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Andreas Hartknopf

Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleAndreas Hartknopf
authorKarl Philipp Moritz
firstpub1786
year1961
publisherHannes Schwenger
addressWürzburg
titleAndreas Hartknopf
pages1-69
created20050613
sendergerd.bouillon
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Etwas von Nägeln und Schlössern

Was Wunder nun, daß Hartknopf seine Wanderung gegen Osten eine Zeitlang unterbrach, da er hier solch einen Vetter und solch einen Freund an dem Emeritus gefunden hatte – obgleich Hagebuck und Küster und der empfindsame und aufgeklärte Prediger ihm nicht so sehr behagen konnten, daß er um ihretwillen länger in Gellenhausen geblieben wäre.

Mit der Erzählung seiner Schicksale aber, die er seinem Vetter Knapp versprochen hatte, hielt er es etwas hart – hie und da einmal ein Stück aus seinem Leben, wo er es nützlich und schicklich fand, das war alles, was man aus ihm herausbringen konnte.

Ich werde also wohl auch für ihn nun das Wort nehmen müssen, wenn der Leser etwas erfahren soll.

Woher ich nun aber mehr von ihm weiß und erfahren habe als Knapp und der Emeritus, und in was für Verhältnissen ich mit ihm gestanden habe; und wie es mir gelungen ist, seine Freundschaft in dem Grade zu erwecken, daß er mich in das Innerste seiner Seele hat blicken lassen, davon sollte ich wohl ein Wörtchen beibringen. Es wird aber zu seiner Zeit geschehen. –

So viel habe ich schon verraten, daß Hartknopf seines Handwerks ein Priester und ein Grobschmied war – seiner leiblichen Geburt nach war er ein Grobschmied, seiner geistlichen Geburt nach aber ein Priester, von Kindheit auf geweiht, kein Unheiliges anzurühren, um einst in Unschuld und Reinheit des Herzens in dem großen Tempel des Heiligen und Wahren als ein Priester Gottes zu dienen.

ThubalkainNach 1 Mos. 4, 22 Erfinder der Erz- und Eisenarbeit war sein großer Ahnherr – man fand diesen Namen in sein Petschaft eingegraben, und auf seinem Taschenmesser stand er auch, das er sich selbst geschmiedet hatte; denn Messer konnte er auch schmieden.

Da er noch ein Kind war, lernten seine zarten Hände zuerst mit dem großen schweren Hammer spielen, den er kaum zu heben vermochte. Aber sein Arm wurde früh nervig und stark; bald mußte unter seinen wiederholten Schlägen der Amboß seufzen und das glühende Eisen geschmeidig werden. – Der Nagel war das erste, was durch seine Hände aus der unförmigen Masse Bildung und Form erhielt, die Fugen des Losen zu befestigen, das Zertrennliche unzertrennbar zu machen und auf diese Weise eine Schöpfung neuer Wesen zusammenzuzwängen, worüber die alte Natur erstaunt, wenn sie aus der Tiefe der grauen Vorzeit auf die neuen Geburten emporschaut, die in ihrem Schöße entstanden sind. –

Daß der Mensch, von ihr gezeugt, in ihre Eingeweide herabstieg und das Eisen hervorgrub, womit er sie zu einer neuen Geburt beschwängerte; daß aus den Wäldern und Steinbrüchen Städte mit Palästen und Türmen sich erhoben, Schiffe auf dem Rücken des Meeres emporstiegen; der aufgerissenen Erde der Saamen eingestreut, und volle Ernten aus ihrem Schoß hervorgezwängt wurden; daß der zersägte Eichenstamm sich zum Stuhle krümmte und zum Tisch erhob, auf dessen glatter Fläche Auge und Hand sanft hingleitet.

Das mächtige Schloß verwahrt und schützt das Eigentum und hat Gemeinschaft und Absonderung in des Menschen Willkür gesetzt.

Ist es nicht Thubalkain, der verschlossene Türen öffnet?– –

Ihm klingt auch das frohe Spiel der Sensen am schwülen Erntetag; ihm tönt das Gehämmer vor den dampfenden Feueröfen; ihm das Leben und die Wirksamkeit der Künstler und Arbeiter in allerlei Stein und Erz.

Ihn preisen die Chöre der arbeitsamen Sänger mehr als die Flötenspieler.

Aber ach, die Schärfe des Eisens wendet sich – die Geister der gefällten Eichenstämme seufzen durch die Lüfte, und verkünden Unheil über das Menschengeschlecht.

Das Spiel der Sensen ertönt nicht mehr – Feuerschlünde öffnen sich – die Bombe kracht – Schwerter wühlen in menschlichen Eingeweiden – Ketten klirren laut – Despoten lachen, Sklaven heulen. –

Die Chöre der arbeitsamen Sänger stehen einsam und weinen, in das Gewand der Trauer gehüllt, und singen Klagelieder, und seufzen: Thubalkain! –

Was soll ich aus dem Jungen machen? fragte Hartknopfs Vater den Emeritus.

– Nichts als einen Grobschmied, war des Emeritus Antwort, und Hartknopfs Vater schüttelte den Kopf.

– Er hat doch so ein vortreffliches Ingenium!

