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Andreas Hartknopf

Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleAndreas Hartknopf
authorKarl Philipp Moritz
firstpub1786
year1961
publisherHannes Schwenger
addressWürzburg
titleAndreas Hartknopf
pages1-69
created20050613
sendergerd.bouillon
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Wo ein Aas ist, versammeln sich die Adler

Indem Hartknopf und der Emeritus noch im tiefen Gespräch begriffen waren, hörten sie Fußtritte den Berg herauf und wunderten sich, daß sie so früh schon Gesellschaft bekamen – als sie von der westlichen Seite die beiden Weltreformatoren Hagebuck und Küster hinaufklimmen sahen, welche mit einem Trupp der Gellenhausischen Jugend die Sonne wollten aufgehen sehen; sie waren aber ein wenig zu spät gekommen.

Sie kamen mit viel Geräusch und Lärm, und Hartknopf und der Emeritus zogen sich in eine kleine Bucht am Abhange des Hügels zurück und überließen ihren Platz den Weltreformatoren. Diese nahmen ihn denn auch feierlich in Besitz; Hagebuck ließ seine Zöglinge sich im Kreise umherstellen und zeigte ihnen von dieser Höhe alle Herrlichkeiten der Welt – darauf stellte er sich hin und hielt eine Rede an den ganzen Erdkreis, den er aufforderte, das Licht, welches ihm nun so wohltätig aufgesteckt würde, willig anzunehmen, und die Nacht der Vorurteile fahren zu lassen. Hierauf redete er von dem Berge die Stadt Gellenhausen an, daß sie doch ihr wahres Wohl nicht verkennen, und sich dem wohltätigen Einflusse der allgemein sich verbreitenden Aufklärung nicht widersetzen möchte; dann redete er die Gellenhausische Jugend an, daß sie dies erhabene Schauspiel des Aufgangs der Sonne doch recht empfinden sollte – und nun fing er an, ein Gedicht in Hexametern auf den Sonnenaufgang vorzulesen, welches sich anhub:

O seht, wie die blitzende Sonn' im Strahlengewande emporsteigt,
In majestätischer Pracht, ihr Völker, grüßt ihr entgegen,
Jud', und Türke, und Christ, und selbst der schwärzeste Neger
Sei vom Danke belebt, daß ihm der Sonn' Antlitz zulächelt.

Indem nun Hagebuck noch weiter fortlesen wollte, zog sich auf einmal ein trüber Nebelschleier vor die Sonne, der schon lange im Ansteigen begriffen war und sie nun ereilte. Dadurch ward Hagebuck sein ganzes Konzept verdorben, denn das Gedicht war ganz lokal, und es sollte nun eins nach dem anderen darankommen; Hügel, Bäche, Täler, wie sie allmählich vom Strahl der Sonne vergoldet werden, und wie nun der Tau auf den Blumen blitzte. Das war nun alles vergeblich – der Tau blitzte nicht mehr auf den Blumen, die Spitzen der Hügel wurden nicht mehr vergoldet; Hagebuck machte eine lange Pause und wartete, daß der Nebel sich wieder wegziehen sollte – aber der Nebel zog sich nicht wieder weg. Darüber wurde Hagebuck verdrießlich, und als ihm der alte lahme Pudel des Gastwirts Knapp, der Hartknopf begleitet hatte, zu nahe kam, so gab er ihm mit dem Fuß einen Stoß, daß das arme Tier nach einem langen Schrei verschied.

Das war also an diesem Morgen des Pudels letzter Gang gewesen. Daß er von Hagebuck den unsanften Stoß erhielt, kam bloß daher, weil er dem Gastwirt Knapp angehörte, der Hagebuck beständig ein Dorn im Auge war – denn er warnte das Volk, und sooft Hagebuck mit ihm reden wollte, war seine Rede beständig Ja! Ja! Nein! Nein! gewesen. –

Hartknopf hatte in seiner Bucht den Schrei des Hundes vernommen, und der Emeritus hatte den Stoß gesehen.

Da ergrimmte Hartknopf im Geiste und sprang auf, packte den erschrockenen Hagebuck bei der Brust und sagte: – Unmensch, was hat dir der Hund getan, daß du ihn totgetreten hast?

