Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Joachim Pajeken >

Andrew Brown - Der rote Spion

Friedrich Joachim Pajeken: Andrew Brown - Der rote Spion - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/pajeken/rotspion/rotspion.xml
typefiction
authorFriedrich J. Pajeken
titleAndrew Brown ? Der rote Spion
publisherLoewes Verlag
illustratorWilly Planck
firstpub1894
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091025
projectidb68a57ea
Schließen

Navigation:

Um Leben und Tod

Die Arrapahoës hatten ihr Dorf durchaus nicht mehr so siegesgewiß verlassen, wie sie es anfangs waren. Das hatte die Warnung Andrew Browns und auch seine Weigerung bewirkt, sie im Kampfe zu führen. Sie waren sehr gemächlich weitergezogen, bis sie mit ihren Verbündeten zusammentrafen, von denen sie bereits ungeduldig erwartet wurden.

Nun ging es rascher vorwärts. Denn die Häuptlinge der Crows und der Cheyennes und die Krieger, die sie zu den Arrapahoës begleitet hatten, hatten ihren Völkern daheim verschwiegen, was in der Beratungshütte vorgefallen war. Die Medizinmänner der Cheyennes und der Crows hatten ihren Kriegern einen unbedingten, glänzenden Sieg und die Erbeutung vieler Skalpe der Weißen vorausgesagt. So konnten sich die Männer der beiden Stämme kaum gedulden, dem verhaßten Feinde gegenüberzustehen, um ihn zu vernichten.

Mit blitzenden Augen in dem gelb, weiß und rot bemalten Gesichte und mit heiterer Miene saßen sie auf ihren Pferden, die durch das reichlichere Frühlingsfutter etwas munterer und weniger mager aussahen. Sie hatten die kurze Büchse quer vor sich auf dem Sattel, der aus Hirschgeweihen oder Rippenknochen des Büffels hergestellt war. Ihr großes Messer hatten sie zum Griff bereitgerückt am Gürtel, und die doppelsträhnige Peitsche in ihrer Rechten. Mit ihr trieben sie ihre Gäule, die an eine derartige Züchtigung gewöhnt waren, unaufhaltsam zur Eile an.

Einige waren auch noch mit ihrer Lanze und dem runden, bunt gefärbten, mit Federn und Skalphaaren oder Büffelschwänzen geschmückten Schild bewaffnet. Anderen steckte noch außer dem Messer der beilartige Tomahawk im Gürtel, wieder andere hatten einen Kriegskloben aus hartem, schweren Holz, in dessen dickerem Ende eine dolchförmig geschliffene Messerspitze saß oder ein spitz zulaufendes, keilartiges Stück Holz eingefügt war. Ein alter Krieger mit stark ergrautem Haar war sogar noch mit Pfeil und Bogen ausgerüstet, worauf er nicht wenig stolz zu sein schien.

Die Kleidung der meisten bestand aus einem Lederhemd mit langen Fransen aus Leder oder bunten Wollfäden an den Ärmeln, auf der Brust und im Rücken. Hierzu trugen sie lederne, zwischen den Beinen offene Beinkleider. Sie waren ebenfalls mit Fransen versehen, und unterhalb des Knies an den Seiten aufgeschlitzt und reichten weit über die Mokassins, die ihre Füße bedeckten und zum Teil reich mit Perlen bestickt waren.

Beinahe allen hing das Haar in langen Strähnen bis tief in den Nacken oder über die Schultern hinab. Es war geflochten oder mit roten, blauen und gelben Bändern umwickelt und durch Büffelhaare noch verlängert. Einige hatten es auch am Hinterkopf, an dem bei sämtlichen drei Federn befestigt waren, zu einem Knoten verschlungen.

Die Häuptlinge trugen ihren vollen Kriegsschmuck: um das Haupt einen Kranz von aufrechtstehenden Adlerfedern! von diesem fiel hinten ein Streifen bis zu einer Ferse hernieder, an dem sich gleichfalls Federn dicht aneinander reihten. Hoto-oa-oa hatte den Streifen an eine Art Mantel von dunkelblauem Wollstoff geheftet, der ihm von den Schultern faltig herabwallte. Die Arrapahoës waren ähnlich bekleidet und bewaffnet. Doch sie saßen auf ihren Gäulen wie auf dem Rücken eines Kameles, da der ohnehin schon hohe Sattel durch Büffelfelle und Decken noch mehr erhöht wurde. Ihre Haltung war gebückt. Ihre Mienen wurden immer bedrückter, je weiter sie kamen und je mehr ihre Verbündeten auch sie zur Eile antrieben. Jene waren ihnen sehr bald eine beträchtliche Strecke voraus. Hätten Hoto-oa-oa und Mulake-top sie mit mehreren anderen Kriegern der Cheyennes und der Crows nicht gehöhnt und verspottet und dadurch ihren Ehrgeiz herausgefordert, so wären die meisten von ihnen gänzlich zurückgeblieben.

Etwas abseits von den übrigen trottete Mitasa-o auf einem starkknochigen, langbeinigen Gaule einher. Wenn auch sein Rücken gekrümmt war und sein Kopf wie bei den anderen auf die Brust herabhing, so lag in seinem Gesichte nicht der Ausdruck der Sorge und Angst, sondern ein verächtlicher Zug. Seine kleinen, listigen Augen schauten von Zeit zu Zeit schadenfroh auf seine Brüder hin. Dann stimmte er auch wohl, ungeachtet der wütenden Blicke Waha-us und hauptsächlich Woternihit-schas, dem bisweilen ein leises Zittern durch die Glieder rann, in die Rufe der beiden Häuptlinge der verbündeten Stämme ein, die zur Eile anfeuerten.

Neben den Kriegern ritt Andrew Brown. Er saß hochaufgerichtet im Sattel. Doch er sah traumverloren ins Leere, und bisweilen zuckte es wie Schmerz um seinen Mund. In den letzten wenigen Tagen, während deren er mit dem roten Volke auf dem Kriegspfade einherzog, war er ein völlig anderer geworden. Heute schämte er sich seiner früheren wilden, zügellosen Leidenschaft. Aus seinem Herzen war jede gehässige Empfindung verschwunden.

»Deinen Feinden sollst du verzeihen«, sagte ihm Mister Gloster einst, und Tom Collins hatte es ihm häufig wiederholt, wenn er auf die Buntröcke und auf seinen Vater schalt, die ihm damals verhaßt waren. Wieviel mehr war er verpflichtet, Waha-u und Woternihit-scha zu vergeben, was sie gegen seine Mutter, seinen Vater und gegen ihn verschuldeten! Standen sie und ihre roten Genossen in ihren Gesinnungen nicht tief unter ihm? Konnte er Wölfen zürnen, wenn sie auf Raub ausgingen?

