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Gutenberg > Xenophon >

Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8.

Schon war es um die Mittagszeit, und der Lagerplatz, wo man Halt machen wollte, nahe, als Patagyas, ein Perser und Vertrauter des Cyrus, im stärksten Galopp auf schweißtriefendem Pferde heransprengte und Allen, auf die er stieß, auf persisch und griechisch zurief: der König rücke mit einem großen Heere in Schlachtordnung an. Da entstand ein gewaltiger Aufruhr, denn Griechen und Perser erwarteten sogleich, noch ungerüstet von ihm angegriffen zu werden. Cyrus sprang vom Wagen, legte sich den 39 Harnisch an, ergriff die Wurfspieße und befahl, Jeder solle sich rüsten und auf seinen Posten stellen. Dies geschah mit großer Geschwindigkeit. Klearch nahm seinen Posten auf dem rechten Flügel am Euphrat ein, ihm schloß sich Proxenus und diesem die übrigen Anführer an; Menon aber bildete mit seinem Corps den linken Flügel des griechischen Heeres. Von den persischen Truppen standen tausend paphlagonische Reiter auf dem rechten Flügel beim Klearch, wohin sich auch die griechischen Peltasten gestellt hatten. Den linken Flügel bildete Ariäus, Unterbefehlshaber des Cyrus mit den andern barbarischen Truppen. Im Mitteltreffen befand sich Cyrus mit sechshundert Reitern, die alle mit großen Panzern, Beinharnischen und Helmen bewehrt waren. Cyrus allein machte eine Ausnahme, denn er erwartete den Kampf, ohne den Kopf mit einem Helme zu beschützen, wie überhaupt die Perser meist mit unbewehrtem Haupte ins Treffen gehen sollen.D. h. sie tragen, wie hier Cyrus, statt des Helmes die Tiara. Ganz unbedeckten Hauptes ist der Orientale nie. Alle Pferde bei der Armee des Cyrus hatten Stirn- und Brustschilde, und die Reiter führten auch griechische Schwerter. Schon war es Mittag, und der Feind hatte sich noch nicht sehen lassen. Nachmittags aber erblickte man Staub, der einer weißen Wolke glich, nicht lange darauf sich in ein gewisses Dunkel verwandelte und die ganze Fläche einnahm. Man näherte sich noch mehr, und sogleich leuchtete das Metall hervor, und man erkannte deutlich die Wurfspieße und die Abtheilungen des Feindes. Auf dem linken Flügel desselben rückte Reiterei an, mit weißen Harnischen gerüstet und wurde, wie es hieß, von Tissaphernes commandirt; an diese schlossen sich Truppen mit geflochtenen Schilden; ihnen zur Seite marschirte schwergerüstetes Fußvolk mit hölzernen Schilden, die bis an die Füße reichten, dem Vernehmen nach Aegypter; noch andere Truppen, theils Reiterei, 40 theils Bogenschützen, folgten diesen. Das gesammte Kriegsheer war nach Völkerschaften abgetheilt, die in geschlossenen Vierecken einzeln aufmarschirten. Vor der Front fuhren Sichelwagen, durch große Zwischenräume von einander getrennt. Die Sicheln gingen quer von den Achsen aus und waren erdwärts gebogen, um Alles, was sie erreichten, zu zerschneiden. Man hatte die Absicht, mittelst derselben die Reihen der Griechen zu trennen.

Was Cyrus in der Aufmunterungsrede an die Griechen gesagt hatte, die Feinde würden ein Geschrei erheben, wodurch sie sich nicht sollten aus der Fassung bringen lassen, erfolgte nicht: denn sie rückten in der möglichsten Stille, ruhig, mit gleichem und langsamem Schritte an. Jetzt ritt Cyrus mit dem Dolmetscher Pigres und drei oder vier Andern vorüber und rief dem Klearch zu: er solle das Heer gegen das Mitteltreffen des Feindes führen, weil sich daselbst der König befände. »Haben wir dieses überwunden,« setzte er hinzu, »so ist der Sieg für uns entschieden.« Klearch sah nun zwar das feindliche Cavalleriecorps im Mittelpunkte und hörte auch von Cyrus, daß der König weit außerhalb des griechischen linken Flügels stehe, denn Artaxerxes war dem Cyrus an Menge so überlegen, daß er im Mittelpunkt seiner Armee schon die linke Flanke desselben überflügelte, – Klearch, sage ich, wollte aber dessen ungeachtet den rechten Flügel nicht vom Flusse abziehen, aus Besorgniß, von beiden Seiten eingeschlossen zu werden; indessen versprach er dem Cyrus, dafür zu sorgen, daß Alles gut ginge.

