Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Philipp Moritz >

Andreas Hartknopf

Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleAndreas Hartknopf
authorKarl Philipp Moritz
firstpub1786
year1961
publisherHannes Schwenger
addressWürzburg
titleAndreas Hartknopf
pages1-69
created20050613
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Hartknopfs erstes Erwachen an seinem Geburtsort

Als Hartknopf am anderen Morgen die Augen aufschlug, stand ein kleines Kammerfenster offen, und er konnte durch dasselbe in der Ferne einen Hügel sehen, worauf das Gellenhausische Hochgericht stand.

Von diesem Hügel hatte man in der ganzen Gegend umher die reizendste Aussicht – gleichsam als wenn man dem Verbrecher, der hier das Ende seiner Tage finden sollte, noch zur doppelten Strafe vorher alle Herrlichkeit der Erde zeigen wollte, die er nun auf einmal mit gesundem Leibe verlassen mußte.

Auf diesem Hügel mit dem Galgen hatte Hartknopf oft gespielt und mit den andern Knaben des Ortes Ball geschlagen. Von diesem Galgenhügel hatte er zuerst in Gottes schöne Welt geblickt, und seinen Vater oft gefragt, was dieser offne Torweg unter freiem Himmel bedeuten sollte, und wozu man die Lumpen und schwarzen Knochen darinnen aufgehangen hätte? –

Übrigens diente ihm das Bild dieses Galgens in der Folge zum Kommentar über die Geschichte Simsons, und kam ihm vor die Seele, so oft er las, daß Simson ein Stadttor ausgehoben und auf einen Berg getragen habe.

Diese Eindrücke waren so fest bei ihm geworden, daß sich ihm, so oft er einen Galgen sah, das Bild einer reizenden Gegend, und so oft er eine reizende Gegend sah, das Bild eines Galgens unwillkürlich aufdrängte. Jetzt, da er nun denselben Galgen wiedersah, an dessen Vorstellung sich alle die süßen Erinnerungen aus seiner Kindheit anknüpften, wurde er plötzlich mit einer unaussprechlichen Wehmut erfüllt. Was damals blühte, fing nun schon an zu welken – was damals welkte, war nicht mehr –

Er stand auf, schlug seinen messingnen Kamm in sein Haar, knöpfte seinen Rock von oben bis unten zu und sah, ob sein Vetter noch schlief. Und denn ließ er ihn ruhig schlafen und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenluft dem geliebten Hügel zu, und der alte einäugige Pudel begleitete ihn.

Es war noch früh am Tage, die Türen waren alle verschlossen und Gellenhausen lag noch im tiefsten Schlummer begraben. – Da war ein Ziehbrunnen, nicht weit von der ehemaligen Wohnung seiner Eltern. Beim Anblick desselben war ihm sonderbar zu Mute; es war ihm plötzlich, als ob er einen Blick hinter den undurchdringlichen Vorhang getan hätte, der irgendein vergangenes Dasein von seinem gegenwärtigen Dasein trennte. Er erinnerte sich an einen Zustand, der diesem ganz gleich war, und wußte doch nicht diese Erinnerung an Zeit und Ort zu knüpfen. –

Endlich fiel ihm ein, daß seine Mutter in seiner frühesten Kindheit ihn, wenn er die Frage tat, woher er gekommen sei, immer den Brunnen nicht weit vom Hause als den Urquell seines Daseins genannt habe. So oft er nun die Worte Brunnen oder Brunnquell hörte, entstand jene sonderbare Empfindung in seiner Seele, die man immer zu haben pflegt, wenn man sich an etwas aus den Jahren seiner allerfrühesten Kindheit erinnert.

Nach Hartknopfs Meinung hatte es auch mit dieser Erinnerung eine ganz eigene Bewandtnis, und er hegte hierüber seine ganz besonderen Gedanken.