Sie wußten nicht, was Sünde war. Sie handelten, wie diese Tiere; aber er, – ja, er erkannte, wie sehr er gesündigt hatte, indem er sein Volk verriet. Er hatte es mehr aus Rache gegen jene beiden roten Männer getan, als um die Weißen vor Unheil zu bewahren. Nun erschien ihm sein Volk wie eine Herde Rinder, die zur Schlachtbank geführt wurde. Die Absicht, seine Waffen von sich zu schleudern, sobald der Kampf begann, und zu warten, bis eine Kugel aus den Reihen der Weißen seinem Leben ein Ende machte, hatte nichts Beruhigendes mehr für ihn. Er dachte im Gegenteil mit Grauen daran, daß er nach seinem Tode Gott, seinem Richter, schuldbeladen gegenübertreten sollte. Dieser Gedanke legte sich immer schwerer auf seine Seele.

Konnte denn seine Schuld in keiner Weise von ihm genommen werden? – Ja! Wenn er aufrichtig bereute, was er verbrach. Wenn er die Folgen seines Vergehens verhinderte, soweit es sich ermöglichen ließ, dann verzieh ihm Gott seine Sünde, – Gott, der wohl streng, aber auch gnädig war. Er mußte versuchen, die roten Krieger zurückzuhalten. Er mußte ihnen mitteilen, daß die Weißen auf ihren Angriff vorbereitet waren.

Er zögerte eine kurze Weile. Dann ritt er wie von ungefähr an die Seite des Medizinmannes, der soeben abermals hämisch das »U-ha!« wiederholte, das Hoto-oa-oa den Arrapahoës von weitem zurief.

Leise sprach er: »Das rote Volk zieht in sein Verderben!«

Mitasa-o musterte ihn forschend. »Weißt du es gewiß?«

»Ich bin davon überzeugt«, antwortete Andrew ausweichend.

»Wann wird der Feind bei uns sein?« fragte der Medizinmann lauernd.

Überrascht sah ihn der Bursche an. »Wie soll ich das wissen?«

»Hast du es nicht mit Rotbart verabredet?« versetzte Mitasa-o mit einem verschmitzten Lächeln.

Obgleich Andrew gewillt war, dem Medizinmann seine Tat zu beichten oder wenigstens anzudeuten, erschrak er jetzt dennoch. »Du weißt, daß ich mit ihm zusammengekommen bin, und du warntest die Brüder nicht schon, bevor sie den Kriegspfad betraten?« sagte er bestürzt und erstaunt zugleich. »O, halte sie zurück! Mich gereut mein Verrat, und deshalb – – – «.

»Still!« befahl Mitasa-o, indem er einen Blick auf die Krieger warf; denn einige unter ihnen beobachteten ihn und seinen Begleiter scharf.

Mit teuflischer Miene fuhr er flüsternd fort: »Mein Mund schweigt. Spricht deine Zunge zu den Männern dort ein Wort von dem, was nur wir beide wissen, so sitzt mein Eisen in deiner Kehle.«

Er lockerte sein Messer in der Scheide am Gürtel. »Hoto-ao-ao ist Medizinmann und Häuptling. Auch ich bin es, sobald das Blut des Feiglings Woternihit-scha die Erde färbt. Du weichst mir nicht von der Seite, bis der Kampf beginnt, Ataha-sa!« fügte er hinzu und zog das Messer, als sich Andrew voller Ekel und Verachtung von ihm abwandte. »In deinen Adern rinnt zuviel Blut deines weißen Vaters.«

Ein Sturm von Gedanken wirbelte dem Burschen durch den Kopf. Das arme rote Volk! War es nicht schon hinreichend, daß fremde Gewalten es seinem unfehlbaren Untergang näher und näher brachten? Mußten die roten Männer auch noch gegenseitig auf ihr Verderben sinnen? Andrew fühlte sich jetzt doppelt verpflichtet, zu tun, was in seinen Kräften stand, um die Ahnungslosen vor der Gefahr zu schützen, die ihnen schon nahe bevorstand. Doch wie konnte er es ausführen? Es genügte nicht, ihnen ein »Halt!« zuzurufen. An einer weiteren Aufklärung hinderte ihn gewiß Mitasa-o. Der machte seine Drohung zweifellos wahr, wenn er dessen Befehl mißachtete. Gab es denn kein anderes Wort, das alles in sich faßte? »Verrat!« Das war das richtige. Es mußte die roten Brüder zurückschrecken, und blieb ihm noch Zeit, so konnte er hinzufügen, daß er sie verraten hatte. Es war gleich ob er durch die Weißen oder durch den Medizinmann starb. Jetzt fürchtete er Gott, seinen Richter, nicht mehr.

Er nahm die Zügel fester in die Hand, um sein Pferd mit einem Ruck herumzureißen und dann seinen Vorsatz auszuführen, – da krachte plötzlich auf einer mit Buschwerk bedeckten Anhöhe eine Büchsensalve, und die Kugeln flogen ihm pfeifend an den Ohren vorüber.

Im Nu waren Mitasa-o und sämtliche Arrapahoës aus dem Sattel und auf den Boden niedergestreckt. Es hatte den Anschein, als ob alle vom Pferde geschossen seien. Aber nur einen Augenblick lagen sie still. Dann rafften sie sich wieder empor, bestiegen ihre Gäule hastig aufs neue und hetzten, tief auf den Hals der Tiere gebeugt, dahin zurück, von wo sie gekommen waren.

Das Gelände war stark hügelig, und streckenweise mit Buschwerk und Bäumen bewachsen.

Jetzt erhob sich auch dort, wo die Cheyennes und die Crows einherzogen, ein lebhaftes Büchsenfeuer. Von dem Hügel, von dem zuerst geschossen worden war, eilte eine Kolonne nach jener Richtung.

Immer schneller aufeinanderfolgend krachten jetzt die Schüsse.

Andrew blickte sich um. Er war allein. Langsam setzte er seinen Weg fort. Ein heftiger Kampf schien sich vor ihm zu entwickeln.

Er ritt auf eine Anhöhe hinauf. In einer weiten, mit Buschwerk bedeckten Bodensenkung sah er die Cheyennes und die Crows teils versteckt in den Büschen, teils hinter ihren Pferden liegen, die am Boden ausgestreckt waren und die sie als Schutzwall benutzten. Die Indianer schossen auf die Höhen im Osten, Norden und Westen. Die knatternden Schüsse der Soldaten verursachten ein Geräusch wie Hagel, der auf Zinkdächer niederprasselt. In dichten Massen zog der Rauch auf den Höhen von dannen, während in der Niederung eine mächtige Staubwolke emporwirbelte, die von den Kugeln stammte, die dort in Mengen einschlugen.

