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Andreas Hartknopf

Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleAndreas Hartknopf
authorKarl Philipp Moritz
firstpub1786
year1961
publisherHannes Schwenger
addressWürzburg
titleAndreas Hartknopf
pages1-69
created20050613
sendergerd.bouillon
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Meine Zusammenkunft mit Hartknopf in einem Karthäuserkloster

Das war das letzte Mal, daß ich ihn in Erfurt sah, und hier war es, wo er mir das letzte memento mori in die Seele warf, das seither nie wieder durch irgendeinen Freudenschall daraus verdrängt ist.

Ob es denn etwa Karthäuser in der Welt geben mag, damit wir, weil doch alles vollständig sein soll, auch ein lebendiges Bild des Todes vor uns haben, worin wir uns spiegeln sollen? – denn ein solches Bild ist ein Karthäusermönch, so wie sein Kloster das klare Bild des Grabes.

Es war am Festtage des heiligen Bruno, da wir uns von ungefähr und doch auch nicht von ungefähr, so wie die Nacht in den grünen Gängen nach den drei Brunnen, hier zusammentrafen. – Es war des Nachmittags, die Sonne schien hell ins Kirchenfenster, und beleuchtete den Kranz des Altarblattes und die grünen Blätter des duftenden Zitronenbaumes, womit die Kirche an diesem Festtage geschmückt war. Die Mönche saßen in zwei Reihen auf ihren erhabenen Sitzen, und vor jedem Sitz stand ein grüner Orangenbaum in einem mit Erde gefüllten Behältnis. Die Mönche saßen noch, ihre weißen Kappen über das Gesicht gezogen, in feierlicher Stille da, und die Bäume warfen einen sanften Schatten auf ihr langes weißes Gewand, dessen weite Ärmel herunterhingen.

Dumpf und traurig, in tiefen Tönen hob darauf ihr Gesang an; dann warfen sie sich auf ihr Antlitz nieder und zogen, indem sie anbeteten, ihre Kappen über die Gesichter herunter. –

Da standen Greise mit kahlem Scheitel und Jünglinge mit blassen Wangen, die einst geblüht hatten. –

Vor dem Altar hängt von oben ein Seil herunter, woran die Glocke gezogen wird; und sowie der erste Mönch hereintritt, tut er den ersten Zug an dem Seil und überreicht es seinem Nachfolger, der den zweiten tut, so daß alle an dem Läuten teilnehmen und alle in diesem Tempel dienen, ohne sich bedienen zu lassen. –

Ebenso ist es auch wieder beim Weggehen.

Hartknopf war nicht umsonst hier; er besuchte einen neunzehnjährigen Jüngling, dem der Freund seiner Jugend an seiner Seite vom Blitz erschlagen wurde, und der dadurch einen Ekel an aller Freude des Lebens bekommen hatte, welcher ihn hierher trieb, wo er dem Grabe entgegenwelkte.

Bei ihm gelang es Hartknopf, das zerknickte Rohr wieder aufzurichten – er erhielt auf sein dringendes Anhalten vom Prior die Erlaubnis, den Jüngling in seiner Zelle zu besuchen; und dieser ließ sich durch den erhabenen Ton seiner Stimme, durch seinen mitleidsvollen Blick bewegen ihn anzuhören; und da er ihn erst anhörte, so fesselte ihn Hartknopf schnell mit starken Banden der erbarmenden Liebe und Freundschaft.

Solch ein Ton war noch nie in des armen Jünglings Ohr gedrungen, seit er seinen Freund verloren hatte. Hartknopf brachte ihm diesen wieder, und sicherte ihm sein Dasein, und nun wurde der Jüngling allmählich ruhig. Aber Hartknopf hütete sich wohl, bei dem lebend Begrabenen den Reiz des Lebens zu sehr wieder aufzufrischen – er lehrte ihn, in sich selber, in tausend kleinen Beschäftigungen seine Glückseligkeit zu finden, die er vorher nicht gekannt hatte.

