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Hugo von Hofmannsthal: Andreas - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAndreas
authorHugo von Hofmannsthal
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008800-3
titleAndreas
pages3-14
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Indem stiegen Romana und Andreas in dem einen Turm, der gegens Gebirge hin stand, die Wendeltreppe empor. Oben war ein kleines rundes Gemach, da hockte auf einer Stange ein Adler. Über sein versteintes Gesicht, in dem die Augen wie erstorben lagen, flog ein Licht, er hob in matter Freude die Schwingen und hüpfte zur Seite, Romana setzte sich zu ihm und legte eine Hand auf seinen Hals. Den habe der Großvater heimgebracht, noch fast nackt. Denn Adlerhorst ausnehmen, das sei dem Großvater sein Sach gewesen, sonst habe er bereits nichts getrieben, aber oft weit reiten, dann herumsteigen, Horst aufspüren wo im Gewänd, die Leut von dort aufbieten, Senner und Jäger, die längsten Kirchenleitern aneinanderbinden lassen, hinauf und ein Nest ausnehmen, oder an einem Strick sich herablassen kirchturmtief. Das sei sein Sach gewesen und schöne Frauen heiraten. Das habe er viermal getan, und nach jeder Tod allemal eine noch schönere und allemal aus der Blutsfreundschaft, denn, habe er gesagt, übers Finazzersche Blut gehe ihm nichts. Wie er den Adler da gefangen, sei er schon vierundfünfzig gewesen und an vier Kirchenleitern neun Stunden über dem schrecklichsten Abgrund gehangen, darauf aber seine letzte Frau gefreit. Die wäre eines Vetters junge Witwe gewesen und hätte immer nach dem Großvater gelangt, niemanden anders angeschaut als diesen und sich fast gefreut, wie ihr Mann sich totfiel vor einem scheuen Ochsen, von dem sie ein schönes kleines Mädl hatte, eine hochschwanger gehende Frau damals. So waren der Vater und die Mutter zusammengebrachte Kinder gewesen, die Mutter ein Jahr älter als der Vater. Darum hingen sie auch gar so sehr aneinander, weil sie vom gleichen Blut waren und von Kindheit an miteinander aufgewachsen. Wenn der Vater verritte, nach Spittal oder ins Tirol hinüber, Vieh einkaufen, und wäre es auch nur auf zwei oder drei Nächte, so ließe ihn die Mutter kaum los, da weinte sie allemal und jedesmal wieder, hing lang an ihm, küßte den Mund die Hände und hörte nicht auf mit Winken und Nachschauen und Segennachsprechen. So wollte sie auch einmal mit ihrem Mann zusammenleben, anders wollte sies nicht.

Indem waren sie über den Hof gegangen, neben der Hoftür war eine Holzbank inner der Mauer, dort zog sie ihn hin und hieß ihn neben sie setzen. Andreas war es wunderbar, wie das Mädchen so ungehemmt alles zu ihm redete, als ob er ihr Bruder wäre. Indessen war Abend geworden, das graue Gewölk auf einer Seite aufs Gebirg herabgesunken, auf der andern Seite eine durchdringende Helligkeit und Reinheit, einzelne goldene Flocken da und dort wie goldene Federn am Himmel, alles in Bewegung auf dem dunkelblauen Himmel, der Tümpel mit den aufgeregten Enten wie sprühendes Feuer und Gold, der Efeu drüben an der Mauer der Kapelle wie Smaragd, aus dem glitt ein Zaunschlüpfer oder Rotkehlchen hervor, überschlug sich mit einem süßen Laut in der webenden Luft   der Hahn und die Henne glänzten wie indische Vögel. Das Schönste waren Romanas Lippen, durchsichtig wie pures Blut und ihre eifrig arglosen Reden kamen dazwischen heraus wie eine Feuerluft, in der ihre Seele hervorschlug, zugleich aus den braunen Augen ein Aufleuchten bei jedem Wort.

Auf einmal sah Andreas drüben im Haus, in einem ausgebauchten Fenster im Oberstock, die Mutter stehen und auf sie herabschauen. Er sagte es zu Romana. Durchs bleigefaßte Fenster schien ihm das Gesicht der Frau trüb und streng, er meinte, sie müßten jetzt aufstehen und ins Haus gehen, die Mutter würde sie brauchen, oder sie wollte nicht, daß sie so beisammen hier säßen. Romana nickte nur froh und frei, zog ihn an der Hand, er solle sitzen bleiben, die Mutter nickte dazu und ging vom Fenster weg. Das war Andreas fast unbegreiflich, er wußte nichts anderes gegenüber Eltern und Respektspersonen als gezwungenes und ängstliches Betragen; er konnte nicht denken, daß der Mutter ein solcher freier Umgang anders als mißfällig wäre, wenn sie es schon nicht ausspräche. Er setzte sich nicht wieder, sondern sagte, er müsse jetzt doch nach dem Pferde sehen.