Die roten Krieger erkannten bald, daß sie dort, wo sie sich befanden, dem Bleiregen zu stark ausgesetzt waren. Wenn auch die meisten Kugeln keinen Schaden unter ihnen anrichteten, so trafen doch einzelne todbringend so manche Rothaut. Plötzlich rafften sie sich auf wie vorhin die Arrapahoës. In der nächsten Sekunde saßen sie auf dem Rücken ihrer Pferde. Sie flohen aber nicht wie ihre Verbündeten, sondern jagten vorwärts. Sie schlugen ihre Gäule mit den Fäusten auf Hals und Kopf und stießen ein Geheul aus, das dem einer losgelassenen Meute Hunde ähnlich war. Sie jagten dem Feinde entgegen die Höhen hinauf, der, von dem unerwarteten Angriffe überrascht, das Feuer einstellte und sich gleich darauf eilig zurückzog.

Doch so leicht wurde den Indianern ihr kühnes Vorgehen nicht. Zweimal rasch nach einander ertönte ein donnergleiches Krachen im Osten. Dort waren die Kanonen aufgefahren, und die Kugeln beider Schüsse rissen eine empfindliche Lücke in die Reihen der Stürmenden. Diese stutzten sogar sekundenlang. Dann aber jagte Hoto-oa-oa weiter, allen voran. Sein blauer Mantel, an dem der Streifen des Kriegsschmuckes geheftet war, flatterte im Winde. Er schwang die Büchse in der Rechten; das große Messer trug er zwischen den Zähnen. Mulake-top folgte seinem Beispiel. Unter erneutem Geheul hetzten die Cheyennes und die Crows ihren mutigen Führern nach. Als sie den Gipfel der Höhen erreichten, entluden sich die Kanonen von neuem. Sie waren jedoch zu hoch gerichtet. Die Kugeln flogen sausend über die roten Krieger hinweg, die jetzt auf einer weiten, welligen Fläche mit Felsblöcken und Vertiefungen genügend Deckung fanden.

Ihnen gegenüber, wieder hinter mehreren Höhen, hatten sich die Soldaten festgesetzt, was ihr von neuem beginnendes Büchsenfeuer verriet.

Die Kanonen rasselten von ihrem bisherigen Platze fort und fuhren weiter nördlich bei einer Felsengruppe auf, deren rotes Gestein sich lebhaft von dem grünen Gelände abhob.

Viele der Indianer, hauptsächlich aus dem Stamme der Cheyennes, aber auch aus dem der Crows, waren verwundet. Doch die Getroffenen beachteten es kaum. Sie freuten sich mit ihren Brüdern des erfochtenen Sieges und damit der Gewißheit, daß der gute Geist mit ihnen war. – Es ist zudem einen Tatsache, daß der Indianer ruhig weiterkämpft, auch wenn er aus vielen, oft schweren Wunden blutet. Auch hierin ähnelt er dem Tiere. Erst eine tödliche Wunde streckt ihn nieder.

Nachdem die Crows und die Cheyennes hinter der Anhöhe verschwunden waren, ritt auch Andrew Brown hinter ihnen her. Er mußte der Tapferkeit, die sie soeben bewiesen hatten, seine volle Achtung zollen. Zugleich beschlich ihn jedoch ein wehmütiges Gefühl. Was half es den armen roten Leuten, daß sie die Weißen jetzt zurückdrängten? Schließlich wurden sie dennoch von ihnen besiegt. Dann aber wurden sie noch mehr unterdrückt, um sie zum Frieden zu zwingen.

Als er sich in der Niederung befand, veranlaßte ihn ein Geräusch im Rücken, sich umzusehen. Langsam kamen die Arrapahoës, von Mitasa-o und Waha-u angetrieben, ihm nach. Er merkte wohl, wie die Augen des Medizinmannes fest auf ihn gerichtet waren und wie dieser einmal die Büchse wie zum Schusse gegen ihn erhob. Mitasa-o wollte ihm vermutlich andeuten, was ihn erwartete, sobald er Miene machte, die roten Krieger aufzuhalten, die er nur mit Mühe wieder zum Vorrücken gebracht hatte. Andrew ließ sie herankommen und schloß sich ihnen dann an. Es hatte keinen Zweck mehr, daß er ihnen jetzt noch eingestand, wie er sie verriet. Sie mußten bereits ahnen, daß die Anwesenheit des Militärs, das sie noch viele Meilen entfernt in der Befestigung wähnten, nicht zufällig war.

Wieder lastete ihm seine Tat schwer auf der Seele, und mit ihr auch die Furcht vor dem Tode und seinem göttlichen Richter. Die Arrapahoës bewegten sich immer zaghafter vorwärts. Sie taten es besonders, als sie die Höhen hinaufritten hinter denen sie ihre Verbündeten wußten. Von dorther hörten sie auch das drohende Krachen der Schüsse.

Einer der letzten war Woternihit-scha. Die Rechte hielt er am Kopfe. Sie war von Blut gerötet. Dieses mischte sich auch von der Stirne rinnend, mit der gelben Farbe seines furchtverzerrten Gesichtes.

Kurz bevor die roten Krieger auf dem Gipfel der Anhöhe anlangten, ließen sie sich aus dem Sattel gleiten und setzten ihren Weg kriechend fort. Dann stürzten sie unter ohrenbetäubendem Geheul, mit dem sie wahrscheinlich ihre Angst verscheuchen wollten, über den Gipfel hinweg in die Deckungen der Cheyennes und der Crows. Kaum sahen sich diese so verstärkt, als sie aus ihren Verstecken hervorstürmten und gegen den Feind vorgingen. Dieser empfing sie mit heftigstem Schnellfeuer. Auch die Kanonen spieen wieder donnernd ihre Kugeln in die Reihen der Angreifer. Diese aber eilten mutig weiter und rissen die Arrapahoës mit sich. Nur ein Teil unter ihnen warf sich zur Erde und stellten sich tot. Andrew war nicht vom Pferde gestiegen. Er blieb auf dem Gipfel der Anhöhe zurück und erwartete dort mit Spannung die weitere Entwicklung des Kampfes.

