fest überzeugt, daß es so kommen werde, wenn sie auch noch nicht wußte, wie das geschehen könnte. Das beruhigte sie vollkommen. Darum hüpfte sie vor Freude und rannte zu dem jauchzenden Volke in den großen Wigwam. Tanzen war ihr liebstes Vergnügen.

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