Als sie in den Stall kamen, hockte die junge Magd bei einem Feuer, ihr Haar hing in Strähnen über die erhitzten Backen, der Bediente mehr auf ihr als neben ihr, sie schien in einem eisernen Topf was zu brauen. »Soll ich noch um Salpeter, Herr Wachtmeister«, sagte die Dirne und kicherte, als stecke da das Lachbarste dahinter. – Als Andreas eintrat und Romana hinter ihm, nahm der Lümmel mit Not eine manierliche Stellung an. Andreas hieß ihn, den Mantelsack, der noch im Stroh lag, gleich auf sein Zimmer tragen und das Felleisen auch. »Schon gut«, sagte der Gotthelff, »erst muß das da fertig sein. Das wird ein Trank, der kann ein krankes Roß gesund und einen gesunden Hund krank machen.« Dabei drehte er sich gegen Andreas um und sah ihm recht frech in die Augen. – »Was ist mit dem Pferd«, sagte Andreas und tat selber einen Fuß in den Stand hinein, stockte aber, ehe er den zweiten Schritt tat, weil er wußte, er verstands nicht, und der Braun trübselig dreinschaute. – »Was soll sein, morgen früh ist er gesund und abgeritten wird«, erwiderte der Bursch und drehte sich wieder zum Feuer, aber hinten im Maul lachte er dabei.

Andreas nahm den Mantelsack und tat, als hätte er vergessen, was er dem Burschen anbefohlen hatte. Er grübelte selber, vor wem er so tat, vor sich, vor dem Kerl oder vor Romana. Diese ging hinter ihm drein die Treppe hinauf. Er ließ die Stubentür hinter sich offen, warf den Mantelsack zur Erde, das Mädchen trat herein, sie trug das Felleisen und legte es auf den Tisch.

»Das ist meiner Großmutter ihr Bett, darin hat sie Kindheit gehalten. Sehen, wie schön das gemalt ist, aber meiner Mutter und Vater ihr Bett ist noch schöner und weit größer, da sind oberkopf der heilige Jakob und Stefan draufgemalt und unterfuß noch schöne Blumenkränz darin Mariä Namenszug. Dies ist das kürzere, weil die Großmutter kein großes Weib war. Ich weiß nicht, obs für Sie die Länge haben wird, ist gar kurz. Wir sind in der Länge gleich, müssen probieren, ob eins da ausgestreckter schlafen kann. Schief und quer schlafen ist kein Schlafen. Das meinige ist lang und breit, hätten zwei Platz.«

Flink schwang sie die großen leichten Glieder in das Bett und lag der Länge nach darin und berührte mit der Fußspitze nur leise das untere Bettholz. Andreas war über sie gebeugt. So fröhlich und arglos lag sie unter ihm, wie sie sich auch unter die Geiß hingestreckt hatte. Andreas sah auf ihren halboffenen Mund, sie streckte die Arme nach ihm aus und zog ihn leise an sich, daß seine Lippen die ihren berührten. Er hob sich auf, es durchfuhr ihn, daß es der erste Kuß in seinem Leben war. Sie ließ ihn und zog ihn wieder sanft zu sich und nahm und gab wieder einen Kuß und dann auf die gleiche Weise zum dritten und vierten Mal. Der Wind bewegte die Tür, Andreas war es habe ein bleigraues Gesicht hereingeschaut. Er ging hin, trat auf den Gang hinaus; da war niemand. Romana kam gleich hinter ihm drein, er ging die Treppe hinunter, ohne ein Wort zu sprechen, sie ebenso hinter ihm her, ganz leicht und unbeschwert.

Unten stand ihr Vater und gab dem Altknecht Befehl, wie das letzte Grummet einzufahren sei, wo zuerst was trocknet. Sie lief zutraulich zu ihm hin, lehnte sich an ihn; der schöne Mann stand neben dem großen Kind wie ein Bräutigam.

