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Hugo von Hofmannsthal: Andreas - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAndreas
authorHugo von Hofmannsthal
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008800-3
titleAndreas
pages3-14
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Andreas war plötzlich heftig errötet, so daß die Sehkraft seiner Augen durch ein Flimmern geschwächt war und er über einen zertretenen Paradeisapfel, der vor seinen Füßen lag, fast ausgeglitten wäre. Der andere sah ihn im Gehen von der Seite an. »Eine solche Sache«, fuhr er fort, »kann sich im Kreis von vornehmen Leuten abspielen, und die den Anstand haben, nichts davon verlauten zu lassen; andernfalls würde die Behörde sich dreinmischen. So wird von den hiesigen Herren nicht gern ein Fremder in eine Verabredung dieser Art hineingezogen. Wenn Ihnen aber sehr viel daran liegt, so will ich mir Mühe geben, und vielleicht kann ich Ihnen indirekt ein Los verschaffen, ich meine in der Weise, daß einer der Subskribenten Ihnen gegen eine Abfindung, die nicht wenig sein wird, seine Hoffnung abtritt, ohne daß Ihr Name genannt wird.« Andreas wußte nicht, was er antworten sollte, und ging schnell auf etwas anderes über, indem er sein Erstaunen darüber aussprach, daß die ältere Tochter keinen besseren Weg wüßte, ihrer Familie beizuspringen, und es der kleinen Schwester überließ, sich in dieser ungewöhnlichen Weise aufzuopfern.

»Nun, etwas gar so Ungewöhnliches ist es ja nicht, was sie tut«, erwiderte der andere, »und von Nina ist nicht viel zu erwarten, das weiß die Kleine selber am besten. Nina ist keine Wirtschafterin, und was Sie ihr heute schenken, zergeht ihr morgen zwischen den Fingern. Sie ist eine Schönheit, aber an Kopf kann sie sich mit Zustina nicht messen. Schaun Sie wie sie ist: einmal will ich ihr einen reichen vornehmen Herrn aus Wien vorstellen, den Grafen Grassalkowicz, – der Name wird Ihnen nicht fremd sein. Und Sie werden wissen, was es bedeutet, die Bekanntschaft dieses Herrn zu machen, der, wie Sie wissen, zwei Palais in Wien und eins in Prag hat, und dessen Güter in Kroatien so groß sind als der ganze Besitz der Republik. ›Wie heißt der Mensch‹, sagt sie und läßt sich den Namen wiederholen, dabei zieht sie die Nasenflügel nach oben; wenn sie das tut, ist bei ihr nichts zu machen, so wenig wie bei einem stutzigen Pferd. ›Der Name‹, sagt sie, ›klingt wie ein recht gemeiner Fluch, und wie der Name, so wird auch der Träger sein. Führe ihn wohin du willst, ich mag nichts von ihm wissen.‹ Da haben Sie die ganze Nina.«

Andreas dachte, es sei keine so ungewöhnlich große Auszeichnung, als er bis nun angenommen hatte, durch diesen Freund bei Fräulein Nina eingeführt zu werden, aber er behielt seine Gedanken bei sich.

Sie waren auf einem freien Platz angekommen: vor einer kleinen Kaffeeboutik standen im Freien hölzerne Tischchen und Strohstühle; an einem schrieb ein Herr, der ganz in Schwarz gekleidet war, Briefe. An einem andern saß ein plumper Mann mit bläulicher Rasur in mittleren Jahren, der einen fremdartigen langen Rock mit Verschnürung trug, und hörte in bequemer Stellung und mit unbewegter Miene einem jungen Mann zu, der in ihn hineinredete, dabei nicht wagte, seinen Stuhl an den Tisch zu ziehen, ja sich kaum wirklich niederzusitzen getraute, daß Andreas ihn nicht ansehen konnte, ohne Mitleid und Unruhe zu spüren.

