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Hugo von Hofmannsthal: Andreas - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAndreas
authorHugo von Hofmannsthal
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008800-3
titleAndreas
pages3-14
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Er trat vom Fenster weg, nun konnte er wieder an seine Romana denken, nur jetzt ernster und feierlicher, da er eben in solcher Weise an seine Eltern gedacht hatte. Er war schnell ausgezogen und zu Bett, und in seiner Einbildung schrieb er an seine Eltern. Die Gedanken strömten ihm, alles, was ihm einfiel, war unwiderleglich, einen solchen Brief hatten sie von ihm noch nie bekommen. Sie mußten fühlen, daß er nun kein Knabe war, sondern ein Mann. Wäre er eine Tochter statt eines Sohnes – so beiläufig fing er an -, so wäre ihnen schon lange das Glück zuteil gewesen, in noch rüstigen Jahren Enkel zu umarmen und Kinder ihrer Kinder heranwachsen zu sehen, – durch ihn hätten sie auf dieses Glück allzulange warten müssen, das doch einer der reinsten aller Glücksfälle des Lebens sei und gewissermaßen selber ein erneutes Leben. – Die Eltern immer zu wenig Freude an ihm gehabt – er dachte dies so lebhaft, als wären sie tot er müßte sich auf sie legen, sie mit seinem Leib erwärmen. – Nun hätten sie ihn auf eine kostspielige Reise in fremdes Land ausgeschickt – wozu? um fremde Menschen kennenzulernen, Landesgebräuche zu beobachten, um sich in den Manieren zu vervollkommnen. Dies alles aber sind nur Mittel und abermals Mittel zum Zweck. Wie viel besser stünde es, wenn sich dieser höchste Zweck selber, der nichts anderes sei als das Glück des Lebens, mit einem raschen Schritt für immer erreichen lasse. Nun habe er ja durch Gottes plötzliche Fügung das Mädchen gefunden, die Lebensgefährtin, die sein Glück verbürge. Von jetzt an gebe es für ihn nur ein Trachten: an der Seite dieser durch die eigene Zufriedenheit auch die Eltern zufriedenzustellen.

Der Brief, den er in Gedanken schrieb, war weit über dieser dürftigen Inhaltsangabe, die beweglichen Worte kamen ihm ungesucht, die schönen Wendungen hingen sich kettenweise aneinander. Er redete von dem schönen Besitz der Familie Finazzer und von ihrer altadeligen Abstammung, ohne rohe Prahlerei, auf eine Weise, die ihn selbst zufriedenstellte, nebenhin und doch mit Nachdruck. Hätte er nur ein Tintenfaß und eine Feder zur Hand gehabt, er wäre aus dem Bett gesprungen, und der Brief wär in einem Schwung geschrieben. So aber fing die Müdigkeit an, ihm die schöne Kette auseinanderzulösen, andere Vorstellungen drängten sich dazwischen, und lauter widerwärtige und ängstliche.

