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Andreas Hartknopf

Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleAndreas Hartknopf
authorKarl Philipp Moritz
firstpub1786
year1961
publisherHannes Schwenger
addressWürzburg
titleAndreas Hartknopf
pages1-69
created20050613
sendergerd.bouillon
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Hartknopfs Unterredung mit seinem alten Lehrer
unter dem Galgen von Gellenhausen

Der Emeritus – Ich glaubte dich hier zu finden, mein lieber Andreas, und ich sehe, daß ich mich nicht geirrt habe. Mit Entzücken lese ich heute noch wie gestern in deinem Auge, in deinen blühenden Wangen, auf deiner heiteren Stirn, daß unser Bund der Weisheit und Tugend noch fest steht, und daß er feststehen wird, wenn diese meine morsche Hütte längst zerfallen ist. Sonnen sind untergegangen und Sonnen sind aufgegangen, seit ich dich nicht mehr gesehen habe, Menschen sind in Staub gesunken und Menschen sind geworden, der Schnee hat oft diese Täler und Hügel bedeckt und ist wieder von den Strahlen der Sonne hinweggeschmolzen, seit ich dich nicht gesehen habe. Dennoch ist der Faden, womit sich meine Gedanken an deine knüpften, nicht abgerissen. – Wir sprachen, da wir vor einundzwanzig Jahren zuletzt auf diesem Hügel voneinander Abschied nahmen, von meiner alten messingnen Studierlampe mit dem grünen Schirm. Da wollen wir also wieder anfangen; – wie doch so ein Ding ausdauern kann! die Lampe steht dir noch unversehrt auf dem Schrank hinter der Türe, und doch ist sie noch wenig oder gar nicht abgenützt. Wie manchen Abend hat sie uns beiden Weisheit und Wahrheit durch das Auge in die Seele geleuchtet, und der grüne wohltätige Schirm milderte ihren Schein, daß unser Auge nicht ermüdete. Du hast nachher wohl bei mancherlei Lampen gesessen, aber ich bin dieser einen getreu geblieben – du sollst sie auch wieder sehen! – Lieber Andreas, was ist diese Hülle von Staub? Dieser hinfällige Körper, den eine alte Studierlampe überlebt? Es ist doch schade, daß dieser kunstreiche Bau des Auges, durch welches Licht und Wahrheit in die Seele strömt, eher wieder in Staub versinken soll als die Lampe, die ihm leuchtete. Diese Hand ließ es ihr nie an Öl und Docht gebrechen, und in kurzem wird sie verwest sein – was wären wir, lieber Andreas, wenn das, was wir unsere Hülle nennen, unser ganzes Ich wäre? – Aber es kann nicht so sein –: und es ist nicht so. Du sollst mich auf meinem Totenbette beobachten, wenn meine Augen brechen und meine Lebensgeister hinsinken, und indem meine Brust zu atmen aufhört, werde ich dir noch einen Druck mit der Hand geben – das soll dir sagen, daß ich noch bin, in dem Augenblicke, da ich aufhöre zu leben. (Er gab darauf Hartknopf die Hand, auf die Art, wie er sie ihm auf dem Totenbette geben wollte – und Hartknopf vergoß keine Träne, da er den Emeritus so reden hörte, sondern es leuchtete vielmehr eine himmlische Heiterkeit und Zuversicht aus seinen Augen hervor. Der Händedruck hatte etwas Erhabenes, Nerven- und Seelenerschütterndes, und eine überzeugende Kraft, die mehr als der bündigste Syllogismus wirkte.)

Hartknopf – O mein Elias – dies war sein Taufname, und daß sie den Bund schlossen, hatte der Rektor Hartknopf ihn immer so zu nennen befohlen – laß deinen Geist zweifach auf mir, deinem Jünger, wohnen, wenn du auffährst! Ich will dir nachblicken, so weit ich kann, aber, laß auch deine Gedanken mit meinen sich zusammenfinden! – wenn du noch bist, so muß das geschehen – wenn ich dich nicht mehr höre und nicht mehr sehe, so muß doch mein Geist mit deinem Geiste noch Umgang pflegen. Wenn ich rede, mußt du mir antworten, wenn ich dich rufe, mußt du nicht ferne sein.