»Sehen Sie dort die zwei«, flüsterte Zorzi und schob die Schokolade an sich, die Andreas für ihn hatte kommen lassen. »Es ist ein reicher Grieche und sein Neffe. Er raucht und läßt ihn reden – bemerken Sie, wie der unglückselige Bettler sich krümmt, nichts von dem Rauch mitzurauchen. Und nach einer Weile, merken Sie auf, – er wird seinen Kaffee zahlen und fortgehen, am Schluß wird der Junge vor ihm auf die Knie fallen, der Alte wird so wenig darauf achten, als wenn es ein Hund wäre. Er wird sich an sein Gewand hängen, der Alte wird ihn abschütteln und seines Weges gehen, als wenn er allein wäre. Dasselbe Schauspiel können Sie mehrmals im Tag sehen, morgens vor der Börse, hier, und abends auf der Riva. Ist es nicht unterhaltend, wie bestialisch die Menschen einander mitspielen und wie beharrlich sie in ihrer Bosheit sein können!«

Andreas hörte kaum zu, so sehr beschäftigte ihn die Erscheinung des schreibenden Herrn. Es war ein überlanger, schmaler Körper, der sich schreibend über das kleine Tischchen bog, unter welchem die langen Beine keinen Platz fanden als durch Bescheidenheit, überlange Arme, die sich notdürftig unterbringen konnten, überlange Finger, die den schlechten, ächzenden Federkiel führten. Die Stellung war unbequem und beinahe lächerlich, aber nichts hätte das Wesen dieses Mannes schöner enthüllen können als diese Unbequemlichkeit und wie er sie ertrug, besiegte, ihrer nicht gewahr wurde. Er schrieb hastig, die Zugluft zerrte an dem Blatt, er hätte müssen ungeduldig sein, und doch war eine Beherrschung in allen seinen Gliedern, eine – so seltsam das Wort klingen mag – Verbindlichkeit gegen die toten Gegenstände, die ihm so mangelhaft zu Dienst standen, ein Hinwegsehen über die Unbequemlichkeit der Lage, das unvergleichlich war. Ein starker Luftzug warf eines der Blätter zu Andreas hinüber. Andreas fuhr auf und beeilte sich, dem Fremden das Blatt zu reichen, der sich selbst ohne Hast seitlich gebückt hatte, mit einer halben Neigung das gereichte in Empfang nahm, wobei Andreas der Blick seiner dunklen Augen traf, die ihm schön schienen, obwohl sie in einem Gesicht saßen, das niemand für schön halten konnte. Der Kopf war bei weitem zu klein für die Gestalt und die gelbliche, etwas leidende Miene so seltsam verzogen, daß Andreas der ungereimte Gedanke an das vertrocknete Gesicht einer toten Kröte durch den Sinn fuhr die ihn irgend einmal an einem Wegrain angeblickt hatte.

Er hätte mögen viel von diesem Manne wissen – aber gerade nichts durch Zorzi, der sich zu ihm herüberlehnte und ihm zuwisperte: »Ich werde Ihnen sagen, wer das ist, sobald er weggegangen ist. Ich will jetzt den Namen nicht nennen. Er ist der Bruder eben des großen Herrn, den ich Ihnen vorhin als Protektor der Familie, bei der Sie wohnen, genannt habe. Sie verstehen mich, als den, unter dessen Ägide die Lotterie vor sich geht. Es ist ein Malteser«, fuhr er dann fort, hielt aber sogleich inne, als der Schreibende den Kopf hob, »- trägt aber, wie Sie sehen, auf seinen Kleidern nicht das Kreuz, das zu tragen er nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet ist. Er hat große Reisen gemacht, man sagt, er sei im Innersten von Ostindien oder gar an der Chinesischen Mauer gewesen, und soll nach den Reden der einen im Dienst der Jesuiten stehen, nach den andern nicht viel anderes als ein Freimaurer sein.«

Der reiche Grieche und sein bettelhafter Neffe standen auf – die plumpe Herzenshärte des einen, die hündische Demut des anderen waren abscheulich. In beiden schien die Menschennatur entwürdigt. Für Andreas war es außer der Begreiflichkeit, daß ein so gemeines Schauspiel sich in solcher Nähe eines Wesens, wie der Ritter ihm dünkte, abspielen konnte; ja als nun beide gegeneinander, in einer Art von Fauchen der eine und Winseln der andere, ihre Stimmen erhoben, meinte er dazwischenspringen und sie mit dem Stock zur Ruhe bringen zu müssen. Einen Augenblick sah der Malteser auf, aber er blickte über die beiden Menschen hinweg, als wären sie nicht da, und nickte, im Aufstehen den Brief verschließend, einem jungen Burschen zu, der nun vorsprang und mit einer Verbeugung den Brief in Empfang nahm und damit abging, indessen der Ritter sich nach der anderen Seite entfernte.