Dieses Mal verließen die Soldaten ihre Stellung nicht sofort. Sie sandten Schuß auf Schuß den Indianern entgegen, so schnell es ihnen möglich war. Diese näherten sich den Soldaten rasch. Als sie jedoch bis auf kaum fünfzig Schritte herangekommen waren, ließen Hauptmann Grover und Hauptmann Gribol zum Rückzug blasen. Sie befürchteten, daß ihre Leute einem Handgemenge mit den zahlreichen roten Kriegern nicht gewachsen seien. So zog sich das Militär in geschlossenen Kolonnen nach einem felsigen Gelände zurück, das etwa eine halbe Meile nördlich lag. Eine fortgesetzt eifrig schießende Schützenlinie deckte den Rückzug. In der neuen Stellung verschanzte sich das Militär schnell und überschüttete von hier die nachfolgenden Indianer mit einem derartigen Hagel von Kugeln, daß sie zuletzt nach längerer, verzweifelter Gegenwehr hinter die südlichen Höhen zurückwichen. Sie nahmen eine beträchtliche Anzahl Toter und Sterbender mit sich.

»Jingo and Jefferson! Das war ein Stück Arbeit!« sagte James Jymsby zu Biesterfeld, indem er sich den Schweiß aus dem vom Pulverdampf geschwärztem, pockennarbigen Gesichte rieb. Er kniete mit Biesterfeld hinter einem Felsblocke. »Der Lauf meiner Büchse ist so heiß, daß man sich die Finger daran verbrennt.«

Der Kamerad nickte beistimmend. Die Hand, mit der er sich von der Wärme seines Büchsenlaufes überzeugen wollte, zog er hastig zurück. »By Jove! Ja, darin sitzt Hitze! – Na! es ist kein Wunder! Ich habe soeben einige dreißig Patronen verschossen, und Ihr nicht minder!«

»So ist es! – Jehosaphat! Wenn heute sämtliche Kugeln getroffen hätten, sähe jetzt jeder rote Mann wie eine Pfefferdose aus! Das muß ihnen der Neid lassen, die Kerle haben Mut gezeigt!«

»Wenn die Indianer nicht durch Zeichen, die ungünstig sind, vorher entmutigt werden oder wenn sie nicht plötzlich überrascht werden, so sind sie im offenen Kampfe immer recht tapfer. Die Kolonne von Leutnant Marber schoß heute viel zu früh. Daher wurde die geplante Überrumpelung der ganzen Sippe unmöglich«, erwiderte Biesterfeld.

Jeder von Ihnen nimmt an, daß gerade er getötet wird, wenn sie in den Krieg ziehen, darum haben alle gewissermaßen mit ihrem Dasein hier auf Erden abgeschlossen. Da sie außerdem von dem herrlichen Leben nach ihrem Tode in den glücklichen Jagdgründen fest überzeugt sind, schreckt sie das Sterben nicht im geringsten. Ich werde mir übrigens fortan mehr Mühe geben, zu treffen, und nicht wie bisher blind dazwischenpfeffern«, fügte er hinzu und legte eine Handvoll Patronen neben sich auf einen Stein.

»Wie? Glaubt Ihr denn, daß die roten Kerle noch einmal wiederkommen?« fragte James Jimsby erstaunt.

»Aber natürlich« lachte der Kamerad. »Erstens haben sie uns zweimal zurückgeworfen. – das hat ihnen den Mund wäßrig gemacht, – und dann wissen sie ohne Frage, daß sie ganz bedeutend zahlreicher sind als wir. Sonst wären sie nicht so tollkühn gegen uns vorgerückt. Macht Euch nur getrost noch auf mehrere Angriffe gefaßt! Hoffentlich gelingt es uns, sie bis heute abend abzuschlagen. Wir werden die Nacht jedenfalls benutzen um uns mit der Verstärkung zu vereinigen, die von Fort Reno nachrückt. Das ist unbedingt nötig, wie ich Hauptmann Grover vorhin sagen hörte. Vorher können wir einen erfolgreichen Angriff auf den Feind, der uns an Zahl weit überlegen ist, nicht wagen. Leutnant Marber sollte ihm mit seiner Kolonne in den Rücken fallen. Wir wollten ihn gleichzeitig von vorn und von den Seiten angreifen. Wäre das geschehen, so hätten wir die roten Krieger, die durch die Überraschung verwirrt waren, trotz unserer geringeren Macht sehr wahrscheinlich gründlich in die Flucht geschlagen. Der arme Leutnant wird durch dieses Versehen vermutlich immer Leutnant bleiben. Nach Sonnenuntergang können wir uns unbehelligt zurückziehen. Der Indianer kämpft nachts nicht, da er der Meinung ist, daß ihn in den glücklichen Jagdgründen auch ein immerwährendes Dunkel umgibt, falls er dann stirbt.

»Ah, sieh da! Freund Körber!« wandte er sich an den Trapper. Dieser hatte seine Büchse am Riemen über die Schulter gehängt und trat auf sie zu. »Na! Habt auch Ihr Euer Feuerrohr heiß geschossen?«

Ben Körber lächelte. »Warm – ja! Ich gehe vorsichtiger als Ihr zu Werke. Meine Patronen kosten mich Geld. Da sorge ich schon dafür, daß ich sie nicht unnütz verknalle. Doch, was ich sagen wollte, Ihr habt auch nichts von dem Jungen, dem Andrew Brown bemerkt, nicht wahr? Mir will es nicht in den Kopf, daß er so schändlich handeln konnte, und nach allem, was – – – «

»Meint Ihr den roten Spion?« fragte ein Soldat, der mit anderen in der Nähe stand. »Gewiß, wir haben ihn gesehen, aber leider immer außer Schußweite. Er ritt wie ein Feldherr, der das Ganze befehligt, hinter den roten Halunken her. Am Kampfe beteiligte sich der Bursche nicht.«

Der Trapper riß seine Büchse von der Schulter. »So muß es also sein,« murmelte er vor sich hin. »Wetter! Es wird mir schwer! Doch du, mein alter Freund Tom Collins, bist mir mehr wert als der unverbesserliche Junge.« Er erklomm einen Felsen und hielt Umschau. Von den Indianern war weit und breit nichts zu sehen. Soeben verließen mehrere Streifwachen das Militär nach verschiedenen Richtungen.

Eine Stunde verrann.

Unter die Soldaten wurde neuer Schießbedarf verteilt. Dann setzten sie sich zu heiterem Geplauder in Gruppen zusammen. Einige murrten auch, daß auf Hauptmann Grovers Befehl die Karren mit den Lebensmitteln und dem Gepäck am Morgen zurückgeblieben waren. Nur die Kranken- und Munitionswagen folgten den weitermarschierenden Truppen nach.

»Wer weiß, wie lange wir noch hier liegen und hungern müssen,« schalt ein wohlgenährter Soldat.