Hartknopf folgte in der Behandlung dieses Jünglings der Natur, welche den Mangel des einen Sinnes dadurch einigermaßen zu ersetzen sucht, daß sie die ganze Kraft in einem anderen Sinne zusammendrängt, der dadurch bis zu einem außerordentlichen Grade erhöht wird. – So suchte Hartknopf bei diesem Jüngling den Mangel des Entzückens, welches nur die Mitteilung gewährt, in dem Umgange mit seinem edleren Ich, in die große Beschäftigung mit seinem eigenen Geist zurückzudrängen – er lehrte ihn in sich eine Welt finden, da die Welt außer ihm auf immer vor ihm verschlossen war.

Trauben von den Dornen, und Feigen von den Disteln lesen, war Hartknopfs Wahlspruch, sooft er etwas bemerkte, was aus dem großen Plan der Natur hinweggerückt zu sein schien.

– Hier ist das Künsteln nötig, sagte er, um das Verdorbene wieder gut zu machen. Was ein Unvernünftiger zu seinen schlechten Endzwecken hervorgebracht hat, kann der Vernünftige immer noch zu einem besseren Endzweck nützen. – Die Unvernunft kann nichts so sehr verderben, daß die Vernunft es nicht sollte wieder gutmachen können. Die Unvernunft reißt nieder, damit die Vernunft wieder etwas zu bauen hat, so bleibt alles in Tätigkeit.

Wer sich einmal lebendig begraben will, der tut immer noch am besten, wenn er sich in ein Karthäuserkloster begräbt, wo er sich doch sein Grab selbst nach Gefallen ausschmücken und sich, wenn es ihm beliebt, darin umwenden kann, ob er gleich auch nicht wieder heraus darf.

Oft, wenn ich aus meinem Stubenfenster über die alte Stadtmauer nach dem Karthäuserkloster hinüberblickte, fühlte ich eine geheime Sehnsucht nach diesen stillen Hütten, die ihren sehr guten Grund in meinem damaligen Verhältnis gegen die Welt und gegen die Menschen hatte.

Die Karthäuser wohnen nicht wie andere Mönche in einem Haus, wo ein jeder seine besondere Zelle hat, sondern ein jeder Mönch hat hier sein eigenes kleines Haus, das nur ein Stockwerk hat und mit einer hohen Mauer umgeben ist, innerhalb welcher ein kleiner Garten bei jedem dieser Häuser befindlich ist. Die einzelnen Häuser sind durch die hohen umgebenden Mauern so voneinander abgesondert, daß man durch keine Türe von einem ins andere, wohl aber aus allen gemeinschaftlich in die Kirche und den Speisesaal kommen kann. Auf diesen Gängen ist es also allein, wo sich die Mönche begegnen und sich durch ihr unverbrüchliches memento mori miteinander unterhalten. Ein jeder hat in seinem Hause seine eigene kleine Einrichtung, baut selbst seinen kleinen Garten, spaltet sich selber sein Holz zum Brennen, hat auch wohl eine Drechsel- oder Hobelbank, womit er sich die Zeit verkürzt und seinem Körper eine heilsame Bewegung gibt. Sein Lager ist auf der bloßen Erde, zu seinen Füßen steht ein Totenskelett und ein harter Block dient ihm als Kopfkissen. Dreimal die Nacht über muß er sich des süßen Schlafes erwehren, wenn ihn bei vollem Einbruch der Finsternis, um Mitternacht und gegen Morgen die Stunde zum Gebet weckt.

Einmal im Jahr am Fest des Ordensstifters bekommt er Fleisch zu essen und Wein zu trinken, der sonst nie seine Lippen berühren darf. Bei Tisch herrscht ein unverbrüchliches Stillschweigen.

Keiner, der sich aus der Welt in diese geweihten Mauern geflüchtet hat, darf eine Erlösung daraus hoffen, wenn ihn je sein Entschluß wieder reuen sollte. Und wenn er es wagen würde, diese Mauern zu überspringen, dann würde, wenn man ihn ergriffe, ein schreckliches Schicksal ihn erwarten, und wäre er vorher noch nicht lebend begraben gewesen, so würde er es dann sein.

Hartknopf hatte sich diesen Karthäusermönch ausgesucht, um an ihm seine Weisheit zu versuchen; denn hier war es, wo sie die Probe halten mußte. Wenn es eine wahre Weisheit gibt, so muß sie lehren, wie man auch als Karthäusermönch, sobald man es einmal ist, auf seine Art glücklich werden kann.

