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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 45
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1.

Die Thaten der Griechen auf ihrem Hinmarsch mit Cyrus bis zur Schlacht, die Geschichte ihres Rückmarsches nach Cyrus' Falle bis an den Pontus, die Begebenheiten ihrer Land- und Seereise vom äußersten Pontus bis Chrysopolis in Asien, außerhalb der Mündung desselben – Alles dies ist in den vorigen Büchern erzählt worden.

215 Hierauf schickte Pharnabazus aus Besorgniß, die Armee möchte in sein Gebiet einfallen, zum Admiral Anaxibius, der sich gerade in Byzanz befand und ließ ihn bitten, die Armee aus Asien überzusetzen mit dem Versprechen, ihm dafür alle Gegendienste, die er verlangte, zu erzeigen. Anaxibius ließ die Anführer und Hauptleute der Armee nach Byzanz kommen und versprach, den Soldaten Löhnung zu geben, wenn sie übersetzen wollten. Die Andern erwiderten: sie würden die Sache überlegen und ihm Antwort sagen. Xenophon aber sagte ihm sein Vorhaben, jetzt schon die Armee zu verlassen und zu Schiffe abzugehen. Anaxibius jedoch forderte ihn auf, mit der Armee überzusetzen und dann erst seinen Abschied zu nehmen. Xenophon versprach, es zu thun. Unterdessen ließ der thrazische König Seuthes Xenophon durch einen Abgeordneten, Midosates, auffordern, die Ueberfahrt der Armee zu befördern, mit dem Versprechen, diese Mitwirkung solle ihn nicht gereuen. Xenophon erwiederte: »Die Armee wird ohne dies übersetzen; deshalb darf Seuthes weder mich, noch irgend einen Andern bezahlen: nach bewerkstelligter Ueberfahrt aber werde ich abgehen; er kann aber mit Personen, die bei der Armee bleiben und für seine Absichten brauchbar sind, nach Gutbefinden in Unterhandlung treten.«

Hierauf setzte die ganze Armee nach Byzanz über. Anaxibius aber zahlte ihnen keinen Sold, sondern in der Absicht, sie zu mustern und dann sogleich fortzuschicken, ließ er durch den Herold bekannt machen: die Armee sollte mit Waffen und Gepäck aufmarschiren. Die Soldaten wurden unwillig hierüber, weil sie kein Geld hatten, um sich auf dem Marsch mit Lebensmitteln zu versehen, und packten verdrossen ein. Xenophon, der mit dem Statthalter Kleander Gastfreundschaft geschlossen hatte, ging zu ihm und in Begriff bald abzusegeln, umarmte er ihn zum Abschiede. Kleander aber sagte zu ihm: »Thue das nicht, sonst ziehst du dir Verantwortung zu: denn schon jetzt 216 geben gewisse Personen dir die Schuld, daß die Armee mit dem Ausmarsche so zögert.« Xenophon erwiederte: »Dafür kann ich nicht; sondern die Soldaten haben deswegen keine Lust zum Abzuge, weil ihnen der Proviant und die Mittel, ihn anzuschaffen, fehlen.« »Demungeachtet,« sagte Kleander, »rathe ich dir, die Stadt so zu verlassen, als wolltest du mit der Armee abziehen und erst nach dem Abmarsche der letztern fortreisen.« »So laß uns,« sagte Xenophon, »zum Anaxibius gehen und die Sache so mit ihm verabreden.« Dies geschah. »Macht es so,« erwiederte er, »und laßt die Armee aufs Schleunigste mit allem Gepäck ausmarschiren und ihr bekannt machen, daß Jeder, der bei der Musterung und Zählung nicht zugegen sein würde, dafür verantwortlich gemacht werden sollte.« Hierauf zogen zuerst die Heerführer und dann die Uebrigen aus. Beinah Alle waren schon aus der Stadt, und Eteonikus stand an dem Thore, um, wenn sie sämmtlich hinaus wären, das Thor zu schließen und den Riegel vorzuschieben, als Anaxibius die Heerführer und Hauptleute zu sich berief und sagte: »Mit Proviant versorgt euch in den thrazischen Dörfern, denn da gibt es viel Gerste, Weizen und andre Lebensmittel, und dann marschirt in den Chersones, wo euch Cyniskus Löhnung geben wird.« Einige Soldaten mochten dies gehört haben, oder einer von den Hauptleuten verbreitete es unter der Armee. Die Heerführer erkundigten sich hierauf, ob Seuthes mit den Lacedämoniern im Kriege oder Frieden stünde, und ob man über den heiligen Berg oder um ihn herum mitten durch Thrazien marschiren müßte.