»Hast recht!« erwiderte ein anderer ärgerlich. »Und wenn wir schließlich aufbrechen, können wir noch stundenlang laufen und warten, bis wir etwas Warmes zwischen die Zähne bekommen.«

»Wenn die roten Halunken unseren Mahlzeiten nicht für immer ein Ende machen,« ergänzte ein dritter mit trübseliger Miene.

»Oho!« rief der erste. »Daran wollen wir sie schon hindern. Vorläufig sind – – – «

Unter dem Militär entstand eine Bewegung. Die Streifwachen waren zurückgekehrt und hatten gemeldet, daß die Indianer von allen Seiten heranrückten.

»Die Waffen zur Hand!« erscholl überall das Kommando. Die Offiziere eilten hin und her und verteilten die Soldaten in einem weiten Kreise hinter Felsen und Steinhaufen.

Wenige Minuten später ließen sich auch schon die ersten federgeschmückten Köpfe der Feinde blicken. Das Büchsenfeuer begann von neuem in rascher Steigerung.

Ben Körber kniete auf einem kleinen Hügel zwischen mehreren Felsblöcken innerhalb des Kreises, den das Militär bildete. Er spähte scharf nach Osten, wo er unter den Indianern eine Anzahl Arrapahoës an ihrem breiten, blutroten Scheitel erkannt hatte. Bei ihnen konnte er Andrew Brown vermuten, für den die Kugel im Lauf seiner Waffe bestimmt war.

Die Hände zitterten ihm bei dem Gedanken, daß er dem Leben des Jungen ein Ende machen sollte. Er fühlte stärker als je, wie sein Herz an ihm hing. Das war ihm selbst unerklärlich, denn der Junge war ihm gegenüber stets schroff und unzugänglich gewesen und hatte ihm keine Veranlassung gegeben, ihn lieb zu gewinnen.

Trotz des Kugelregens, den das Militär den roten Kriegern entgegensandte, stürmten sie wieder unentwegt heran und stießen ihr Geheul aus, das dem Gebell der Hunde ähnelte. Aus ihren Mienen leuchtete die Gewißheit des Sieges. Sie klang aus ihrem Geheul und trieb sie vorwärts. Schon im nächsten Augenblicke kämpfte hier und dort Mann gegen Mann. Dann konnte das Militär nicht mehr in der Stellung bleiben, die es eingenommen hatte. Schießend wich es langsam zurück und benutzte im Kampfe Mann gegen Mann den Büchsenkolben als Waffe.

Der Trapper hielt immer gespannter Ausschau. Ein Haufe Indianer nach dem anderen tauchte vor ihm auf und kam näher und näher. Andrew Brown sah er nicht.

»Die Soldaten täuschten sich,« murmelte er voller Hoffnung. »Der Junge zog nicht mit seinen roten Brüdern aus. Wer weiß auch, ob er sie wirklich zum Kriege verleitet hat. Ich kann es mir nicht denken, wenn ich auch anfangs kaum daran zweifelte. Er hat den Verstand eines Weißen. An Gemüt wird es ihm ebensowenig fehlen, und dann konnte er nicht so schändlich handeln. Nein, nein! John Keister ist es um seine Begnadigung zu tun. Da hat er vielleicht den Jungen in seiner Angst nur angeschwärzt. Er wollte vermutlich das begründen, wozu er aus eigener Erfahrung keine Auskunft geben konnte. Später wird sich alles aufklären. Es wird sich erweisen, daß der Junge falsch beschuldigt wurde.«

Ben Körber war mit seinem ganzen Sinnen bei Andrew Brown. Er bemerkte nicht, daß das Militär mehr und mehr zurückgedrängt war, daß er sich bereits hinter den Soldaten und mitten unter den roten Kriegern befand.

Einer von ihnen, ein Häuptling, erblickte ihn. Er betrachtete den Weißen einige Sekunden erstaunt, während dieser regungslos nach Osten schaute und den Feind an sich vorüberstürmen ließ, ohne ihn zu beachten. Dann sprang er von hinten auf ihn zu und schwang seinen Kriegskolben zum tödlichen Schlage.

In diesem Augenblicke wandte sich der Trapper. Er schrak aus seinem Grübeln hervor und sah, daß er verloren war.

Aber die furchtbare Waffe traf ihn nicht.

Von der Seite fiel jemand dem Indianer in den Arm.

»Andrew Brown!« stotterte Ben Körber.

Der Bursche hatte den Häuptling an der Kehle gepackt. Er riß ihn zu Boden, kniete auf ihm und drückte ihn nieder.

»Ich warf meine Waffen fort, denn gegen die Weißen kämpfe ich nicht, – aber ein Stoß mit deinem Messer, und du wärest tot, Waha-u!« rang es sich von seinen Lippen. »Ein Schnitt über deine Stirn, ein Ruck und dein Skalp wäre mein! Nach deinem Glauben könntest du nie in die glücklichen Jagdgründe einziehen! Der Skalp ist für den Indianer gewissermaßen die Seele. Verliert er ihn, so glaubt er auch das Anrecht auf ein Weiterleben in den glücklichen Jagdgründen verloren zu haben. Und ich hätte gerächt, was du mir, meinem Vater und meiner armen Mutter getan hast, aber –« gewaltsam riß er sich los – »Gott verlangt, daß wir unseren Feinden verzeihen sollen. Ich will ihm gehorchen und nicht noch mehr Sünde auf mich laden. – Hier, Ben Körber! Euch übergebe ich diesen Mann. Ihr hättet ein gleiches, vielleicht ein noch größeres Recht, ihn zu morden. Macht mit ihm, was Ihr wollt!«

Der Trapper hatte nicht nötig, dem Häuptling den Lauf seiner Büchse entgegenzuhalten und ihm zu befehlen, sich nicht zu rühren. Waha-u lag wie gelähmt und starrte voller Entsetzen bald ihn, bald Andrew Brown an, der das Messer des Häuptlings ergriffen hatte und sich schützend und scharf umherspähend neben Ben Körber gestellt hatte.

Die heulend auf und nieder rennenden Indianer hatten jedoch ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre weißen Feinde gerichtet, die sie mehr und mehr auf einen Haufen zusammentrieben. Keiner bemerkte die bedrängte Lage, in der sich der Häuptling der Arrapahoës befand.

»Bist du der Geist des Mannes, den mein Auge vor vielen Sommern bei den Dakotas sah?« stotterte er. »Dein Weib kann ich dir nicht wiedergeben, es ist tot. Der mich aber in deine Hände lieferte, ist dein Sohn!«

Schon während seiner ersten Worte verstummten die roten Krieger plötzlich. Von hinten sausten wuchtige Kolbenschläge auf ihre Schädel nieder, und als sie sich betroffen umwandten, sahen sie sich von Soldaten umzingelt.