Andreas ging nach dem Stall, als hätte er dort wichtig zu tun. Der Knecht kam eilfertig aus dem Halbdunkel heraus, stieß fast an ihn, rief »Oha«, als hätte er seinen Herrn nicht erkannt, und gleich sprudelte ihm Rede vom feuchten Mund. Das sei ein prächtiges Mensch, die helfe ihm fleißig das Pferd kurieren. Die sei auch nicht von hier, sondern aus dem Unterland und habe die Bauersleut alle im Sack. Aber dem Herrn brauche er nichts zu erzählen, der verstehe die Sache ganz wohl, der habe sich eine junge und saubere ausgesucht. Ja, so sei es eben in Kärnten, das sei ein Leben! Da seien sie schon mit fünfzehn keine Jungfrauen mehr, da lasse des Großbauern Tochter ihre Kammertür ebenso gern unverriegelt, wie die Kuhmagd die ihre, heute dem, morgen jenem, so komme ein jeder auf seine Rechnung. – Dem Andreas war eine Hitze in der Brust und stieg gewaltsam die Kehle herauf, aber keine Rede löste sich ihm von der Zunge; er hätte dem mit der Faust ums Maul schlagen wollen – warum tat er es nicht? Der andere spürte was und trat einen halben Schritt zurück. Aber Andreas war woanders, seine Augäpfel zitterten, er sah Romana im Hemd im Finstern auf ihrem reinen Bett sitzen, die nackten Füße hinaufgezogen und auf die Klinke schauen. Sie hatte ihm ihre Kammertür gezeigt und daß daneben ein leeres Zimmer war, und von ihrem Bett geredet, das alles ging vor ihm hin, wie ein Bergnebel. Er wollte den Gedanken nicht nachhängen, sich davon abwenden – unwillkürlich kehrte er dem Kerl nun den Rücken, und da hatte der wieder gewonnenes Spiel.

Beim Nachtmahl wars Andreas wie nie im Leben, alles wie zerstückt: das Dunkel und das Licht, die Gesichter und die Hände. Der Bauer griff gegen ihn nach dem Mostkrügel, Andreas erschrak ins Innerste, als suche eine richtende Hand die Ader seines Herzens. Unten am Tisch gluckste die Magd ihr »Herr Wachtmeister« heraus, Andreas fragte bös und herrisch, »was ist das für ein Name?« Die Stimme schien ihm so fremd, und ihm war wie einem Träumenden, der aus dem Traum spricht. Von weit her starrte der Bediente ihn an, wüst und struppig, – verbissen.

Später war Andreas allein in seinem Zimmer. Er stand am Tisch, schnürte an seinem Mantelsack herum, Feuerzeug lag da, er brauchte keine Kerze, der Mond fiel stark durchs Fenster, alles zerschied sich in schwarz und weiß. Er horchte auf die Geräusche im Haus, die Reitstiefel hatte er ausgezogen – er wußte nicht, auf was er wartete. Und wußte es doch und stand auf einmal draußen im Gang vor einer Zimmertür. Er hielt den Atem an: zwei Menschen, die beisammen im Bett lagen, sprachen miteinander gedämpft und zutraulich. Seine Sinne waren geschärft, er konnte hören, daß die Bäuerin unterm Reden ihr Haar flocht und zugleich, wie unten der Hofhund gierig an etwas fraß. Wer füttert jetzt in der Nacht den Hund, dachte es in ihm, und zugleich war ihm gepreßt zumut, als müsse er nochmals zurück in seine Knabenzeit, als er noch das kleine Zimmer neben den Eltern hatte und sie durch den in die Wand eingelassenen Kleiderschrank mußte abends reden hören, er mochte wollen oder nicht. Er wollte auch jetzt nicht horchen, und hörte doch, dazwischen aber hörte er in sich seine Eltern reden, die waren freilich älter als der Bauer und die Bäuerin, doch nicht viel, zehn Jahr etwa. Ist das so viel – dachte er -, sind sie dem Tod so viel näher, abgelebt? Es ist bei jedem Wort, als könnts auch ungeredet bleiben, eine Rede, eine Gegenrede, und das wahre Leben vorbei. Bei den Zweien da drin alles so zutraulich und warmblütig wie bei ganz frischvermählten Leuten.