Inzwischen marschirte das feindliche Heer in gerader Linie heran; das griechische aber stand und seine Abtheilungen stellten sich, so wie sie nach einander anrückten, in Schlachtordnung. Cyrus, der in einer ziemlichen Entfernung von seiner Linie herausgeritten kam, betrachtete abwechselnd beide Heere. Als ihn unter den Griechen Xenophon, der Athener, erblickte, ritt er zu ihm heran und 41 fragte, ob er noch etwas zu befehlen hätte. Cyrus hielt und gab ihm den Auftrag, Allen anzukündigen, daß die Opfer einen glücklichen Erfolg versprächen. Indessen hörte er ein Gemurmel, das durch die Reihen lief, und fragte nach der Ursache desselben. Xenophon sagte ihm, die Losung würde zum zweiten Male ausgegeben.Die griechischen und römischen Feldherren wechselten der Sicherheit wegen oft mit der Parole; besonders unmittelbar vor der Schlacht, wo sie jedes Mal in einem glückverheißenden Ausdruck bestand. Cyrus, dem es unbekannt war, wer sie auszutheilen pflegte, wunderte sich darüber und fragte, wie sie hieße? »Zeus, der Retter und Sieg!« war die Antwort. »Wohlan, sagte Cyrus, dies sei die Losung!« und ritt auf seinen Posten zurück. Kaum drei oder vier Stadien waren nun beide Heere von einander entfernt, als die Griechen ihren Schlachtgesang anstimmten und auf den Feind losgingen. Durch das schnelle Vordringen eines Theils ihrer Linie bekam diese eine Beugung, so daß die Andern laufen mußten, um keine Lücke zu machen. Während dieses allgemeinen Laufens erhoben Alle ein Geschrei, wie es bei der Anrufung des Ares gewöhnlich ist und schlugen zugleich, wie Einige erzählen, Schild und Lanze zusammen, um die Pferde scheu zu machen. Eh' es aber noch zum Pfeilschuß kam, wendete sich die feindliche Cavallerie und floh. Die Griechen verfolgten sie aus allen Kräften und schrieen einander die Warnung zu, nicht durch den schnellen Marsch die Linie zu brechen. Die Sichelwagen aber, ihrer Führer beraubt, gingen theils selbst durch das feindliche Heer, theils durch die Griechen. Diese, die es voraus bedacht hatten, öffneten jetzt ihre Reihen; Mancher wurde zwar dabei, wie auf der Rennbahn, gestreift und von seinem Platze gedrängt, doch hat man nicht gehört, daß Einer dabei verletzt wäre. Ueberhaupt litt kein Grieche etwas in diesem Treffen, einen 42 Einzigen auf dem linken Flügel ausgenommen, der, wie man erzählte, einen Pfeilschuß erhielt.

Cyrus bemerkte mit Vergnügen die Fortschritte der Griechen und die Flucht ihrer Feinde und wurde von seinen Begleitern schon als König begrüßt. Indessen fand er es doch nicht für gut, selbst zu verfolgen, sondern hielt sein Begleitungscorps von sechshundert Reitern zusammen und erwartete die Bewegungen des Königs, der, wie ihm bekannt war, das Centrum der persischen Armee führte. Auch die übrigen persischen Generale commandirten in der Mitte ihres Treffens, aus dem doppelten Grunde, weil sie den Standort, wo sie auf beiden Seiten von ihren Truppen gedeckt waren, für den sichersten hielten, und weil ihr Corps von da aus die nöthigen Befehle in kürzester Zeit erhalten konnte. Da nun der König, der, wie gesagt, mit dem Centrum seiner Armee die linke Flanke des Cyrus überflügelte, keinen Feind vor sich fand, der ihn oder das vor ihm postirte Corps angriff, so machte er eine Schwenkung, um den Feind einzuschließen. Cyrus, der jetzt besorgte, daß der König durch einen Angriff im Rücken das griechische Heer über den Haufen werfen möchte, ging ihm entgegen, griff mit seinem Gardecorps von sechshundert Mann die sechstausend Mann starke Reiterei, die vor dem Könige stand, an und schlug sie in die Flucht; den Anführer Artagerses tödtete er, der Erzählung nach, mit eigner Hand. Seine Cavallerie indessen zerstreute sich durch die hitzige Verfolgung, und nur sehr wenige Freunde, die man seine Tischgenossen nannte, blieben bei ihm. Da erblickte er den König unter seiner Bedeckung, und nun hielt ihn nichts mehr, sondern mit den Worten: »Ich sehe ihn!« sprengte er auf ihn los und verwundete ihn mit einem Stoße auf die Brust durch den Harnisch, wie der Arzt Ktesias, der die Wunde, seiner Aussage nach, geheilt hat, versichert. Während dem warf ein Anderer dem Cyrus mit großer Gewalt einen Wurfspieß unter das Auge. Wie viele bei 43 diesem Kampfe der Brüder und ihrer beiderseitigen Bedeckung von königlicher Seite geblieben sind, berichtet Ktesias, der sich bei dem Könige befand. Diesseits fiel Cyrus, und über ihn wurden acht seiner tapfersten Begleiter hingestreckt. Artapates aber, sein treuster Diener unter den Zepterträgern, sprang, wie man erzählt, bei dem Anblick von Cyrus' Sturz vom Pferde und warf sich über ihn hin. Hier wurde er, wie Einige behaupten, auf Befehl des Königs von Jemandem erstochen; nach Andern nahm er sich selbst das Leben. Er trug ein goldnes Schwert, eine Halskette, Armbänder und dergleichen Schmuck, wie die vornehmsten Perser, denn bei Cyrus hatte er wegen seiner Anhänglichkeit und Treue in hoher Gunst gestanden.

 

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