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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 48
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.

Als Seuthes am folgenden Tage, um den Andern Furcht einzujagen und zu zeigen, was ihnen bevorstünde, wenn sie sich nicht unterwürfen, die Dörfer bis auf den Grund niedergebrannt, und kein Haus stehen gelassen hatte, rückte er weiter. Die Beute schickte er mit dem Heraklides nach Perinth zum Verkauf, um davon den Soldaten ihre Löhnung zu zahlen. Er lagerte sich mit den Griechen in der thynischen Ebene. Die Einwohner verließen ihre Wohnungen und flohen auf die Berge. Es lag ein tiefer Schnee, und die Kälte war so heftig, daß das Wasser, was man zum Essen holte und der Wein in den Gefäßen gefror. Vielen Griechen erfroren Nasen und Ohren. Unter diesen Umständen begriff man, warum die Thrazier Kopf und Ohren mit Fuchspelzen verwahrten, warum ihre Bekleidung nicht blos die Brust, sondern auch die Schenkel umhüllte, und warum sie zu Pferde nicht einen gewöhnlichen Ueberwurf, sondern ein bis auf die Füße reichendes Oberkleid trugen. Seuthes schickte einige Gefangene auf die Berge zurück und ließ den Geflüchteten sagen, wenn sie nicht in ihre Wohnungen zurückkehren und sich unterwerfen wollten, so würde er ihre Dörfer und ihr Getreide in 236 Brand stecken und sie dem Hungertode Preis geben. Hierauf kamen die Weiber und Kinder und Alten herab. Die junge Mannschaft aber lagerte sich in den Dörfern am Gebirge. Als Seuthes dies erfuhr, gab er Xenophon Befehl, ihm sogleich mit den jüngsten Hopliten zu folgen. Sie brachen des Nachts auf und erreichten mit Tagesanbruch die Dörfer. Wegen der Nähe des Gebirges entfloh der größte Theil der Feinde; die, welche dem Seuthes in die Hände fielen, stieß er Alle mit dem Spieße nieder. Da nun ein gewisser Episthenes von Olynth, der in schöne Knaben und Jünglinge schwärmerisch verliebt war, einen schönen jungen Menschen mit der Pelta bewaffnet erblickte, der eben in die Jünglingsjahre trat und jetzt sterben sollte, lief er zum Xenophon und bat ihn flehentlich, dem schönen Jünglinge beizustehen. Xenophon ging zum Seuthes und bat ihn, dem jungen Menschen das Leben zu schenken, zugleich schilderte er ihm den Charakter des Episthenes und erzählte, daß er einmal eine Compagnie anwarb, ohne dabei auf etwas Anderes als Schönheit zu sehen und sich mit diesen Leuten sehr brav hielt. Seuthes fragte ihn: »Wolltest du wol, Episthenes, für diesen hier sterben?« Er streckte seinen Hals hin und sagte: »Hau' zu, wenn es der Jüngling befiehlt, und mir dafür Dank weiß.« Seuthes fragte nun diesen: ob er den Griechen statt seiner tödten sollte? Der Jüngling widersetzte sich und bat flehend, sie beide am Leben zu lassen. Nun umarmte Episthenes den Jüngling und sagte: »Jetzt, Seuthes, mußt du dich um ihn mit mir schlagen, denn ich lasse den Knaben nicht los.« Seuthes lachte und ließ es so gut sein. Da er es für zuträglich hielt, diese Gegend besetzt zu halten, damit diejenigen, die sich aufs Gebirge geflüchtet hatten, aus den Dörfern keine Lebensmittel holen könnten, so zog er sich selbst etwas weiter herunter und schlug in der Ebene sein Lager auf. Xenophon aber nahm mit ausgewählten Truppen seine Stellung in dem höchsten Dorfe am Berge, und 237 die übrigen Griechen lagerten sich neben ihm, im Gebiet der sogenannten Bergthrazier.