Die Verstärkung von Fort Reno war angelangt. Nachdem ihr Führer durch das Siegesgeheul der Indianer auf die Not des kämpfenden Militärs aufmerksam geworden war, war er mit seinen Leuten leise herangeschlichen. Er war im Kriege mit dem roten Volke erfahren und wußte, wie leicht dieses durch Überraschung in die Flucht zu treiben war. Sie glückte vollkommen.

Da machten die Soldaten, die sie eingeschlossen hatten, ihrer Freude über die immer sehnsüchtiger herbeigewünschte Hilfe in einem jubelnden »Hurra!« Luft. Auch sie stürmten jetzt mit erhobenen Büchsenkolben vor und drängten die Indianer, die vor Wut und Angst brüllten, zurück. Wem es gelang, die lebendige, todbringende Mauer glücklich zu durchbrechen, der floh, so rasch ihn nur seine Beine tragen konnten. Sie eilten zu den entfernt grasenden Pferden hin und flohen in wilder, verzweifelter Hast weiter.

In der nächsten Minute wimmelte das Gelände von fliehenden roten Kriegern und von der Reiterei der Weißen. Dazu donnerten die Kanonen noch einmal. Eine mächtige Staubsäule aufwirbelnd, schlug eine Kugel mitten in eine dichte Schar Indianer, die an einer der südlichen Anhöhen hinaufjagte.

Andrew Brown stand in der heftigsten Erregung. Er sah, wie viele rote Krieger, hauptsächlich die schon von vornherein furchtsamen, jetzt gänzlich verwirrten Arrapahoës den Soldaten zum Opfer fielen. Da sie nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, rannten sie, anstatt zu fliehen, wie blind immer wieder in ihr Verderben.

Andrew hörte nicht mehr, was Waha-u in seiner Angst und in dem Glauben beichtete, den Geist des Mannes vor sich zu sehen, dem er einst Weib und Kind raubte. Sein Herz schnürte sich ihm zusammen. Ihm war, als riefe ihm eine innere Stimme zu: »Du allein, Verräter, bist Schuld an dem Untergänge deiner roten Brüder.«

Dann aber klang es laut und höhnend aus dem Toben und Lärmen an sein Ohr: »Seht! Dort steht der rote Spion! Nieder mit ihm!«

Ein Soldat rief es und hob seine Büchse zum Anschlag.

»Halt ein!« schrie Hauptmann Grover, der auf seinem Pferde heransprengte. Doch – es war zu spät. Der Schuß krachte und Andrew Brown sank getroffen zu Boden.

Da erwachte Ben Körber aus der Erstarrung, in die ihn die Worte des Häuptlings versetzt hatten. War es denn möglich, was jener ihm sagte? Außer sich vor Erregung kniete er neben Andrew nieder.

Waha-u sprang auf und wollte entfliehen, aber James Jimsby und Biesterfeld, die soeben bei den Felsen vorüberkamen, packten ihn und warfen ihn wieder zu Boden.

»Halt! Halunke!« riefen sie. »Du bist unser Gefangener!«

Regungslos, mit halb geöffneten Augen lag Andrew Brown vor dem Trapper. Mit zitternden Fingern betastete er die Brust und das Gesicht des Jungen. »Sprach der rote Mann die Wahrheit?« stieß er hervor. »Du – du wärest mein Sohn?«

»Ja – ich – bin – es,« erwiderte Andrew Brown kaum vernehmbar. Er rang nach Atem. »Verzeiht – mir! – Ich – handelte – nicht – – – «

»Mein Sohn! Mein Sohn!« unterbrach ihn Ben Körber tief bewegt. Er umklammerte ihn mit beiden Armen und drückte ihn fest an sein Herz.

Etwa eine Woche später finden wir Andrew Brown auf einem Lager im Hospital des Forts Fetterman. Er ist kaum wiederzuerkennen, so erschreckend mager ist sein Gesicht. Die geschlossenen Augen liegen tief in den Höhlen. Nach sorgenvollen Tagen und Nächten für seinen Vater und seine beiden Freunde, Tom Collins und Mr. Gloster, schläft er seit einigen Stunden zum ersten Male fest. Alle drei sind auch jetzt wieder an seinem Bett versammelt. Soeben hat der Arzt ihnen mitgeteilt, daß die kräftige Natur des Burschen siegte. Trotz der gefährlichen Wunde werde er bei sorgfältiger Pflege vollständig geheilt werden.

Auf dem Schlachtfelde hatte Ben Körber in seiner Aufregung über das unverhoffte Wiedersehen erst nach einer Weile bemerkt, daß er seinen Sohn bewußtlos in den Armen hielt. Als er fühlte, daß Andrew das Blut in Strömen aus einer Wunde an der linken Seite rann, irrte er verzweifelt umher, bis er einen Arzt fand, der seinen Sohn verband. Er erzählte Hauptmann Grover kurz, welche Entdeckung er gemacht habe. Der Hauptmann veranlaßte darauf, daß der Bursche mit einem schwer verwundeten Offizier sofort auf einem Krankenwagen nach Fort Fetterman gefahren wurde.

Der Trapper erfuhr dann von Hauptmann Grover, Andrew Brown habe John Keister von der Absicht des roten Volkes benachrichtigt, daß es schon am nächsten Tage den Kriegspfad betreten wolle. Er habe John Keister auch zur größten Eile veranlaßt. Als Ben Körber mit seinem Sohne glücklich im Hospital angelangt wir, ergriff Andrew ein heftiges Wundfieber. Aus den wirren Reden erfuhr er auch, was Andrew von seinen Freunden fortgetrieben hatte. Tom Collins wurde sogleich auf freien Fuß gesetzt, als er in Fort Fetterman ankam. Er teilte sich mit Mr. Gloster und seinem alten Freunde in die Pflege Andrews.

Waha-u und Woternihit-scha waren mit einer Anzahl roter Krieger als Gefangene in die Befestigung gebracht worden. Sie sagten bereitwillig aus, und Andrew Brown wurde so von allen Beschuldigungen entlastet. Die zwei Häuptlinge bekannten, in der Hoffnung, ihre Freiheit wieder zu erhalten, daß die Cheyennes und die Crows den Kriegszug gegen die Weißen schon seit Monden geplant hatten. Sie hätten sich beiden Stämmen nur gezwungen angeschlossen, da sie in Freundschaft mit ihnen lebten. Sie hätten Andrew Brown zurückgelockt, weil sie ihn wegen der Kenntnisse ausnutzen wollten, die er sich bei den Weißen erworben habe. Sie wollten ihn auch als Führer gebrauchen. Andrew habe sich jedoch entschieden geweigert, ihnen zu Diensten zu sein.