»Die allerfrüheste Kindheit war ihm gleichsam der Lethefluß, aus welchem wir Vergessenheit aller unsrer vorigen Zustände trinken – der Faden, der unser gegenwärtiges Dasein an irgendein vergangenes anknüpfte, meinte er, sei hier so dünn gesponnen, daß ihn das Auge fast nicht mehr bemerken könne; durch eine starke Hinsicht aber entdeckte man zuletzt doch etwas davon, so wie man oft am gestirnten Himmel, indem man seine Blicke fest darauf heftete, immer da einen Stern nach dem anderen entdeckte, wo man vorher nur das Blaue sah. » – Aber nun hat man einen Stern gesehen, und ist fest überzeugt, daß man ihn gesehen hat, und sucht allenthalben mit den Augen, ohne ihn wiederfinden zu können. –

So zählte Hartknopf viele Augenblicke in seinem Leben, wo ihm über gewisse Dinge plötzlich ein Licht in seiner Seele aufging, aber es war auch ebensoschnell wieder verschwunden – allein er wußte denn doch, daß er dieses Licht gesehen hatte, und wenn es gleich verschwand, so ließ es doch immer einen sanften Schimmer, ein in der Ferne dämmerndes Abendrot zurück, welches über jede Stunde seines Lebens einen stillen Reiz verbreitete, der ihn in süße Ahndungen und Träumereien einwiegte, das er sich dann gerne gefallen ließ, weil er, wie er sagte, doch nichts damit zu versäumen hätte.

Aber das Wiedersehen dieses Ziehbrunnens ging ihm über alles – er betrachtete ihn lange und fest, und er war derselbe, wo er als Kind von zwei Jahren auf den niedrigen Rand geklettert war und seine Mutter mit Geschrei und Schelten herzu eilte, um ihn aus der Gefahr zu retten – dieser heilige Brunnen, den sich seine ersten Gedanken als den Ursprung seines Daseins gedacht hatten, in dessen Bilde gleichsam alle die folgenden unzähligen Bilder seiner Seele zusammenströmten. Verkleinert schien sich zwar das Bild zu haben; der große Ziehbaum, der in der Luft schwebende Eimer, hatten ihn ein Gespenst geschienen, das beinahe bis an die Wolken reichte.

Mögen nun Hartknopfs Grillen hierüber gewesen sein, welche sie wollen, ein Ziehbrunnen in einer Landschaft macht immer einen sonderbar schwer zu erklärenden Effekt. Sei es nun das Einfache in dem Baue oder sonst etwas, wodurch das Auge auf eine vorzügliche Art gerührt wird, so gibt es immer dem Ganzen das Ansehen des Altertums und der simplen Natur.

Eine Zugbrücke hat in der Wirkung für mich etwas ähnliches mit jenem Bilde. Ich denke mir dabei weite Reisen – ferne Stadt – Anfang, Ende, – kurz, es gibt einige körperliche Gegenstände, bei deren Anblick wir eine dunkle Übersicht unseres ganzen Lebens und vielleicht unseres ganzen Daseins erhalten. – Diese Gegenstände mögen freilich bei einem jeden wieder andere sein. Was mir Hartknopf oft von Ziehbrunnen erzählt hat, das habe ich ihm wieder von der Zugbrücke gesagt, und unsere beiderseitigen Bemerkungen treffen in Ansehung der Wirkung, die diese Gegenstände auf uns taten, richtig zusammen.

Wenn wir oft so miteinander aus dem Innersten unserer Seelen heraus sprachen, so war es eine Zeitlang, als ob wir unsere Ichheit miteinander vertauscht hätten, wir fühlten uns ineinander, die innerste Folge der Gedanken des Einen war für den anderen nicht mehr verschlossen. –

Auf diese Weise unterhielten wir uns ohne Sprache. Es herrschte zwischen uns ein bedeutendes geistvolles Stillschweigen, das der Engländer »a silent conversation« nennt – und welches man aus unseren faden Gesellschaftszirkeln zu verscheuchen sucht, indem man dieses heilige Stillschweigen für eine Beleidigung des Wohlstandes hält. –

O mein Hartknopf, wenn ich einst aus diesem fieberhaften Traume des Lebens zu deiner Umarmung erwache, durch was für unbekannte Wege werden dann unsere Gedanken zueinander gelangen, und sich miteinander unterreden? wenn das Gewölbe der Ohren in Staub zerfallen, dies feuchte Kristall des Auges vertrocknet, und diese Lippe verwest ist? wenn diese Brust nicht mehr atmet, um mit dem sanften Hauche der Luft den Gedanken zu bekleiden, daß er sich mitteilt von außen, und in dem Geiste des Hörenden sich vervielfältigt? Sollte dann eine ewige Kluft zwischen unseren Gedanken befestigt sein? Sollte es unmöglich sein, daß sie unmittelbar zueinander gelangen könnten – – – o mein Hartknopf, dann wärest du für mich verloren, und für mich wäre eine ewige melancholische Einsamkeit – – – aber wir haben uns einst ohne Sprache verstanden, da selbst unsere Augen verschlossen waren. Diese Minuten sollen mir heilig sein, an dieser Stütze will ich mich festhalten wenn manchmal in trüben Stunden mein Glaube und meine Zuversicht wankt! – –