Als er um die Ecke verschwunden war, schien Andreas der Platz verödet. Zorzi bückte sich und brachte unter dem Tisch ein gefaltetes Briefblatt hervor: »Da hat uns der Wind etwas von der Korrespondenz des Herrn Ritter Sacramozo unter die Füße geworfen«, sagte er, »entschuldigen Sie mich für einen Augenblick, ich will ihm sein Eigentum nachtragen.« – »Lassen Sie mich es ihm zurückgeben«, fuhr es aus Andreas' Mund; ihm war, als hätte seine Zunge es aus eigener Macht gesagt, und schon hatte er das Blatt angefaßt. Ihm lag unendlich an der Erfüllung dieses Wunsches, er zog das Papier dem andern aus den Fingern und lief in einem engen Gäßchen hinter dem Malteser drein.

Es war mehr als Grazie, eine wahre unnachahmliche Vornehmheit, mit der der Ritter ihn anhörte und das Blatt entgegennahm, und Andreas glaubte niemals eine wunderbarere Übereinstimmung zwischen der Haltung eines Menschen und dem Klang seiner Stimme wahrgenommen zu haben. Die Worte »Sie sind sehr freundlich, mein Herr«, kamen deutsch und in der besten Aussprache von seinen Lippen. Sein herzenswarmes und zugleich seelenvolles Gesicht schien eine tiefe, aus der Seele dringende Freundlichkeit auszudrücken. In der Spanne eines Augenblickes fühlte sich Andreas mit Wohlwollen empfangen, in eine jede Fiber seines Wesens erhöhende Atmosphäre aufgenommen und wieder verabschiedet. Er stand vor dem Fremden wie entseelt, sein Körper kam ihm plump und seine Haltung bäurisch vor. Aber jedes Glied seines Körpers wußte um jedes Glied und führte das Bild der hohen, in nachlässiger Bestimmtheit, in herablassender Verbindlichkeit sich leicht gegen ihn neigenden Gestalt ins Innere, wie eine Flamme auf Flamme bebte.

Er ging zurück und war schon in sich dumpf bemüht, den Ausdruck dieser Augen, den Klang dieser Stimme festzuhalten, als wäre es für die Ewigkeit ein Verlorenes, – fragte sich: hab ich den schon früher gesehen? wie könnte mir sonst das Bild im Augenblick so tief eingedrückt sein? von mir selbst kann ich über ihn erfahren! – Wie staunte er aber, als er einen schnell und leicht ihm nacheilenden Schritt mehr fühlte als hörte, der kein anderer als der des Maltesers sein konnte, als er sich eingeholt sah und ihm mit der gleichen einnehmenden Stimme in der verbindlichsten Weise bedeutet wurde, er müsse sich geirrt haben. »Der Brief, den Sie so gütig waren, mir zu geben, ist weder von meiner Hand, mein Herr, noch ist er an mich gerichtet. Er muß Ihnen selbst gehören – jedenfalls muß ich Sie bitten, darüber zu verfügen!«

Andreas war verlegen und verwirrt, einige undeutliche Gedanken kreuzten sich in ihm, die Furcht, zudringlich zu erscheinen, durchfuhr ihn wie eine heiße Nadel. In der Verwirrung schien es ihm leichter, welches Bestimmte immer zu sagen, als etwas Unbestimmtes, für das er niemals die Wendung gefunden hätte, – er errötete über eine unbeherrschte Gebärde seiner Hände, die schon nach dem Briefblatt wieder gegriffen hatten; um so entschiedener beteuerte er nun, daß der Brief ganz sicher nicht ihm gehöre, er in keiner Weise darüber zu verfügen habe. Die Miene, mit welcher der Malteser sich sogleich zufrieden gab, war mehr die des Mannes, der sich unter keiner Bedingung aufdrängt, als die eines von einem Irrtum Überzeugten, und der unmerkliche Schimmer eines Lächelns überflog sein Gesicht oder nur seine Augen, als er nochmals mit Verbindlichkeit grüßte und sich abkehrte.