Es mochte Mitternacht vorüber sein. Er sank in einen wüsten Traum und aus einem in den anderen. Alle Demütigungen, die er je im Leben erfahren hatte, alles Peinliche und Ängstigende war zusammengekommen, durch alle schiefen und queren Situationen seines Kindes- und Knabenlebens mußte er wieder hindurch. Dabei floh Romana vor ihm, in seltsamen halb bäurischen, halb städtischen Kleidern, bloßfüßig unterm schwarz gefältelten Brokatrock, und es war in Wien in der menschenbelebten Spiegelgasse, ganz nahe dem Haus seiner Eltern. Angstvoll mußte er ihr nach und mußte doch dies Nacheilen wieder ängstlich verbergen. Sie drängte sich durch die Menschen durch und wandte ihm ihr Gesicht zu, das hölzern und verzogen war. Wie sie weiterhastete, waren ihr die Kleider unordentlich vom Leibe gerissen. Auf einmal verschwand sie in einem Durchhaus, er ihr nach, so gut es der linke Fuß erlaubte, der unendlich schwer war und sich immer wieder in Spalten des Pflasters verfing. Nun war er endlich auch in dem Durchhaus, aber er hatte langsam zu gehen, und hier blieb ihm keine schreckliche Begegnung erspart. Ein Blick, den er als Knabe gefürchtet hatte wie keinen zweiten, der Blick seines ersten Katecheten, schoß durch ihn hindurch, und die gefürchtete kleine feiste Hand faßte ihn an. Das widerwärtige Gesicht eines Knaben, der ihm in dämmernder Abendstunde auf der Hintertreppe erzählt hatte, was er nicht hören wollte, preßte sich gegen seine Wange, und wie er diese mit Anstrengung zur Seite schob, lag vor der Tür, durch die er jetzt Romana nach mußte, ein Wesen und setzte sich gegen ihn in Bewegung: es war die Katze, der er einmal mit einer Wagendeichsel das Rückgrat abgeschlagen hat, und die solange nicht hatte sterben können. So war sie noch nicht gestorben, nach soviel Jahren! Er sieht den Gang der Jahre indem er vor sich den Vater grau dann weiß werden sieht und der Mutter Gesicht schlaffer und immer bleicher werden   kriechend mit gebrochenem Kreuz, wie eine Schlange kommt sie ihm entgegen, und er fürchtet über alles ihre Miene, wenn sie ihn ansieht. Es hilft nichts, er muß über sie weg. Den schweren linken Fuß hebt er mit unsäglicher Qual über das Tier, dessen Rücken in Windungen unaufhörlich auf und nieder geht, da trifft ihn der Blick des verdrehten Katzenkopfes von unten, die Rundheit des Katzenkopfes aus einem zugleich katzenhaften und hündischen Gesicht, erfüllt mit Wollust und Todesqual in gräßlicher Vermischung – er will schreien, indem schreit es auch drin im Zimmer: er muß sich durch den Wandschrank winden, der voll von den Kleidern der Eltern ist. Immer gräßlicher schreit es drin, wie ein lebendes Wesen, das ein Mörder abtut. Es ist Romana, und er kann ihr nicht helfen. Es sind der abgetragenen Kleider zu viel, die Kleider von den vielen Jahren, die nicht weggegeben worden sind: schweißtriefend windet er sich durch – mit klopfendem Herzen lag er wach in seinem Bett. Es war schon halb hell, aber noch vor Tag.

Unruhe war im Haus, Türen gingen, im Hof war ein Geräusch von laufenden und einander zurufenden Menschen. Da setzte der Schrei aufs neue ein, der seine träumende Seele aus der Tiefe des Traums an das fahle Licht emporgezogen hatte. Es war das durchdringende Weinen und Klagen einer Frauenstimme, ein gellendes Jammern, unaufhörlich stoßweise sich erneuernd. Andreas war aus dem Bett und zog sich an, aber dabei war ihm zumut, wie einem Verurteilten, den das Pochen des Henkers geweckt hat; der Traum hing noch zu sehr an ihm, die gestrige Nacht – ihm war, als habe er etwas Schweres begangen und nun komme alles ans Licht.

Er lief die Treppe hinab, der Stimme nach, die im ganzen Haus gräßlich hallte. Wenn er dachte, es könne Romana sein, so erstarrte ihm das Blut. Dann war ihm wieder, solche Töne könnten aus ihr nicht herauskommen, auch wenn sie als eine Märtyrerin auf dem Rost liege.

Unten im Erdgeschoß lief ein kleiner Gang seitlich, der stand voller Knechte und Mägde, die zur offenen Tür einer Kammer hineinstarrten. Andreas trat unter sie, und sie ließen ihn durch. Auf der Schwelle zu der Kammer blieb er stehen. Rauch und ein Gestank von Angebranntem schlug ihm entgegen. An den Bettpfosten war eine fast nackte Weibsperson gebunden, aus deren Mund die unaufhörlichen gellenden Klagen oder Anklagen hervorbrachen, die mit einem Klang wie aus der höllischen Verdammnis bis in die Tiefe von Andreas' Traum hinuntergelangt hatten. Der Bauer war um die Tobende, die Bäuerin halb angekleidet, der Altknecht schnitt mit dem Taschenmesser den verknoteten Strick durch, der ihre Fußknöchel mit dem Bett verband. Die Handfesseln, schon durchschnitten, und ein Knebel lagen auf der Erde. Die Obermagd goß Wasser aus einem Krug auf die glosende Matratze und die hinteren verkohlten Bettpfosten und trat die glimmenden Funken in dem Stroh und Reisig aus, das vor dem Bett aufgehäuft war. An einer anderen Stelle war das Zimmer unmenschlich verunreinigt.