– Er ist mir zu nahe gekommen – – er hat mich gebissen – stammelte Hagebuck zitternd und zagend.

– Er ist dir nahe gekommen, aber er ist dir nicht zu nahe gekommen und hat dich auch nicht gebissen, erwiderte Hartknopf und schüttelte ihn noch stärker.

– Um Gottes Willen laß mich, flehte Hagebuck, und mach mich nicht zuschanden vor dem Volk! Ich will dir für deinen Hund ein Stück Geld bezahlen – mußte er denn nicht so bald verrecken –

– Daß du verdammt seist mit deinem Gelde, sagte Hartknopf, und stieß ihn von sich, daß er einige Schritte rückwärts taumelte, dann seinen Haufen wieder um sich versammelte, und schnell mit ihm den Berg hinunter eilte. –

Und als er nun unten am Fuße des Berges war, mußten sich alle niedersetzen, und er hielt ihnen eine Vorlesung von der boshaften Rachsucht, und stellte ihnen Hartknopf zum Beispiel auf – und von der Großmut und der süßen Pflicht zu verzeihen, wozu er die Beispiele größtenteils aus seinem eigenen Leben hernahm. –

Oben auf dem Berg war nun das Feld wieder rein. Hartknopf und der Emeritus nahmen nach einer Weile ihren Platz wieder ein. Und der Nebel verzog sich, sobald Hagebuck verschwunden war, und die Sonne glänzte wieder in aller ihrer Klarheit.

Dies wäre nun freilich so etwas Zufälliges, daß es kaum bemerkt zu werden verdiente – wenn nicht in der Seele des Menschen eine gewisse Harmonie und Disharmonie mit der sie umgebenden Natur stattfände, so daß bei dem einen alle äußeren Veränderungen in der Natur in die natürlich aufeinander folgenden Veränderungen seines Ichs harmonisch eingreifen, und hingegen bei dem anderen eine ewige Dissonanz aller äußeren Umstände mit seinem inneren Wünschen und Bestreben stattfindet. –

Hartknopfs Seele traf immer wie eine richtig gestellte Uhr mit dem Laufe der Sonne, mit Abend und Morgen, mit der Abwechslung der Jahreszeiten, mit Sturm und Regen sowohl als mit dem Säuseln des Westwindes auf einen Punkte zusammen – und ebenso war es auch bei dem Emeritus Elias. Sie gaben wie nicht zu schlaff und nicht zu stark gespannte Saiten in dem großen Konzert der Schöpfung immer den rechten Ton an, ihnen konnte nichts mehr unerwartet kommen, nichts den Frieden ihrer Seelen stören; sie waren in dem großen Zusammenhang der Dinge und an sich selbst gesichert. –

Als hingegen Hagebuck seine Hexameter deklamieren wollte, so zog sich auf einmal ein Nebelstreifen vor die Sonne; und es war auf einmal zwischen ihm und der Natur eine gänzliche Dissonanz, die der arme lahme Pudel noch vermehrte, den er auch dafür in den Staub niedertrat. Was hätte er wohl mit der ganzen Natur getan, wäre er in diesem Augenblick ihr Herr gewesen? – Aber er fühlte seine Ohnmacht, da Hartknopf ihn schüttelte – und knirschte in der Tiefe seiner Seele, daß er die Macht des Gerechten anerkennen, und vor ihm wieder im Staub versinken mußte.

Wohl dem, wer sich mit der großen Natur so steht, wie Hartknopf und der Emeritus! – der darf nicht Pest, nicht Teuerung, nicht Überschwemmung fürchten – nicht Krankheit, nicht Verwesung. Er schlummert auf dem Schoß und in dem Schoß der Erde, wie das Kind im Schoß der Mutter. – – Der alte lahme einäugige Pudel lag nun da in süßer Ruhe – er mußte in seinem Leben oft Hunger und Kälte ausstehen, mußte manchen Fußtritt erdulden, aber keiner war ihm doch so hart gefallen als der von Hagebuck, welcher seinem sinkenden Alter den Rest gab. –

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