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Andreas Hartknopf

Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleAndreas Hartknopf
authorKarl Philipp Moritz
firstpub1786
year1961
publisherHannes Schwenger
addressWürzburg
titleAndreas Hartknopf
pages1-69
created20050613
sendergerd.bouillon
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Des Gastwirts Knapp Pädagogik

Knapp erzog seinen Sohn auf seine eigene Weise und nicht nach der Weise Hagebucks, des Weltreformatoren.

Sobald er gehen konnte, setzte er ihm ein Ziel und setzte ihm allerlei Hindernisse, als Blöcke, Stühle und dergleichen in den Weg, wodurch er sich den kürzesten Weg zum Ziele durcharbeiten mußte.

Wenn er ein Kartenhäuschen baute, so hielt er ihn an, es immer wieder zu bauen, wenn es auch zehnmal umfiel, und dann am Ende belohnte er ihn für seine Geduld mit einem wurmstichigen Apfel.

Als er etwas mehr heranwuchs, lehrte er ihn die große Kunst, nicht zwei Wege nach etwas zu tun, was man auf einem Wege holen kann; oder, was man mit einem grausamen Sprichwort nennt, mit einer Klappe zwei Fliegen schlagen. Er lehrte ihn fünf Weingläser in der Hand zwischen den Fingern tragen, und beim An- und Ausziehen lehrte er ihn zu gleicher Zeit beide Hände brauchen, so daß er sich mit einem Male beide Schuhe aufschnallen konnte.

Sein Haar mußte er zuweilen lange unausgekämmt lassen und es sich dann am Ende selbst auskämmen, wenn es ganz ineinander geraten war. Sobald er dann ungeduldig wurde, riß er sich selbst und verursachte sich Schmerzen: wenn er aber geduldig einen Schopf Haar nach dem anderen vornahm, um das verwirrte auseinanderzubringen, so konnte er den Schmerz vermeiden – auf die Weise mußte er sich in der Geduld üben.

Er lehrte ihn bei jeder Gelegenheit die Kürze des Lebens zu empfinden, und machte ihn aufmerksam auf den Seigerschlag. Er machte ihn allmählich mit dem Tode in der ganzen Natur bekannt, von dem kleinsten verwelkten Grashalm bis zum verdorrten Eichbaum, und von dem zertretenen Wurme bis zu den ehrwürdigen Überresten des zerstörten Baues menschlicher Körper.

Und wie hat dieser Sohn seinem Vater die Lehre nicht verdankt! Diesem von Kindheit an auf seiner Seele fest eingeprägten Bild des Todes verdankt er den sicheren und ruhigen Genuß aller der Freuden seines Lebens – dies ist es allein, was ihn standhaft in Gefahren, mutig und unerschrocken bei allen Vorfällen seines Lebens gemacht hat. Dies ist die Ursache, warum er auch nie eine Viertelstunde lang den quälenden Überdruß der Langeweile schmeckte: wie kann ein Mensch Langeweile haben, dem der Tod zur Seite steht?

Dieser feste Gedanke heiterte ihn in den trübsten Stunden seines Lebens auf – denn wenn kein Wechsel ihm mehr bevorzustehen schien, so blieb ihm doch diese einzige große Veränderung gewiß.

Der feste Gedanke an den Tod war es, der ihm den Genuß jeder Freude verdoppelte und jeden Kummer ihm versüßte. Der wollustreiche Gedanke des Aufhörens drängte seine ganze Lebenskraft immer in dem gegenwärtigen Augenblick zusammen und machte, daß er in einzelnen Tagen mehr als andere Menschen in Jahren lebte. – – Niemand hat wohl mehr in ihrer Fülle und ungetrübter alle einzelnen Vergnügungen des Lebens, die jedem Alter zukommen, genossen, als der Sohn des Gastwirts Knapp – weil er wußte, daß er keinen Augenblick zu versäumen hatte, weil ihm jeder Tag, jede Stunde ein Ganzes war. –

Besonders war ihm immer die gegenwärtige Stunde lieb und der Seigerschlag das angenehmste Geräusch in seinem Ohr; denn es wurde ihm dadurch merklich, wie er den Lebensstrom hinunterschiffte und alles in unaufhörlicher Bewegung blieb. Durch jeden Seigerschlag wurde der Reiz des Lebens wieder aufgefrischt, und wenn ein Tag, eine Woche, ein Jahr verflossen war, so empfand er die Wonne des Lebens in immer größerem Maße. – Er kannte keinen Verlust der Zeit, denn für jede Minute seines Lebens hatte er Weisheit und Selbstzufriedenheit eingekauft.

So wie ohne Tod kein Leben ist, so ist ohne wahres Gefühl des Todes auch kein wahres Gefühl des Lebens – aus der dunklen Mitternacht bricht das Morgenrot hervor, und aus dem Schatten der Nacht bildet sich der schöne Tag.

O pflanzt den Gedanken an den Tod fest in die junge Seele, ihr Pädagogen unserer Zeiten, und ihr werdet wieder Männer statt Knaben ziehen. Euer ganzes Gebäude wird sich fester auf diese Basis stützen; wenn die Menschen erst wissen werden, daß sie leben, dann erst werden sie jeden Augenblick ihres Lebens nutzen – und wenn sie jeden Augenblick ihres Lebens nutzen, dann erst ist euer Werk gekrönt.

Denn hin und wieder eine wohlangewandte Stunde oder ein wohlangewandter Tag ist mehr ein Werk des Zufalls, als ein Werk der Kunst. – Die Lebenskunst muß durch alle Stunden und Minuten durchgehen, wie die Regel durch das Werk. Dazu ist nötig, daß der Mensch in jedem Augenblick wisse und empfinde, daß er lebe, welches ohne den festen Gedanken an den Tod unmöglich ist.

Wer sich aber den einmal zu eigen gemacht hat, der kann sein

memento mori

mit ebenso unumwölkter und heiterer Stirn sagen, womit er im Kreise seiner Freunde ein fröhliches Trinklied singt.

Hierin bestand also vorzüglich Knapps Pädagogik, und dann auch noch darin, daß er seinen Sohn empfinden lehrte, wie töricht es sei, einen Stein, an dem man sich gestoßen hat, mit einem Stocke zu schlagen, oder sich gegen den Regen, die Kälte und den Sturmwind aufzulehnen. Er lehrte ihn früh die Notwendigkeit, sich der unvernünftigen Stärke zu unterwerfen. – –

Am meisten aber suchte er seine Lebensgeister beständig in Bewegung zu halten und war in dem Augenblick am aufmerksamsten auf ihn, wo er mit dem Finger Figuren in den Sand zeichnete oder mit Kreide auf den Tisch malte oder die Gestalt der Wolken am Himmel zu aufmerksam betrachtete.

Das ABC ließ er ihn lernen, da er zehn Jahre alt war, und vor dem vierzehnten Jahre durfte er den Namen Gottes nicht aussprechen.

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