– Desto besser! sagte der Emeritus. – –

Der Emeritus kam alle Tage in des alten Hartknopfs Schmiede. Sie wurde von ihm zum Heiligtum der Weisheit und höherer Geheimnisse eingeweiht; der junge Hartknopf saß da zu seinen Füßen und sog die süßen Lehren von seinen Lippen ein. Unter ihm bildete sich sein Geist, und wuchs mit seinem Körper, den die Arbeit abhärtete und gesund erhielt. –

Aber leider wich der alte Hartknopf von der rechten Straße ab – nur noch ein Schritt, so wäre er vor dem gefährlichen Abgrunde vorbeigewesen; aber er tat ihn nicht, und nun konnte nichts ihn retten. – Er eilte unaufhaltsam seinem Verderben zu – Gold, Gold, Gold! war sein einziger Gedanke, vom frühen Morgen an bis in die späte Mitternacht, und das edle Eisen war verdrängt. –

Mitleidig streckte der Emeritus noch seine Hände nach ihm aus und wollte ihn retten. Aber vergebens, er versank in dem Abgrund, vor dem ihn sein Freund so oft gewarnt hatte.

Der Unglückliche mußte im Elend sterben – sein Vermögen war im Rauche aufgegangen, die Schmiede verkauft, und in einer armseligen Hütte mußte er seinen Erlöser, den Tod, erwarten. – Dieser kam, und er empfing ihn mit freudigem Entzücken, nachdem der Emeritus noch vorher seine Beichte gehört und ihm im Namen Gottes die Absolution erteilt hatte.

Da der Emeritus den Vater nicht hatte retten können, so hatte er doch den Sohn zu retten gesucht; und sobald der Vater anfing zu laborieren, trieb er, daß der Sohn auf die Wanderschaft gehen mußte, da er erst 19 Jahre alt war – und dies war auch hohe Zeit, wenn er nicht an eben der Klippe scheitern sollte, woran sein Vater gescheitert war. –

Auri sacra fames

schrieb der alte Emeritus mit ein wenig Bleistift auf des alten Hartknopfs Leichenstein – O du verfluchter Durst nach Gold! von welchem Satan stammst du? War es nicht jener gefallene Geist, der statt sein Auge zu Gott, seinem Urheber, emporzuheben, nur immer auf das goldene Estrich des Himmels heftete, ehe die Hand des Ewigen ihn in den Abgrund hinunterschleuderte?

Ein jeder, der die echte Weisheit suchte, kam an diesen Scheideweg – wenige vermieden den zur Linken –:

denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Hier liegt der Grenzstein, der die Weisheit von der Torheit scheidet –ein ungeheurer Klumpen Gold. Wer ihn mit Gleichmut betrachtet und vorübergeht, den hat die Weisheit schon in der Wiege angelächelt und ihn zu ihrem Schüler eingeweiht; den leitet sein guter Genius zum Ziele hin und läßt ihn den echten Stein der Weisen finden, den Hartknopfs Vater vergeblich gesucht hatte, weil sein Sohn ihn finden sollte.

Der den Vater verworfen hatte, der hatte den Sohn auserwählt – es mußte ein solcher Vater sein, um einen solchen Sohn zu zeugen! Aber auch eine solche Mutter, wie Hartknopfs Mutter eine war, sanft und mild wie das Abendrot. Sie welkte dahin, nachdem sie diesen einzigen Sohn geboren hatte; sie hatte mit ihm ihr Ziel erreicht:

Denn nach Unsterblichkeit sehnt sich nur der Himmelsgeborne
Aber Vernichtung ist süß dem müden Waller im Staube.

Wäre Hartknopfs Vater an dem Goldklumpen vorbeigegangen – – doch er ist es nun einmal nicht – seine Asche ruhe in Frieden!

Tausende sind wie er von der rechten Bahn abgewichen, und weichen noch täglich davon ab; denn blendend und lockend ist die Frucht des Baumes, von dem du nicht essen sollst, wenn du nicht willst eines doppelten Todes sterben.

Gold siegt über die Kraft des Eisens, sprengt Schlösser auf; hält Schwerter in den Scheiden; löst das Verbundene auf und bindet das Gelöste wieder; bildet Armeen; baut Städte; läßt Paläste himmelan steigen; befestigt Könige auf ihren Thronen und stürzt sie herab. Welch ein allmächtiges Spielwerk ist das Gold in der Hand des Sterblichen!

Was Wunder, daß Thoren bis zu ihrem letzten Atemzuge die Hände darnach ausstreckten und Weise Mühe haben, hier nicht Thoren zu sein! Was Wunder, daß oft selbst der mißverstandene Bund der Weisheit und der Tugend im Chor der arbeitenden Sänger nach diesem höchsten Gut zu streben heischt, wie ein Irrlicht durch seinen falschen Schimmer auch zuweilen das Auge des Vorsichtigen blendet und ihn in Sümpfe und Moraste führt, wo sein Fuß keinen Grund mehr findet, und er ohne Rettung versinken muß.

Verstopft euer Ohr, ihr Schüler der Weisheit, vor dem heiseren Geschrei der falschen Wegweiser, die euch zu dem Quell führen wollen, woraus Gold unter dem dreifach gefalteten rötlichen Quaderstein in hellen Strömen hervorquillt.

Horcht nicht auf ihre Stimme! Der Goldstrom ist nicht rein, die Quelle ist getrübt, und der rötliche Quaderstein ist mit falscher Farbe angestrichen. Ein Betrüger hat ihn hingewälzt; den rechten hat eine unsichtbare Hand hinweggenommen.

Hartknopfs Gesellenjahre

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