Wenige Tage nachher kamen die Thrazier von dem Gebirge herab zum Seuthes und unterhandelten mit ihm über die Geiseln und Friedensbedingungen. Auch Xenophon ging zu ihm und machte ihn aufmerksam darauf, daß er mit seinen Leuten in einer gefährlichen Gegend und ganz in der Nähe des Feindes stände; er wünschte lieber außerhalb des Dorfes an irgend einem haltbaren Orte zu stehen, als in den Häusern, wo die Truppen der Gefahr einer gänzlichen Niederlage ausgesetzt wären. Seuthes aber hieß ihn gutes Muths sein und zeigte ihm die anwesenden Geiseln. Auch baten einige Thrazier, die von den auf dem Gebirge stehenden Feinden herab gekommen waren, Xenophon, den Friedensvertrag zu befördern. Er versprach es, suchte sie zu beruhigen und versicherte, es würde ihnen nichts geschehen, wenn sie sich dem Seuthes unterwürfen. Allein die Absicht ihrer Eröffnung war nur, die Gelegenheit auszuforschen. Dies trug sich am Tage zu. In der darauf folgenden Nacht kamen die Thynier vom Berge herunter und unternahmen einen Angriff. Ihre Führer waren die Hausbesitzer, denn Andern würde es schwer geworden sein, in der Dunkelheit die Wohnungen in den Dörfern zu finden, zumal, da die Häuser der Schafe wegen ringsum mit großen Pfählen verzäunt waren. Sie kamen vor alle Thüren und warfen theils Wurfspieße hinein, theils schlugen sie mit Keulen an, die sie, ihrer Aussage nach, brauchen wollten, um damit den Lanzen die Spitzen abzuschlagen; theils legten sie Feuer an und riefen Xenophon beim Namen mit der Aufforderung, sich entweder draußen todtschlagen oder inwendig verbrennen zu lassen. Die Flamme schlug schon zu dem Dache heraus, und Xenophon's Mannschaft, die mit Harnisch, Schild, Schwert und Helm versehen war, steckte inwendig. Endlich stieß Silanus aus Makistus, ein Jüngling von 238 achtzehn Jahren in die Trompete, und sogleich stürzten die Soldaten auch aus den andern Häusern mit entblößtem Schwerte hervor. Die Thrazier flohen und warfen, ihrer Sitte gemäß, den Schild auf den Rücken herum. Als sie über die Pfähle sprangen, wurden Einige von ihnen, die mit den Schilden daran hängen blieben, gefangen, und Andere, welche die Ausgänge verfehlten, wurden niedergehauen. Die Griechen verfolgten den Feind bis zum Dorfe hinaus. Einige Thynier aber kehrten in der Dunkelheit zurück und schossen aus ihrem finstern Standorte auf diejenigen, die vor einem brennenden Hause vorbeiliefen, und so wurden Hieronymus und die Hauptleute Enodias und Theagenes, ein Lokreuser, doch keiner tödtlich, verwundet. Manche verloren in dem Feuer ihre Kleider und Geräthschaften. Seuthes eilte, begleitet von den ersten sieben Reitern und dem thrazischen Trompeter zu Hilfe, und sobald er den Vorfall begriff, ließ er unterwegs bis zur Stelle in die Trompete stoßen; ein Umstand, der auch dazu beitrug, den Feind in Furcht zu setzen. Bei seiner Ankunft begrüßte er freundlich die Griechen und äußerte, er hätte besorgt, viele Todte zu finden. Hierauf ersuchte ihn Xenophon, ihm die Geiseln zu übergeben, und entweder zugleich mit ihm den Berg anzugreifen oder ihm dies Geschäft allein zu überlassen.

Am folgenden Tage lieferte Seuthes die Geiseln aus, Männer, die schon ein beträchtliches Alter hatten, und bei den Bergbewohnern, wie man versicherte, im größten Ansehen standen, und stieß mit seiner Armee, die jetzt schon dreimal so stark war, weil viele Odrysen auf den Ruf von seinen Unternehmungen herabgekommen waren, um den Krieg mitzumachen, zu den Griechen. Als die Thynier vom Gebirge herab die zahlreiche Menge von Hopliten, Peltasten und Reitern erblickten, kamen sie herab, baten demüthig um Frieden, versprachen, alle Bedingungen zu erfüllen und verlangten, auf dieses Versprechen vereidet zu werden. 239 Seuthes ließ Xenophon kommen, eröffnete ihm ihren Antrag und versicherte, er wollte jeden Vergleich ausschlagen, wenn Xenophon wegen des Ueberfalles sich an ihnen zu rächen wünschte. Allein dieser erwiderte: »Ich glaube, sie werden jetzt schon genug gestraft, wenn sie, statt unabhängig zu bleiben, sich unterwerfen müssen. Inzwischen rathe ich dir, in der Folge diejenigen als Geiseln aufzuheben, welche am meisten zu schaden vermögen, und die Alten nach Hause zu schicken.« Alle Thrazier also in dieser Gegend verpflichteten sich zum Gehorsam.

 

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