Der Emeritus – Ja, um wieder auf die Lampe zu kommen, weißt du auch, wie wir einmal beim Shakespeare saßen – der schönen Shakespeareabende hast du dich gewiß oft erinnert –, wir lasen den Othello. Wir sahen eine Welt von Leidenschaften vor unserer Seele aufsteigen, und unsere Erwartung der schrecklichsten Katastrophe war aufs höchste gespannt, als plötzlich die Lampe verlosch. Wir legten uns mißvergnügt zu Bett – – und wenn nun das Öl in dieser Lebenslampe versiegt, und der Docht vertrocknet ist, und die leuchtenden Sterne dieser Augen auf immer verloschen sind, dann ist auf einmal der sonst so feste Zusammenhang so vieler Dinge für uns abgeschnitten.

Wir legten uns damals mißvergnügt zu Bett, als die Lampe verloschen war – weil wir den Zusammenhang einer bloßen Phantasie, einer Schöpfung der Einbildungskraft nicht weiter verfolgen konnten. – O mein Freund, wie gut ist es, sich nicht zu tief in den Lebenstext hineinzulesen, immer auf der Warte zu stehen, um bereit zu sein, sobald die Ordre zum Aufbruch gegeben und das große Feldsignal aufgesteckt wird, das wir kennen. –

Ist es dir nicht oft im Traume gewesen, mein lieber Andreas, als ob du das Erwachen fürchtetest; und wenn du erwachtest, wünschtest du dann nicht einmal wieder einzuschlafen, um nur den Faden von dem abgerissenen Traum wieder anzuknüpfen – aber wenn du recht erwacht, und deiner selbst dir völlig wieder bewußt warst, mußtest du da nicht über dein Beginnen lächeln?

Sieh, so lange, bis wir erst recht und vollkommen von diesem Lebensschlafe erwacht sind, werden wir auch noch immer wünschen, den schönen Traum wieder anzuknüpfen, der durch den Tod unterbrochen wird. Aber wenn uns erst die Schlummerkörner aus den Augen gewischt sind, dann werden wir ins Freie schauen – dann werden wir uns in der Wahrheitswelt erst wieder zu orientieren suchen, so wie wir beim Erwachen aus dem Schlafe nach irgendeinem Fenster oder einer Türe fest hinblicken, und uns die Gegenstände rund um uns her merken, um uns zu überzeugen, daß wir nicht mehr träumen, sondern wachen. Dann wird der Zusammenhang der Dinge, den wir überschauen, den gegenwärtigen ebenso übertreffen, als wie der Tag die Nacht an Klarheit übertrifft. –

Warum sollte diese Stufenfolge nicht stattfinden, mein Lieber? Mir hat geträumt, daß ich aus einem Traume erwacht sei, und ich habe im Traum über meinen Traum nachgedacht – und beim Erwachen konnte ich über beide nachdenken. – Der Traum war wegen seiner größeren Deutlichkeit eine Art von Erwachen gegen den ersten – dies anscheinende Erwachen aber war doch wieder nur ein Traum gegen das ordentliche Erwachen. Nur dies ordentliche Erwachen, wer sagt uns, daß es gegen eine noch deutlichere Einsicht in den Zusammenhang der Dinge uns nicht wieder wie ein Traum dereinst vorkommen wird? –

Je mehr Zusammenhang, je mehr Wahrheit – je mehr Ordnung, je mehr Licht. – Wie vieles ist uns hier noch dunkel und verwirrt –; es kann unmöglich das rechte Wachen sein.