»Es ist Zeit«, rief Zorzi, »wenn Sie wünschen, die schöne Nina heute kennenzulernen. Sie wird auf sein und, wenn wir Glück haben, noch keinen Besuch bei sich haben. Später fährt sie aus, oder sie hat einen ihrer Freunde zu Tisch. – Nun«, fragte er im Gehen, »haben Sie die Bekanntschaft des Ritters gemacht und ihm seinen Brief zurückgegeben? Denken Sie, der Narr schreibt täglich zwei und drei solche Briefe von zehn Seiten an ein und dieselbe Person, und dabei sieht er sie fast jeden Tag und ist trotz allem, glaub ich, nicht einmal ihr Liebhaber. Denn sie ist eine Halbnärrin und liegt entweder krank im Bett oder auf ihren Knien in irgendeiner Kirche. Sie hat weder einen Mann noch einen Verwandten. Der Ritter ist der einzige Mensch, der zu ihr kommt, und da sie nicht unter Leute geht, hat er nicht einmal den Spaß davon, für ihren Kavalier zu gelten. Dabei versteckt er aber die Geschichte vor jedermann, als ginge es um ein junges Mädchen oder eine Nonne.« – »Wie kommen Sie dazu, die Geheimnisse aller Leute zu wissen«, fragte Andreas verwundert. – »Ach, man erfährt allerlei«, gab der andere zurück, mit dem gleichen Lachen, das Andreas schon so mißfallen hatte und ließ sich auf weiter nichts ein. »- Aber hier ist das Haus. Wir gehen einfach hinauf, oder warten Sie lieber eine Minute, ich springe hinauf und sehe, wie es steht und ob man Sie vorlassen will.«

Es verging nun eine Spanne Zeit, deren Dauer Andreas nicht hätte mit Sicherheit bestimmen können. Vielleicht blieb der Maler nur so lange aus, als es natürlicherweise bedurfte, um die Treppen hinaufzusteigen, sich selber anmelden zu lassen und einen Besuch anzukündigen, vielleicht hatte man ihn oben warten lassen, und es verfloß eine viel längere Zeit.

Andreas entfernte sich ein paar Schritte von dem Haus, durch dessen Tür Zorzi verschwunden war, und ging bis ans Ende der ziemlich engen Gasse. Sie endete in einem Schwibbogen, unter diesem aber führte seltsamerweise eine Steinbrücke über einen Kanal auf einen kleinen eiförmigen Platz hinüber, auf dem eine kleine Kirche stand. Andreas ging wieder zurück und war ärgerlich, daß er nun schon nach wenigen Minuten unter den ziemlich einfachen und gleichartigen Häusern das richtige nicht wiedererkennen konnte. Die Tür des einen, dunkelgrün, mit einem bronzenen Türklopfer in Gestalt eines Delphins, schien ihm die zu sein, durch welche Zorzi verschwunden war, doch war die Tür geschlossen und Andreas meinte jenen noch vor sich zu sehen, wie er durch eine offene Tür in einen Hausflur trat. Immerhin war keine Gefahr, daß sie einander verfehlten, wenn Andreas nochmals bis an die Brücke vorging und den kleinen Platz mit der Kirche in Augenschein nahm. Gasse und Platz waren völlig menschenleer, man mußte einen Schritt hören, geschweige einen Ruf oder wiederholte Rufe, wenn Zorzi ihn suchte. So überschritt er die Brücke; unter ihr hing auf dem dunklen Wasser eine kleine angebundene Barke, nirgend war ein Mensch zu sehen oder zu hören: der ganze kleine Platz hatte etwas Verlorenes und Verlassenes.

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