Während dieser Unterredung griffen die Soldaten zu den Waffen und rannten auf die Thore zu, um wieder in die Stadt zu kommen. Eteonikus, und die bei ihm waren, schlossen bei dem Anblicke der heranlaufenden Hopliten zu und schoben den Riegel vor. Die Soldaten schlugen an und riefen, es wäre das ungerechteste Verfahren 217 gegen sie, sie auszustoßen und den Feinden blos zu stellen, und wenn man ihnen nicht freiwillig die Thore öffnete, so würden sie sie einschlagen. Eine Anzahl von ihnen lief ans Meer und stieg an dem Vorrande über die Mauer in die Stadt: und als diejenigen Soldaten, die sich noch inwendig in der Stadt befanden, gewahr wurden, was draußen vorging, hieben sie die Riegel mit Aexten durch und öffneten die Thore. Jene drangen nun ein. Als Xenophon sah, was vorging und besorgte, die Truppen möchten plündern und dadurch der Stadt, ihm und sich selbst das größte Unheil zuziehen, so lief er mit und drang unter dem Getümmel zugleich in die Stadt. Bei diesem gewaltsamen Eindringen des Heeres flohen die Byzantiner vom Markte, Einige auf die Schiffe, Andre nach Hause, und die in ihren Wohnungen waren, liefen heraus; Manche ließen die Galeeren ins Meer, um sich darauf zu flüchten: Alle aber hielten sich, als wäre die Stadt erobert, für verloren. Eteonikus flüchtete sich auf die Erdzunge; Anaxibius lief ans Meer, fuhr in einem Fischerkahne nach der Burg zu und ließ sogleich Besatzungstruppen aus Chalcedon herüber kommen, weil er die Besatzung der Burg nicht für stark genug hielt, dem Angriffe der Truppen zu widerstehen. Als die Soldaten Xenophon erblickten, liefen sie zahlreich herbei und sagten: »Nun, Xenophon, kannst du ein Mann werden: Stadt, Galeeren, Geld sind in deiner Gewalt, und alle diese Krieger stehen dir zu Gebot; jetzt, wenn du willst, kannst du uns Wohlstand, jetzt können wir dir Macht und Größe verschaffen.« Er antwortete ihnen: »Ihr habt Recht, ich werde es thun. Ist dies nun euer Wunsch, so stellt euch aufs Eiligste unter die Waffen.« In der Absicht nämlich, sie zu beruhigen, forderte er selbst sie und durch sie wieder die Andern auf, zu diesem Zwecke sich unter die Waffen zu stellen. Sie ordneten sich selber in Reih' und Glied; die Hopliten standen in kurzer Zeit fünfzig Mann hoch, und die Peliasten schlossen sich im Laufe an beide Flügel 218 an. Als sie unter den Waffen standen und nun ruhig waren, forderte Xenophon die Armee zur Berathschlagung auf und sagte:

»Daß ihr aufgebracht seid, Soldaten, und euch durch die Täuschung aufs Unwürdigste behandelt glaubt, darüber wundere ich mich nicht. Allein, wenn wir, um unsre Leidenschaft zu befriedigen, an den hier anwesenden Lacedämoniern, ihres Betruges wegen, Rache nehmen und die Stadt, die uns nichts zu Leide that, ausplündern wollen, so überlegt, was daraus entstehen wird. Wir sind dann die erklärten Feinde der Lacedämonier und ihrer Bundesgenossen: welchen Krieg wir uns aber dadurch zuziehen würden, läßt sich begreifen, wenn man sich nur der neulichen Begebenheiten erinnert, von denen wir Augenzeugen waren. Denn im Anfange des Krieges, den wir Athenienser gegen die Lacedämonier und ihre Bundesgenossen führten, hatten wir theils zur See, theils auf den Werften, eine Seemacht von nicht weniger als vierhundert Galeeren; auf der Burg lagen große Geldsummen vorräthig; die jährlichen Einkünfte vom Lande und von den auswärtigen Besitzungen betrugen nicht weniger als tausend Talente; wir beherrschten alle Inseln, besaßen viele Städte in Asien und in Europa, außer vielen andern eben dies Byzanz, wo wir jetzt sind: und dennoch wurden wir so gänzlich bezwungen, wie euch Allen bekannt ist. Was für ein Schicksal hätten wir nun wol zu erwarten, jetzt, da Lacedämonier und Achäer im Bündnisse stehen, und die Athenienser und alle ihre damaligen Bundesgenossen sich an sie angeschlossen haben? Jetzt, wo Tissaphernes und alle auswärtigen Staaten, die an der See liegen, unsre Feinde sind? Jetzt, da selbst der morgenländische König, gegen den wir auszogen, um ihm die Krone und wo möglich das 219 Leben zu nehmen, unser heftigster Feind ist? Wer ist bei der Vereinigung aller dieser Schwierigkeiten sinnlos genug, für uns noch Sieg zu erwarten? Bei den Göttern! laßt uns diese Wuth verbannen und uns nicht einen schimpflichen Tod zuziehen, durch einen Krieg, der unsre Väter, unsre eignen Freunde und Hausgenossen treffen müßte, da sie alle in den Städten wohnen, die gegen uns zu Felde ziehen würden. Und mit Recht würden sie dies thun, wenn wir die erste griechische Stadt, bei der wir ankämen, verwüsteten; da wir doch keine barbarische Stadt, auch nach dem Siege, hätten besetzen wollen. Ehe ich diese That von uns sehe, wünsche ich lieber zehntausend Klafter unter die Erde zu sinken! Ich rathe euch also, sucht euer Recht, aber als Griechen, gehorsam dem Volke, das in Griechenland den Oberbefehl führt: und findet ihr kein Gehör, so müßt ihr euch doch nicht nach erlittenem Unrechte noch der Verbannung aus Griechenland aussetzen. Ich schlage also vor, dem Anaxibius durch Abgeordnete sagen zu lassen: »Wir sind nicht in die Stadt zurückgekommen, um Gewaltthätigkeiten zu verüben, sondern um von euch, wo möglich, einige Unterstützung zu erhalten, und wenn uns dies mißlingt, wenigstens um euch zu zeigen, daß kein Betrug, sondern Gehorsam uns zum Ausmarsch vermochte.«