Indem der Emeritus noch so sprach, wurden auf einmal seine Augen starr, und seine Lippen bewegten sich nicht mehr – Hartknopf erschrak –, allein der entzückte Greis kam bald wieder zu sich, drückte Hartknopf die Hand und sagte;

– Das war eine sonderbare Empfindung – indem ich eben jetzt so lebhaft dachte, daß dies unmöglich das rechte Wachen sein könnte, so war es mir gerade, als wenn einem im Traum einfällt, daß man träumt; man pflegt dann zu erwachen. – Mir deucht, ich war jetzt auf dem Wege zu erwachen, aber weil ich dich vor mir sah, so war mir der Traum zu süß; ich mochte ihn noch nicht fahren lassen, und der Faden, welcher zu zerreißen drohte, ist noch einmal wieder angeknüpft. Ich gab dir aber doch die Hand, wenn er etwa reißen sollte – bald wird er reißen, das fühle ich wohl, mein Lieber!

Hartknopf vergoß wiederum keine Träne, da er dies hörte, sondern sein Antlitz schien sich bei diesen Gesprächen zu verklären, so wie das Antlitz seines Lehrers und Meisters.

Hier war wohl ein rechtes Tabor – obgleich ein Galgen die höchste Spitze des Berges schmückte, so hätte man doch wohl sagen können: hier ist gut sein, hier laßt uns Hütten bauen, denn das Verwesliche war hier im Begriff anzuziehen das Unverwesliche – und der unsterbliche Geist durchbrach hier seine Hülle, und strahlte aus Augen und Stirn hervor. Der Emeritus schwieg, und Hartknopf hub an mit halbgedämpfter Stimme zu singen:

Wenn ich einst aus jenem Schlummer,
Welcher Tod heißt aufersteh,
Und von dieses Lebens Kummer
Frei, den schönen Morgen seh –
O, dann wach ich anders auf,
Schon am Ziel ist dann mein Lauf,
Träume sind des Pilgers Sorgen,
Großer Tag, an deinem Morgen!

Dies war schon seit einiger Zeit Hartknopfs Morgenlied gewesen, und dies Lied war nun gleichsam die Musik zu dem großen Text, den der Emeritus soeben abgehandelt hatte. Darum schlug es in dessen Seele Feuer. Er ließ es sich dreimal von Hartknopf wieder vorsingen, da war es seinem Gedächtnis eingeprägt, das lange schon Neues zu lernen aufgehört hatte, um nur das Alte noch mühsam zusammenzuhalten.

Die erhabene Melodie zu diesem Gesang scheint wie das Feuer des Prometheus einer anderen höheren Sphäre entwandt zu sein, mit solcher unbekannten Empfindung füllt sie die Seele, und macht das Herz zerschmelzen. –

Erst hatte sie sich sanft und stufenweise gehoben, bis sie sich bald in höhere Regionen zu verlieren schien, aus denen sie dann beruhigt, gestärkt und getröstet mit festem Tritt wieder herabstieg, um sich aufs neue im höheren Fluge mit Jauchzen emporzuschwingen – sanft hinwegzugleiten über diese niedrige Welt – mit Lächeln herabzuschauen auf die Sorgen und mühevollen Arbeiten der Bewohner dieser Erde – und dann in einem einzigen großen Gefühl der erweiterten Ichheit allen Kummer des Lebens mit einem Mal zu versenken.

O es liegt ein großes Geheimnis in dem Fall dieser melodischen Töne, die so, wie sie auf und ab steigen, die Sprache der Empfindungen reden, welche Worte nicht auszudrücken vermögen. – Welch ein weitläufiges Gebiet von Ideen liegt hier außerhalb der Grenzen der Sprache; wo ist der neue Kolumbus, der diesen bisher noch leeren und unbeschriebenen Raum auf der großen Karte menschlicher Kenntnisse durch neue Entdeckungen ausfüllt? – –

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