Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Philipp Moritz >

Andreas Hartknopf

Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleAndreas Hartknopf
authorKarl Philipp Moritz
firstpub1786
year1961
publisherHannes Schwenger
addressWürzburg
titleAndreas Hartknopf
pages1-69
created20050613
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Eine Leichenpredigt auf einen alten lahmen und einäugigen Pudel

Wohl Dir! sagte Hartknopf, da er mit untergeschlagenen Armen, den Kopf gesenkt, auf die Leiche herunter sah, und; wohl dir! stimmte der Emeritus ein. –

Sie scharrten darauf mit ihren Stäben so gut sie konnten ein Loch in die Erde, legten den Pudel sanft hinein, und scharrten mit den Füßen einen kleinen Hügel von Erde über ihn zusammen. Darauf gingen sie Hand in Hand den Berg herunter, und wanderten wieder dem Tore zu; und als sie nun bald am Tore waren, kam ihnen der Gastwirt entgegen und fragte, ob sein Pudel nicht bei ihnen wäre; denn er pflegte sonst immer des Morgens vor sein Bett zu kommen und ihn durch sein sanftes Bellen zu wecken – und heute hatte er die Zeit verschlafen.

– Sei er unbekümmert, sein Pudel verschläft auch die Zeit, sagte Hartknopf, er liegt in guter Ruhe. Der Scharfrichter Hagebuck hat ihn auf dem Galgenberg durch einen sanften Stoß vom Leben zum Tode befördert und wir haben ihn ehrlich begraben, dessen kann er versichert sein. Will er ihm auch ein Epitaphium setzen, so will ich ihm den Fleck zeigen, wo er liegt.

– Ja! ja! sagte der Gastwirt Knapp, er hat gut reden. Der Pudel ist ihm wohl freilich nicht so ans Herz gewachsen – aber er wird doch auch zurückdenken können, daß ich und der Pudel ihm noch das Geleite gaben, da er auf Wanderschaft ging, und das ist doch keine kleine Zeit her – wodurch wächst einem denn eine Sache ans Herz, als durch die Zeit! Zwar, er hat während der Zeit keinen weiteren Umgang mit dem Pudel gehabt und hat auch durch Briefe nichts von ihm erfahren – mich aber hat er jeden Morgen frühzeitig geweckt, indem er vor mein Bett kam und sanft bellte. – Lieber Vetter, der Hund ist meine Uhr gewesen; ich konnte mich nach ihm richten, wenn es Essenszeit war. Dann scharrte er an der Türe, und ich fand immer, daß es gerade die rechte Zeit zum Essen war. Daß er mir zweimal das Leben gerettet hat, wird er wissen, oder weiß er es nicht, so will ich es ihm erzählen. –

– Ich weiß es, er hat es mir gestern erzählt, sagte Hartknopf.

– Nun, so wird er doch auch wissen, daß er dabei das erste Mal lahm wurde und das zweite Mal ein Auge verlor – darum laß er meinen Pudel in Frieden ruhen, und spotte nicht mit dem Epithaphium!

– Ich spotte nicht, sagte Hartknopf, sondern wenn er will, so will ich ihm selbst eine Grabschrift machen helfen, die wollen wir aufschreiben und wie eine Fahne an einen Stock heften, daß sie Hagebuck morgen früh mit seinen Zöglingen lesen kann.

Der einäugig und lahm
Hier sein Ende nahm,
War einäugig und lahm,
Weil er zweimal seinem Herrn
In Todesnot zu Hilfe kam.
Ein Schuft erschlug ihn,
Sein Herr beweint ihn,
Die Erde deckt ihn.
Sie deck ihn leicht!

– Schreib er mir das doch auf, Vetter, sagte Knapp und Hartknopf schrieb es ihm auf.

Drauf tröstete der Emeritus seinen Gevatter Knapp über den Verlust seines Pudels und sagte: der Pudel sei gleichsam ein Emeritus oder ein ausgedienter gewesen, der denn auch einmal in Ruhe zu sein wünschte.

– Aber er war doch gewiß ein sehr meritierter Emeritus, erwiderte Knapp, war er es nicht?

– Allerdings, sagte der Emeritus, das verlorene Auge war sein Stern, und das lahme Bein sein Ordensband –

– Das Gleichnis hinkt, sagte Hartknopf. – Laß es hinken! erwiderte der Emeritus.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.