Freilich ist es besser, wenn sie einen schon vorher gelehrt hat, daß man nie ein Karthäusermönch werden müsse – aber was hilft das Bessere, wenn das Schlechtere nun einmal da ist.

Das Schlechtere, was da ist, muß doch wohl mehr die Aufmerksamkeit des Weisen an sich ziehen als das Bessere, was nicht da ist. – Aber die Afterweisen, die Weltreformatoren, die Hagebucks schwärmen in den Zaubergefilden des Besseren, was nicht da ist, mit ihrer müßigen Phantasie umher und lassen indessen auf dem verwilderten Acker des wirklichen festen Erdbodens, auf den sie treten, Dornen und Disteln wachsen.

Das tat nun Hartknopf nicht – der suchte die Dornen und Disteln auszujäten, wo er sie nur fand; und aus der Seele des Jünglings hatte er einen sehr schmerzenden Dorn gezogen, indem er ihm seinen vom Blitz erschlagenen Freund wiedergab, und ihm in sich eine Welt zeigte, die ihn für die Ausschließung der äußeren Welt schadlos hielt.

Dieser junge Mensch konnte nun mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit berechnen, daß er sein ganzes Leben hindurch keinen Tag Langeweile haben würde, wenn er den Weg verfolgte, den ihm Hartknopf vorgezeichnet hatte. Ja er mußte sich sogar ein ziemlich langes Leben wünschen, wenn er in diesem Leben einige beträchtliche Fortschritte tun wollte, die ihm dort zustatten kommen könnten.

Und das war es, was ihm fast immer Angst und Furcht gemacht hatte; nicht der Gedanke des Todes, der war ihm angenehm und erquickend, sondern der Gedanke an die unerträgliche Last des Lebens – an alle die leeren Stunden, die er mit nichts auszufüllen wußte, oder wo doch die Quellen, mit denen er sie auszufüllen strebte, immer so bald versiegten.

Auch in das einsamste, von der Welt abgeschiedenste Leben, das der Nacht des Grabes am nächsten kam, läßt sich noch, wie mich Hartknopf gelehrt hat, eine unnennbare Seligkeit des Genusses legen. –

Ebenso wie dem die Ewigkeit nie zu lange werden könnte, der von den Millionen Welten, die aus dem Firmament leuchten, eine nach der anderen im ungehemmten Flug bereiste und die unendliche Verschiedenheit des Wesens all dieser Welten nach und nach kennenlernte – ebensowenig kann dem die Dauer seiner irdischen Tage zu lang erscheinen, der nur einen Blick in sich selbst, in seine innere Welt getan und die unermeßlichen Gefilde des Denkens überschaut, die sich da vor seinem Blick öffnen.

Und diese Wonnen des Denkens, des in sich Blickens, kann doch auch der dunkelste Kerker dem unsterblichen Geist nicht rauben.

Selbst der Verlust des süßen Augenlichts kann den Tag nicht verfinstern, der noch immer in der Seele des Weisen und Denkers strahlt

– nicht den Tag, der in Homers, in Miltons und Ossians Seele glänzte, da sie die Geschichte der Vorwelt sangen.

Hartknopf sprach: es werde Licht! und es ward Licht in der trüben Seele des Jünglings. Die Morgendämmerung des reinen Denkens brach hervor; Nebel der Vorurteile wälzten sich allmählich von den hellen Horizonten hinweg –und bei all dem blieb feste Resignation in Ansehung dessen, was einmal nicht zu ändern war. Hartknopf lehrte den Jüngling die Reue überwinden – er ließ ihn einen Blick in die notwendige Verbindung der Kette der menschlichen Schicksale tun, welcher Trost in seine Seele goß. Er sprach sich selber frei, ohne das Schicksal anzuklagen. Er unterwarf sich der Notwendigkeit und lernte sie lieben. –

Und Hartknopf sah an alles, was er hervorgebracht hatte, und siehe da, es war sehr gut –

Darum glänzte sein Auge so heiter, als ich ihn am Feste des heiligen Bruno in der Kirche des Karthäuserklosters traf. – Er sah in den Mienen des Jünglings edle Lebenslust, Entschlossenheit und Standhaftigkeit nicht nur auf den kommenden Tag, sondern auf kommende Jahre – und nun sah er mich da stehen, in dem er seine neue Schöpfung angefangen, aber noch nicht vollendet hatte.