Hartknopf eilte nun weiter dem Tore zu, welches auf den Galgenberg führte. Er sah die breite Heerstraße vor sich, auf welcher er seine erste Wanderschaft als Schmiedeknecht angetreten hatte. – Hier fühlte er sich in seiner ganzen jugendlichen Stärke wieder – die weite Welt lag wieder vor ihm, wie damals – auch führte der Weg zum Galgen gerade nach Osten zu. Er war auch auf seiner ersten Wanderschaft schon einige Meilen nach Osten fortgerückt, hatte sich aber nachher wieder weit gegen Westen geschlagen; da ging ihm denn die Sonne seines Glücks unter, aber sie ging in seiner Seele desto herrlicher wieder auf. –

Das Erdreich fing an sich zu heben, der Horizont wurde immer weiter – Türme von Dorfkirchen und einzelne Häuser, die Hartknopf alle bekannt waren, stellten sich nacheinander seinem Auge wieder dar; die ganze Gegend schien ihn, wie ihren alten Freund und Bekannten, wieder zu begrüßen. Gellenhausen lag tief im Tale, und er konnte bis in die Straßen hinabsehen.

Endlich wälzte sich die Sonne mit einem Feuerberge umgeben am Himmel herauf und rötete zuerst die Spitze des Galgens auf dem Hügel, und dann die Spitze des hohen Turms in Gellenhausen. Endlich kam sie nun gerade hinter den Galgen zu stehen, der Hartknopf wieder, so wie ehemals in seiner Kindheit, wie Simsons großes Tor vorkam und eine Ehrenpforte zu sein schien, wodurch die majestätische Sonne ihren feierlichen Durchzug halten wollte.

Gerade unter dem Galgen war der weiteste Prospekt, und mit welchem Entzücken nun Hartknopf dastand und die Wonne des Wiedersehens und der Wiedererinnerung genoß, vermag ich nicht zu beschreiben. – Er faltete seine Hände zu Gott empor, der ihn bis hierher geführt habe.

So stand Hartknopf und betete, sein Gesicht gegen Osten gewandt, zu dem Erhalter des Weltalls, in der stillen Einsamkeit unter dem Hochgerichte zu Gellenhausen. Dieser Hügel war sein Altar, und die ganze Natur sein Tempel.

Auf den Altären in den Kirchen, die mit Menschenhand gebaut sind, steht zum Schmucke ein Kreuz; diesen großen Altar schmückte ein Galgen, an welchem vielleicht schon so mancher als ein Opfer der unerbittlich strafenden Gerechtigkeit unschuldig gelitten hatte. Und hätte auch nur ein einziger Unschuldiger daran gelitten, so war dies Holz dadurch schon eingeweiht.

Ach, und die Schuldigen, die hier einen schmählichen und schändlichen Tod fanden – wer hat das Labyrinth ihrer von Kindheit verflochtenen Schicksale durchschaut? welcher Richter in die innersten Falten ihrer Herzen geblickt? wer den Übergang von dem Gedanken zur Tat bemerkt? Bemerkt, von welchen Gegenständen während dieses Übergangs Lichtstrahle sich ins Auge, Töne ins Ohr sich stahlen? ob der Himmel heiter oder trübe war, die Sonne sich hinter einer Wolke verbarg oder sanft dem noch nicht gewordenen Verbrecher ins Auge glänzte?

– Wie manchen hat der Anblick der vollen Natur, der Anbruch des Morgens von einer Tat zurückgehalten, worüber seine Seele in nächtlicher Stille gebrütet hatte? – Ja, wer hat schon sein ganzes Herz durchschaut, um ein Richter seiner eigenen Handlungen sein zu können?

– Verzeihe mir, Herr, die verborgenen Fehler! sagte Hartknopf. Indem sah er sich um, und hinter ihm stand sein alter Rektor Emeritus, der sich eben von einem Husten erholte, den ihm das Aufsteigen auf den Berg und die kühle Morgenluft verursacht hatten. – Sie setzten sich nieder und fingen, ihr Antlitz gegen Osten gekehrt, folgendes Gespräch an:

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.