Das offene Geständnis der Häuptlinge und der Versuch, die Schuld an dem Kriege auf die Verbündeten zu wälzen, half ihnen nichts. Sie wurden beide zum Tode durch Erschießen verurteilt. Die mit ihnen gefangenen Krieger durften zu ihrem Volke zurückkehren, nachdem sie Frieden gelobt hatten.

John Keister hatte dem Militär wertvolle Dienste geleistet. In ihrer Anerkennung und auf besondere Fürsprache des Soldaten, den er vor Jahren in blindem Zorne beinahe getötet hatte, wurde er begnadigt.

Die drei Freunde waren über die günstige Mitteilung des Arztes, daß Andrew genesen würde, voller Freude. Sie blickten aus dem Zimmer des Hospitals eine Weile stumm auf den Platz hinaus, wo die Soldaten in Reih und Glied standen. Vor der Front hielt Hauptmann Grover zu Pferde mit seinen Offizieren. Die Leute lauschten in tiefem Schweigen ihrem Hauptmann, der mit lauter Stimme das Urteil vorlas, das über Waha-u und Woternihit-scha gefällt war.

Beide standen gefesselt inmitten der Soldaten. Waha-u hatte sich stolz aufgerichtet. In seiner Miene verriet nichts die Furcht vor dem nahen Tode. Auf dem Gesicht des Gefährten dagegen malte sich die größte Angst, und ein Schauer nach dem anderen rann durch seine Glieder. Er konnte sich auf seinen schlotternden Beinen kaum weiterschleppen, als die Kolonne, die den Befehl erhalten hatte, das Urteil zu vollstrecken, schließlich mit ihm und Waha-u zur Befestigung hinausrückte.

»Dem guten und warmherzigen Hauptmann Grover ist es gewiß schwer geworden, das harte Urteil anzuerkennen und zu bestätigen, das von sämtlichen Offizieren gefällt wurde,« sagte Tom Collins. »Aber es mußte sein. Die Arrapahoës brachen ihr Friedengelöbnis zu schnell! Die beiden Häuptlinge sterben ihnen und anderen Häuptlingen zur Warnung. Dem einen wird es augenscheinlich leicht. Er hängt wohl noch fest an dem Glauben seiner Väter und sieht dem Weiterleben in den glücklichen Jagdgründen mit ruhiger Erwartung entgegen. Der Glaube des anderen daran ist erschüttert, sonst würde es ihn nicht mit solcher Furcht erfüllen, aus dem Leben zu scheiden.«

Der Indiantrader schaute nachdenklich vor sich hin. »Vielleicht war ich die Ursache. Er war häufig zugegen, wenn ich meinem Schützlinge den Glauben an Gott zu erwecken versuchte. Dann höhnte er mich zwar. Aber doch blieb von meinen Worten vermutlich ein Samenkorn haften. Leider nur soviel, daß es ihm die Ruhe nimmt, mit der sein Genosse dem Tode ins Antlitz schaut. Ich bedaure den armen Mann von ganzem Herzen.«

»Gott sei Lob und Dank, daß mir mein Sohn erhalten bleibt!« sprach Ben Körber, der wieder an das Bett des Schlummernden getreten war.

»Wie erklärlich ist es mir jetzt, daß ich mich von Anfang an zu ihm hingezogen fühlte. Ach! Es gereut mich bitter, daß falsche Scham mich hinderte, Euch, Tom Collins, nicht schon längst eingestanden zu haben, daß auch ich einst zu den mißachteten Squaw-men gehörte. Dann hätte ich durch Euch den Jungen schon früher gefunden, und ihm wären sicherlich manche trübe Tage und Stunden erspart geblieben.«

»Wer weiß, ob es nicht besser ist,« versetzte der Indiantrader. »Wer weiß, ob Gott Euren Sohn nicht erst zur Arbeit und zum strebenden Menschen reifen lassen wollte, bevor er ihn Euch wieder schenkte.«

»Hm, hm! Und er tat wohl daran!« nickte der Trapper nach kurzem Nachdenken. »Die wankelmütige Sinnesart hat der Junge zum größten Teil auch von mir geerbt. Ich habe nie recht gewußt, was ich wollte. Früher wäre ich sehr wahrscheinlich nicht fähig gewesen, meinen Sohn so heranzubilden, wie es durch Euch und Gottes Fügungen geschah. Nun kann ich kaum noch irren. Meines Fehlers werde ich mich dennoch stets erinnern, während ich mein Ziel verfolge. Dies Ziel soll sein, daß ich das Wohlergehen meines Sohnes in jeder Weise fördere.«

»Zuerst muß er etwas Ordentliches lernen,« meinte Mr. Gloster eifrig. »Da er zu alt ist, um im Osten eine Schule zu besuchen, muß er dort tüchtigen Lehrern übergeben werden. Diese müssen ihn in die Kenntnis einweihen, damit er in der Welt als ein nützliches Mitglied der Gesamtheit mitarbeiten und mitstreben kann.«

»Ihr kraut Euch hinter dem Ohr und macht ein bedenkliches Gesicht, lieber Freund,« wandte er sich lächelnd an Ben Körber, der ziemlich ratlos vor sich niedersah. »Ich weiß, wo Euch der Schuh drückt. Eure Mittel werden nicht dazu ausreichen, den Jungen so zu erziehen, wie ich es vorgeschlagen habe. Doch dafür laßt mich allein sorgen, ich bitte Euch darum. Bin ich Andrew nicht zu großem Danke verpflichtet, daß er mich aus den Pranken des Bären rettete? Ich möchte diesen Dank wenigstens zum Teil abtragen. Was Ihr Euch erspartet, bewahrt für Eure alten Tage, damit Ihr dann Eurem Sohne nicht zur Last fallt. Ihr würdet ihn dadurch vielleicht in seinen Bestrebungen hindern. Mir stehen große Summen zur Verfügung. Vor einer Stunde empfing ich die Nachricht, daß mein alter Onkel in England gestorben ist. Er hinterließ mir neben dem Lordstitel sein sehr beträchtliches Vermögen. Heute darf ich wirklich behaupten, was ich früher in meinem lächerlichen Dünkel aussprach: Geld spielt bei mir keine Rolle! Und hier, wo es gilt, für den Jungen etwas zu tun, der auch mir lieb ist, sage ich es recht von Herzen gern.«

»Ich wäre froh, wenn ich auch Euch, Ihr beiden guten Freunde, dienen und Euch damit meinen Dank erweisen könnte! Ihr habt aus mir, dem nutzlosen Geschöpfe, einen, wie ich hoffe, brauchbaren Menschen gemacht,« fügte er zögernd hinzu.