Er fand diesen Ort zu einem wichtigen Fortschritt schicklich. – Er sagte mir mit einer so kalten, festen und trockenen Miene, daß ich sterben müsse, wie es mir noch nie in meinem Leben gesagt wurde, wie ich es mir selbst noch nicht gesagt hatte – es war, als hätte er mich mit diesem Blick von Haut und Fleisch entblößt.

Und indem er meine Hand dabei anfaßte und schnell wieder fahren ließ –

– fuhr mir der Gedanke an die Verwesung durch die Seele, und erschütterte mein Innerstes –

– also; Staub, wie der, auf den ich trete; ohne Gestalt, ohne Form, ohne Umriß in der ganzen Welt gleich; und eins die Totenasche aller Sterblichen, wenn sie sich zusammenmischt –

– die Schaumblase ist zerplatzt – dem Bilde ist sein Umriß genommen –

– abgeschieden von der Welt stehen hier die geweihten Opfer des Todes, in das weiße Sterbegewand gehüllt, und singen sich selbst ihren Grabgesang –

– hinweg mit dem täuschenden Schleier! Hier ist nicht der Jüngling mit der umgekehrten Fackel! – hier ist schreckliche, schändliche Verwesung – das Meisterstück der Schöpfung liegt zertrümmert da, und der Wurm nagt an seinen Überresten – sind denn Augen, wodurch der Geist geblickt hat, weniger wert, als Augen von Glas geschliffen? daß diese modern, wenn jene dauern? –

– ist es möglich, daß dieser Körper, den ich an mir trage, der so nahe in mein Ich verwebt ist, einst ein Auswurf der Schöpfung werde?

– Nicht nur möglich, sondern gewiß; so gewiß, daß es jetzt schon wirklich ist – und ich sollte nicht vor mir selber zurückbeben? vor mir selber?

Wer bin ich? Wo bin ich selber? Wo nimmt mein eigentliches Ich seinen Anfang? Wo hört es auf? Wo verschwimmt es in die umgebende Welt? Kann ich nicht alles mit in den Kreis meines Daseins ziehen, und kann ich nicht alles wieder herausdenken? Wo nimmt mein Ich seinen Anfang?

Hartknopf faßte meine Hand und ließ sie schnell wieder fahren, wie die Hand eines Toten. – –

Eins muß mir heraushelfen, sonst bin ich auf ewig in diesem Labyrinth verloren.

Das höchste Studium des Psychologen sind

die Hilfsverben.

Hab ich denn eine Hand? Hab ich denn einen Körper? so wie ich ein Kleid, eine Wohnung habe? – Hab ich eine Denkkraft? Wo hört denn das Haben auf? Wo nimmt das Sein seinen Anfang?

Ich habe – ich bin.
Was hab ich? Was bin ich?

Das ist der Aufschluß:

Ich habe alles, was ich bin; aber ich bin nicht alles, was ich habe.

Haben ist der mehrumfassende Begriff. Haben bezeichnet:zusammenhängen. Sein bezeichnet den stärksten Grad des Zusammenhanges – den letzten Knoten, worin sich alles zusammenschlingt.

Das Haben nähert sich dem Sein, je stärker der Zusammenhang wird.

Alles was ich mein nenne, oder was ich besitze, nenne ich deswegen mein, weil es in näherem Zusammenhang mit mir, als mit sonst irgendetwas in der Welt steht.

Das Kleid, das ich trage, ist mehr mein, schmiegt sich näher an mein Ich als das Haus, worin ich wohne, und der Körper wieder mehr als das Kleid, das ich trage, und der Gedanke, womit ich mir meinen Körper vorstelle, wieder mehr als der Körper selbst.

Der Zusammenhang wird immer fester, immer in sich gedrängter.

Das Haben verliert sich unmerklich ins Sein.

Das Sein ist der Stift in dem Wirbel – ohne Mittelpunkt ist kein Zirkel, ohne Sein ist kein Haben.

Ich kann nicht so gut mehr sagen; ich habe eine Denkkraft oder ein denkendes Wesen, als ich sagen kann; ich habe einen Körper – ich bin ein denkendes Wesen.