Auf einmal traf es ihn, wie wenn ihm ein kalter Tropfen mitten aufs Herz gefallen wäre. Sie sprachen von ihm und dem Mädchen, aber auch das war arglos. Was immer das Kind täte, sagte die Frau, sie ließe ihrs angehen, denn sie wüßte, hinterm Rücken löffeln würde ihr das Kind nie. Dazu sei sie zu freimütig, das habe sie von ihm, wie er allezeit ein feuriger Freund und glückliebender Mensch gewesen, so sei es jetzt durch Gottes Güte das Kind geworden. – Nein, sagte der Mann, das habe sie von ihr, weil sie dieser Mutter Kind sei, darum könne nichts Falsches und Verstohlenes an ihr sein. – Da habe er aber jetzt ein altes Weib an ihr, wo schon die Tochter einem fremden Mann nachgehe, da müsse er sich bald schämen, zu ihr zu sein wie ein Liebhaber. – Nein, da bewahre Gott, ihm sei sie alleweil die gleiche, nein vielmehr immer die Liebere und keine Stund noch hätte es ihn gereut diese achtzehn Jahre. – So auch sie keine Stund noch. Ihr sei nur um ihn; und, gab seine schöne Stimme zurück, ihm sei nur um sie und die Kinder, das wäre ein Einziges mit ihr zusammen – die welche da seien und die anderen. So seien doch die zwei alten Leut glücklich zu preisen, die der angeschwollene Schwarzbach im April mitgenommen habe. Zusammen seien sie auf einer Bettstatt dahingeschwommen, hielten einander bei den Händen, und mitsammen hätt sies in einen Tobel hinuntergerissen und ihr weißes Haar hätte geleuchtet wie Silber unter den Weiden. Das gebe Gott halt denen, die er ausgewählt hätte; das sei jenseits von Wünschen und Bitten.

Indem wurde es ganz still im Zimmer, man hörte ein leises Sichbewegen in den Betten, ihm war, als küßten sich die beiden. Er wollte weg und getraute sichs nur nicht, um der vollkommenen Stille willen. Es legte sich schwer auf ihn, daß es zwischen seinen Eltern nicht so schön war, kein so inniger Umgang zwischen ihnen, obwohl doch jeder stolz war auf den andern und sie gegen die Welt fest zusammenstanden und empfindlich jedes des anderen Ehre und allgemeine Achtung wahrten. Er konnte sichs nicht auflösen, was seinen Eltern fehlte; da fingen die beiden drinnen an, mitsammen das Vaterunser zu beten, Andreas schlich sich fort.

Jetzt zog es ihn erst recht zu Romanas Tür, unwiderstehlich, aber anders als früher, alles war auseinandergetreten in Weiß und Schwarz. Er sagte sich, das ist einmal mein Haus, meine Frau, so lieg ich neben ihr und rede von unseren Kindern. Er war jetzt sicher, daß sie ihn erwartete, ganz in der gleichen Weise wie er jetzt zu ihr ging, für viele unschuldige feurige Umarmungen und ein heimliches Verlöbnis.

Er ging mit sicheren schnellen Schritten bis zu der Tür, sie war nur angelehnt: gab seinem Druck lautlos nach   eine glückliche feurige   schlug in ihm auf, ihm war, als säße sie wachend im Dunkeln, glühte vor Erwartung. Er stand schon mitten im Zimmer, da merkte er, sie regte sich nicht. Ihr Atem ging so lautlos, daß er den seinigen anhalten mußte in gespanntem Horchen und nicht wußte, ob sie wach war oder schlief. Sein Schatten lag wie festgewurzelt auf dem Fußboden, fast hätte er vor Ungeduld den Namen geflüstert, kam dann keine Antwort, sie mit Küssen geweckt – da durchfuhr es ihn wie ein kaltes Messer. In einem anderen Bett, über das ein großer Schrank schwarzen Schatten warf, regte sich ein anderer Schläfer, seufzte auf, suchte eine andere Stelle. Der Kopf kam dem Mondlicht nahe, weiße gesträhnte Haare, es war die alte Magd, die Ausgeberin. Nun mußte er hinaus, zwischen jedem Schritt und dem nächsten lag eine endlose Zeit. Betrogen ging er leise, wie träumend den langen mondhellen Gang hinweg in seine Stube.

Ihm war so heimlich, so wohnlich wie nie in seinem Leben. Er sah auf den rückwärtigen Hof hinaus, über dem Stall hing der Vollmond, es war eine spiegelhelle Nacht. Der Hund stand mitten im Licht, er hielt den Kopf sonderbar ganz schief, drehte sich in dieser Stellung immerfort um sich selber. Es war, als erduldete das Tier ein großes Leiden, vielleicht war er alt und dem Tode nah. Andreas fiel eine dumpfe Traurigkeit an, ihm war unmäßig betrübt zumut über das Leiden der Kreatur, wo er doch so glücklich war, als werde er in diesem Anblick an den nahe bevorstehenden Tod seines Vaters gemahnt.

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