»Das zeigt uns! Wir erfüllten nur unsere Pflicht gegen Euch; aber dann wird sie überreichlich belohnt,« antwortete Tom Collins und reichte dem Engländer die Rechte. »Wir glaubten schon, unser Leben sei verfehlt. Dann aber dürfen wir uns dem schönen, befriedigenden Bewußtsein hingeben, dennoch auf der Welt etwas genützt zu haben.«

»So ist es!« stimmte der Trapper seinem Freunde bei.

Mr. Gloster schüttelte beiden die Hände. »Ihr seid ein paar brave Menschen. Erhaltet mir Eure Freundschaft! Ich werde Euch die meine treu für alle Zeiten bewahren.«

Ein kurzes Krachen ertönte in diesem Augenblicke.

Der Verwundete schrak heftig zusammen, doch er erwachte nicht.

»Waha-u und Wotemihit-scha sind tot,« sagte der Indiantrader tief ernst. »Gott wird ihnen gnädig sein. Sie sündigten in ihrem Leben ohne zu wissen, daß sie es taten.« Andrew Brown seufzte laut auf. Dann sprach er leise im Schlaf:

»Jetzt, Mitasa-o, bist du Häuptling der Arrapahoës!«

*

Während meiner Streifzüge durch die Bighorn-Mountains vermißte ich eines Morgens zwei meiner Pferde. Die beiden Leute, die mich begleiteten, und ich selbst suchten bis Mittag nach den Pferden, doch umsonst. Ich gab die Hoffnung schon auf, sie jemals wiederzusehen, da begegnete ich einem kräftig gebauten Manne von dunkler, fast kupferbrauner Hautfarbe mit drei Soldaten, die sich auf dem Wege von New Fort Mc. Kinney nach Camp Brown befanden.

Ich klagte ihnen mein Leid. Da erklärte der Mann sich sofort bereit, die Pferde zu suchen. Er bat mich, ich möchte mit meinen Leuten und den Soldaten so lange auf dem Platze verweilen, wo wir nachts gerastet hatten.

Schon nach kurzer Zeit hatte er im hohen Ufergrase des Baches, der an dem Platze entlang rauschte, die Spuren der Gäule gefunden. Sie verloren sich dann in dem Bache selbst, und bedeutend weiter stromaufwärts entdeckte er sie wieder im Grase. »Gestohlen«, rief er mir zu. »Doch tröstet Euch! Ich schaffe sie Euch zurück. Auf Wiedersehen!«

Damit verschwand er, tief auf seinem Pferde niedergebeugt und die Augen am Boden geheftet, in einer breiten Schlucht, die in die Berge führte.

»Potz Wetter! Der versteht, einer Fährte nachzuspüren wie ein Indianer,« sagte ich voller Bewunderung zu den Soldaten.

»Na! Nach seiner Abstammung ist er auch ein Halbindianer,« sagte einer von ihnen. »In seinen Gesinnungen ist er jedoch durch und durch ein Weißer. Er ist ein prächtiger Mensch, der sich überall der höchsten Achtung erfreut.«

Ich erfuhr nun, daß sich der Mann Andrew Brown nannte. Er war von der Regierung schon seit vielen Jahren als Indianscout angestellt.

Gegen Abend kam der Halbindianer richtig mit den Pferden, die verloren waren, zurück. Er erzählte, daß sich seine Vermutung bestätigt habe. Da sich die Diebe jedoch in den Bergen festgerannt hätten, sei es ihm ein Leichtes gewesen, ihnen den Raub abzujagen. Ich war erfreut darüber, wieder im Besitze der Tiere zu sein und bot ihm eine Geldbelohnung an. Er schlug sie aus und lehnte meinen Dank ebenso bescheiden ab, indem er meinte, es sei seine Schuldigkeit, dort zu helfen, wo es ihm möglich sei.

Seine Uneigennützigkeit erweckte in mir ein noch größeres Interesse für ihn. Als ich mich später länger in den Befestigungen aufhielt, hörte ich manches aus seinem Leben, was mir die Veranlassung gab, seine Geschichte zu erzählen.

Im Osten hatte Andrew Brown in einigen Jahren reichlich nachgeholt, was er in seiner Jugend versäumte. Er war dort unter Aufsicht tüchtiger Lehrer, die sein Freund aus England mit seiner Erziehung betreute. Dann aber sehnte er sich doch wieder nach dem wilden Westen zurück, wo er rastlos bestrebt war, zum Wohle der Gesamtheit mitzuwirken.

Griff das rote Volk verzweifelt zur Streitaxt, indem es sich gegen die fortschreitende Kultur aufbäumte, die es mehr und mehr zurückdrängte, so verstand er es, die roten Brüder zu beschwichtigen. Er vermittelte zwischen ihnen und der Regierung, indem er zugleich dafür sorgte, daß man ihnen nach Möglichkeit gerecht wurde. So erhielt er den Frieden aufrecht und schonte dadurch manches Menschenleben.

Auch seinen Vater und dessen alten Freund lernte ich kennen. Ben Körber war noch immer Trapper, doch mehr zum Vergnügen. Die Zinsen seiner Ersparnisse reichten vollkommen aus, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Tom Collins betrieb für die Regierung als Agent in der Agency einer Befestigung, die weiter im Nordwesten lag, den Tauschhandel mit den Indianern. Er war stets emsig darauf bedacht, daß seine roten Freunde nicht übervorteilt wurden.

Lord Gloster errichtete aus eigenen Mitteln in der Nähe Londons eine Anstalt, in der verwahrloste Knaben aufgenommen und erzogen wurden. Er stellte sich selbst als erster Leiter an die Spitze des Unternehmens, aus dem schon viele brauchbare, strebsame Menschen hervorgingen. Er hatte seine Freunde im wilden Westen schon mehrere Male besucht. Dann waren sie vereint in die Berge gezogen, um dort in einer Gegend, die an Naturschönheiten reich war, einige Monate ein ähnliches Leben wie früher zu führen.

Vor einem Jahre sind Tom Collins und Ben Körber kurz nacheinander gestorben. Nun ist es Lord Glosters sehnlichster Wunsch, daß Andrew Brown zu ihm nach England kommen und bei ihm bleiben möchte. Er aber behauptet, jetzt in seinem Amte nötiger als je zu sein. Nachdem der Büffel, aus dessen Fleisch die Hauptnahrung der Indianer bestand und gegen dessen Fell er seine übrigen Bedürfnisse eintauschte, von weißen Jägern in schändlicher Weise ausgerottet wurde, müsse er der Regierung helfen, die nach besten Kräften dafür sorgt, daß das arme rote Volk nicht hungernd und elend zugrunde geht.

 << Kapitel 9 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.