Könnte je der innere Zusammenhang meiner Gedanken aufgelöst werden, so wie der Bau meines Körpers zerstört wird, dann würde ich aufhören zu sein. –

Hartknopf faßte meine Hand und ließ sie wieder fallen, wie die Hand eines Toten –- und ich schauderte nicht mehr zurück vor der Verwesung, denn ich fühlte mich in mich selbst zurückgedrängt, fest und unerschütterlich, mein Körper war außer mir; war ein gleichgültiger Gegenstand meiner Betrachtung.

Je enger der Zirkel von außen her um mich wird, je mehr diese Denkkraft in sich selber zurückgedrängt wird, desto fester wird der innere Zusammenhang meiner Gedanken in sich selber: desto fester und unerschütterlicher das Gefühl meines Daseins.

Der Karthäusermönch, den Hartknopf die Weisheit des Lebens lehrte, war fast bis aufs Grab umschränkt, so wenig Zusammenhang mit der äußeren Welt blieb ihm übrig, und er fand dennoch Fülle des Daseins in sich selber.

Zu guter Letzt lehrte mich Hartknopf noch ein Lied an die Weisheit, bei welchem Worte und Melodie so wahr, so passend, so aus der Seele gehoben; der sanfte Gang der Töne ein so lebhaftes Bild des ruhigen abgemessenen Lebensschrittes; und die Harmonie des Ganges so herzeindringend ist; daß einige Verse aus diesem Lied gesungen, gleich einem wohltätigen Zauber, manchmal eine plötzliche Veränderung in meinem Gemüt hervorgebracht und meine empörten Leidenschaften wieder besänftigt haben. Denn an jedes Wort, an jeden Ton in diesem herrlichen Liede, war mir irgendeine von Hartknopfs großen Lehren geknüpft, die nun alle mit einem Male in meiner Seele erwachten – und durch die einfache und doch gedankenvolle Melodie in ein simples System gebracht, so leicht und ohne Mühe von mir umfaßt werden konnten, wie die Wölbung meines Ohres jeden sanften Ton auffing, den die berührte Saite meines Herzens wie ein getreues Echo wiedergab.

Das Lied an die Weisheit, das mich Hartknopf lehrte, und das jetzt auch in einer wohlbekannten Sammlung steht, hieß:

O du, durch die wir auf der Bahn des Lebens
Zum großen Ziele freudig gehn,
Und einst am Grab in Aussicht, nicht vergebens
Den steilen Pfad erstiegen sehn

Durch die ein beifallgebendes Gewissen
Uns Glück und stillen Frieden beut,
Und Blümchen lockt hervor zu unsern Füßen
Und auf die Dornenpfade streut;

Geleite mich die Dornenbahn des Lebens
Getrost und mutig fernerhin,
Und lehre mich, daß ich zu Licht vergebens
Durch Licht nicht auserkoren bin!

Mein Leben sei ein steter sanfter Friede
Und Wohlklang, wie das Saitenspiel!
Nie meine Hand zum Bau des Tempels müde,
Vollendung meiner Arbeit Ziel!

Geordnet sei mein Leben nach dem Maße
Des simplen Ganzen der Natur,
So wird die Müh' auf dieser Wanderstraße
Zur Freude einer Blumenflur.

Hell vor uns her blickt schon im Morgensterne
Elysium aus Mitternacht,
Auf meine Brüder, schaut froh in die Ferne,
Die lohnend uns entgegenlacht!

Senkt nie den Blick auf die Beschwerden nieder
Dort ist der Quell, und dort ist Heil!
Der Geist streb auf, kehr lichterhellter wieder
Und nehm verklärt am Lichte teil!

Die Weisheit, welche Hartknopf seine Schüler lehrte, ist einzig fest, und unerschütterlich; sie heißt;

Resignation.

Der diese Weisheit lehrte, erprüfte sie, da er den Emeritus und den Gastwirt Knapp zu ihrer Hinrichtung auf den Rabenstein zu Gellenhausen begleitete, den sie auf Satan Hagebucks Anstiften besteigen mußten.

Er besiegelte sie fünf Jahre nachher mit seinem Martyrertode.

Mors ultima linea rerum est

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