Nun erkannte Andreas in der schreienden Gebundenen die junge Magd, die sich gestern mit seinem Bedienten gemein gemacht hatte, und nun ahnte er einen gräßlichen Zusammenhang, daß es ihn heiß und kalt überlief. Das Schreien ließ nach, der Zuspruch des Bauern und der Bäuerin schien allmählich auf das vor Angst halb wahnsinnige Geschöpf zu wirken. Zuckend lag sie der Obermagd im Schoß, die sie mit einer Pferdedecke umwickelte. Das verschwollene Gesicht nahm einen menschlicheren Ausdruck an   endlich brachen sich die Worte durch das Schreien und Heulen hindurch. Sie fing an, auf die Fragen des Bauern Antwort zu geben, aber jede Antwort wurde wieder zu einem die Seele zerreißenden Schreien, das aus dem aufgerissenen Mund drang und durchs Haus hin schallte. Ob der Mensch sie durch einen Schlag oder sonstwie betäubt habe und dann ihr erst den Knebel in den Mund getan habe, fragte der Bauer, welcher Art das Gift gewesen sei, das er für den Hund zusammengemischt habe, und ob zwischen diesem und dem Augenblick, da sie den Knebel aus dem Mund kriegen und schreien konnte, eine kurze oder lange Zeit verstrichen sei, – aber aus dem Mund des Geschöpfes kam nichts andres heraus, als das Entsetzen sie gegen Himmel heulen ließ, damit ein strafender Gott es höre: sie so angebunden und vor ihren sehenden Augen das Feuer angemacht, und dann hinausgegangen und sie von außen eingeriegelt, und noch durchs Fenster auf sie hereingegrinst und ihrer in ihrer Todesangst gespottet. Hinein mischte sie flehentliche Bitten, ihr die schwere Sünde zu verzeihen. Ein Name wurde nicht genannt, aber Andreas wußte nur zu gut, von wem die Rede war. Traumartig, als hätte er nun hier gesehen was er wollte, ging er durch die Knechte und Mägde durch, die ihm stillschweigend Platz machten; da stand hinter allen, in eine Türnische geduckt, Romana, halb angezogen, mit bloßen Füßen und zitternd. Fast so, wie ich sie im Traum gesehen habe, dachte es in ihm. Als sie ihn gewahr wurde, nahm ihr Gesicht den Ausdruck maßlosen Schreckens an.

Er trat in den Stall, ein junger Knecht war leise hinter ihm dreingegangen, vielleicht aus Mißtrauen um ihn zu beobachten. Der Stand, worin gestern Andreas' Fuchs gestanden hatte, war leer, der Braun stand auf den Beinen und sah jämmerlich drein. Der hochgewachsene junge Knecht, der ein offenes Gesicht hatte, sah Andreas an, und dieser entschloß sich zu fragen: »Hat er sonst noch was angestellt?« – »Derzeit scheints nicht«, sagte der Knecht, »es sind ihm unser etliche nach, aber sein Pferd ist wohl das schnellere, und er mag leicht zwei Stunden Vorsprung haben.« Andreas sagte nichts. Sein Pferd war dahin und mehr als die Hälfte seines Reisegeldes, das in den Sattel eingenäht war. Das aber schien ihm das geringere vor der Schmach, wie er jetzt dastünde vor den Bauersleuten, denen er dies scheußliche Greuel ins Haus gebracht hatte. Das Sprichwort »Wie der Herr so der Knecht« fiel ihm ein, und blitzschnell die Umkehrung, daß er wie von Blut übergossen vor dem ehrlichen Gesicht des Burschen dastand. – »Das Pferd da ist auch bei uns gestohlen«, sagte dieser und zeigte auf den Braun, »der Herr Finazzer hats gleich gewußt, aber er hats Ihnen vorerst nicht sagen wollen.«

Andreas antwortete nicht, er ging die Treppe hinauf, und ohne das Geld zu zählen, das ihm geblieben war, nahm er so viel zu sich, als ihm nötig schien, um dem Finazzer sein gestohlenes Gut wieder zu erstatten. Und da er keinen Anhalt hatte, wieviel ein Klepper wie der Braun unter den Bauern wert sein könnte, so steckte er auf jeden Fall so viel zu sich, als er in Villach dafür bezahlt hatte. Dann stand er eine ganze Weile in unbewußten Gedanken vor dem Tisch in seinem Zimmer, und endlich ging er hinunter, das Geschäft abzumachen.