Dies wurde beschlossen, man schickte Hieronymus aus Elis als Sprecher, den Arkadier Eurylochus und den Achäer Philesius ab, um dies vorzutragen. Während nun die Soldaten noch warteten, kam der Thebaner Cöratades heran, ein Mann, den nicht Verbannung aus Griechenland zum Herumreisen trieb, sondern die Begierde, eine Armee anzuführen, zu welchem Zweck er jeder Stadt und jedem Volke, wo man eines Anführers bedurfte, seine Dienste anbot. In dieser Absicht kam er auch jetzt und sagte: er sei bereit, sie in das sogenannte Delta von Thrazien zu führen, wo sie viele treffliche Beute machen würden; während des Marsches aber wolle er sie im Ueberfluß mit Essen 220 und Trinken versorgen. Mit diesem Antrage gelangte zugleich die Antwort des Anaxibius an die Armee, die er sagen ließ: Ihr Gehorsam solle sie nicht gereuen, er würde seiner Regierung davon Bericht erstatten und ihnen nach seinem Vermögen zu dienen suchen. Hierauf nahmen die Soldaten den Cöratades zum Anführer und marschirten aus der Stadt. Er machte sich verbindlich am folgenden Tage mit Opfervieh, einem Seher und mit Lebensmitteln zum Essen und Trinken wieder bei der Armee einzutreffen. Nach ihrem Ausmarsche ließ Anaxibius die Thore schließen und den Herold bekannt machen, jeder Soldat, der sich noch in der Stadt betreffen ließe, sollte verkauft werden. Am folgenden Tage kam Cöratades mit Opfervieh und einem Seher zurück; ihm folgten zwanzig Männer mit Gerstenmehl, noch andere zwanzig mit Wein, drei mit Oel, einer mit Knoblauch, so schwer er tragen konnte, und endlich einer mit Zwiebeln. Dies Alles ließ er, wie zur Vertheilung, niederlegen und opferte nun.

Xenophon aber ließ Kleander rufen und bat ihn, ihm die Erlaubniß zu bewirken, daß er nach Byzanz hineinkommen, und von da aus unter Segel gehen dürfte. Kleander kam mit der Antwort: »Nur mit der äußersten Mühe konnte ich die Bewilligung für dich erhalten; denn Anaxibius meinte: es sei nicht rathsam, die Soldaten an den Mauern der Stadt und dich in ihr zu haben, während die Byzantiner unruhig und unter sich selbst uneinig wären, doch möchtest du nur kommen, wenn du mit ihm absegeln wolltest.« Xenophon nahm also von der Armee Abschied und ging mit Kleander in die Stadt. Cöratades opferte am ersten Tage nicht glücklich und vertheilte auch nichts unter die Soldaten. Als er nun am folgenden Tage, zur Opferfeier bekränzt, bei den Opferthieren am Altare stand, gingen der Dardanier Timasion, der Asinäer Neon und Orchomenier Kleanor zu ihm und sagten: er möchte nicht opfern, weil er die Armee nicht anführen könnte, ohne ihr 221 zuvor Lebensmittel zu verschaffen. Nun ließ er diese vertheilen. Da ihm aber noch so viel fehlte, daß jeder Soldat nur für einen Tag lang versorgt war, that er auf seine Feldherrnschaft Verzicht und ging mit den Opferthieren davon.

 

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