Er mußte warten, bis er mit dem Bauern reden konnte, denn es waren eben die drei Knechte eingeritten und berichteten, was sie ausgespäht und was sie von begegnenden Hirten und Landgehern in Erfahrung gebracht hatten; aber es gab wenig Aussicht, daß man des Halunken werde habhaft werden können. Der Bauer war freundlich und gelassen, Andreas um so verlegener. – »Wollen Sie denn das Pferd behalten«, fragte er, »und mir aufs neue abkaufen? denn ich weiß wohl, daß Sie ehrlich bezahlt haben werden.« – Andreas verneinte. – »Wenn nicht, wie soll ich von Ihnen Geld nehmen«, sagte er, »Sie haben mir ein gestohlenes Gut ins Haus zurückgebracht und mich überdies ein schlechtes Stallmensch kennengelehrt, daß ich sie aus dem Haus und vor die Gerichte bringen kann, bevor sie mir Ärgeres anstellt. Sie sind ein unerfahrener junger Herr, und unser Herrgott hat sichtbar seine Hand über Sie gehalten: die Magd hat eingestanden, sie hat beim Zusammensein auf der Schulter des Halunken ein Brandmal gesehen, und sie meint, hätte er diesen ihren Blick nicht aufgefangen, über den er im Augenblick vor verbissener Wut bleich wurde wie die Wand, so hätte er ihr nicht so viehisch mitgespielt. Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß er Sie davor bewahrt hat, mit diesem entsprungenen Mordbuben eine Nacht im Wald zu verbringen. Wenn Sie weiter nach Italien wollen, wie Sie gestern gesagt haben, so kommt heute abend ein Fuhrmann hier durch, der bringt Sie bis Villach, und von dort findet sich eine Gelegenheit ins Venetische hinunter, einen Tag über den anderen.«

 

Der Fuhrmann kam erst den nächsten Abend, und so verbrachte Andreas noch zwei Tage auf dem Finazzerhof. – Es war ihm schlimm, daß er dem Bauern nach dieser Sache noch zu Last liegen mußte, ihm war zumut wie einem Gefangenen. Er schlich im Haus herum, die Leute gingen ihrer Arbeit nach, auf ihn achtete niemand. Den Bauern sah er von weitem durchs Fenster aufsitzen und wegreisen, die Bäuerin kam ihm nicht zu Gesicht. Er ging aus dem Haus und die Wiese hinan, hinterm Gehöft. Die Wolken hingen regungslos ins Tal hinein, alles war trüb und schwer, öde wie am Ende der Welt. Er wußte nicht, wohin gehen, setzte sich auf einen Stoß geschichteter Balken, die da lagen. Er wollte sich ein anderes Wetter denken, ihm war, als könne dies Tal hier nur so aussehen. Und doch war ich gestern hier so glücklich, dachte er. Er wollte sich Romanas Gesicht hervorrufen, konnte es nicht und ließ es auch gleich sein. So etwas kann nur dir passieren, hörte er die Stimme seines Vaters sagen, so scharf und deutlich, als wäre es außer ihm. Er stand auf, tat ein paar träge Schritte, die Stimme sagte es noch einmal. Er blieb stehen, er wollte sich dagegen auflehnen. Warum glaub ich es selbst, grübelte er und ging langsam mit widerstrebendem Fuß den Pfad hinauf, und doch war es ihm fürchterlich, weil er ihn gestern gegangen war: Darin war kein Gedanke an Romana, nur das unerträglich scharfe Gefühl des Gestern, der Nachmittagsstunde, auf die dann der Abend, die Nacht und diese Morgenstunde gefolgt waren. »Warum weiß ichs selber, daß m i r das hat passieren müssen«, darüber grübelte er, und hie und da warf er auf die bewaldeten Abhänge drüben, an denen der Nebel herumhing, einen Blick wie ein Gefangener auf die Wände seines Kerkers.

Zwischen diesem dumpfen Grübeln zählte er die Ausgaben der vier Reisetage von Wien bis Villach zusammen, die ihm jetzt außer allen Maßen groß erschienen, dann die Ausgabe für das zweite Pferd die Verzehrung für den Zwischentag und den gestohlenen Betrag. Dann rechnete er die übrige Summe aus österreichischem in venezianisches Geld um: in Zechinen erschien sie ihm dürftig genug, aber in Dublonen gar so bettelhaft, daß er verzagt stehenblieb und vor sich hinsann, ob er umkehren sollte oder weiterreisen. Nach dem wie ihm zumute war, wäre er umgekehrt, aber das hätten die Eltern nicht vergeben: die Anstalten waren gemacht so viel Geld war ausgegeben und für nichts und wieder nichts. Er meinte zu fühlen, daß es den Eltern nicht um ihn ging und daß es ihm Freude machte, sondern um die Repräsentation und das Ansehen. Die Gesichter der Bekannten und Verwandten tauchten ihm auf, es waren hämische und aufgeblasene darunter und gleichgültige und auch freundliche, aber nicht eines, bei dem ihm die Brust weiter geworden wäre.

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